Boxen: Der taumelnde Schmetterling

Muhammad Ali war Großmaul, Staatsfeind, Galionsfigur des schwarzen Amerika und der größte Boxer aller Zeiten. Ein Bildband setzt dem schwer Kranken nun ein Denkmal.

Als der 22-jährige Cassius Clay 1964 den schwarzen Boxchampion Sonny Liston zum Kampf um den Weltmeisterschaftstitel herausforderte, fürchteten viele um seine Gesundheit. Der Ex-Sträfling Liston galt als der Mike Tyson seiner Zeit: brutal, furchterregend, unbesiegbar – ein Mann, der, sobald er den Ring betrat, die dünne Decke zivilisatorischer Errungenschaften durchriss und zum Tier mutierte.

Der krasse Außenseiter Cassius Clay diktierte den Reportern im Vorfeld zum Kampf in Miami Folgendes in die Blöcke: „Sonny Liston ist nichts. Der Mann braucht Boxunterricht, er braucht Sprechunterricht. Und da er gegen mich boxen wird, braucht er auch noch Unterricht im Fallen. Ich werde diesen hässlichen Bären zu Boden zwingen, und danach werde ich ihn als Bärenfell benutzen.“

Wenige Tage vor dem Showdown wollte Clay noch mehr. Er setzte sich in einen Bus nach Denver und läutete den amtierenden Champion nachts um drei aus dem Haus. „Was willst du, schwarzer Motherfucker?“, fragte Liston, in Pyjamahosen. „Dich verprügeln“, antwortete Clay. „Jetzt.“ Liston schlug nur die Tür zu; er wollte sein Vorstrafenregister nicht erweitern.

Als Cassius Clay am 25. Februar 1964 gegen 22 Uhr den Ring in Miami betrat, wollte vor allem das weiße Amerika das schwarze Großmaul zu Boden gehen sehen. Es wurde enttäuscht: Liston hatte gegen Clays tänzelnden Stil nicht den Funken einer Chance. Es war ein magischer Moment in der Geschichte des Boxens: Erstmals wurde ein bislang um seiner primitiven Körperlichkeit willen populärer Sport in die höheren Dimensionen der Ästhetik geführt.

Zu Beginn der siebenten Runde blieb der als unbesiegbar gehandelte Liston im Eck sitzen, stammelte „That’s it“ und spuckte seinen Mundschutz aus. Beim Revanche-kampf 15 Monate später ging Liston schon nach 108 Sekunden zu Boden.

Der Grundstein für den Mythos Muhammad Ali war gelegt. Nun setzt ihm der deutsche Kunstbuchverleger Benedikt Taschen ein Denkmal von bibliophiler Gigantomanie. In fünfjähriger Recherchearbeit trug der Ali-Aficionado Texte, Dokumente, Interviews und Fotos über „den Picasso des Boxens“ (so der Schriftsteller Norman Mailer) zusammen. Dann goss er seine Funde in ein 29 Kilo schweres und 50 Zentimeter hohes Buchmonument, das eben in einer limitierten Auflage von 10.000 Stück erschienen ist. Das Werk mit dem programmatisch-schwärmerischen Titel „GOAT“, den Initialen von Alis selbst verliehenem Titel „The Greatest of all Times“, kostet wahnwitzige 3000 Euro. Für Hardcore-Fans, die gewillt sind, 7500 Euro zu entrichten, gibt es noch eine Jeff- Koons-Skulptur und vier signierte Silverprints als Beigabe dazu.

Muhammad Ali, 61, genießt diese so augenfällig um Opulenz bemühte Hommage in Buchform. Sie passt zur Ideologie des Größenwahns, die er zeit seiner aktiven Karriere lauthals zelebrierte. „Steh auf‚ du kleiner Scheißer, du kämpfst mit Gott!“, pflegte er flachgelegten Gegnern zuzubrüllen. „Ich wusste gar nicht, dass ich so groß war“, sagte er in aller Pseudo-Bescheidenheit zu seinem Verleger Taschen, als er das erste druckfrische Exemplar von „GOAT“ in Händen hielt.

