Brustbilder

Medizin. Der soeben angelaufene Kinofilm „Eine von 8“ ­begleitet zwei Krebspatientinnen durch ihr Leiden. In Österreich ­erkranken jährlich 5000 Frauen neu an einem Mammakarzinom, 1600 ­sterben daran. Bei Früherkennung liegen die Heilungs­chancen bei 90 Prozent.

Ein Mädchen schreibt im Internet: „Ich hab sooo Angst vor dem Schlimmsten.“ Seine Mutter hat soeben die Diagnose Brustkrebs erhalten. „Es war nicht so groß, aber ob das zählt???“ Die geliebte Mama – noch dringend gebraucht vom kleinen Sohn Daniel, der Landwirtschaft und dem Heurigenbetrieb. Jeder fragt sich, wie das weitergehen soll. „Ich lese so Schreckliches im Internet ... dass der Krebs den ganzen Körper verseuchen kann“, schreibt die Tochter.
Sie ist hin und her gerissen zwischen dem Nicht-glauben-Wollen und dem verzweifelten Kapitulierenmüssen vor einer bitteren Wahrheit. Das Nichtwissen macht alles nur noch schlimmer. Die Mutter hat aber Glück: Der Tumor wurde frühzeitig erkannt. Die Patientin bekommt Bestrahlungen, aber keine Chemo. Sie hat eine 90-Prozent-Chance, ihr Leiden dauerhaft zu überstehen. Jedes Jahr erkranken in Österreich etwa 5000 Frauen neu an Brustkrebs, etwa 1600 sterben daran.
Sabine Derflingers Dokumentarfilm „Eine von 8“, der jetzt in den Kinos zu sehen ist, rückt das Thema Mammakarzinom in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Jede achte Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs, das Erkrankungsrisiko wächst mit dem Lebensalter. Die Kurve steigt vor allem zwischen dem 40. und dem 60. Lebensjahr steil an und flacht dann etwas ab. Die Film-Doku betrachtet die Krankheit anhand konkreter Beispiele. Derflinger ­begleitet zwei starke, höchst unterschiedliche Frauen – eine Schauspielerin und eine ­Straßenbahnfahrerin – auf beklemmende Weise durch das Leiden und vermittelt dabei Einblicke in eine Krankheit, die mehr von medialer Desinformation denn von seriöser Information begleitet wird.

Anstieg um 30 Prozent. Brustkrebs ist der häufigste bösartige Tumor bei Frauen. „Seit den siebziger Jahren sind die Brustkrebsfälle in Österreich um 30 Prozent gestiegen, seit der Jahrtausendwende stagnieren sie“, erklärt Michael Stierer, Leiter des Brustzen­t­rums im Wiener Hanusch-Krankenhaus. Laut Statistik Austria schwankte die Zahl der jährlichen Neuerkrankungen in den vergangenen Jahren zwischen 4640 (1999) und rund 5000 (2001 und 2006), in diesem Jahr könnten sie auf 5300 steigen, schätzt der Krebschirurg Michael Gnant.

Die leicht steigende Tendenz hängt vor allem mit dem wachsenden Lebensalter zusammen. Zugleich steigen aber auch die Chancen, die Krankheit zu bewältigen. Die Medizin verzeichnete in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte bei der Behandlung, die in Österreich schwerpunktartig in eigens eingerichteten Brustzentren durchgeführt wird. Die Überlebenszeiten steigen, bei Früherkennung sind 90 und mehr Prozent der Fälle heilbar, bei Späterkennung immerhin noch halb so viele.
Über die Ursachen der Krankheit kursieren die verschiedensten Theorien – von Zusammenhängen mit dem Genuss von Kuhmilch ist ebenso die Rede wie von Abtreibung als abrupt unterbrochenem hormonellem Prozess. „Die Kuhmilch kann nix dafür“, sagt Paul Sevelda, Vorstand der ­Gynäkologisch-geburtshilflichen Abteilung im Krankenhaus Wien-Hietzing. Und dass ein Schwangerschaftsabbruch als Ursache für die Entstehung von Brustkrebs herhalten muss, ist schon insofern ein Unsinn, weil es ja auch natürliche Aborte gibt.

