Börse Wien: Hexensabbat

Die Wiener Börse hat 2005 einmal mehr große internationale Finanzplätze wie New York und London deklassiert. Nach fünf erfolgreichen Jahren sollten Anleger jetzt aber vorsichtig sein.

Diesmal war es nicht Freitag, der 13., sondern Freitag, der 16. Der 16. Dezember. Am dritten Freitag im Dezember zelebrieren die Börsianer immer ihren Hexensabbat, und zwar zwischen der zwölften und der dreizehnten Stunde. Auch unter Österreichs Börsianern beginnt dieser Brauch um sich zu greifen.

Dieser spezielle Hexensabbat – im Englischen „Triple Witching Day“ – zählt zum Gebräuchefundus der Wall Street. Er bezeichnet den Tag, an dem die Laufzeiten von Terminkontrakten auf Aktienindizes, auf Optionen derartiger Indizes sowie auf Aktienoptionen als solche mit einem Schlag enden. Alle zugleich. Und weil diese so genannten derivativen Anlageformen in New York und London bisher eine größere Rolle spielten als hierzulande, galt für Privatanleger schon bisher die Regel, sich an einem solchen Tag von der Börse eher fern zu halten. Dann irrlichtern nämlich die Kurse, sie bewegen sich oft auf für Laien schwierig nachvollziehbare Weise, wie von Geisterhand getrieben, und schlagen die tollsten Kapriolen. Nichtprofis können sich an einem solchen Tag nur allzu leicht die Finger verbrennen.

An der Wiener Börse rotteten sich am Tag des Hexensabbat keine dämonischen Kräfte zusammen. Den Börsianern in Wien war der besondere Tag zwar als solcher bewusst, am Telefon wurde darüber auch manches Scherzchen ausgetauscht. Aber es war doch ein Tag wie viele andere. Vornehmlich bereitete man sich auf den Jahreswechsel vor. In den Analyseabteilungen der Finanzinstitute wurde an den Resümees des zu Ende gehenden Jahres gebastelt, gleichzeitig zerbrachen sich die Experten den Kopf über die Frage, ob die hervorragende Entwicklung des Wiener Aktienmarkts auch 2006 anhalten wird.

Am Wiener Börseplatz scheint in den letzten Jahren nämlich tatsächlich fast Magie am Werk gewesen zu sein. Nicht nur kletterten hier die Kurse jenen aller Konkurrenzbörsen davon. Auch fast alle anderen Kennzahlen (Handelsvolumen, Marktkapitalisierung) überstiegen zuletzt sämtliche Erwartungen.

Börse-Wien-Vorstand Stefan K. Zapotocky hatte sich sogar noch im März dieses Jahres bei seiner Prognose der neuen Börsegänge 2006 verschätzt. Nicht dass die Zahl von neuen Börsenotierungen das Hauptkriterium für Erfolg oder Nichterfolg eines Aktienhandelsplatzes darstellte. Aber eine gewisse Signalwirkung kommt ihr doch zu. Anfang März also erwartete Zapotocky laut Agenturmeldungen für 2005 Börseeinführungen „im Umfang von einer Milliarde Euro“. Tatsächlich wurden daraus rund 1,6 Milliarden (wenn man die neu notierende Christ Water Technology, eine Abspaltung des bereits börsenotierten Wasseraufbereiters BWT, dazurechnet). Gleichzeitig kündigte der Börse-Chef damals auch an, die Gesamtkapitalisierung der an der Wiener Börse gelisteten Unternehmen werde bis 2008 auf über hundert Milliarden Euro steigen. Doch dank Neuemissionen, diverser Kapitalerhöhungen (wie zuletzt jener der Wiener Städtischen) und natürlich aufgrund der beträchtlichen Kursgewinne liegt dieser Wert schon jetzt, also drei Jahre früher, in der Größenordnung von 110 Milliarden Euro.

Sich auf diese Weise zu verschätzen ist Zapotocky vermutlich alles andere als unangenehm.

Wachgeküsst. Wurde der Wiener Börseplatz lange Zeit bloß mild belächelt, so hat sich die Wahrnehmung in den vergangenen fünf Jahren deutlich gewandelt. Nicht nur die laufend überdurchschnittliche (und Jahr für Jahr im Voraus unterschätzte) Performance des österreichischen Börseindex ATX (2003: plus 34 Prozent; 2004: plus 57 Prozent; 2005 ist ein Wert von plus 45 bis 50 Prozent absehbar), sondern auch die Euro-Milliarden-Dimension mancher hier stattgefundenen Transaktion generierte Aufmerksamkeit in der internationalen Finanzwelt.

