Blühende Bekanntschaften: Warum Deutsche Österreich lebenswerter machen

Blühende Bekanntschaften: Warum Deutsche Österreich lebenswerter machen

Sie sind die größte Migrantengruppe im Land und eine Gefahr für ­Universitäten, Skifahrer und Krankenanstalten. Trotzdem, findet Sebastian Hofer , können wir froh sein über die Deutschen in Österreich, denn sie machen das Land netter und lebenswerter.

Wo Österreich am deutschesten ist, also in der deutschen Botschaft in Wien-Landstraße, werden typisch teutonische Tugenden gepflegt: Pünktlichkeit, Effizienz und Offenherzigkeit. Konsulatsbesuch am vergangenen Mittwoch, bürokratischer Alltag in Deutschland-Landstraße: Termine werden zu-, Infoblätter ausgeteilt, Nummern ausgerufen und Menschen beamtshandelt. Österreich mag den Beamtenstaat erfunden haben, Deutschland hat ihn perfektioniert. Pünktlichkeit und Effizienz spielen dabei untergeordnete Rollen, der entscheidende Fortschritt heißt: Offenherzigkeit. Behördengänger sprechen hier nicht mit staatsmächtigen Organen, sondern mit Menschen, die zufällig als Beamte arbeiten. Wenn Türen aufgehalten werden, schwingt dabei nicht passiv-aggressive Höflichkeit mit, sondern schlichte Freundlichkeit. Man spricht miteinander, und die Frage nach dem Befinden mündet nicht in lustlosem Dankegutgemurmel, sondern eröffnet lockeren Smalltalk. Die deutsche Botschaft ist eindeutig und ungeheuerlich: Der Piefke hat Charme.

„Deutschenschwemme“
Zur gleichen Zeit im Nachbarbezirk: Staatssekretär Sebastian Kurz präsentiert im Kunsthallencafé am Karlsplatz den Integrationsbericht 2013. Neben salbungsvollen Worten hat er auch ein paar Zahlen mitgebracht. In Österreich leben, mit Stichtag 1. Jänner 2013, insgesamt 1,004.268 ausländische Staatsbürger. Unter anderem verzeichnet die Statistik 125 Zyprer, 7116 US-Amerikaner, 12.380 Afghanen, 113.670 Türken und 111.280 Serben, sowie, ganz oben in der Tabelle: 157.793 Deutsche. Vor zehn Jahren waren es nicht einmal halb so viele. Dann begann das, was auf Wikipedia „Deutschenschwemme“ heißt. Seit dem Jahr 2009 stellen Deutsche die größte Migrantengruppe im Land. Allein im Vorjahr zogen 17.774 deutsche Staatsbürger nach Österreich. Allerdings verließen auch 10.398 das Land wieder, denn die Deutschen in Österreich sind zum Großteil eben nicht gekommen, um zu bleiben. Stattdessen verbringen sie ein paar Jahre hier, um zu studieren, einen Job anzunehmen und dann weiterzuziehen.

Auch Flexibilität ist eine deutsche Tugend. Das macht österreichische Bildungspolitiker und Gesundheitsökonomen nervös: Unis überfüllt (inzwischen ist jeder neunte Student aus Deutschland), Ärzte nach erfolgreichem Abschluss wieder weg – ergibt unterm Strich ein volkswirtschaftliches Problem. Migrationsexperten sprechen von einer „Brain Circulation“ (im Gegensatz zum guten alten „Brain Drain“), und wirklich dreht sich einem das Hirn im Kreis, wenn man es genauer bedenkt, weil der Gedanke so ungewohnt ist: Man muss die Deutschen mögen – weil sie, solange sie da sind, an der Verbesserung von Mitteleuropa arbeiten oder zumindest an der Lebenswertermachung von Österreich.
Eine Offenlegung: Dieser Text stammt von einem Österreicher, der in einem Salzburger Gebirgsgau aufgewachsen ist und dort gelernt hat, dass Deutsche entweder „Scheißpiefke“ sind oder „Saupreißen“, aber in jedem Fall Skitouristen, die ein paar Wintermonate lang und sehr buchstäblich sämtliche Pisten unsicher machen und sich dabei nach allen Regeln des Platz-da-hier-kommen-wir bemühen, Felix Mitterers „Piefke-Saga“ in der Realität zu übertreffen. Der Scheißpiefke, so die gelernte Wahrheit, ist seinem Wesen nach penetrant, überheblich und besserwisserisch. Und außerdem redet er affig.

