Börsegang: Da geht die Post ab

Demnächst wird die Österreichische Post ein börsenotiertes Unternehmen sein. Früher hat sich die Regierung vor einer solchen Privatisierung ausgerechnet im Wahljahr gefürchtet. Jetzt hofft sie daraus sogar politisches Kapital zu schlagen.

Bei den Österreichern kommt es drauf an, wie man sie fragt. Das ist die einzig plausible Erklärung dafür, dass verschiedene Meinungsforscher zur selben Zeit zum selben Thema derart unterschiedliche Befragungsergebnisse erhalten. Entweder liegt das also an der Formulierung der Fragen, oder, und das wäre wenig schmeichelhaft, die Österreicher sind tatsächlich ein extrem wetterwendisches Völkchen mit völlig ungefestigten Einstellungen.

Die Beurteilung eines Börsegangs der Post ist so ein Fall. Wobei zwei Dinge dazugesagt werden müssen: Erstens ist das Verhältnis der Österreicher zur Institution Post ein besonders emotionales. Und zweitens liegen die letzten Umfragen zu diesem Thema schon mehr als ein Vierteljahr zurück. Ende des Vorjahrs hatte sich die Regierung zum prinzipiellen Beschluss eines Börsegangs durchgerungen. Zuvor waren Spitzenrepräsentanten der ÖVP, allen voran Wilhelm Molterer, recht skeptisch gewesen. Ein solcher Schritt könne in einem Wahljahr zum politischen Bumerang werden, lauteten die Befürchtungen. Die Proponenten eines raschen Börsegangs setzten sich letztlich durch.

Dann krachten im Jänner die Auffassungen aneinander: Die SPÖ lehnte die geplante Form des Börsegangs rundweg ab. Die Post-Gewerkschafter drohten mit Streik. Regierung und ÖIAG hielten dagegen.

In dieser Phase, in der zweiten Jännerhälfte, zog jede der streitenden Parteien eine angeblich repräsentative Umfrage aus der Tasche, die ihren jeweiligen Standpunkt von einer breiten Bevölkerungsmehrheit getragen erscheinen lassen sollte. Oberösterreichs SPÖ-Chef Erich Haider präsentierte eine Umfrage des Marktforschungsinstituts market, mit der er die tief sitzende Aversion der Österreicher gegen eine Privatisierung der Post belegen wollte: Dieser Umfrage zufolge verlangten nicht nur 90 Prozent der SPÖ- und 75 Prozent der FPÖ-Wähler einen Verbleib im öffentlichen Eigentum, market fand heraus, dass auch ganze 69 Prozent der ÖVP-Wähler diese Auffassung vertraten. Mehr als zwei Drittel der Befragten seien überzeugt, dass durch eine Privatisierung weitere Postämter dem Markt zum Opfer fallen würden und dass dies die Versorgung der Bevölkerung im ländlichen Raum akut gefährde.

Ungefähr zur selben Zeit führte auch das Beratungsinstitut Oekonsult im Auftrag der Privatisierungsbefürworter eine bundesweite Befragung zu diesem Thema durch. Ergebnis: 71 Prozent der Österreicher begrüßten ausdrücklich die „eindeutige Regierungsentscheidung“ pro Börsegang. 73 Prozent qualifizierten die Argumente der Gegner als „rein parteipolitisch motiviert“ ab, und 55 Prozent hielten einen Streik der Post-Bediensteten – ein solcher stand damals noch im Raum – für gänzlich ungerechtfertigt.

Freilich: Selbst die Experten von Oekonsult räumten ein, dass nur weniger als vier Prozent aller Befragten angegeben hätten, selber Aktien der Post erwerben zu wollen.

Abstimmung. Alles in allem schien das Thema damals zum politischen Heuler zu werden. Doch dann kam die nächste Bawag-Leiche ans Licht, die Entdeckungen raubten den Gewerkschaftern den Kampfesmut. Zudem beschloss die Regierung eine politisch schlaue, weil inhaltlich attraktive Form der Mitarbeiterbeteiligung für Postler.

In einer Urabstimmung der rund 24.000 – mehrheitlich sozialdemokratischen – Postler sprachen sich diese mit großer Mehrheit für die Mitarbeiterbeteiligung und somit für den Börsegang aus. Die Post-Gewerkschaft musste daraufhin ihre Munition einpacken. Sie versuchte nur noch, die Attraktivität der Mitarbeiterbeteiligung als Ergebnis ihrer eigenen „harten Verhandlungen“ mit der Regierung zu verkaufen – eine Sichtweise, die der Gewerkschaftsklientel aber wenig plausibel schien: Zu offenkundig zeigte sich das Bestreben der Regierung, mit einem großzügigen Mitarbeiterangebot im Wahljahr die Stimme des einen oder anderen Postlers zu angeln.

Nun war also der Weg an die Börse politisch frei, die Finanzfachleute (die schon monatelang im stillen Kämmerlein vorgearbeitet hatten) machten sich offiziell und mit aller Energie ans Werk.

