Braunes Brot

Affäre. FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache wird den Fluch seiner Vergangenheit nicht los. Eine angebliche Charity-Veranstaltung in Deutschland zu Silvester 1989, an der er teilnahm, war in Wahrheit ein getarnter illegaler Aufmarsch von Neonazis und Rechtsextremen.

Dass die Polizei weder in der engeren Heimat (Österreich) noch in der weiteren (Deutschland) ihr Freund und Helfer ist, mussten österreichische Rechtsextremisten gegen Jahresende 1989 deutlich zur Kenntnis nehmen. Im November löste die Staatspolizei eine einschlägige Vortragsveranstaltung im Wiener Parkhotel Schönbrunn auf. Zu Gast war der Historiker David Irving, der wegen der Leugnung des Holocausts im Vorjahr in Österreich für mehrere Monate im Gefängnis saß. Ende Dezember 1989 reisten heimische Neonazis und Sympathisanten rechtsextremen Gedankenguts nach Deutschland zu einem Treffen mit Gesinnungsgenossen. Erneut kam es zu einem Aufeinandertreffen mit der Exekutive, diesmal in Gestalt des Bundesgrenzschutzes, der die rechte Truppe anhielt.

Die genauen Umstände des Vorfalls könnten eine bisher rasant verlaufene politische Karriere gefährden. Denn mit von der treudeutschen Österreicher-Partie war seinerzeit Heinz-Christian Strache, heute 38, Abgeordneter zum österreichischen Nationalrat und Bundesparteiobmann der Freiheitlichen Partei Österreichs. Der Ausflug des späteren FPÖ-Chefs an die deutsch-deutsche Grenze und seine Beamtshandlung durch Polizeibeamte war anlässlich eines Prozesses bekannt geworden, den Strache gegen die Tageszeitung „Österreich“ angestrengt hatte. „Österreich“ hatte über angebliche Kontakte Straches ins Neonazi-Milieu berichtet. In der Verhandlung beim Landesgericht für Strafsachen Wien Donnerstag vergangener Woche kam auch der Vorfall in Deutschland zur Sprache.
Nach Straches Darstellung sei der Ausflug zu Silvester 1989 eine Art Charity-Veranstaltung von rund 70 Personen verschiedener Organisationen gewesen. Man habe etwa 20 DDR-Bürgern Care-Pakete aus Brot, Sekt, Wein und Schokolade über den Zaun geworfen. Dabei habe der Grenzschutz der Bundesrepublik Deutschland die Beteiligten, darunter auch Strache, zu einer „Identitäts- und Personalfeststellung“ angehalten. Von einer Festnahme oder Verhaftung könne jedoch keine Rede sein. Nach der Aufnahme der Daten habe sich der damals 20-jährige Strache „frei und ungehindert bewegen können“.

Brotwunder. Die Version einer harmlosen Silvesterfeier hatte Strache bereits im Jänner seinem Parteivorstand unterbreitet, als FPÖ-intern erste Gerüchte über eine angebliche Festnahme Straches in Deutschland kursierten. Der nach einem Streit mit Strache aus der Partei ausgetretene Abgeordnete Ewald Stadler bezeichnete Straches Ausführungen vergangene Woche als „Brotwunder“ und nannte sie „skurril“. FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky wollte sich zur Causa gegenüber profil nicht mehr äußern.
Tatsächlich war die angebliche Wohltätigkeitsaktion ein generalstabsmäßig geplanter Provokationsaufmarsch rechtsextremer und neonazistischer Gruppen unter Führung der fünf Jahre später verbotenen Wiking-Jugend. Zu Silvester 1989 war die deutsch-deutsche Grenze zwar schon bedingt offen, doch die Grenzanlagen waren auf DDR-Seite noch von Volkspolizei und Volksarmee besetzt. Schon kurz nach dem Mauerfall im November waren vereinzelt Rechtsextremisten und Neonazis aus dem Westen in den Osten eingesickert und hatten begonnen, das Terrain zu sichten.
Für den Silvestertag wurde eine Aktion im Grenzgebiet zwischen dem westdeutschen Bundesland Hessen und dem ostdeutschem Thüringen befohlen. Hier in der Gemeinde Hilders im Naturpark Hessische Rhön nahe Fulda hatte die Wiking-Jugend seit Beginn der achtziger Jahre traditionell „Mahnfeuer“ gegen die DDR abgebrannt und Demonstrationen veranstaltet. Nach Schlägereien und wiederholten Festnahmen von Neonazis verboten die Behörden um 1985 die Silvesteraufmärsche der Jungrecken.

Doch die Wikinger und andere rechtsextreme Organisationen ließen sich davon nicht beeindrucken und fuhren weiterhin zum Jahreswechsel in die Rhön. Ihre nunmehr illegalen Aufmärsche tarnten sie allerdings als „Geburtstagsfeiern“ und „geselliges Beisammensein“ – oder eben wie im Jahr 1989 als „Brotverteilung“ beziehungsweise „Carepaket-Übergabe“. Der Ablauf der Aktion war präzise inszeniert: Zeitlich abgestimmt marschierten Kameraden auf der West- und auf der Ostseite zu einem festgelegten Treffpunkt an der Grenze. Die angebliche Silvesterfeier wurde zu einer der ersten politischen Demonstrationen der vereinigten Rechtsextremisten nach dem Mauerfall. Während die Kameraden im Osten unbehelligt blieben, schritt auf der Westseite die Polizei ein, nahm Personalien auf und einzelne Demonstranten mit aufs Revier.

