Bruder Baum, Schwester Kunst

Die documenta 13 versteht sich als Testgelände für ein mit der Natur versöhntes, sinnliches Leben – und problematisiert damit das Erbe der Moderne. Hunde werden diese Ausstellung dennoch nicht zu schätzen wissen.

Von Thomas Edlinger, Kassel

Das gewichtigste Kunstwerk der vor wenigen Tagen eröffneten documenta wiegt 37 Tonnen. Streng genommen ist es allerdings keine Kunst, vielmehr das Resultat eines interplanetarischen Unfalls: ein in Nordargentinien gefundener Meteorit aus reinem Eisen, immerhin der zweitgrößte seiner Art auf dieser Welt – er ist älter als die Erde selbst und kennt trotzdem weder Tod noch Leben. Am Ende kam er dann doch nicht bis nach Kassel: Die indigene Bevölkerung hatte Bedenken gegen das Ausfliegen des Meteoriten geäußert. Das wohl leichteste Kunstwerk dagegen stammt, wie so viele in Kassel, aus dem Jahr 2012. Es besteht aus der Umarmung zweier Tsetsefliegen in einer Glasvitrine. Das Weibchen war fruchtbar, das Männchen steril, und nun sind beide im Tod vereint, eingefroren zu einem Schaubild fast wie aus dem naturwissenschaftlichen Museum. Der mahnende Werktitel „Sleeping Sickness“ des thailändischen Künstlers Pratchaya Phinthong weist auf die immer noch epidemische Schlafkrankheit in Afrika und damit auf den diskursiven Resonanzraum jedes noch so winzigen, gleichwohl ästhetisch präparierten Kadavers in Kassel hin.
Zwischen der gescheiterten Meteoritenpräsentation und dem Blick auf die kleinsten Dinge erscheint fast alles möglich in dieser expansiven Schau: Sie nimmt die einst heiße Definitionsfrage von Kunst nicht mehr so wichtig und streckt ihre Fühler bis zu Außenstellen in Afghanistan, Ägypten und Kanada: Man zeigt Salvador Dalí und Zellforscher, schrille Performances im Dunkeln und eine nachgebaute Hinrichtungsstätte in der Sonne, bunten Ethnokitsch und militärisch organisierte Pflanzenvorstöße im Barockgarten, Ökoaktivismus in Form von in Gold nicht aufzuwiegenden Ackerbodenbarren sowie einen Hightech-Jahrmarkt über die Wunder der Quantenphysik unter Leitung des einzigen österreichischen Teilnehmers, des Wissenschaftsstars Anton Zeilinger.

Die im gemächlichen, den Erwartungsdruck traditionell hochschraubenden Fünfjahresrhythmus stattfindende documenta hat seit jeher den Anspruch, Maßstäbe zu setzen und auszuloten, was die Kunst der Welt zu sagen, zu bieten und auch entgegenzusetzen hat. Diesmal allerdings spannt sie den Bogen noch weiter: Sie fragt nicht nur nach den Möglichkeiten der Kunst, ihren Formen und Bezügen, sondern integriert in einem kaum noch überschaubaren und nur an mehreren Tagen überhaupt zu bewältigenden Parcours kurzerhand auch vieles von dem, was nicht Kultur, sondern Natur, was weder vom Menschen noch für den Menschen gemacht ist.

Man hatte schon im Vorfeld der immer noch international bedeutendsten Gegenwartskunstschau von der höchst erfolgreich Irritation säenden Sichtweise der exzentrischen und resoluten Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev auf die (angeblich fremdverschuldete) Unmündigkeit der Dinge, Pflanzen und Tiere gehört, von ihrer Vorliebe für die singenden und tanzenden Photonen, von ihrem Engagement für die politischen Intentionen der Erdbeeren, von ihrer Zurückweisung des kategorialen Unterschieds zwischen Frauen und Hunden – und von dem Wunsch der ausgewiesenen Feministin und Hundenärrin, dass dieser Sommer in Kassel nicht nur die Busladungen der Zweibeiner, sondern auch die mit allerlei olfaktorischen und floralen Lockstoffen geköderten Bienen- und Schmetterlingsgeschwader sowie die in der sommergrünen Karlsaue herumschnüffelnden Hundetouristen zufriedenstellen möge. Sogar um die Psyche des Meteoriten, der nicht als ready made from outer space ausgestellt und somit zur Kunst verwandelt, sondern als ein radikal „Anderer“ mit den Besuchern stumm hätte kommunizieren sollen, hatte sich die Italoamerikanerin gesorgt. So fragte Christov-Bakargiev mit heiligem Ernst in ihrem zur Eröffnung vorgetragenen Leittext durch die Ausstellung: „Hätte er sich gewünscht, diese weite Reise anzutreten? Hat er irgendwelche Rechte? Und wenn ja, wie könnten diese ausgeübt werden?“ Doch mit der Einfühlung in die Seele des Anorganischen war es noch nicht genug: Das Mantra des Konzepts der Konzeptlosigkeit und das Loblied auf die eigene Verwirrtheit wurden da so beherzt angestimmt, dass ein Journalist bei der Pressekonferenz gar schon den Rückfall hinter zweieinhalb Jahrtausende Zivilisation befürchtete.

