Bryan Ferry: „Ich habe das Wort Glam immer gehasst“

In zwei Wochen wird er beim Jazzfest Wien singen: Bryan Ferry erinnert sich im profil-Gespräch an seine Zeit mit Roxy Music, erzählt von seinem Verhältnis zu Mode, Pop Art, Bob Dylan und Billie Holiday – und von seinem jüngsten Album „The Jazz Age“.

Interview: Thomas Mießgang

profil: Auf Ihrem jüngsten Album interpretieren Sie Songs von Roxy Music im Stil des New-Orleans-Jazz der 1920er-Jahre neu. Ihre Liebe zur Improvisationsmusik war bislang nicht aktenkundig.
Ferry: Das täuscht. Meine Liebe zum Jazz reicht weit zurück. Schon als Zehnjähriger habe ich diese Musik im Radio gehört. Und im nordenglischen Newcastle, wo ich aufwuchs, gab es regelmäßig Konzerte britischer Musiker, die den New-Orleans-Stil pflegten, Chris Barber zum Beispiel oder Humphrey Lyttelton. Das war großartig: Trompeten, Saxofone, Klarinetten und Posaunen, die kleine Konzertsäle mit herrlichem Lärm erfüllten. Das beflügelte schon damals meine Fantasie. Mit dem Ersatz-Jazz der Engländer war ich bald nicht mehr zufrieden, also versuchte ich, die Originalversionen aus den USA zu finden: Louis Armstrong, King Oliver, etwas später Duke Ellington. So folgte ich der Geschichte des Jazz chronologisch bis in die 1950er-Jahre: Der Saxofongott Charlie Parker wurde eines meiner Idole. Armstrong war der große Musikrevolutionär der Roaring Twenties, Parker trat 20 Jahre später sein Erbe an, als der Bebop populär wurde.

profil: Zwischen New-Orleans-Jazz und Bebop gibt es doch signifikante Unterschiede.
Ferry: Natürlich, Bebop ist viel komplexer. Für Traditionalisten klang das wie eine musikalische Fremdsprache, aber ich konnte die Schönheit darin erkennen. Und weil ich der Einzige in meiner Altersgruppe war, der sich für solche Klänge begeisterte, fühlte ich mich souverän und exklusiv. In den 1960er-Jahren kamen dann andere Leidenschaften: Otis Redding etwa und die Soulmusik des Stax-Labels aus Memphis.

profil: Der Jazz geriet ins Hintertreffen?
Ferry: Ich beschäftigte mich lange Zeit kaum mehr damit. In meinem Plattenschrank überlebten nur die Alben ganz weniger Musiker, darunter eben Charlie Parker und auch Billie Holiday. Ihre wundervolle, tragische Stimme hat mich immer bezaubert. Niemand kam ihr gleich, sowohl im Timbre als auch in der Phrasierung.

profil: Parker und Holiday, das sind zwei Jazzkünstler, die auch berüchtigt waren für ihren besonders exzessiven Lebensstil: Drogen, Alkohol, im Falle von Billie Holiday auch Prostitution.
Ferry: Die dunkle Seite ist eben interessanter als das Licht. Das waren zwei gequälte Seelen, deren harte Lebensumstände sich auch in ihrer Musik abzeichneten. Das machte für mich auch einen Teil ihrer Anziehungskraft aus. Allerdings vertrete ich nicht die Meinung, dass man Drogen konsumieren muss, um großartige Musik zu machen. Es ist eher ein Wunder, dass Leute, die ein derartiges Leben führten, zu solchen künstlerischen Höhenflügen fähig waren.

profil: Mich überrascht, dass Sie den Namen Miles Davis nicht erwähnt haben. Das müsste doch ein Mann nach Ihrem Geschmack sein: cool, arrogant, modebewusst bis in die letzte Bügelfalte, dazu ein großer Stilist auf der Trompete und ein unermüdlicher Musikerneuerer.
Ferry: Ja, er war schon cool. Ich liebe seine Musik, aber sie hat mich nie so sehr inspiriert wie jene von Charlie Parker. Natürlich war Davis ein phänomenales Talent, und ich hätte ihn gerne persönlich kennengelernt, aber das war mir leider nicht vergönnt. Meine einzige Verbindung zu Miles Davis war der Bassist Marcus Miller, der auch bei einigen meiner Soloalben dabei war. Ich löcherte Marcus gern mit Fragen nach dem Meister.

