Franz Fuchs: Gruß vom Bomber

Zwei der sechs Bekennerbriefe schickte Franz Fuchs an profil. Herbert Lackner über seinen nicht ganz korrekten Umgang mit den beiden Schreiben.

Der 9. Juni 1995 war ein schöner Frühsommer-Freitag. Freitags herrscht in der profil-Redaktion Hochbetrieb, die meisten Manuskripte werden fertiggestellt. Wie oft an solchen Tagen kam Johanna Fally, damals schon seit 15 Jahren Stütze im profil-Sekretariat, auch an jenem Freitag erst am frühen Nachmittag dazu, die Leserpost zu öffnen. Der Posteinlauf war weit umfangreicher als heute – E-Mail gab es ja noch nicht. Johanna Fally öffnete üblicherweise die Kuverts mit einem Brieföffner, sortierte die Poststücke in Mappen und legte diese auf den Tisch der Chefredaktion.
Die Mappen enthielten das Übliche: einige Schreiben von Lesern, viele Einladungen zu Pressekonferenzen, Material von PR-Agenturen. Und dann war da ein eng mit Maschine beschriebener Brief, dessen Kopf mir sofort die schon damals nur noch spärlich vorhandenen Haare zu Berge stehen ließ: „Salzburger Eidgenossenschaft. Bajuwarische Befreiungsarmee.“

Der Sprachduktus ließ keinen Zweifel zu, dass es sich tatsächlich um ein Schreiben des Briefbombers handelte. In dem Brief höhnte Fuchs über die Ermittler, aber auch über profil, weil wir ausführlich über die Verdachtslage gegen die Rechtsradikalen Peter Binder und Franz Radl berichtet hatten, deren Unschuld inzwischen bewiesen war. Liebevoll erging sich der Briefschreiber in technischen Details des Bombenbaus.

Ich verständigte umgehend die Staatspolizei. Während die Beamten im Anmarsch waren, fotokopierte ich den Brief – dieses Dokument hatten wir schließlich wirklich „exklusiv“.

Beunruhigenderweise galt die erste Frage der eintreffenden Stapo-Männer genau diesem Umstand: „Haben Sie den Brief fotokopiert?“ Als ich trotzig bejahte („Der Brief ist schließlich an uns gerichtet“), stöhnten die Ermittler auf: Durch die beim Kopieren entstehende Wärme werden etwaige Fingerabdrücke unbrauchbar. Mein schlechtes Gewissen wurde durch die Erklärung eines Beamten abgefedert, es sei wohl kein großer Schaden entstanden: Man habe auch auf den früheren Briefen keine Fingerprints gefunden.

Das zweite Schreiben des Briefbombers an profil traf an einem Montag Ende September 1996 ein. Nach einer langen historischen Erörterung, in der sich das Bombenhirn unter anderem in Theorien über „die Geschichte des antiken bairisch-österreichischen Volkstammes des Bajuwaren“ verstieg, folgten zehn mit einem Zahlencode verschlüsselte Seiten. Das hatte der Bomber zuvor noch nie gemacht.

Die Ermittler schickten den Brief an den inzwischen zu einiger Berühmtheit gelangten US-Geheimdienst NSA, der in solchen Fällen die erste Anlaufstelle war. Noch bevor die NSA den Code geknackt hatte, gelang dies dem österreichischen Heeresnachrichtenamt HNA. Der chriffrierte Teil dieses letzten Bekennerbriefs entpuppte sich als Sensation. Er begann mit den Worten: „Die BBA bekennt sich zu den Anschlägen in Oberwart und Stinatz, die gegen die aus dem Boden gestampfte Neovolksgruppe der Roma gerichtet waren.“ Es folgten technische Details, die nur der Erbauer der tödlichen Rohrbombe kennen konnte. Nun war eindeutig geklärt, dass Brief- und Rohrbomben demselben Täter zuzuordnen waren.

Gewitzt vom Fehler im Umgang mit dem ersten Brief, hatte ich profil-Fotograf Walter Wobrazek gebeten, die 19 Seiten zu fotografieren, bevor wir sie den Ermittlern aushändigten. Als er sich im stickigen Fotolabor mit weißen Leinenhandschuhen über eine der Seiten beugte, rollte ein kleiner Schweißtropfen über seine Stirn und fiel auf das Blatt.

DNA-Tests dürften damals noch nicht üblich gewesen sein. Walter Wobrazek wurde jedenfalls nie in den Kreis der Verdächtigen aufgenommen.