Als sich aber die Pforten der documenta 13 am Mittwoch vergangener Woche für die Presse öffneten, konnte doch rasch Entwarnung durchgegeben werden: Die Ausstellung wird Hunden nicht gefallen, und zwar schon deshalb, weil sie fast überall draußen bleiben müssen. Die aktuelle documenta handelt nämlich, allem Gerede von der Abkehr vom Anthropozentrismus zum Trotz, vor allem von sinnlichen Erfahrungen und einem intuitiven Wissen für eine von Krisen bestimmte Zeit, wie es nur von Menschen bereitgestellt werden kann.

Es gibt in dieser Ausstellung wenig zu lesen und viel zu schauen – und zu erwandern. Die documenta feiert, fast konservativ, den oft um Distanz ringenden Eigensinn des künstlerischen Akts und verzichtet dafür weitgehend auf die in ver­gleichbaren Ausstellungen ermüdenden Antikapitalismusslogans von der Stange und die übliche Anklagerhetorik. Das heißt natürlich nicht, dass hier keine kritischen Töne und keine weltverbesserischen Ansprüche auszumachen wären: Von einer alternativen Tauschökonomie bis zum Wunsch nach dem Eintrag der Erdatmosphäre in die Weltkulturerbeliste finden sich allerlei konkrete Vorschläge, und zahlreiche politisch brisante Arbeiten ranken sich um die Brennpunkte Naher Osten und Afghanistan. Aber all diese Einsprüche, etwa die erfindungsreichen Text-Bild-Kommentare zur arabischen Kunst von Walid Raad, verfolgen eine störrische, fiktional durchsetzte Logik, die sich zu einem instrumentalisierbaren Programm nicht fügen will. Zur Unübersichtlichkeit gehört auch, dass keines der üblichen Großausstellungs-Generalthemen ausgegeben wurde.

Dafür manifestiert sich umso deutlicher eine echte kuratorische Handschrift. Im Fridericianum, dem Auftaktort der diesmal so weitläufig und verstreut wie noch nie angelegten documenta, zeigt sich diese zunächst in einer demonstrativen Geste der Entleerung. Dort erwartet einen tatsächlich als Entree das Nichts – oder besser: fast nichts außer einer frischen Brise. Gäbe es noch einen Sinn für das Wort Avantgarde, man könnte diese Ambivalenz aus verschwenderischem Schauwertverzicht (schließlich sind rund 150 Künstlerpositionen in Kassel zu verteilen) und metaphorischer Durchlüftung der Tradition tatsächlich fast avantgardistisch nennen. Der sanfte Wind der Ventilatoren, installiert von Ryan Gander, streicht über den leeren zentralen Raum und verfängt sich in allen anderen Orten im Erdgeschoß. Er umweht auch drei fragile, körperzentrierte Skulpturen des Spaniers Julio González aus den 1930er-Jahren, die bereits 1959 in Kassel zu sehen waren und den rechts gespiegelten Raum äußerst dezent bespielen. Man könnte diesen ersten respektvollen und später variierten Verweis auf die moderne Ästhetik der Empfindsamkeit nicht nur als Ouvertüre für die zahlreichen Modulationen der Beziehungsarbeit zwischen den documenta-Stichworten „Zusammenbruch“ und „Wiederaufbau“, sondern auch als erstes Zeichen für das durchaus widersprüchliche Verhältnis dieser Ausstellung zur modernistischen Tradition verstehen. Denn kaum gelangt man in die Rotunde, erscheint der fortschrittsorientierte Geist der Moderne, den die vorige documenta noch als unsere mögliche Antike auffasste, wie besoffen vom Glück zufälliger ­Begegnungen paraguayischer Keramikflaschen und im libanesischen Bürgerkrieg deformierter Objekte.