profil: „The Jazz Age“, Ihr neues Album, ist erstaunlich: Nicht nur atmen die Arrangements den Geist der 1920er-Jahre, es klingt genau wie eine Original-Schellackplatte. Wie haben Sie das hingekriegt?
Ferry: Wir nahmen die Musik auf wie in der Frühzeit des Jazz: mit einem einzigen Raummikrofon, das den Klang der ganzen Band aufzeichnete. Dann experimentierten wir mit digitalen Mitteln zwischen HiFi und LoFi, bis alles „echt“ klang. Regisseur Baz Luhrmann hörte die Platte, als er gerade „The Great Gatsby“ drehte, und er war so begeistert, dass er uns einlud, am Soundtrack mitzuwirken. Wir produzierten dann noch ein paar Songs speziell für den Film.

profil: Sie wollten ursprünglich bildender Künstler werden, waren an der Art School in Newcastle in der Klasse von Richard Hamilton, dem bedeutendsten Vertreter der britischen Pop Art. Es soll damals im Norden ja zwei Schulen gegeben haben: existentialistisch gestimmte Studenten, die Bärte trugen und zum Lachen in den Keller gingen, und flamboyante Vertreter der Popkultur. Wo waren Sie zu finden?
Ferry: Natürlich bei der Popkultur, die auch von Hamilton vehement propagiert wurde. Er war ein großer Fan des Motown-Sounds, von Girl-Groups wie The Shirelles oder The Supremes. Das war alles neu, faszinierend und herausfordernd: die amerikanischen Autos, die Bilder auf den Werbeplakaten, die Pin-up-Mädchen – das visuelle Repertoire der Pop Art. Es gab ja eine starke Verbindung zwischen der Universität von Newcastle und den US-Künstlern, die vor allem in New York lebten. Einige meiner Künstlerfreunde arbeiteten mit Andy Warhol und Claes Oldenburg. So war man näher am US-Geschehen dran als die Leute aus London.

profil: War es für Sie damals schon vorstellbar, eine Karriere als Popmusiker ins Auge zu fassen?
Ferry: Keineswegs. Ich war als Teenager geradezu besessen davon, Künstler zu werden; die einzige Alternative wäre Kunsthistoriker gewesen, weil ich ein bisschen an meinem Talent zweifelte. Die Möglichkeit, bei Richard Hamilton zu studieren, hat dann den Ausschlag gegeben. Dennoch trat ich schon während meines Studiums zum ersten Mal auch mit einer Band auf. Das kostete mich viel Selbstüberwindung, denn ich bin sehr schüchtern – und die Vorstellung, mich als Sänger vor Publikum zu produzieren, flößte mir Angst ein. Aber irgendwie schaffte ich es, der traumatisierenden Situation standzuhalten.

profil: Hat die Pop Art nicht auch Roxy Music beeinflusst? Das war ja keine normale Band, sondern in Sound und Styling ein glamouröses Performance-Kunstwerk, fast schon eine lebende Skulptur.
Ferry: Roxy Music war der Versuch, meine beiden großen Leidenschaften – bildende Kunst und Popmusik – unter einen Hut zu bringen. Neben amerikanischem Rock hatte ich viel John Cage gehört, der intensive Beziehungen zu Künstlern wie Jasper Johns unterhielt. In den späten Sixties lud man mich zu einem Abendessen ein, bei dem auch Cage anwesend war. Im Gespräch mit diesem Komponisten realisierte ich plötzlich, dass ich meine Kunst auch im Rahmen der Musik verwirklichen könnte. So begann ich Songs zu schreiben, fand die Leute, die schließlich den Kern der Band Roxy Music ausmachten: den Oboisten und Saxofonisten Andy Mackay, den Gitarristen Phil Manzanera. Brian Eno schaute am Anfang nur vorbei, um unsere Musik aufzunehmen, weil wir kein eigenes Tonbandgerät hatten. Er kam, sah und blieb. Denn wir verfügten schon damals über einen VCS-3-Synthesizer, der lockte ihn wohl an. Das Gerät gehörte allerdings Mackay, der Musiklehrer war und es in seinem Unterricht verwenden wollte.

profil: Der Mythos, dem zufolge Brian Eno Nichtmusiker war, der eher zufällig in die Rock-Musik gestolpert sei, stimmt also?
Ferry: Definitiv. Aber er war sehr lernfähig. Als er den Synthesizer schließlich in seinen Klauen hatte, konnte er ihm schnell eine Vielzahl von Geräuschen entlocken, die bestens zur Musik von Roxy Music passten.

