Brennendes Teufelszeug

Eine weißliche, brennbare Substanz wurde 1996 am Meeresgrund gefunden, die bei globalen Katastrophen eine Rolle gespielt haben könnte. Am Ende der Paläozän-Epoche, vor 55 Millionen Jahren, stieg die Lufttemperatur um etwa sieben Grad an. Daraufhin erwärmten sich die Ozeane, wie geologische Isotopenmessungen zeigten, um bis zu 15 Grad. Unzählige Meereslebewesen starben, und auch an Land veränderte sich die Tierwelt dramatisch. Lange vor den Dinosauriern, vor etwa 250 Millionen Jahren, starben etwa 90 Prozent aller Meerestiere und 70 Prozent aller Landlebewesen aus. Seit Jahren gilt als wahrscheinlich, dass ein wesentlicher Faktor dieser Katastrophen am Meeresgrund zu finden ist.

Im Jahr 1996 hob das Kieler Forschungsschiff „Geomar“ vor der nordamerikanischen Küste vom Meeresboden einen weißlichen, etwa 40 Kilogramm schweren Klumpen an Bord, der sich als brennbar erwies. Analysen ergaben, dass es sich um eine ungewöhnliche Methan-Wasser-Verbindung handelt. Methan entsteht bei der Verwesung von organischem Material unter Sauerstoffabschluss. Unter hohem Druck und bei tiefen Temperaturen geht Methan eine eisartige Verbindung mit Wasser ein.

„Dieses Methaneis gibt es, wie wir heute wissen, in den meisten Ozeanen“, erklärt Jörg Ott, Leiter des Departments für Meeresbiologie der Universität Wien. „Als ich bei Kollegen im Meeresforschungszentrum in Kiel zu Gast war, bekam ich ein schmutzig aussehendes Stück Methaneis in die Hand“, erzählt Ott. „Wir haben es angezündet, es brennt wie Trockenspiritus.“ Der Meeresforscher weiß von seltsamen Lebewesen zu berichten, die in der Tiefsee auf dem Methaneis gefunden wurden. „Es gibt dort den Eiswurm, eine Art Borstenwurm, der die Bakterien frisst, die als dünne Schicht auf dem Methaneis sitzen und sich davon ernähren.“

Eine Erwärmung der Ozeane oder eine tektonische Hebung des Meeresgrundes kann, sagen Forscher, zu einem Zerfall dieser Substanz und zur Freisetzung enormer Methanmengen führen. „Dies kann gravierende Einflüsse auf das Klima haben“, warnt Ott. Denn Methan führe zu einem viel stärkeren Treibhauseffekt als Kohlendioxid. Offenbar war das schon mehrmals in der Erdgeschichte der Fall. Aus der Analyse von Eisbohrkernen wissen die Forscher nämlich, dass sich das Klima oftmals innerhalb weniger Jahre oder Jahrzehnte sprunghaft geändert hat – und nicht langsam wie bis dahin angenommen. Austretendes Methan heizt die Atmosphäre auf.

„Als Folge davon zerfällt in den erwärmten Ozeanen noch mehr Methaneis zu Methan, und der Prozess verstärkt sich durch diese positive Rückkoppelung enorm“, erklärt Ott. Dass die gewaltigen Naturkatastrophen vor 55 und vor 250 Millionen Jahren mit einer massiven Methanfreisetzung aus dem Meer zusammenhängen, gilt seit Kurzem als relativ sicher. Meeressedimente dieser Zeit zeigen beispielsweise Spuren von Unmengen fossiler Mikroorganismen, die nur in sauerstoffarmer, methanreicher Umgebung leben können.

Wenn durch eine Rutschung oder ein Seebeben Millionen winziger Methanbläschen aufsteigen, bekommt Meerwasser ein äußerst niedriges spezifisches Gewicht und kann Schiffe nicht mehr tragen, wie Modellversuche zeigten. Funksprüche bei manchen Schiffsuntergängen, die von „weißem Wasser“, von „weißem Nebel“ und „leuchtendem“ ionisiertem Wasser berichten, könnten auf diese Ursache zurückgehen. 150 Kilometer nördlich der schottischen Stadt Aberdeen wurden in einem Ozeangebiet namens Hexengrund am Meeresboden eigenartige Löcher gefunden. 2002 fand der Meeresbiologe Alan Judd mit einem ferngesteuerten Forschungs-U-Boot in einem solchen Loch in 150 Meter Wassertiefe ein Schiffswrack aus der Zeit zwischen 1880 und 1930, das aufrecht ohne jede Beschädigung am Meeresgrund lag. Die Krater stammen nach seinen Analysen von Methanfreisetzungen, die möglicherweise den Fischkutter versenkt hatten. Erst seit wenigen Jahren wird Methaneis erforscht. Das Beispiel macht deutlich, wie wenig wir noch über unseren Planeten wissen.