Was die Anleger zum Jahreswechsel interessiert, sind freilich weniger die Erfolge der Vergangenheit, sondern der Ausblick auf das neue Jahr. Da hilft es nur bedingt, sich vor Augen zu führen, dass bisher alle Prognosen übertroffen wurden. Es stimmt schon, dass auch Anfang 2005 die Experten in Wahrheit nur im Nebel stocherten, wenn sie sagten: Irgendwann wird es mit dem Höhenflug der Wiener Aktien zu Ende sein, und dieses Irgendwann wird wahrscheinlich schon recht bald kommen.

Dann ging es, ungeachtet der Unkenrufe, erst recht mit Volldampf weiter.

Aber jetzt, da die Experten wieder exakt dasselbe tun, scheint die Warnung tatsächlich angebracht zu sein. Die Anleger sollten in der Wahl ihrer Papiere nun tatsächlich vorsichtiger werden.

Einer der Gründe: Keiner kann sagen, ob die Zusammenhänge, die zuletzt wirkten, morgen noch Gültigkeit besitzen. In ganz Europa war im Jahr 2005 die Korrelation zwischen Gewinn- und Kursentwicklung der einzelnen börsenotierten Unternehmen sehr hoch. Nach diesem klassischen Maßstab hat demnach nicht nur die Börse Wien, sondern haben praktisch alle Börsen des Kontinents ungewöhnlich gut funktioniert.

Es lässt sich jedoch weder fundiert behaupten, dass dies künftig auch so bleiben wird, noch lassen sich über die 2006 zu erwartenden Unternehmensgewinne mehr als „weiche“ Aussagen treffen. Anders als noch vor einem Jahr steht jetzt eine Reihe von Fragen im Raum: Was wird der künftige amerikanische Notenbankchef tun – ist der Zinsanstieg nun zu Ende und die Wende gekommen? (Die Märkte gehen derzeit davon aus.) Wird die Europäische Zentralbank (EZB) ihrer jüngst vorgenommenen Zinsanhebung zahlreiche weitere folgen lassen – ähnlich wie das in jüngerer Vergangenheit die Amerikaner taten –, oder lässt es die EZB bei ein oder zwei kleinen Zinsschritten bewenden?

Die Auswirkungen könnten jeweils völlig andere sein. Von der Entwicklung der Energiepreise ganz abgesehen.

Stiegen die Unternehmensgewinne der in Wien börsenotierten Gesellschaften im zu Ende gehenden Jahr im Schnitt um etwa 40 Prozent an, so wird sich dieses Plus nach Schätzung der meisten Experten im kommenden Jahr auf eine Größenordnung von rund zehn Prozent verringern. Schließlich befinde man sich bereits in luftigen Höhen, Steigerungen wie zuletzt seien da nur mehr schwer vorstellbar.

Wobei die berühmte Wiener Ostfantasie und die offenbar weiterhin robuste Entwicklung im neuen Europa durchaus Grund zu fortgesetzter Hoffnung geben. Vor allem Banken und Versicherungen setzen voll auf diese Karte. Österreichs Kreditinstitute zum Beispiel erhalten durch den Kauf von Banken in den Reformländern Zugang zu immer mehr Einlagen in den Währungen der jeweiligen Länder. Dadurch werden die Voraussetzungen für die Vergabe von Krediten geschaffen, die dann zur Finanzierung von Direktinvestitionen österreichischer Unternehmen im jeweiligen Land dienen. Dieser Mechanismus fördert in beiden Ländern das Wachstum. Rund 80 Prozent der im ATX enthaltenen Gesellschaften sind in den Reformländern aktiv. Mit zumeist großem Erfolg.

Freilich hat sich das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) zwischen Wien und den diversen osteuropäischen Börsen inzwischen stark angenähert. Das KGV zeigt an, wie oft der Gewinn pro Aktie im Kurs enthalten ist oder wie oft dieser errechnete Gewinn ausgeschüttet werden müsste, um den aktuellen Kaufpreis zu refinanzieren.

