Boykott? Unbedingt! Nur nicht!

Fink und Fliederbusch diskutieren die richtige Reaktion auf Chinas Tibet-Politik.

Arthur Schnitzler lässt in „Fink und Fliederbusch“ bekanntlich ein und denselben Journalisten unter diesen unterschiedlichen Namen konträre Texte zum selben Thema schreiben. Die Ratlosigkeit, mit der ich der Frage eines Boykotts der Olympischen Spiele gegenüberstehe, lässt mich nach Jahren wieder einmal zu dieser Technik greifen. Fink ist für den Boykott: Was muss noch geschehen, damit wir begreifen, dass China trotz Wirtschaftsbooms eine ganz gewöhnliche Diktatur ist: Leute, die sich nicht fügen, landen im Gefängnis. (Notfalls werden sie auch, wie die demonstrierenden Studenten am Platz des Himmlischen Friedens, von Panzern überrollt. Seither ist Ruhe.) Wenn Arbeitskräfte für einen neuen Flughafen gebraucht werden, werden sie abkommandiert; wenn Land für einen Staudamm gebraucht wird, werden Millionen umgesiedelt. Wenn für Olympia Ruhe gebraucht wird, werden demonstrierende Mönche von der Straße geschossen. Wie die Bevölkerung wirklich zu ihrem Führer steht, konnte man am Bildschirm sehen, als er das olympische Feuer an einen Athleten weitergab: Ein dünner Ring ausgewählter Funktionäre umgab die beiden Männer – der riesige Platz dahinter blieb menschenleer. Denn der „geliebte Führer“ kann es sich nicht leisten, seinem Volk bis auf Schussweite nahe zu kommen. Als Peking die Spiele zugesprochen wurden, hat es sich verpflichtet, die Menschenrechte zu achten. Jetzt tritt es sie in Tibet mit Füßen, und die Spiele sollen stattfinden, als sei nichts passiert? Achten wir so „unsere Werte“? Indem wir ein kleines Volk einfach im Stich lassen? Indem selbst eine bloße Geste der Solidarität schon zu viel ist?

Unser Motiv ist nicht Rücksicht „auf Sportler, die sich jahrelang vorbereitet haben“, sondern ausschließlich Rücksicht auf unser aller Geschäfte.
Ich bin nicht so naiv, Handelsbilanzen für unerheblich zu halten. Aber es stimmt nicht, dass Geschäfte mit kommunis­tischen Staaten zusammenbrechen, wenn man sie kritisiert. Niemand hat so klar gesagt, was er vom Kommunismus und der DDR hält, wie Bruno Kreisky – und Österreich hat mit dieser DDR in seiner Ära die besten Geschäfte gemacht.
Noch viel selbstverständlicher überlebten die Geschäfte mit China einen Olympiaboykott. Denn keineswegs ist es nur die EU, die den chinesischen Markt braucht, um dort ihre Waren abzusetzen, sondern mindestens so sehr braucht China den Markt der EU, um seine Waren dort zu verkaufen.
Ein einzelnes Land, das die Spiele boykottierte, ginge vielleicht ein wirtschaftliches Risiko für seinen China-Handel ein – die Europäische Union in ihrer Gesamtheit dagegen nicht das geringste. Es gibt für das vereinte Europa daher keine Ausrede, diese Olympischen Spiele nicht mit einem Boykott zu
be­legen, wenn China seine Politik des kulturellen Genozids in Tibet fortsetzt.

Fliederbusch ist gegen den Boykott: Natürlich ist, was sich in Tibet ereignet, traurig; aber es ist komplexer, als es die meisten Medien darstellen: Es waren nämlich wirklich die Tibeter, die damit begonnen haben, chinesische Einrichtungen anzugreifen. Durchaus nicht unbegreiflich: Sie empfinden die Chinesen als Kolonialmacht, und das sind sie auch. Mit der neuen Bahn zwischen Lhasa und Peking schaffen sie Tibets Bodenschätze außer Landes und bringen dafür „Siedler“ herein. Die bekommen die besten Verwaltungsposten und dominieren Tibets Wirtschaft. Aber man soll nicht ganz vergessen, wie unterentwickelt dieses Tibet war. Die tibetische Ordnung, die jetzt so wort­reich verteidigt wird, ist eine mittelalterliche Feudalordnung. Die neue Eisenbahn hat nicht nur „Siedler“, sondern auch Touristen ins Land gebracht und dem Gewerbe auf die Sprünge geholfen. Erst die Chinesen haben in Tibet Schulen gegründet, in denen man mehr als zu beten lernt.
Nicht dass ich das, was die Chinesen in Tibet tun, gut heiße – natürlich sollten sie Autonomie gewähren –, aber es ist auch nicht alles, was sie dort tun, nur übel. Natürlich ist China auch sonst eine Diktatur. Aber eine, der man – im Gegensatz etwa zur UdSSR – keine Massenmorde anlasten kann und der gewisse Verdienste schwer abzusprechen sind: Alle Chinesen – aber zum Beispiel nicht alle Inder – haben zu essen und ein Dach überm Kopf. Die Ein-Kind-Politik, die dazu entscheidend beigetragen hat, wäre anders als diktatorisch kaum durchzusetzen gewesen. Vor allem aber befindet sich Chinas Diktatur in Bewegung – und die Richtung, die sie einschlägt, ist, trotz Tibet, in Summe eine positive: Die Kerkerstrafen gegen Dissidenten werden seltener und kürzer, ein Massaker am Platz des Himmlischen Friedens ist unwahrscheinlicher geworden, denn den Studenten haben sich wirtschaftliche Chancen eröffnet, die sie wahrnehmen. Die wirtschaftliche Öffnung hat eine qualitative Veränderung bewirkt: Indem China Privateigentum und den „freien Markt“ zulässt, lässt es auch ein Stück Freiheit zu. Es ent­stehen neue Machtzentren neben der Partei und verringern deren Allmacht. Irgendwann werden diese neuen Machtstrukturen demokratischere Politstrukturen nach sich ziehen. Diesen Prozess müssen wir fördern, statt ihn durch einen Boykott womöglich um Jahre zurückzuwerfen – ohne dass Tibet deshalb einen Funken freier würde. Im Gegenteil: Kritik, die Chinas Führung vor versammelter Weltöffentlichkeit das Gesicht verlieren ließe, verstärkte nur die Fehlhaltung, die sie korrigieren möchte.