Umso erschütternder die ersten jugendlichen Deutschlandaufenthalte. Ratloses Herumstehen auf deutschen Großstadtstraßen, Stadtplan in der Hand, bis sich hinterrücks spontane Hilfsbereitschaft formiert. Hallo, wo man denn hinwolle, ob man vielleicht behilflich sein könne? Dasselbe Spiel an deutschen Großstadtkiosktheken, pardon, -trafikbudeln: Spontaner Smalltalk statt Dankewiederschaun, Lächeln, Herzlichkeit. Ja durfte denn das wahr sein? Es durfte. Und es bestätigte sich, ein paar Jahre später, an der Uni Wien. Die deutschen Kollegen zeigten durch die Bank mehr Feuer als ihre hiesig sozialisierten Kommilitonen, waren es offenbar eher gewohnt, zu diskutieren oder sich einfach nur mal zu erkundigen, wenn sie etwas wissen wollten, und sie waren sich auch nicht zu blöd zu sagen, was sie sich dachten. In der drückenden Schüchternheit der damaligen Hörsäle (wir sprechen von den späten 1990er-Jahren) kam das einer Stoßlüftung gleich, die deutsche Botschaft lautete in diesem Fall: Es ist okay, sich zu artikulieren, man ist kein Besserwisser, nur weil man kein Wegducker ist. Die wenig später angebrochene „Deutschenschwemme“ kann man also aus budgetären Überlegungen heraus ruhig zweifelhaft finden; aus gesellschaftshygienischen Gründen muss man sie rückhaltlos gutheißen.
Deutsche mag man eben. Wer das schriftlich brauchte, bekam es Ende Mai schriftlich, und zwar ausgerechnet von der britischen BBC, die 26.000 Menschen in 25 Ländern nach ihrer Meinung über andere Nationen befragt hatte. Und Überraschung: Deutschland ist das beliebteste Land der Welt. 59 Prozent sahen die Teutonen „überwiegend positiv“, das ergab den ersten Platz vor Kanada und Großbritannien und zeigte nebenbei auch, dass die Griechen bei BBC-Umfragen kein allzu großes Gewicht haben dürften. In erstaunlicher Bescheidenheit gossen deutsche Medien die Nachricht in Kurzmeldungen. Österreichs internationaler Ruf wurde bei der fraglichen Umfrage leider nicht eruiert, aber man stelle sich die hiesige Nachrichtenlage bei einem auch nur ansatzweise ähnlichen alpenrepublikanischen Ergebnis vor. Wir wären Weltmeister. In Ganzgroßbuchstaben. Aber mindestens.

„Fröhlicher Patriotismus“
Die Deutschen dagegen scheinen es nicht notwendig zu haben, sich ihr Selbstvertrauen von außen bestätigen zu lassen. Kein Wunder, man ist schließlich G8-Nation, Export-Vizeweltmeister und Euro-Hegemon, außerdem hat man die besseren Kunsthallen, Innenminister und „Tatorte“ als zum Beispiel der südliche Nachbar. Außerdem hat man vor sieben Sommern im Zuge eines Fußballturniers ein neues Gefühl entdeckt, das sich „fröhlicher Patriotismus“ nennt und deutlich weniger weh tut als das alte Gefühl „Krampf beim Gedanken an Deutschland, wegen Geschichte und dergleichen“. Selbstbewusstsein, das früher nur schuldbeladen zu haben war und deshalb auch nur im Modus der Überheblichkeit ausgestrahlt werden konnte, fällt dem Nachbarn seither wesentlich leichter, und wer leicht und selbstbewusst ist, braucht auch vor Nazis keine große Angst mehr zu haben. Ähnliches gilt für den Blick von unten beziehungsweise Süden. Deutsche toll zu finden, hatte in Österreich lange Zeit und aus berechtigten Gründen einen schmalen Oberlippenbart, aber selbst diese Bedenken sind im zeitgenössischen schwarz-rot-goldenen Weltumarmungsprojekt weitgehend obsolet geworden.

Das alles hat schwerwiegende Folgen diesseits der Tschüss-Grenze (die selbst hörbar brüchig wird): Das Piefkeklischee verfällt, Vollblutehrgeizler wie Oliver Kahn oder Michael Schumacher haben als Protodeutsche abgedankt, stattdessen werden Mats Hummels süß und Sebastian Vettel zwar auch nicht wirklich sympathisch gefunden, aber immerhin fährt der für einen österreichischen Rennstall. Und hört man heute Johann Gottfried Piefkes „Königgrätzer Marsch“, den der damalige Leiter des preußischen Musikkorps und Schimpfnamensstifter für König Wilhelms Siegesparade von 1866 komponierte, dann wird schnell klar, dass es sich zwar um ein etwas einfältiges Stück Heeresmusik handelt (Leitmotiv: parampampam, parampampam), aber bestimmt nichts, wovor man sich fürchten müsste.
Selbstverständlich ist es müßig, Nationalcharaktere definieren zu wollen und dabei auch noch den Durchschnittsdeutschen mit dem durchschnittlichen deutschen Migranten in Österreich zu verwechseln. Um Letztere geht es hier, und natürlich bilden sie keinen repräsentativen Querschnitt der nordwestlichen Nachbarbevölkerung. In Wanne-Eickel finden sich mutmaßlich genauso viele Absichtlichfalschparker, Mülltrennignoranten und Privatfernsehgutfinder wie in Attnang-Puchheim. Und wer, zum Beispiel, von Hamburg nach Wien zieht, ist schon statistisch deutlich besser gebildet, weltoffener und wahrscheinlich sogar schöner als der Durchschnittsdeutsche.