Parkinson. Ali braucht lange für einen solchen Satz – ungefähr eine halbe Minute. Seit Jahren führt er einen Kampf gegen einen Gegner, dem er nicht gewachsen ist. Der Mann, der seinerzeit als der perfekteste Athlet des 20. Jahrhunderts und anatomisches Weltwunder gefeiert wurde, hat heute größte Schwierigkeiten, auch nur ein Glas Saft auszutrinken, ohne etwas zu verschütten. Ali leidet an der Parkinson’schen Krankheit, deren Tücke nicht zuletzt darin besteht, dass ein hellwacher Geist in einem Körper gefangen ist, der zusehends den Dienst versagt. So ist Ali zum Kronzeugen seines eigenen Verfalls geworden.

Im kollektiven Gedächtnis hat sich ein Bild tief eingebrannt: Bei den Olympischen Spielen in Atlanta 1996 entzündete er, schwer von seiner Krankheit gezeichnet, das symbolträchtige Feuer. Vor allem die US-Amerikaner unter den 3,5 Milliarden Fernsehzuschauern wischten sich gerührt die Augen. Der Mann, der dereinst vom FBI zum „Staatsfeind“ erklärt worden war, fand sich im Zuge seiner größten Niederlage zum Märtyrer überhöht.

Der Vater von neun Kindern aus vier Ehen trägt sein Schicksal indes mit Würde. „Gott lehrt mich Demut“, erklärt er heute bescheiden, „er setzte mich auf den Gipfel der Welt, ich habe die Engel im Himmel beeindruckt. Und jetzt prüft mich Gott eben.“

Dass Muhammad Ali im Register der tragischen Helden des 20. Jahrhunderts schon zu Lebzeiten neben Größen wie John F. Kennedy und Ché Guevara einen festen Platz zugewiesen bekommen hat, ist nicht nur auf den Parkinson-bedingten Mitleidsbonus zurückzuführen oder auf die Tatsache, dass er gleich „einem schwebenden Schmetterling“, so Alis poetische Metapher, bärenstarke Männer reihenweise krankenhausreif geschlagen hat.

Der Sohn eines Schildermalers und einer Putzfrau entwickelte sich zu einer Identifikationsfigur für das schwarze, unterdrückte Amerika. Mit jedem Treffer, den er landete, vermittelte er den Afroamerikanern das Gefühl, dass er stellvertretend für sie alle zum Gesichtsverlust des weißen Establishments beitrug. Das Prinzip funktionierte auch, wenn seine Gegner die gleiche Hautfarbe wie er selbst hatten. Denn Clay symbolisierte einen völlig neuen Afroamerikaner: Sein Ego hatte Kingsize-Format, er ließ sich nicht von der weißen Management-Mafia, wie viele seiner schwarzen Kollegen, vereinnahmen und teilte auch jenseits des Rings ohne Rücksicht auf Verluste aus. „Ich will der Nigger sein, den die Weißen nicht mögen!“, lautete sein Credo.

Demütigung. 1960, im Alter von 18, kehrte er mit einer Goldmedaille von den Olympischen Spielen in Rom heim nach Louisville und bekam im örtlichen Hamburger-Laden statt des Bestellten trotzdem nur den Satz „Whites only“ serviert. Später gab er gern die Anekdote zum Besten, dass er die olympische Trophäe von einer Brücke in den Ohio River geworfen hatte. In Wahrheit soll er sie ganz einfach verloren haben.

Auf jeden Fall hielt er nichts von der pazifistischen Strategie des Bürgerrechtlers Martin Luther King. Er verachtete schwarze Boxlegenden wie Joe Louis, die demütig in den Ring traten und nach dem Prinzip „Ein bekloppter Sklave verdrischt einen anderen“ nur innerhalb des Boxrings aufräumten. Sein großes Vorbild war Jack Johnson, der 1910 gegen den lauthals skandierten Publikumwillen „Kill the nigger!“ den weißen Weltmeister Jim Jeffries vom Podest gefegt hatte. Johnsons Triumph hatte damals landesweite Rassenunruhen zur Folge. Und Cassius Clay wollte wie sein Vorläufer eine Zündschnur gegen den weißen Rassismus legen.

Im März 1964 legt er seinen „Sklavennamen“ ab, nennt sich Muhammad („Wert des Ruhms“) Ali („Der Allerhöchste“) und konvertiert vom Christentum zum Islam. Er wird Mitglied der radikalen Schwarzenbewegung „Nation of Islam“, die „einige Bundesstaaten gänzlich von Weißen“ säubern wollte, um dort eine unabhängige afro-muslimische Nation entstehen zu lassen. Ali unterstützt die Fanatiker mit Millionen und lässt sich als prominentes Sprachrohr vor ihren PR-Karren spannen.

