Bob Dylan: "Ein echter Durchschnittsamerikaner“

Der deutsche Kulturtheoretiker Klaus Theweleit über die öffentliche Person Bob Dylan, seine kalkulierten Image-Brüche und die China-Kontroverse.

Interview: Philip Dulle

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Stellt Ihr Reader "How Does It Feel“ den Versuch dar, das Phänomen, die Pop-Projektionsfläche Bob Dylan, zu fassen?
Theweleit: "Projektionsfläche“ sagt ja schon, dass es sich eher um ein Gespenst handelt: Dylan ist, wie auch andere Künstler mit einem ähnlich ausufernden Œuvre, nicht leicht zu fassen. Man kann sich solchen Lebenswerken nur vorsichtig und von vielen Seiten nähern.

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Erschafft sich nicht jeder Dylan-Hörer eine eigene Idee des Künstlers?
Theweleit: Das passiert mit allen öffentlichen Figuren. Es handelt sich um Phantasmen, die ihre Reputation gut kalkulieren können und genau wissen, dass mit ihnen gebastelt und gebaut wird. Den wahren oder richtigen Bob Dylan gibt es nicht; wohl aber handfeste Songs, wo jeder eine (andere) Wahl hat.

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Kann man ihn überhaupt als öffentliche Person bezeichnen? Einerseits ist er omnipräsent, andererseits niemals wirklich da.
Theweleit: Dieses Bild, Dylan sei stets abwesend, trifft nur bedingt zu. Es wird so behauptet, weil er nicht laufend Interviews gibt und man nicht alles über sein Privatleben weiß. Aber er steht ständig auf der Bühne, hat über 30 Studioalben veröffentlicht, und Bücher mit seinen Reden gibt es auch. Viel öffentlicher kann man kaum sein.

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Sind seine Image-Brüche auch kalkuliert - etwa seine Hinwendung zum Christentum 1979?
Theweleit: Das sind wohlkalkulierte Zäsuren. Obwohl: In der Sache mit dem Christentum bin ich mir nicht sicher. Er stand damals auf der Bühne und hat mehr gepredigt als gesungen - was aber kein Dylan-Spezifikum ist: Die Amerikaner glauben ja nicht an einen Gott, sondern an ihre eigene Göttlichkeit und haben zumindest einmal im Leben ein so genanntes Erweckungserlebnis. In diesem Punkt ist Dylan ein echter Durchschnittsamerikaner.

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Diese "Erweckung“ soll mit seinem Auftritt 1978 am Reichsparteitagsgelände in Nürnberg zu tun gehabt haben. Die Problematik des Schauplatzes wurde Dylan angeblich erst kurz vor dem Konzert bewusst.
Theweleit: Dylan war darauf vorbereitet. Er kannte Leni Riefenstahls NS-Propagandafilm vom Nürnberger Parteitag, "Triumph des Willens“. Und die Band war flexibel genug, ihre pompösen Las-Vegas-Outfits kurzerhand gegen normale Straßenkleidung zu tauschen.

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Wie schätzen Sie Dylans Œuvre pophistorisch ein?
Theweleit: Zwischen 1964 und 1966 war Dylan wirklich einzigartig; Bands wie Velvet Underground und Zappas "Mothers“ kamen nach ihm. Seinen Country-Ausflug "Nashville Skyline“ von 1969 fand ich dann einen Rückschritt, sogar abstoßend. Dylan-Späteinsteiger sagen wiederum, "Blood on the Tracks“ sei seine beste Platte; andere preisen die Basement-Tapes; für sie ist das vollkommen richtig. Jede Generation hat ihren eigenen Dylan.

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Liegt seine gegenwärtige Hauptaufgabe in der Musealisierung seiner selbst?
Theweleit: Er hat sich zu einer Art Musikhistoriker, einem Archiv und Übersetzer der alten amerikanischen Musik, gewandelt; Blues, Folk, Country, Jazz - alles kommt vor, aber der Kern ist: Rock ’n’ Roll.

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Hat Dylan für eine junge Generation von Musikern und Hörern noch die Bedeutung jener populären Gottheit, die ihm so oft zugeschrieben wurde?
Theweleit: Gottheit - bitte nein. Aber Billie Holiday war in den fünfziger Jahren auch alt und zugleich die modernste Sängerin dieser Zeit. Menschen, die sich für Musik interessieren, kommen immer wieder zu den High-Level-Jahrzehnten wie den Zwanzigern, den Dreißigern und den Sechzigern zurück - und dazu gehört unweigerlich auch Bob Dylan; zeitweise sicher Stimme "seiner Generation“.

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Dylan sorgte mit seinen Auftritten in China und Vietnam unlängst für Kontroversen. In einer Zeit, da der chinesische Künstler Ai Weiwei staatlich verschleppt wird, tritt er in Peking auf. Kann er sich das leisten?
Theweleit: Er sollte auf solche Fragen mit einem Kinnhaken antworten. Wie soll Dylan die Lage in China ändern? Wer hat etwas davon, wenn sein Konzert nicht stattfände? Auch Ai Weiwei würde sagen: Völlig richtig, dass Bob Dylan dort spielt! Er wollte diese Konzerte schon vor 30 Jahren spielen, was damals aber nicht möglich war. Außerdem: Kein Künstler muss zur politischen Situation in einem Land Stellung nehmen.

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Finden Sie es auch in Ordnung, dass Dylan seine Setlist der chinesischen Zensur vorlegen musste?
Theweleit: Udo Lindenberg musste 1984 in der DDR ebenfalls die Setlist vorlegen, seine Tournee wurde daraufhin abgesagt. Wenn man in ein Land wie China will - und das ist nun einmal eine kommunistische Diktatur -, legt man die Songliste vor und hält sich auch ungefähr daran. Man darf sich als Einzelkünstler nicht einbilden, gegen einen solchen Machtblock direkt etwas ausrichten zu können.

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Darf man nicht trotzdem eine Reaktion erwarten, auch wenn die große Zeit des Protestsongs vorbei ist?
Theweleit: Man könnte das mit Brechts Reaktion auf den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 vergleichen, wo er der Regierung vorschlug, sich doch ein anderes Volk zu wählen. Aber was tat Brecht? Er führte sein Berliner-Ensemble weiter und änderte an der DDR nichts. Das Dichterwort bedeutet in solchen Zusammenhängen reichlich wenig. Man überschätzt die Rolle dieser Künstler maßlos. Deren Wirkungsfeld liegt anderswo.


Klaus Theweleit, 69

Der in Ostpreußen geborene Kulturtheoretiker, Soziologe und Philosoph zählt zu den profiliertesten deutschen Theoretikern. In seinen Werken (u. a. "Männerphantasien“) thematisiert er das Spannungsfeld zwischen Kunst, Gesellschaft und Popkultur. Theweleit lebt und lehrt in Freiburg. Zuletzt erschien "How Does It Feel. Das Bob-Dylan-Lesebuch“ mit Beiträgen von Sam Shepard, Diedrich Diederichsen und Dylans erster Lebensgefährtin, Suze Rotolo.