Börsen: Die Pluto-Verschwörung

Nach dem Crash 2007: warum auch 2008 trotz stabiler Konjunkturdaten ein durchwachsenes Börsenjahr werden dürfte. Und wie Anleger dennoch davon profitieren können.

Schuld an der Misere war – Pluto. 2007 stand der Zwergplanet, benannt nach dem römischen Gott der Unterwelt, im „galaktischen Zentrum“, was seine Eigenschaft als „Schuldenplanet“ besonders akzentuierte. Als dann im Juli noch die Planeten Uranus und Jupiter auftauchten, war klar, dass eine große Blase platzen musste. Alles klar? Für Manfred Zimmel war es das. Im Dezember 2006 hatte der Wiener „Börsenastrologe“ für 2007 eine Finanzkrise vorausgesagt – terminiert auf den Monat Juli. Und damit war der Sterndeuter den bodenständigeren Analysten jedenfalls eine Nasenlänge voraus. Auch die hatten zwar geahnt, dass beispielsweise der Immobilienmarkt in den USA irgendwann schwächeln würde – aber eben nur irgendwann. Und tatsächlich: Im Sommer kollabierte die US-Hypothekarbranche und riss die Finanzmärkte in aller Welt mit sich. Binnen kürzester Zeit wurden Milliarden an den Börsen vernichtet – so auch in Wien.

Und dabei hätte alles so schön begonnen: Noch am 9. Juli hatte der österreichische Leitindex ATX vorübergehend die magische 5000er-Marke geknackt. Doch als danach die ersten Hedgefonds und Banken ins Trudeln gerieten, stürzten die Börsen weltweit in die Tiefe. Der deutsche DAX rasselte von über 8000 Punkten im Juli auf 7200 im August, der amerikanische Dow Jones verlor in dieser Zeit mehr als 1000 Punkte. Auch der ATX wurde schwer getroffen: Er verlor binnen sechs Wochen 14 Prozent seines Kurswerts. Als im Herbst nach einer kurzen Phase des Durchatmens neuerlich die Nachrichten von Milliardenabschreibungen einiger Banken in den USA und Europa die Runde machten, rasselten die Kurse abermals hinunter. Wien rutschte weitere 16 Prozent in die Tiefe. Analysten zufolge wird der ATX 2008 noch weiter fallen, bevor er sich gegen Jahresende erholt und leicht positiv abschließt.

Obwohl die Finanzkrise durch die weltweite Hysterie auch die Wiener Börse traf, ließ sich die österreichische Konjunktur nicht beeindrucken: Mit 3,4 Prozent wuchs Österreich 2007 abermals schneller als der EU-Durchschnitt, auch die Beschäftigung legte zwei Prozent zu. Keine Spur also von Rezession. Diese Unberührbarkeit liegt einerseits daran, dass die österreichischen Unternehmen nur marginal im US-Hypothekenmarkt beteiligt waren, und andererseits die Bedeutung der amerikanischen Wirtschaft für Österreich nachlässt. Längst sind die Länder Osteuropas die wichtigeren Handelspartner. Auch 2008 werden wir nur indirekt die Folgen der Finanzkrise zu spüren bekommen: Der Konjunktureinbruch in den USA hinterlässt seine Spuren bei uns insbesondere durch die DollarSchwäche. Auch die steigende Inflation trägt dazu bei, dass das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) und das Institut für Höhere Studien (IHS) ihre Wachstumsprognosen deutlich zurückgenommen haben: Österreich wird im kommenden Jahr um einen ganzen Prozentpunkt weniger wachsen als 2007, der Beschäftigungszuwachs halbiert sich.

Verlierer. Dass tatsächlich Pluto an allem schuld ist, dafür braucht man schon eine gehörige Portion Glaube an die Astrologie. Wem es daran mangelt, findet den Auslöser der Krise in den verschuldeten US-Häuslbauern, denen die Banken ohne Blick auf ihre Bonität Kredite eingeräumt haben. Durch verschachtelte Hypothekenkonstruktionen wusste bald niemand mehr, wo die Risiken wirklich schlummern. Das verunsicherte Banken und Investoren. Weil die Anleger vor allem aus kleineren und mittleren Werten ausgestiegen sind, haben kleine Börsen besonders gelitten. Während der deutsche Index DAX 2007 auf das Jahr gerechnet etwa 20 Prozent Kursplus aufweist, bleibt der ATX auf der Nulllinie. Und das, obwohl die Gewinne der gelisteten Unternehmen deutlich gewachsen sind. „Die Wiener Börse ist ungerechtfertigt unter Druck geraten“, sagt Erste-Bank-Chefanalyst Friedrich Mostböck. Ende des Jahres sagten das Wiener Flugsicherungsunternehmen Frequentis und der Edelstahlhersteller Breitenfeld den geplanten Börsengang ab. Die Berg-und-Tal-Fahrten waren den Unternehmen schlicht zu rasant. Gewinner der erhöhten Transaktionszahl war die Wiener Börse selbst: 15 Milliarden Euro wies sie als durchschnittlichen Monatsumsatz aus – im Jahr zuvor waren es nur 10,6 Milliarden Euro gewesen. „Für das Unternehmen Börse war 2007 ein exzellentes Jahr. Für Anleger war es nur durchschnittlich“, sagt Börse-Chef Heinrich Schaller. Und zwar nicht nur wegen der Finanzkrise: Auch die Aufarbeitung von Skandalen wie Bawag, Amis, Hypo Alpe-Adria und Meinl European Land war dem Anlegervertrauen nicht eben zuträglich.

