Börsegeschichte: Ohrfeige mit Spätfolgen

Der Börsecrash im 19. Jahrhundert prägte Wien.

Wien als bedeutendster Finanzmarkt Europas? Was heute undenkbar klingt, war in den Jahren um 1870 tatsächlich der Fall. Dank Industrialisierung, der Gründung von Eisenbahnlinien und eines Baubooms in Wien wurde die Hauptstadt der k. u. k Monarchie damals innerhalb kürzester Zeit zum größten Börseplatz der Welt, was die Anzahl der notierten Aktien betrifft: Auf dem Kurszettel standen 378 Unternehmen (heute: 125), auf dem Parkett sorgten 3000 Aktienhändler dafür, dass die Börse im Wiener Palais Ferstel aus allen Nähten platzte. Angeheizt wurde die Kursrally durch eine Immobilien-Spekulationsblase, die sich im Zuge der Weltausstellung 1873 enorm aufblähte. Am 9. Mai, dem Schwarzen Freitag, brach schließlich die große Panik aus. Noch am selben Tag waren über hundert Unternehmen insolvent, die Mehrzahl der Banken musste schließen. Nur jedes zehnte Unternehmen überlebte den Crash und die folgende Depression.

Die Wiener Börse erholte sich von diesem Schlag nie wieder. Bis zum Ersten Weltkrieg dümpelte sie auf niedrigem Niveau dahin, anschlie-ßend folgten die Weltwirtschaftskrise und die wenig kapitalmarktfreundlichen Regime des Ständestaats und der Nazis. Die große Verstaatlichung nach dem Zweiten Weltkrieg gab der Wiener Börse schließlich den Rest. Zwischen 1945 und 1984 verzeichnete sie nur neun Neunotierungen.

Erst 1985, als der amerikanische Wertpapierexperte Jim Rogers die Wiener Börse einen „Geheimtipp“ nannte, setzte sie wieder zu einem Aufschwung an. Endlich erschienen außerdem neue Unternehmen auf dem Kurszettel. In den Jahren 1989 und 1990 katapultierte dann die Ostöffnung die Kurse in die Höhe. Doch mit dem Golfkrieg und der Jugoslawien-Krise entwich die Luft aus dieser Blase, und wieder verfiel Wien in Bedeutungslosigkeit. Zwischen 1995 und 2000 bot die Wiener Börse gar eine der schlechtesten Performances der Welt und verschlief den New-Economy-Boom vollkommen.