Brüder im Geiste

Was Haider und Stadler, was Mölzer und Kampl eint, ist Wolfgang Schüssel nie aufgefallen.

In der ÖVP kann man sich bekanntlich vorstellen, sowohl mit der FPÖ wie mit dem BZÖ zu koalieren. Das ist schlüssig: Sosehr die beiden derzeit streiten, unterscheiden sie sich doch nur im Außenanstrich – sobald an dem gekratzt wird, kommt unweigerlich die gleiche Grundfarbe zum Vorschein. Ob der blaue Volksanwalt Stadler bezweifelt, dass Österreich von den Alliierten befreit worden ist oder der orange BZÖ-Bundesrat Siegfried Kampl Partisanen unter die „Kameradenmörder“ zählt und die „brutale Naziverfolgung“ der Nachkriegszeit anprangert – die „Vergangenheit“ bleibt die große Gemeinsamkeit der zu Kleinparteien geschrumpften Nationalen.
Wenn der EU-Abgeordnete Andreas Mölzer, der kürzlich eine Auschwitz-Resolution des EU-Parlaments nicht mitbeschließen wollte, Kampls Äußerungen dann „einfältig“ und „undifferenziert“ nennt, hat das etwas geradezu Köstliches an sich: Er selbst war Autor einer TV-Dokumentation mit dem Titel „In der glühenden Lava des Hasses – die Verbrechen der Titopartisanen zwischen Karawanken und Hornwald“.
So wie er den Kampf der Partisanen nie als Folge des Hitler’schen Angriffskrieges begriff, vermochte er als Kommentator der „Presse“ auch nicht wirklich zwischen den Bombenangriffen der Alliierten und jenen der deutschen Wehrmacht zu unterscheiden – wahrscheinlich ist ihm Stadler deshalb als Parteifreund näher als Kampl, der seine Partisanen-Aussage im „Standard“-Interview vorsichtig korrigierte: Er habe „nicht gesagt, dass alle Deserteure Mörder sind. Nur jene, die Kameraden ermordet haben und dann desertiert sind.“ Schließlich will auch Kampl sich nicht in einen Topf mit Mölzer geschmissen sehen: Er sei zwar „national“, aber „nicht so weit rechts stehend wie Andreas Mölzer oder Ewald Stadler“, sondern versuche vielmehr „in der Mitte zu stehen“.
Da steht er tatsächlich: Dies ist und bleibt die eigentliche Mitte der Freiheitlichen, ob sie sich nun eher zum BZÖ oder eher zum F-Flügel zählen.

Zur Verteidigung Kampls haben Haiders Sprecher Stefan Petzner, der Sprecher von Justizministerin Karin Miklautsch, Christoph Pöchinger, und schließlich der Generalsekretär des BZÖ, Uwe Scheuch, auf die „persönlichen Erlebnisse“ des Bundesrates hingewiesen: Dessen Vater sei nach dem Krieg von den Engländern verhaftet worden und zwei Jahre lang im Gefängnis gesessen.
Tatsächlich ist dies die Erklärung für den erstaunlichen Tatbestand, dass die „nationale“ Sicht der Vergangenheit auch 60 Jahre nach Ende des Kriegs nicht ausgestorben ist, sondern sich bei Menschen findet, die diese Vergangenheit höchstens als Kinder – wie etwa Kampl als Fünfjähriger – miterlebt haben.
Wenn man das Glück hat, seine Sozialisation als Sohn von Widerstandskämpfern erhalten zu haben, kann man sich der Tragik eines solchen Schicksals nicht verschließen: Natürlich liebt ein Fünfjähriger seinen Vater, natürlich empfindet er jene, die den Vater eingesperrt haben, als die eigentlich Bösen.
Es bedarf einer beträchtlichen psychischen Leistung, um zu dem erwachsenen Schluss zu kommen: „Mein Vater war auf der falschen Seite – ich habe ihn trotzdem gern.“ (Es bedarf einer mindestens so großen psychischen Leistung des Vaters, dem Sohn zu dieser Erkenntnis zu verhelfen, indem er ihm das eigene Versagen eingesteht.) Das Problem der FPÖ besteht darin, dass sie von (fast) lauter Männern geführt wurde, die nicht zu diesem Eingeständnis bereit waren, und dass in ihr und im BZÖ nun (fast) lauter Söhne zu Funktionären geworden sind, die nicht zu dieser Erkenntnis gelangt sind.

Jörg Haider, Sohn eines illegalen Nazis, der Hitler nach Deutschland folgte, um mit ihm siegreich in die Heimat zurückzukehren, ist sozusagen das Lehrbuchbeispiel: Natürlich musste es ihn schwer verletzen, den Vater eingesperrt und geächtet zu sehen.
Aber wo etwa der später zum Liberalen Forum abgewanderte ehemalige FPÖ-Minister Friedhelm Frischenschlager sich doch eindeutig aus seiner Familientradition zu lösen wusste („Der Nationalsozialismus war das größte Verbrechen der Geschichte“), nannte Jörg Haider ehemalige Mitglieder der Waffen-SS (darunter mehrere schwere Kriegsverbrecher) in seiner berüchtigten Rede in Krumpendorf 1995 „meine lieben Freunde“ und freute sich, „dass es auf dieser Welt noch anständige Menschen gibt, die einen Charakter haben und auch bei größtem Gegenwind zu ihrer Überzeugung stehen und dieser Überzeugung bis heute treu geblieben sind“. Das sei eine Basis, die „auch an unsere Jungen weitergegeben wird“, denn: „Ein Volk, das seine Vorfahren nicht in Ehren hält, ist sowieso zum Untergang verurteilt.“
Man werde noch beweisen, „dass wir nicht umzubringen sind und dass sich Anständigkeit in unserer Welt allemal durchsetzt, auch wenn wir momentan vielleicht nicht mehrheitsfähig sind. Aber wir sind geistig den anderen überlegen.“
Österreichs Problem ist nicht unbedingt, dass Jörg Haider das gesagt hat. Österreichs Problem ist, dass ein Politiker, der das gesagt hat, einmal fast ein Drittel aller Stimmen erhalten hat und auch jetzt nicht wegen solcher Äußerungen auf fünf Prozent zurückgefallen ist.
Österreichs Problem ist vor allem, dass ein Politiker von der Intelligenz eines Wolfgang Schüssel, der diese Äußerungen kennt, Haider nicht an die Brust genommen hat, um ihm den Atem zu nehmen, sondern ihn ohne Weiteres für regierungsfähig hält.