profil: Wie war denn die Arbeitsteilung innerhalb der Band? Sie schrieben die Songs, die anderen kümmerten sich um den Klang?
Ferry: Das wäre zu simpel. Ich lieferte meist das Grundgerüst, aber danach arbeiteten wir eng zusammen. Jeder trug Ideen zur Entwicklung der Songs bei, bis wir alle zufrieden waren. Ich sah mich weniger als Komponisten, eher als eine Art Klangregisseur. Manchmal sang ich Andy oder Phil Ideen für ein Solo vor, und sie formten daraus mit ihren Instrumenten eine Klanggestalt. Für den Anfang des Songs „Lady-tron“ sagte ich zu Eno: „Es muss so klingen, als wäre man auf dem Mond: eine lunare Landschaft, darüber die endlose Weite des Alls.“ Brian fummelte am Synthesizer herum und fand den perfekten Sound, der tatsächlich wie ein Klangsignal vom Mond erschien. Die Chemie hat bei Roxy Music definitiv gestimmt.

profil: War Ihnen bewusst, dass Sie im Begriff waren, eine Klangrevolution auszulösen, als Sie das erste Album aufnahmen?
Ferry: Ja. „Re-Make/Re-Model“ klang völlig anders als die Songs, die damals in den Charts waren. Wir hatten das schon im Studio gespürt: Da war eine Atmosphäre der Erregung, eine Nervosität, die beinah elektrisch knisterte. Roxy Music war wie ein Auffangbecken: Da waren meine Prägungen durch Jazz, R&B und sogar die Showbiz-Musik von Cole Porter und Irving Berlin, Fred Astaire und Gene Kelly. Andy Mackay brachte seine detaillierten Kenntnisse der Klassik ein, Eno wiederum war ein großer Kenner von Terry Riley und der amerikanischen Minimal Music.

profil: War der Abgang von Eno nach dem zweiten Roxy-Album „For Your Pleasure“ 1973 ein harter Schnitt in der Geschichte der Band? Er war es doch, der den Klang unverwechselbar machte.
Ferry: Das war nicht so dramatisch. Die Platte „Stranded“, die unmittelbar nach Brians Ausstieg entstand, ist doch gut gelungen. Und, wenn ich Ihnen ein Geheimnis verraten darf: Es ist auch Enos Lieblings-Roxy-Music-Album. Was wir an elektronischer Exzentrik verloren hatten, konnten wir durch andere Finessen kompensieren. Ich finde es ganz normal, dass Bands sich verändern. Es ist doch pervers, die gesamte Karriere mit denselben drei, vier Musikern zu bestreiten, wie dies die Beatles oder U2 getan haben.

profil: Sie betrieben schon zu den Zeiten der großen Erfolge von Roxy Music parallel eine Solokarriere, interpretierten da überwiegend Coverversionen. Warum eigentlich?
Ferry: Ich wollte nach „For Your Pleasure“, diesem sehr dunklen und depressiven Album, leichtere, beschwingte Musik machen. Außerdem wollte ich nicht mehr ständig meine eigenen Ängste thematisieren. Deshalb stellte ich Songs unterschiedlicher Autoren aus ganz verschiedenen Epochen zusammen und versuchte diese Musik mit meiner Stimme zu bewohnen. Ich war erstaunt, wie erfolgreich dieser Plan auf Anhieb war. Ich erreichte damit ein Publikum, dem Roxy Music zu obskur und zu bedeutungsschwanger war.

profil: Es gibt einen Künstler, dessen Lieder sie geradezu obsessiv immer wieder interpretiert haben und dem Sie 2007 sogar ein ganzes Album widmeten: Bob Dylan. Sind Sie ihm je persönlich begegnet?
Ferry: Leider nein. Ich bewege mich nicht in Rockstar-Zirkeln. Ich vermute, dass Dylan in seiner eigenen Welt eingeschlossen ist – und mir ergeht es ähnlich. Mir genügt sein Werk, an dem ich mich abarbeiten kann. Eine persönliche Begegnung würde diese Beziehung vielleicht nur zerstören.

profil: Hat er je von Ihren Interpretationen seiner Songs Notiz genommen?
Ferry: Keine Ahnung. Ich nehme an, er wird sie schon irgendwann einmal im Radio gehört haben. Aber was soll’s: Dylan spielt in seiner eigenen Liga. Da kommt niemand auch nur in die Nähe.

