Boris Akunin: „Ich bin das Fieberthermometer der Opposition“

Boris Akunin, Russlands erfolgreichster Krimiautor, über Wladimir Putin, Pussy Riot und seine Hoffnung auf eine Revolution.

Interview: Tessa Szyszkowitz, London

profil: Sie waren einer der Führer der Massenproteste im vergangenen Winter: eine eigenartige Rolle für einen Krimiautor, dessen fiktiver Detektiv Erast Fandorin die Revolution fürchtet. Soll die Opposition das Regime von der Straße aus stürzen?
Akunin: Ich habe Angst vor einer Revolution, eindeutig. In Russland geht es schnell blutig zu. Die Revolution von 1917 war eine Katastrophe. Sie fand statt, weil das Regime nicht mit der Aufgabe fertigwurde, das Land gerecht zu regieren. Zar Nikolaus II. war ein absoluter Herrscher, er wollte Macht und Reichtum nicht teilen.

profil: Kann man die damalige Situation mit der heutigen vergleichen?
Akunin: Ja, in dieser Lage sind wir heute wieder. Präsident Putin tut nichts, um die Kluft in der Gesellschaft zu überbrücken. Unser Regime vertieft den Graben sogar täglich. Die Machthaber haben diese absolut dumme Idee, dass einfache Menschen Putin unterstützen. Sie denken, die dekadenten Moskauer, die ihm nicht folgen, seien eine Minderheit. Doch da täuschen sie sich. Der Mittelstand wächst, wir sind heute die entscheidende Bevölkerungsschicht. Russland ist zudem ein postimperialer Staat, in dem die Hauptstadt enorm wichtig ist. Jede Regierung in Russland ist die Geisel der Bevölkerung Moskaus.

profil: Die Proteste im Dezember 2011 haben Putin nicht merklich geschwächt.
Akunin: Ich schreibe Kriminalromane, ich habe eine lebhafte Fantasie, glauben Sie mir. Aber ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass Wladimir Putin Diktator auf Lebenszeit wird. Die Menschen machen sich bereits lustig über ihn. Niemand hat mehr Angst vor ihm. Russland ist erwachsen geworden. Nur Putin verhält sich weiterhin wie ein Teenager. Er zieht immer noch gern sein Hemd aus und zeigt seinen Körper her. Oder er geht mit Kranichen fliegen. Der Mann ist inzwischen 60 Jahre alt! Er kapiert nicht, dass sein Land über ihn hinausgewachsen ist.

profil: Aber er demonstriert auch immer wieder seine Macht: etwa, als er die Aktivistinnen von Pussy Riot für zwei Jahre ins Gefangenenlager sperren ließ.
Akunin: Das ist der springende Punkt: Es irritiert die Menschen, wie der Staat mit Pussy Riot umspringt. Ursprünglich inter­essierte es nicht viele Leute, wer Pussy Riot sind und was sie machen. Die meisten dachten wie ich: Es war eher dümmlich und unanständig, in einer Kirche so herumzutanzen. Doch als der Staat seinen gesamten repressiven Apparat auf sie losließ, wurden alle wütend. Erleben wir jetzt die heilige Inquisition im Jahr 2013?

profil: Hat Putin den Kontakt zum Volk verloren?
Akunin: Die gebildeten Klassen sind für ihn verloren, und das weiß er. Er hat keine andere Wahl, als zu den dunklen Mächten zu gehen: zur russisch-orthodoxen Kirche. Doch das aufgeklärte Russland wird jeden Tag stärker. Die Gesellschaft ist heute in zwei Lager gespalten – die Fernsehzuschauer und die Internet-User. Das Fernsehen wird von der Administration des Präsidenten kontrolliert, es dient ausschließlich Propagandazwecken. Wem das zuwider ist, der nutzt das Internet als Informationsquelle. Es ist wichtig, wie viele Menschen dort Nachrichten lesen. Vor zwei Jahren waren es nur knapp zehn Prozent, im Jänner 2013 bereits 24 Prozent. Ein Viertel der Bevölkerung bildet sich eine unabhängige Meinung.

profil: Reicht das für eine Revolution?
Akunin: Für eine Revolution braucht man viel weniger. In Moskau kann es jeden Tag losgehen. Warten Sie es ab. Man kann nicht ständig wütend sein. Doch wir alle in der Opposition tragen dieses Virus in uns, ein Fieber, das nur darauf wartet auszubrechen. Wenn die Masse Mensch wütend wird, dann werde ich es auch. In ­dieser Hinsicht bin ich ein typischer Vertreter der Mittelschicht. Ich bin das Fieberthermometer der Opposition.

profil: Welche Temperatur haben Sie denn zurzeit?
Akunin: 37,8. Wenn sie auf 38,5 steigt, gehe ich auf die Barrikaden.

Zur Person
Boris Akunin, 56, ist das Pseudonym von Grigori Tschchartischwili. Der russisch-georgisch-jüdische Erfolgsautor, Essayist und Übersetzer hat die Figur des Detektivs Erast Fandorin erfunden und 15 Millionen historische Krimis verkauft. Akunin schreibt auch unter anderen Namen und weiblicher Identität, etwa als Anna Borisowa. Seit den Massenprotesten gegen Fälschungen bei der Wahl von Wladimir Putin im Dezember 2011 ist er eine der wichtigsten Stimmen der demokratischen Opposition Russlands. Seine Bücher – unter anderem „Türkisches Gambit“, „Das Geheimnis der Jadekette“ und „Die Moskauer Diva“ – sind auf Deutsch im Aufbau Verlag erschienen.