Gab es früher so viele unterbewertete Ostunternehmen, dass auch Börseneulinge eine Goldader treffen konnten (vorausgesetzt, sie sind rechtzeitig vor der EU-Erweiterung eingestiegen), so ist dies – auch nach der großen Kurskorrektur – mittlerweile vorbei. Die tschechische Börse zum Beispiel ist mit einem KGV von 22,7 sogar schon teurer als die österreichische, deren KGV im Schnitt bei 13 liegt. Jedenfalls in Teilen Osteuropas ist jetzt also nur mehr Schnäppchenjagd angesagt.

Ob das inzwischen auch für Wien gilt, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Michael Buhl, Zapotockys Kollege im Börse-Vorstand Wien, rechnet damit, dass die Marktkapitalisierung im kommenden Jahr um zwanzig Milliarden Euro steigt. Er tut dies unter der Annahme, dass es in den Rahmenbedingungen (Konjunktur, internationale Zinslandschaft) keine gravierenden Turbulenzen und Überraschungen geben wird, und er geht hinsichtlich des Wachstums der Unternehmensgewinne 2006 von besagten rund zehn Prozent aus. Von den zusätzlichen 20 Milliarden Marktkapitalisierung sollen rund fünf aus Börseeinführungen und Kapitalerhöhungen kommen (was fast gleich viel wäre wie heuer), und 15 Milliarden resultieren laut Buhl allein aus dem Wertwachstum, das durch steigende Kurse zustande kommt.

Szenarien. Diese Prognose für 2006 könnte man „das optimistische Wien-Szenario“ nennen. Von den führenden heimischen Bankanalysten folgt noch am ehesten Alfred Reisenberger von der Bank Austria Creditanstalt (BA-CA) den Einschätzungen Buhls. Reisenberger glaubt, „der ATX wird bis zum Ultimo 2006 auf 4000 bis 4500 Punkte steigen“.

Steigende Zinsen sind üblicherweise schlecht für die Aktienmärkte. Die Regel gilt aber nicht immer.

„Die Wiener Börse kann den Trend der letzten zwei bis drei Jahre sicher nicht fortschreiben“, meint Friedrich Mostböck, Chefanalyst der Erste Bank. „2006 wird international sicher etwas turbulenter als 2005.“ Daraus leitet er zwar in seiner ATX-Prognose „keine extremen Korrekturen nach unten“ ab, hält sich mit der Vorhersage konkreter positiver Zahlen aber sehr zurück. Vage gibt er der Wiener Börse für 2006 ein „Kurssteigerungspotenzial von sieben bis acht Prozent“. Birgit Kuras von der Raiffeisen Centrobank (RCB) sieht das ähnlich. „Es kann halt sein, dass die Erwartungshaltung mancher ein wenig enttäuscht wird.“

Aber wie steht es wirklich mit der Auswirkung von Zinsniveaus auf Aktienbörsen? Der Anstieg der Aktienkurse in den USA ist heuer sicher nicht nur wegen der Zinssteigerungen hinter jenem in Europa deutlich zurückgeblieben. Für die US-Wirtschaft insgesamt bildete der steigende Leitzins ganz und gar kein Wachstumshemmnis. Falls nun die EZB tatsächlich denselben Weg geht wie die Amerikaner (was derzeit noch überhaupt nicht klar ist), bleibt die Auswirkung auf Europas Aktienbörsen völlig offen. (Es lassen sich ja nicht einmal Fragen wie jene klar beantworten, ob kurzfristige internationale Anleger ihr Geld lieber in Ländern mit hohem oder mit niedrigem Zinsniveau veranlagen: Japans Zinsniveau zum Beispiel lag in 23 der letzten 27 Jahre unter jenem der USA, und doch wertete der Yen in 16 dieser 23 Jahre vis-à-vis dem Dollar auf. Aktuell verharren Japans Zinsen immer noch nahe null, die Börse in Tokio boomt.)

Derzeit sind einfach unglaublich viele Bälle in der Luft.

Aber eben weil das so ist, könnten die Anleger – sogar jene an der Wiener Börse – gut daran tun, diesmal auf die betont Vorsichtigen unter den Experten zu hören. Die Wahrscheinlichkeit ist gewachsen, dass sie nun Recht behalten.

Von Martin Himmelbauer und Liselotte Palme