1967 rehabilitiert er sich in den Augen der amerikanischen Friedensbewegung, indem er den Wehrdienst in Vietnam verweigert. „Die braunen Menschen dort haben mich noch nie Nigger genannt“, erklärt er, „ich habe keinen Ärger mit denen.“ Das US-Establishment straft ihn hart für diesen trotzigen Akt: Einer Haftstrafe entgeht der 25-Jährige nur durch Zahlung einer hohen Kaution, es wird ihm jedoch der WM-Titel entzogen und ein Berufsverbot von fast dreieinhalb Jahren auferlegt. Sein Trainer Angelo Dundee sagt heute: „Den besten Ali hat die Welt nie gesehen. Nur Gott weiß, wie gut er wirklich war.“ In dieser Phase der sportlichen Kastration adoptiert ihn die amerikanische Intelligenzija. Der publizistische Adel, angeführt von Tom Wolfe, Hunter S. Thompson und Norman Mailer, drängt Ali in die Rolle einer Lichtgestalt mit Märtyrer-Heiligenschein. Schon bald holt Ali die linksliberale Denkerriege wieder auf den Boden zurück. „Amerika wird vernichtet“, erweist sich Ali im „Playboy“, dem Zentralorgan der weißen Testosteron-Fraktion, 1975 als verbaler Vorläufer Osama Bin Ladens. „Allah wird Amerika in göttlichem Ausmaß büßen lassen. Wenn es dem schwarzen Mann keine Gerechtigkeit zukommen lässt, wird Amerika in Flammen aufgehen.“

Schlafender Elefant. Knapp zuvor hatte er den möglicherweise wichtigsten Kampf seiner Karriere in Zaire geschlagen, der unter dem Slogan „Rumble in the Jungle“ in die Boxgeschichte eingegangen ist. In Kinshasa stieg Ali gegen den um sieben Jahre jüngeren George Foreman in den Ring. Das Publikum stand unter Schock: Die strahlende Symbolfigur für die Rechte der Schwarzen hing da wie „ein schlafender Elefant“, so Norman Mailer, und ließ sich von Foreman verdreschen.

Dann passierte das Wunder: Ali löste sich aus den Seilen, tänzelte in den Ring und vernichtete Foreman mit vier Schlägen. „Foreman benahm sich wie ein 60-jähriger Butler, der eine todtraurige Nachricht erhalten hat“, schrieb Mailer. Ali delirierte in Ekstase: „Ich sehe Alligatoren mit Posaunen!“
Es sollte einer der letzten Triumphe in der Kampfgeschichte des dreifachen Weltmeisters werden. 1978 machten sich die ersten Anzeichen seiner Krankheit bemerkbar. Ein paar Mal noch trat Ali zu Schaukämpfen an und quälte damit seine Fans. Keiner wollte mitansehen, wie der aufgedunsene Box-Heilige seinem Untergang entgegentaumelte. Schließlich hatte auch Ali selbst genug: Er zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Sein von Parkinson zerrüttetes Ego feierte erst 1996 in Atlanta ein sentimentales Comeback.

Nach den Terroranschlägen des 11. September trat er an die Öffentlichkeit und appellierte stammelnd an die Konsensbereitschaft der radikalen Moslems. „Plötzlich wurde der ehemalige Staatsfeind zum nationalen Teddybären“, kommentiert Ali-Biograf David Remnick.

Einen der rührendsten Beiträge in „GOAT“ liefert der frühere Ali-Erzrivale George Foreman. Inzwischen wirkt Alis spektakulärstes Opfer als christlicher Wanderprediger. „Wenn kein Mensch stehen bleibt“, so Foreman, heute 54, „rufe ich ganz einfach: ‚Ich war der, der mit Ali im Ring stand!‘ Dann bleiben sie stehen. Das ist das magische Wort, das alle Türen öffnet. Er hat uns Schwarzen die Komplexe genommen,
indem er sich hinstellte und schrie: ‚Ich bin schön, und ihr alle seid es auch!‘“