Ende Mai oder spätestens Anfang Juni werden nun 49 Prozent des Post-Kapitals an die private Anlegerschaft verkauft. Neben der Investmentbank Goldman Sachs, die dabei als Konsortialführer agiert, sind die Erste Bank, die Raiffeisen Centro Bank sowie die Bawag P.S.K. mit dem Projekt befasst. Laut Goldman Sachs dürfte es sich bei der Post-Aktie um einen eher konservativen, aber dividendenstarken Wert handeln.

Der Schätzwert des Unternehmens wird allgemein – sehr vage – mit „ein bis zwei Milliarden Euro“, der Ausgabepreis einer Aktie mit „zwischen zehn und 20 Euro“ angegeben. Was die Gestaltung des Ausgabekurses betrifft, geht man angesichts des Wahljahrs von keiner hohen Unternehmensbewertung aus: Wird der Kurs der Aktie bei der Emission eher niedrig gehalten, gibt es mehr Potenzial nach oben – und das freut investierende Wähler, sprich die österreichischen Kleinanleger. Unter diesem Aspekt dürfte die Privatisierung der 49 Prozent für den Verkäufer ÖIAG einen Erlös einspielen, den Fachleute mit „irgendwo zwischen 550 und 750 Millionen Euro“ beziffern.

Das ist im Vergleich mit den wirklich großen Wiener Börsegängen der jüngeren Vergangenheit nicht rasend viel Geld. Die neuen Kleinanleger in Post-Aktien würden sich natürlich freuen, wenn sie am Kurszettel eine stetige Wertsteigerung ihres Investments beobachten können, und die Regierung hofft, dass sich diese Freude dann in Wählerzuneigung niederschlägt. Wenn sich also die allgemeine Hausse auf den Aktienmärkten nicht bis zu den Nationalratswahlen fortsetzen und mit ihrer generellen Dynamik auch den Kurs der Post-Aktie nach oben mitnehmen sollte, so wird es die Regierung (und in ihrem Auftrag die ÖIAG) trotzdem nicht zulassen, dass der Kurs der Post-Aktie vor der Herbstwahl absäuft. Die Aufgabe, dies zu verhindern, stellt für erfahrene Kapitalmarktpraktiker der Bankenwelt kein großes Mirakel dar.

Kalkül. Die Politik der Regierung, Börseprivatisierungen zu eher niedrigen Kursen durchzuführen und somit die Verkaufserlöse für die staatliche ÖIAG nicht unbedingt zu maximieren, wird von Hans Moser, dem Industriesprecher der SPÖ, heftig kritisiert. Moser hat dieser Tage eine Studie über die Entwicklung der Aktienkurse jener ehemaligen ÖIAG-Tochterunternehmen veröffentlicht, die an die Börse gebracht wurden. Die Entwicklung war fulminant (siehe Tabelle).

Moser zieht daraus den Schluss, dass die jeweiligen Emissionskurse zu niedrig gewesen seien: Der Verkäufer Staat habe zugunsten der neuen Aktionäre (beispielsweise internationaler Fonds) und letztlich zulasten der Steuerzahler (ihnen gehört der Verkäufer ÖIAG) auf mögliche höhere Privatisierungserlöse verzichtet.

Auch wenn gegen diese These, was die Börseprivatisierungen der Vergangenheit anlangt, eine Reihe starker Einwände vorgebracht werden können, so dürfte Moser im Fall der Post tendenziell Recht haben: Das geschilderte Regierungskalkül im Wahljahr liegt auf der Hand.

In der kommenden Woche werden sich Post-Generaldirektor Anton Wais und Teile des Vorstands der Österreichischen Post auf so genannte „Road Shows“ begeben: So werden die internationalen Werbeveranstaltungen vor Vertretern von Großanlegern bezeichnet, die zur Investition in ein bestimmtes Papier animiert werden sollen.

Wais & Co können sich in dem beruhigenden Gefühl wiegen, dass kein politisches Sperrfeuer in der Heimat ihren Werbefeldzug stören wird: Noch kritisieren zwar SPÖ-Vorsitzender Alfred Gusenbauer und Wiens Bürgermeister Michael Häupl das Projekt mit dem Argument, dass der Schritt an die Börse nur dem Finanzminister, nicht aber dem Unternehmen Post zugute käme. Mit dem Verkauf von Post-Aktien der ÖIAG geht nämlich keine Kapitalerhöhung der Post einher. Noch bringen auch Vertreter der ländlichen Bevölkerung – etwa einzelne Bürgermeister – ihre Sorge zum Ausdruck, dass eine privatisierte Post der flächendeckenden Versorgung mit entsprechenden Dienstleistungen nicht zuträglich sei.

Als Wahlkampfthema ist der Börsegang der Post aber jedenfalls nicht mehr geeignet. Diesen Rang hat der Post die Bawag abgelaufen. Der einzige Konnex zwischen Post und Bawag P.S.K. liegt in der Tatsache, dass zwischen Post und Postsparkasse ein langfristiger Vertrag besteht, der die Nutzung der Postämter als Bankfilialen sichert. Wahrscheinlich liegt hier auch der Grund, dass Bawag-Chef Ewald Nowotny kürzlich in einem Interview den Wunsch aussprach, unter den künftigen Eigentümern seiner Bank möge die Post „jedenfalls“ vertreten sein.

Von Julia Heuberger und Liselotte Palme