Doch während man 2007 noch nach Gemeinsamkeiten des modernistischen Formenvokabulars mit anderen Epochen und Regionen fahndete, scheint man hier die Moderne im Sinne des Soziologen Bruno Latour als vorübergehende Ära der gewaltsamen Trennungen von Glaube und Wissen, Körper und Geist, Mann und Frau, Mensch und Ding zu begreifen, die nun – endlich! – wieder zugunsten einer uns neu erscheinenden, in Wahrheit aber alten, hybriden Lebensform überwunden wird. Wir sind nie modern gewesen, behauptet Latour polemisch, und die Kasseler Lust an den Verknüpfungen scheint diese These belegen zu wollen. Heißt das: zurück zum Mythos, zum Fetisch Kunst, den wir mit Bedeutungen aufladen wie andere ihre Handymarken?

Zum Glück nicht. Denn der erste Eindruck eines unentschieden zwischen Kunst, Kunsthandwerk und Zeugnissen realer Schrecken changierenden Sammelsuriums, einer vollgepackten Wunderkammer der wiederverzauberten Dinge in der Rotunde täuscht. Hier, so meint die im Verbund mit zahlreichen Beratern und „Agenten“ durchaus konzeptuell vorgehende und präzise montierende Chefkuratorin, befinde man sich im zentralen Kraftfeld der Ausstellung: im Therapiezimmer der Traumabearbeitung. Die documenta-Leiterin nennt den Raum in ihrem Faible für den Animismus der Atome das Gehirn der Ausstellung, in dem nicht nur die Bilder, sondern vor allem die Objekte ihr Eigenleben entwickeln. Die Synapsen laufen kreuz und quer, schlagen teilweise Funken. Ein Beispiel: Die „Baktrischen Prinzessinnen“, rund 4000 Jahre alte Steinfiguren, entstammen der Region, die wir heute Afghanistan nennen, jenem Land, in dem die Taliban die berühmten Buddha-Figuren zerstörten, das selbst seit ­Jahren unter dem Krieg leidet. Gleich daneben findet sich ein Gemälde Gustav Metzgers, des späteren Erfinders der „autodestruktiven Kunst“, dessen radikaler Kritik am Fetischcharakter der Kunst wiederum Mohamed Yusuf Asefi mit einem Landschaftsbild indirekt antwortet. Asefi rettete jahrelang figurative Gemälde in Kabul vor dem islamistischen Furor der Zerstörung, indem er die Gestalten von Menschen und Tieren durch die Übermalung mit Aquarellfarben tarnte.

Wenn die Rotunde im Fridericianum das Gehirn der documenta ist, so findet sich das Herz am Hauptbahnhof. Dort weht keine frische Brise, sondern der lange Atem der Geschichte. Wehmütige Streicher aus dem Nichts erinnern daran, dass deutsche Bahnhöfe sich nicht so einfach aus dem dunklen Schatten der NS-Deportationen lösen können. Der Berliner Künstler Clemens von Wedemeyer analysiert in einer klugen, identifikationskritischen Arbeit auf drei Leinwänden das Verhältnis heutiger Jugendlicher zur Gedenkstätte Breitenau bei Kassel, wo einst ein Konzentrationslager, später ein Mädchenerziehungsheim errichtet war. Über einem verlassenen Gleis wird eine wie von Geisterhand dirigierte Choreografie von sich öffnenden und schließenden Jalousien abgespielt, ein Eingang führt zu einem Grottenkino, in dem ein Film zur mexikanischen Psychiatrie läuft. Eine trotz seiner Monumentalität eigentümlich subtile Ruinenromantik verströmt der im Auslauf des Bahnhofs platzierte Indus­trieschrotthaufen, während in einer Videoarbeit der Müllplatz eines indischen Slums zum Laufsteg für eine Ballerina wird. In solchen Momenten kippt die Vergegenwärtigung des Leids der indischen Müllmenschen in deren krause Poetisierung.

Dazu gesellt sich noch eine eindrückliche Arbeit des documenta-Routiniers William Kentridge über die Normierung der Zeit im Industriezeitalter: Eine perfekt in Szene gesetzte schnaufende Holzmaschine wird mit Bildern vergehender Galaxien und über die Wände huschender Scherenschnitte von Menschen konfrontiert. Daneben beschwört István Csákány den Produktionsort Näherei, indem er ihn aus hell strahlendem Holz nachbaut und Anzüge als leere Menschenhüllen inszeniert. Die Arbeit heißt übrigens „Ghost keeping“.