Kontaktaufnahme. Heinz-Christian Strache war mit seiner damaligen Verlobten nach Hessen gereist, einer Tochter von Norbert Burger, dem Gründer der Nationaldemokratischen Partei (NDP), die 1988 verboten wurde. Über den 1992 verstorbenen Burger tauchte der junge Strache ins rechtsextreme Milieu ein und traf dabei auch auf Österreichs prominentesten Neonazi, Gottfried Küssel.
Heute sind die FPÖ-Generalsekretäre Herbert Kickl und Harald Vilimsky überaus bemüht, ihren Chef von rechtsextremen Organisationen und Führungskadern abzugrenzen. Die offizielle Sprachregelung der FPÖ zur Biografie ihres Obmanns: Heinz-Christian Strache, Jahrgang 1969, habe als 20- beziehungsweise 21-Jähriger „oberflächlichen Kontakt zu diversen Vereinen, welche zum damaligen Zeitpunkt demokratisch legal genehmigt waren“, gehabt.

Straches Klage gegen die Tageszeitung „Österreich“ könnte sich als peinliches Eigentor erweisen. Bei der Verhandlung am vergangenen Donnerstag wurden jene Fotos erneut vorgelegt, die den jungen Strache bei Wehrsportübungen zeigen und den FPÖ-Chef im Jänner heurigen Jahres in Schwierigkeiten brachten. Die Bilder wurden in Zweikirchen im Kärntner Glantal aufgenommen und zeigen teils vermummte Männer in Uniformen, die mit Gewehren posieren und mit Gummiknüppeln aufeinander einschlagen. Der FPÖ-Chef bezeichnete die Wehrsportübungen als harmloses, sportliches „Paintball-Spiel“. Straches Spielkameraden, deren Gesichter auf den Fotos unkenntlich gemacht worden waren, wurden bald identifiziert.
Nun wurden sie auch vor Gericht genannt. Es handelt sich um teils heute noch aktive Neonazis. Der prominenteste: Andreas Thierry. Der wegen NS-Wiederbetätigung verurteilte Kärntner lebt heute in Baden-Württemberg, wo er mittlerweile zum stellvertretenden Landesvorsitzenden der rechtsextremen Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) aufgestiegen ist. Im Zivilberuf ist Thierry Verleger rechtsradikaler Schriften. In einem Artikel für eine deutsche rechtsextreme Jugendzeitung hatte Thierry im August 2006 über seine Bekanntschaft mit Strache und dessen „Wurzeln im nationalen Lager“ geschrieben.

Der FPÖ-Obmann will von seinen früheren Bekannten nichts mehr wissen. Es gäbe, so Strache, seit Langem keinen Kontakt mehr. Überdies seien alle auf den Fotos erkennbaren Personen zum damaligen Zeitpunkt unbescholten gewesen. Kontakte zur Wiking-Jugend gestand Strache vergangene Woche ein. Formales Mitglied war er freilich nicht. Dass er der neonazistischen Gruppe um den in der Vorwoche festgenommenen Gerd Honsik angehörte, dementierte er mit Vehemenz .

Erklärungsnot. Seine persönliche Geschichte verfolgt den Bundesparteiobmann der Freiheitlichen wie ein Fluch und bringt ihn immer wieder in Erklärungsnot, die er mit teils lächerlichen Ausreden zu überwinden versucht. Als ein Foto auftauchte, das Strache mit einem in der rechtsextremen Szene üblichen Gruß zeigte – drei ausgestreckte Finger formen ein W als Zeichen des Widerstands –, sprach er davon, bloß drei Bier bestellt zu haben. Auch die strengen Ehrbegriffe der Deutschnationalen und vor allem der Korporierten nehmen bei ihm mitunter skurrile Formen an. So forderte der offenbar empfindliche Strache einen Salzburger Burschenschafter im Jahr 2004 ebenso zum Duell wie heuer einen Welser Mittelschüler. Innerhalb der rechtsextremen Gruppierungen hinterließ er jedenfalls keine tiefen Spuren. Strache galt seinerzeit in den Wehrsportzirkeln zwar als unterhaltsamer Kamerad, aber auch als farbloser Mitläufer ohne großen intellektuellen Anspruch.

Die Troubles mit der eigenen Vergangenheit dürften den FPÖ-Obmann jedenfalls schon reichlich nerven. Freitag vergangener Woche weigerte er sich in einer Pressekonferenz, Fragen zum Thema zu beantworten. Er fühle sich, so Strache, ob der wiederholten Vorhalte wie im Hollywood-Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“.
In seiner Partei kann der FPÖ-Boss mit mehr Verständnis und Zurückhaltung rechnen. Kritik am Obmann findet nicht statt. Und auch die anderen Parteien hielten sich in der Vorwoche mit Attacken oder gar mit Rücktrittsaufforderungen zurück.
Wenn es linke oder gar linksextreme Gegner trifft, findet Heinz-Christian Strache an Polizeieinsätzen und Festnahmen schon mehr Gefallen, obwohl auch diese ihm einst beinahe zum Verhängnis wurden. Vor Jahren mischte sich Strache als Jungpolitiker unter die Anti-Opernball-Demonstranten, natürlich nicht aus Sympathie, sondern zur Feindbeobachtung. Beim Einsatz der Polizei gegen die Demonstranten, so erzählte Strache einmal, sei er von den Beamten um ein Haar mitgenommen worden.

Von Gernot Bauer