Was sich trotzdem sagen lässt, ganz unstatistisch: Wenn sich in verdrucksten Wiener Straßenbahnwaggons plötzlich Leben regt, weil Leute ins Gespräch kommen, dann handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit entweder um spanische Touristen oder um deutsche Wahlwiener, wobei Letztere oft sogar das Wagnis eingehen, verdruckste Wiener anzusprechen. Einer der größten Vorzüge des Deutschen, wie wir ihn hier und heute kennen, ist seine Direktheit. Was gesagt werden muss, wird gesagt, häufig sogar ohne Hinter-, Neben-, Beigedanken. Das hat durchaus unösterreichische Züge. Dass es jemand genau so sagt, wie er es meint, dass er nicht passiv aggressiv agiert, sondern aktiv sozial, das muss man als Wiener Straßenbahnpassagier auch erst einmal aushalten. Deutsche sprechen einen an und sind dabei ganz unbedarft. Weil sie halt nicht wissen, was wir wissen, nämlich dass man sie hier traditionell nicht so gern hat, rein grundgefühlsmäßig, und sie wissen auch nicht, dass man hier nicht weiß, dass sie uns eigentlich ziemlich gern haben, oder zumindest charmant finden, weil sie ja, genau wie wir, auch nicht vor dem Klischee gefeit sind, in ihrem Fall das des typischen, also schmähbegabten, charmanten Österreichers. Also muss man ihnen die langgezogen bestellte „Melaaasch“ verzeihen und das „Sackerl“ mit Betonung auf „Kerl“, sie finden das nun einmal putzig und fühlen sich dabei überhaupt nicht arrogant, und wer sich nicht arrogant fühlt, ist es in aller Regel auch nicht.

Gestaltungswille
Darüber hinaus verfügen die deutschen Studenten, Kellner, Mode- und Medienmenschen, Museumsdirektorinnen und Partyveranstalter dieses Landes über einen weiteren wichtigen Vorteil: Sie kennen keine Verhaberungen, haben – weil sie eben großteils nicht ewig hierbleiben werden – auch kein Interesse, Verhaberungen zu entwickeln, haben deshalb aber auch weniger Hemmungen und steigen über Absperrungen, die es vielleicht gar nicht gibt, obwohl sie in Österreich jeder wahrnimmt – zum Beispiel zwischen Menschen oder zwischen Menschen und Behörden. Oft denken sie auch nicht lange nach, bevor sie etwas machen, wohl weil sie die zwischenmenschliche und behördliche Beharrungskraft des Landes eben nicht kennen, was mitunter zum Bauchfleck führt; aber es wurde immerhin Anlauf genommen und nicht nur überlegt, wohin man denn laufen könnte. Das Wiener Nachtleben zum Beispiel lebt inzwischen sehr gut mit und von deutschem Gestaltungswillen, und in einigen Bezirken schleicht sich langsam so etwas wie Kiezgefühl ein, inklusive Astra-Bier (Hamburg), Tagsübertechno (Berlin) und Amgehsteigherumlungern (Großstadtdeutschland allgemein), und dass Schanzenviertelfolklore und Kreuzbergromantik auch nur Klischees sind, ist in diesem Fall relativ unerheblich, weil Klischees, die ihren angestammten Ort verlassen, an Rückständigkeit verlieren.

Ja, sie können sich sogar verändern. Im Vorwort zu ihrer Deutsche-in-Österreich-Anthologie „Wir sind gekommen, um zu bleiben“ (Czernin Verlag) zitiert die Herausgeberin Eva Steffen aus Hugo von Hofmannsthals „Der Preuße und der Österreicher“ von 1917: „Der Preuße: Unvergleichlich in der geordneten Durchführung. Handelt nach Vorschrift. Stärke der Dialektik. Größere Gewandtheit des Ausdrucks. Mehr Konsequenz. Selbstgefühl. Behauptet und rechtfertigt sich selbst. Selbstgerecht, anmaßend, schulmeisterlich. Drängt zu Krisen. Unfähigkeit, sich in andere hineinzudenken. Gewollter Charakter. Streberei. Der Österreicher: Traditionelle Gesinnung, stabil fast durch Jahrhunderte. Rascher in der Auffassung. Mehr Balance. Mehr Fähigkeit, sich im Dasein zurechtzufinden. Selbstironie. Scheinbar unmündig. Bleibt lieber im Unklaren. Weicht den Krisen aus. Hineindenken in andere bis zur Charakterlosigkeit. Schauspielerei. Genusssucht. Ironie bis zur Auflösung.“

Nun darf jeder für sich entscheiden, welches dieser Klischeebilder sich in den vergangenen 96 Jahren stärker verändert hat und welche Schlüsse man daraus ziehen könnte.

Vor genau 30 Jahren, am 12. Juli 1983, fragte die Wiener „Wochenpresse“ in einer bis heute legendären – weil unter anderem in der „Piefke-Saga“ verewigten – Schlagzeile: „Wer braucht die Piefkes?“ Na wir.