In Wahrheit liegen die Auslöser weitgehend im Dunkeln. Nur beim familiär vererbten Brustkrebs sind die konkreten Ursachen bekannt: „In etwa fünf bis zehn Prozent der Fälle gibt es eine erbliche Komponente, aber nicht alle genetischen Veränderungen sind bekannt“, sagt Ernst Kubista, bis vor Kurzem Leiter der Klinischen Abteilung für spezielle Gynäkologie an der Frauenklinik der Wiener Medizinuniversität. Nach Vorauswahl durch eine von 40 bundesweiten Beratungsstellen werden solche Gentests an der Wiener Frauenklinik auf Kassenkosten durchgeführt.
Auch der Lebensstil kann ein Risikofaktor sein, kumuliert aus einer ganzen Palette von möglichen Einzelfaktoren. Rauchen gilt ebenso als krebsfördernd wie hohe Kalorienaufnahme, übermäßiger Alkoholkonsum, fleischreiche Ernährung, Übergewicht und mangelnde Bewegung. Mehrere Untersuchungen haben gezeigt, dass drei bis vier Stunden wöchentliches Ausdauertraining das Brustkrebsrisiko um acht bis zehn Prozent senkt. Auch die Zahl der Schwangerschaften spielt eine Rolle.

„Die steigende Zahl der späten Erstgeburten und die zurückgehenden Kinderzahlen sind ein Problem“, erklärt Gynäkologe Stierer. „Weil es keine Mangelernährung mehr gibt, sind die Frauen heute viel länger fruchtbar als früher. Die Menstruation setzt früher und der Wechsel später ein. So ist auch die Hormonbelastung viel länger geworden.“ Frauen, die mehrere Schwangerschaften durchgemacht und länger gestillt haben, haben laut wissenschaftlichen Untersuchungen ein geringeres Brustkrebs­risiko.
Die jahrzehntelange unkritische Gabe von Hormonersatzpräparaten hat vor allem in den USA die Zahl der Brustkrebsfälle in die Höhe getrieben. Die Medikamente wurden ab Mitte der siebziger Jahre flächendeckend allen Frauen ab 50 als Jungbrunnen verschrieben, egal, ob sie Menopausebeschwerden hatten oder nicht. Als dann die „Women’s Health Initiative“-Studie im Jahr 2002 einen signifikanten Anstieg der Brustkrebsfälle bei Frauen nach Behandlung mit Hormonersatzpräparaten belegte, gingen solche Verschreibungen weltweit dramatisch zurück. Als Folge davon kam es zu einem deutlichen Rückgang der Brustkrebsfälle vor allem in den USA, aber auch in Deutschland, Holland und in Österreich.
Anfang Oktober präsentierte eine von dem Gynäkologen Georg Pfeiler geleitete Arbeitsgruppe der Wiener Universitätsfrauenklinik das Ergebnis einer diesbezüglichen Studie über die Entwicklung in Österreich. Demnach stieg hierzulande die Verschreibung von Hormonersatzpräparaten von 1998 bis 2000 leicht an, sank aber nach dem Jahr 2003 dramatisch um 70 Prozent. Ein Vergleich der Brustkrebsrate in den Jahren 1999 und 2004 in der Altersgruppe 50 bis 54 Jahre zeigte, so das Studienergebnis, „dass der sinkende Einsatz von Hormonersatzpräparaten in Österreich mit einer Reduktion der Brustkrebsinzidenz unter postmenopausalen Frauen assoziiert ist“.

Raimund Jakesz, Leiter der Abteilung für Allgemein-Chirurgie an der Wiener Medizinuniversität, der das Krebsgeschehen ganzheitlich betrachtet, ortet eine der Ursachen von Brustkrebs im geistig-seelischen Bereich, der in der Schulmedizin oft zu kurz kommt. „Nach meinen Erfahrungen mit Brustkrebspatientinnen spielen ganz bestimmte emotionale Verhaltensmuster eine Rolle: tiefe Traurigkeit, Mangel an Selbstwertgefühl und Liebe.“ In den Gesprächen mit den Patientinnen komme auch oft heraus, „dass sie sich in ihrer Sexualität nicht wirklich gut erkannt fühlen“. Zwar glaubt Jakesz nicht, dass es so etwas wie eine Krebspersönlichkeit gibt, wohl aber, „dass es die emotionalen Voraussetzungen dafür gibt, krank zu werden“, sagte er gegenüber der „Medical Tribune“.