profil: Sie gelten nicht nur als Glamrock-Pionier und als musikalischer Exzentriker, sondern auch als Mode-Ikone, als einer der bestangezogenen Männer der Welt. Das britische Modehaus Marks & Spencer hat Sie sogar als Model für eine Kampagne engagiert. Wie wichtig ist der Fashion-Aspekt im Gesamtkunstwerk Bryan Ferry?
Ferry: Sehr wichtig, weil ich schon seit den frühen Tagen von Roxy Music mit dem Modedesigner Anthony Price, der ein enger Freund ist, zusammenarbeite. Ich traf ihn, als wir gerade das erste Album aufnahmen. Ich wollte etwas Hollywood-Glamour einbringen und fragte ihn, ob er uns beim Cover und bei den Outfits der Musiker helfen könnte. Er gestaltete die Albumhülle mit einem seiner Kleidungsentwürfe, brachte sogar das Model für die Fotosession selbst mit. Daraus wurde ein Klassiker: ein Cover, bei dem es auch heute noch Klick macht. Unsere Zusammenarbeit dauert bis heute an. Am Anfang bevorzugten wir retro-futuristische Outfits. Davon habe ich mich inzwischen verabschiedet. So etwas kann man nur tragen, wenn man die 30 noch nicht überschritten hat. Man will ja nicht wie Klaus Nomi aussehen! Später kamen der weiße Smoking und all die anderen klassischen Ensembles. Aber Anthony ist mein Leib- und Magenschneider geblieben. Auch wenn ich ihm in den letzten Jahren gelegentlich untreu geworden bin.

profil: Allerdings wurden Sie nicht als Landadeliger geboren, sondern als Sohn eines Minenarbeiters. So gesehen würde man Sie auf der Seite von Labour vermuten. Nun liest man aber, dass Sie eher den Tories zuneigen und Premier David Cameron für einen fähigen Mann halten. Was ist da passiert?
Ferry: Dazu möchte ich mich nicht äußern. Die Politik ist nicht mein Geschäft. Glücklicherweise ist die Interviewzeit fast abgelaufen: Das rettet mich!

profil: Auch mit der Glam-Bewegung, die T. Rex, Gary Glitter, The Sweet und David Bowie vertraten, haderten Sie schon in den frühen 1970er-Jahren.
Ferry: Ehrlich gesagt habe ich das Wort Glam immer gehasst. Was hatten wir denn mit all diesen anderen Künstlern gemeinsam? Na gut, David Bowie lasse ich mir noch einreden. Aber der Rest war doch bloß ein Medienhype – eine bequeme Art, Leute, die seltsam aussahen, in eine Schublade zu packen und dabei ihre jeweilige Einzigartigkeit zu ignorieren. Nein, mit Glam wollte ich nie etwas zu tun haben.

Zur Person
Brian Ferry, 68, ist ein vollendeter Gentleman: Als er im perfekt taillierten Anzug kurz vor die Tür seines Studio One in Westlondon tritt, schlendern Arbeiter im Blaumann aus einem benachbarten Betrieb die Straße entlang. „Herrlich, endlich ein paar Sonnenstrahlen“, ruft er ihnen zu und beginnt eine kleine Plauderei. Keine Barrieren, keine Bodyguards: Rock-Aristokratie und Working Class, das geht im Universum des Bryan Ferry gut zusammen; der Mann wurde schließlich als Sohn eines Minenarbeiters in Norden Englands geboren, ehe er sich als Landadeliger neu erfand. Heute zählt er zu den verlässlichsten Größen des Popgeschäftes und ist – im Gegensatz zu zahlreichen anderen Rock-Dinosauriern seiner Generation – stets für Überraschungen gut.
In den frühen 1970er-Jahren konzipierte er gemeinsam mit dem Elektronikbastler Brian Eno die Band Roxy Music: ein flamboyantes Glamrock-Ensemble mit schrill-futuristischen Outfits und einer Musik zwischen Fifties-Rock ’n’ Roll, Vaudeville und Elektrozirpen, die wie ein Meteorit aus dem Weltall in die Popszene einschlug. Songs wie „Virginia Plain“ und „Do the Strand“ sind auch heute noch rätselhafte Solitäre im Meer des Kommerzes. Nach dem Abgang von Eno entwickelte sich Roxy Music zu einem gehobenen Mainstream-Act, dem bis zur Auflösung in den 1980er-Jahren immer wieder Hits gelangen – siehe „More than this“. Zu diesem Zeitpunkt hatte Bob-Dylan-Verehrer Ferry allerdings längst eine parallele Solokarriere gestartet und feierte mit Liedern wie „The In-Crowd“ und „Kiss and Tell“ große Erfolge. Vor einigen Monaten brachte der gereifte Dandy der britischen Popszene das Ins-trumentalalbum „The Jazz Age“ mit Interpretationen seiner alten Hits im Stil der 1920er-Jahre heraus und steuerte einige Nummern zum Soundtrack von Baz Luhrmanns Klassiker-Adaption „Der große Gatsby“ bei. Motto: „Don’t Stop the Dance.“ Es darf nie enden.

Link: Bryan Ferry gastiert am 1. Juli im Rahmen des Jazzfest Wien in der Wiener Staatsoper