Blutgetränktes Papier

Dem peruanischen Romancier und Essayisten Mario Vargas Llosa wurde der Nobelpreis zugesprochen. Wolfgang Paterno über einen der letzten Großschriftsteller als politisches Wesen.

Der Literaturnobelpreis geht heuer erneut an Rot-Weiß-Rot. Die Anordnung der Farbkombinationen auf der Nationalflagge Perus – drei gleich große senkrechte Streifen – stellt aber schon die einzige Gemeinsamkeit mit der Preisverleihung 2004 dar, als Elfriede Jelinek mit der weltweit bedeutendsten Autorenauszeichnung bedacht wurde. Mario Vargas Llosa, der diesjährige Preisträger, ist Teil der gesellschaftlichen und politischen Elite Perus. Der Autor wagte sich 1987 in die Spitzenpolitik, drei Jahre später versuchte er, Präsident seines von Arbeitslosigkeit und Terrorismus zerrütteten Heimatlands zu werden. Im Machtkampf um den, so Vargas Llosa damals, „gefährlichsten Posten der Welt“ unterlag er allerdings dem Außenseiter Alberto Fujimori. Peru wurde damals von Amnesty International als Land mit den meisten Menschenrechtsverletzungen angeklagt. Vargas Llosa erhielt während des Wahlkampfs Morddrohungen auf blutgetränktem Papier, ein Bombenattentat auf den Autor und seine Familie wurde nur knapp vereitelt.

Mit seiner Wahl trifft das Stockholmer Komitee eine so unspektakuläre wie seit Langem erwartete Entscheidung. Vargas Llosa, 74, ist ein parkettsicherer, polyglotter Gentleman, der zwischen Lima und London pendelt, an deutschen und US-Universitäten Lehraufträge innehat und mit seinen Reflexionen zu Staat, Demokratie und Wirtschaft international dauerpräsent ist. Neben Günter Grass und Jorge Semprún pflegt der Großschriftsteller den Gestus als Gewissen der Gesellschaft.

„Wahrscheinlich bin ich einer der Letzten dieser Spezies“
, mutmaßte Vargas Llosa 2006 in einem Interview mit profil. „Die jungen Schriftsteller, Essayisten und Poeten akzeptieren, dass sie Entertainer sind und keine moralischen Führer der Gesellschaft.“ Die Stockholmer Jury begründete ihre Wahl mit der „Kartografie von Machtstrukturen“ und den „energischen Bildern des individuellen Widerstands, der Rebellion und Niederlage“ im Werk des Autors. Sein schriftstellerisches Credo formulierte er bereits vor Jahren: „Literatur sollte sich von dem anstecken lassen, was draußen passiert, sonst wird sie trivial und dekadent.“

Die Disziplinen Politik und Poesie sind im Leben des 1936 in der südperuanischen Andenstadt Arequipa geborenen Romanciers seit Jahrzehnten ineinander verschlungen. Der Literat verbrachte seine Kindheit fern der Zentren seiner Heimat in Bolivien und im wüstenhaften Norden Perus. Erst Ende der vierziger Jahre kehrte er mit seinem Vater nach Lima zurück. Der Familientyrann schickte den Jungen in die für ihre Gewaltexzesse berüchtigte Kadettenanstalt Leoncio Prado. Vargas Llosas literarisches Debüt basiert direkt auf den im Militärinternat gemachten Erfahrungen: 1963 publizierte der damals 26-Jährige den Roman „Die Stadt und die Hunde“, den Bericht über die Vertuschung eines Mordes an einem Offiziersanwärter im Namen der Staatsräson. Das Buch wurde in Lima bei seinem Erscheinen öffentlich verbrannt.

Die Geschichte seiner Beziehung zu Gabriel García ­Márquez, einem der bekanntesten Autoren Südamerikas, enthält im Kern die politische Biografie Vargas Llosas. Einst promovierte der Peruaner mit einer Arbeit über den 1982 ebenfalls mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten kolumbianischen Poeten und eisernen Bewunderer Fidel Cas­tros. Später beschimpfte Vargas Llosa seinen Freund jedoch als „Höfling Castros“; 1976 soll er Márquez bei einer zufälligen Begegnung in Mexiko mit einem Faustschlag niedergestreckt haben. Vom überzeugten Kommunisten und revolutio­när-romantischen Utopisten wandelte sich Vargas Llosa zum prowestlichen Liberalen, der als Präsidentschaftskandidat einen radikalen Neoliberalismus nach dem Vorbild von Margaret Thatcher und Ronald Reagan predigte – und inzwischen wieder moderatere Töne anschlägt.
Die der lateinamerikanischen Literatur gern nachgesagte Poetik des Fantastischen und (Über-)Sinnlichen bedient Vargas Llosa nur zum Teil. Die meisten seiner Werke basieren auf akribischer Recherche. Im Roman „Das Fest des Ziegenbocks“ (in deutscher Übersetzung erschienen 2001) steht der 1961 ermordete dominikanische Diktator Rafael Trujillo im Zentrum, in der biografischen Doppelstudie „Das Paradies ist anderswo“ (dt. 2004) umkreist Vargas Llosa die Biografie des Malers Gauguin. Dem Historienepos „Der Krieg am Ende der Welt“ (dt. 1984) liegt wiederum die authentische Geschichte eines blutig niedergeschlagenen Aufstands im Brasilien des 19. Jahrhunderts zugrunde. Die familiäre Situation des Schriftstellers ist in der Ende der siebziger Jahre publizierten Humoreske „Tante Julia und der Kunstschreiber“, einem der zahlreichen, mit leichter Hand verfassten Nebenwerke des Autors, dokumentiert: Mit 19 heiratete der Autor eine seiner Tanten, später eine Cousine ersten Grades. „Seit meiner Kindheit werde ich von der Versuchung bedrängt, sämtliche Dinge, die mir widerfahren, in Fiktionen zu verwandeln“, bemerkte Vargas Llosa einst. „So sehr, dass ich bisweilen das Gefühl habe, alles, was ich tue und was ich erlebe – das ganze Leben –, ist nur ein Vorwand, um Geschichten zu komponieren.“

1989, im Wahlkampf um das peruanische Präsidentenamt, wurde Vargas Llosa gefragt, was er lieber sein wolle: Literaturnobelpreisträger oder Staatsoberhaupt. „Mit meinem politischen Pragmatismus bin ich in Stockholm sowieso aus dem Spiel“, antwortete der Autor damals. „So was hat doch überhaupt keinen Sex-Appeal.“ In diesem Punkt hat wohl selbst der glänzende Analytiker das Preiskomitee unterschätzt.