Geisterhafte Erscheinungen gibt es in Kassel heuer wahrlich genug – vom Lieblingsmotiv vieler Fotografen, einer weißen, majestätisch im Gras ruhenden Skulptur des thailändischen Filmemachers und Künstlers Apichatpong Weerasethakul, bis zum gut geölten Maschinentheater von Thomas Bayrle, der acht surrende Motoren zeigt, deren Betriebgeräuschen Aufnahmen von Gebeten und Kirchengesängen beigemischt sind. Auch anderswo sind es Stimmen aus einer verfremdeten Welt, die einem entgegenschallen: Bei Florian Hecker ist es eine Stimmenmontage, die plötzlich klingt wie eine Horrorfilmtonspur, während einem beim Abstieg von der mit überraschend viel alter Malerei und Plastik gefüllten Neuen Galerie in den Park der Karlsaue die von Menschen imitierten Tierlaute aus einer im grünen Dickicht versteckten Sound-Installation entgegenschallen: „Miau, miau!“, ruft da ein Franzose, und ein Vogelimitator antwortet auf Englisch – oder war es umgekehrt?

Viele Eindrücke verschwimmen zwangsläufig in der Überfülle dieser Präsentation: etwa die Erinnerung an die wie gewohnt virtuos die Fallstricke der Narration auslegende neue Videoarbeit von Omer Fast über die – schon wieder! – Traumaarbeit deutscher Bundeswehrsoldaten nach ihren Einsätzen in Afghanistan. Der in Berlin lebende Israeli hat sein Video in einem bewusst spießig wirkenden Heimwerkerhaus in der Idylle der Karlsaue installiert. Umgekehrt okkupiert die Natur in Form von Baumstämmen die Kunsträume (wie derzeit auch die Hans-Schabus-Schau im Wiener 21er-Haus) oder reklamiert in Videoessays über mythisch aufgeladene Wälder Aufmerksamkeit für ihre Anliegen. Dazwischen sprießt und gedeiht sie aber auch ganz real, an aufgeschütteten Sandhügeln vor der Orangerie im ausladenden Park oder in verwunschenen, so gar nicht zackig-deutsch wirkenden Gärten, wie sie die Post-Heckenscherengeneration der Neoheimwerker so liebt. Hier zeigt sich dann doch noch, was vom abgedrehten documenta-Getrommel zum posthumanistischen Weltbild übrig bleibt: Es ist ein gutmenschlicher Ökoaktivismus, wie er im biogläubigen Mittelstand Europas längst mehrheitsfähig ist. Der treibt hier manchmal skurrile und unfreiwillig komische Blüten – auch wenn der Humor, sogar die gut abgehangene Künstlerironie in dieser Schau sonst eher vernachlässigbare Kategorien sind.
So zeigt sich diese documenta letztlich politisch korrekter, als man zunächst annehmen musste. Sie nimmt das Gebot der Achtung des anderen ernst und weitet es tendenziell auf das Nichtmenschliche aus. Das kann man natürlich belächeln; es bleibt dennoch ein ambitioniertes Unterfangen. Die documenta könnte sich als Testgelände für eine neue Ethik entpuppen, die wir angesichts von Humanbiologie, Genforschung und dem Horror der industriellen Tierverwertung ohnehin bald erfinden werden müssen.

Zugleich aber bleibt diese Weltumarmung seltsam unpolitisch, weil sie sich kaum für die konkrete Gesellschaft und ihre realen Kämpfe und Allianzbildungen interessiert. Kein Wunder, dass Christov-Bakargiev gern von individueller Heilung statt von gemeinschaftlicher Emanzipation spricht – und dass man in Kassel keine Occupy-Chöre vernimmt, sondern stattdessen den Anweisungen von Selfmade-Angsttherapeuten oder dem Personal eines „Sanatoriums“ im Rotkreuz-Look für beschädigte Kunsttouristenseelen lauscht.

Auch das Parlament der „Companion Species“, wie die in Kassel ebenfalls gewürdigte Cyborg-Feministin und Verfasserin eines Hundemanifests Donna Haraway die nicht menschlichen Arten nennt, wird wohl noch auf sich warten lassen. Erste Vorboten, nämlich rotbackige Bio-Erdbeeren, gibt es an einem Stand der Diskursgruppe AND AND AND im Park zu kaufen. Vom Diskurs war vergangenen Donnerstag allerdings noch nichts zu sehen oder zu hören. Aber die Erdbeeren verspeist man, ohne sie danach zu fragen, ob ihnen dies eigentlich recht sei. Sie schmecken übrigens hervorragend.