Und so wird auch 2008 an der Börse alles andere als berauschend sein. „2008 wird ein Nulljahr für den ATX“, glaubt UniCredit-Analyst Alfred Reisenberger. Die Krise an den Finanzmärkten wird erst vorbei sein, wenn die Jahresergebnisse für 2007 bekannt sind. Gibt es weitere Enttäuschungen, werden die Kurse zu Jahresbeginn erneut nachgeben. Österreichische Analysten rechnen erst im zweiten Halbjahr 2008 mit einer Aufwindstimmung an der Wiener Börse (siehe Chart Seite 28). „2008 wird zwar kein brüllendes Aktienjahr, ich rechne dennoch mit einem guten zweistelligen Wachstum für den ATX“, gibt sich Mostböck zuversichtlich.

Ein ähnliches Stimmungsbild wie an der Börse geben die Volkswirte für die Konjunktur. „Das erste Halbjahr wird aufgrund der hohen Inflation, des Ölpreises und des niedrigen Dollar-Kurses schwierig“, sagt IHS-Experte Ulrich Schuh. Das Institut nahm seine Wachstumserwartungen für 2008 auf 2,4 Prozent zurück, das Wifo schätzt es auf 2,2 Prozent. Erst im zweiten Halbjahr sehen die Wirtschaftsexperten wieder rosigere Zeiten auf Österreich zukommen: Der Ölpreis wird aufgrund der nachlassenden Konjunktur sinken, der Dollar-Kurs leicht steigen (siehe Kasten), und die USA werden sich wirtschaftlich erholen. Glaubt man Norbert Walter, könnte bereits im Frühjahr ein positiver Effekt auftreten: „Durch die Fußball-EM könnte das BIP um 0,5 Prozentpunkte wachsen“, gibt er sich optimistisch – gängige Expertisen beziffern den Effekt auf die Hälfte.

Rezessionsgespenst. Die von manchen befürchtete Rezession wird 2008 also nicht kommen. Nicht in den USA – und schon gar nicht in Österreich. Die amerikanische Zentralbank Fed hat jüngst ihre Prognosen für das Wirtschaftswachstum der USA für 2008 auf 1,8 bis 2,5 Prozent gesenkt – lange war von vier Prozent die Rede gewesen. „Wenn Amerika hustet, dann hat Europa nicht mehr automatisch eine Grippe“, sagt Christian Helmenstein, Chefvolkswirt der Industriellenvereinigung (IV). Schwellenländer in Asien, Lateinamerika sowie in Osteuropa seien bereits jetzt gut positioniert. Die Prognosen für das Weltwirtschaftswachstum im kommenden Jahr nahm das Institut dennoch um einen Viertelprozentpunkt auf 4,5 zurück.

Handlungsbedarf sieht IHS-Experte Schuh bei der Wirtschaftspolitik: „Es ist ein Warnsignal, dass wir es selbst bei der vorzüglichen Konjunktur 2007 nicht geschafft haben, die Arbeitslosigkeit weiter zu senken.“ Denn diese verharrte hartnäckig bei 6,25 Prozent (nach nationaler Rechnung) – ein Niveau, das auch im kommenden Jahr aller Voraussicht nach gehalten wird. Nicht nur die Politik, sondern auch die Notenbanken sind im kommenden Jahr gefordert. Normalerweise reagieren sie auf eine schwache Konjunkturlage mit Zinssenkungen, um das Wachstum anzukurbeln. Doch da befinden sich die Institute in der Bredouille: Auch die Inflation wird im kommenden Jahr hoch bleiben. Mit einer Zinssenkung würden die Notenbanken Öl ins Feuer gießen. „Das Jahr 2008 wird zur größten Bewährungsprobe in der Geschichte der Europäischen Zentralbank“, sagt IV-Experte Helmenstein.

Börsenastrologe Zimmel geht vorsorglich noch einen Schritt weiter: „2015 werden wir eine Hyperinflation, Staatsbankrotte und Hungersnöte haben. Dieses Szenario tritt mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent ein.“
Nostradamus lässt grüßen.

Von Andrea Rexer