Traumatisierungen. Theresia Mühlbauer, klinische Psychologin und Psychoonkologin am Wiener AKH, hingegen berichtet von Patientinnen mit höchst unterschiedlichem psychischen Background, die zu ihr in die Beratung kommen: „Ich erlebe Patientinnen, die schlimme Traumatisierungen erfahren haben, und andere, wo es nichts dergleichen gibt. Und beide haben die gleiche Prognose.“ Die Psychoonkologin sitzt schon dabei, wenn der Arzt die böse Nachricht überbringt. Weil die Patientin in ihrem Schock laut Studien nur ein Fünftel des Gesagten aufnimmt, liegt es an der Psychologin, ihr das alles nochmals in Ruhe nahezubringen. Es geht dann auch um die Frage: Wie sage ich es meinem Mann, den Kindern oder anderen Angehörigen?
Grob betrachtet, gibt es zwei Arten von Brustkrebs: den duktalen, der vom Milchdrüsengang, und den lobulären, der von den Milchdrüsenläppchen ausgeht, ohne dass sich die beiden Arten histologisch besonders voneinander unterscheiden. Für die Therapie ist vor allem die Frage wichtig, ob es sich um einen hormonempfindlichen Tumor handelt. In diesem Fall lässt sich das bösartige Geschwür gut mit einer antihormonellen Therapie behandeln. Ist der Tumor ­hingegen „Hormonrezeptor-negativ“, also hormonunempfindlich, dann ist die Chemotherapie das Mittel der Wahl.
Bei etwa 20 Prozent der Brustkrebs­erkrankungen handelt es sich um so genannte HER-2-positive Tumore. Für diese Fälle gibt es seit gut drei Jahren eine gezielte ­Therapie mit einem Brustkrebsmedikament namens Herceptin aus der Klasse der Antikörper, auf das die betreffenden Patientinnen gut ansprechen. Eine ungünstigere ­Prognose haben hingegen die so genannten triple-negativen Tumore, wo sowohl die Östrogen- als auch die Progesteron- und die HER-2-Rezeptoren negativ sind, was die Behandlungsmöglichkeiten erheblich einschränkt.
Dennoch sagt Onkologe Jakesz: „Die Heilungschancen sind heute um 25 Prozent besser als vor zehn, 15 Jahren. Wir liegen mit der in Österreich praktizierten Behandlung weltweit im Spitzenfeld, gemeinsam mit den USA und Großbritannien.“ An Jakesz’ Abteilung werden im Bereich Brustkrebs alljährlich neue Beiträge zum Weltwissen erarbeitet. Im Vorjahr präsentierte die von Michael Gnant geleitete Arbeitsgruppe die höchst erfolgreiche Kombination von Chemotherapie mit Bisphosphonaten, heuer stellte der Forscher auf dem Europäischen Krebskongress in Berlin die von seiner Gruppe entwickelte Form der präoperativen Chemotherapie vor. Dazu kommen Forschungsprojekte zur Langzeittherapie oder im Bereich Immuntherapie, „wo es in der Wissenschaft so etwas wie eine Renaissance gibt“, sagt Gnant.

Laut einer von Onkologen der Wiener Medizinuniversität, Department für Innere Medizin I (Leiter: Christoph Zielinski), im Jahr 2006 im „European Journal of Medical Research“ publizierten Studie zeigen sich schon beim frühen Brustkrebs Veränderungen im Immunsystem. Die so genannten dendritischen Zellen, welche die Aufgabe haben, den Killerzellen das Antigen des Angriffsziels (in dem Fall der Brustkrebszelle) zu präsentieren, damit sich die Killerzellen auf die Krebszellen stürzen, zeigen Defekte im Erscheinungsbild und in der Funktion.
Das bedeutet, dass Krebszellen offenbar imstande sind, einen wichtigen Teil des Immunsystems zu schwächen oder auszuschalten, eine Erkenntnis, die eventuell für künftige neue Therapien von Bedeutung sein könnte. Die Onkologen und Gynäkologen sind aber schon heute darum bemüht, keine falschen Ängste aufkommen zu lassen. „Brustkrebs ist eine behandel- und heilbare Krebserkrankung. Selbst wenn alle Prognosefaktoren schlecht sind, beträgt die Heilungschance noch 50 Prozent“, resümiert Gynäkologe Kubista. „Kennt ihr wen, bei der Brustkrebs geheilt wurde?“, fragt das ängstliche Mädchen, das um das Leben seiner Mutter bangt, im Internet. Und: „Bitte sagt ja!!!!“

Mitarbeit: Tina Goebel