Buddha muss bluten

Burma. Der Aufstand der Bevölkerung gegen das Militärregime wurde brutal niedergeschlagen. Ist die Revolte damit vorbei, oder naht das Ende der Diktatur? Fünf Antworten auf die fünf wichtigsten Fragen zur Krise.

Jeder Besucher verspürt die besondere Magie dieses Landes, wenn er abends das fröhliche Treiben an der Shwedagon-Pagode beobachtet“, heißt es im Burma-Reiseführer von Polyglott. „Es sind die Atmosphäre, das Ambiente, der Geruch von einer fremden und doch liebenswerten Welt, die den Reisenden umfangen.“
Von dieser Magie ist in Burma derzeit nichts zu spüren. Der Platz vor der Shwedagon-Pagode – bedeutendstes Heiligtum der Buddhisten in ganz Asien – verwandelte sich vergangene Woche in ein Inferno. Soldaten, bis an die Zähne bewaffnet, die auf alles schossen, was sich bewegte, blutüberströmte buddhistische Mönche, Tränengas, Tote.
Ausnahmezustand im bettelarmen südostasiatischen Land Burma am Indischen Ozean, nördlich von Thailand. Die Protestbewegung, die zunächst von ein paar hundert Menschen in der ehemaligen Hauptstadt Rangun ins Leben gerufen wurde, ist zu einer landesweiten Massenbewegung angeschwollen und blutig niedergeschlagen worden.
Die Ereignisse überschlugen sich vergangene Woche, als sich buddhistische Mönche zu tausenden den Protesten anschlossen und plötzlich auch demokratische Rechte einforderten. Die Militärjunta zögerte zunächst. Zum einen, weil die Mönche höchstes Ansehen genießen. Zum anderen, weil auch die internationale Staatengemeinschaft ein Auge auf die Lage warf. US-Präsident Bush forderte im Rahmen der UN-Vollversammlung vergangene Woche scharfe Sanktionen gegen die Militärjunta. Die Europäische Union drohte mit Handelsbarrieren.
Letztendlich trat jedoch das ein, was Kenner des Landes befürchtet hatten: Die jüngste Revolte wird – wie jede Demokratiebewegung in Burma bisher – niederkartätscht, wenn bisher auch bei Weitem nicht so blutig wie die Aufstände von 1988. Über die Anzahl der Toten gibt es unterschiedliche Angaben. Das Regime hat die meisten Telefon- und Internetverbindungen des Landes gekappt und ausländische Journalisten des Landes verwiesen. Manche Agenturen berichten von acht Toten, andere von über 20. Bis zu 600 Mönche sollen bis vergangenen Freitag festgenommen worden sein. Wie geht es nun weiter in dem südostasiatischen Land, das jahrelang als Geheimtipp für Backpacker galt? Ist die Revolte bereits beendet, oder hat sie gerade erst begonnen? Wird die Militärjunta dem nationalen und internationalen Druck standhalten? profil beantwortet die fünf wichtigsten Fragen über die Mönchsrevolte in Burma.

Warum stand das Volk auf?
Es begann mit einem kleinen, international kaum beachteten Protestmarsch. Mehrere hundert Menschen gingen in Rangun (Ende 2005 machte die Junta das 320 Kilometer nördlich gelegene Pyinmana Naypyidaw zur neuen Hauptstadt) auf die Straße, um gegen die Treibstoffpreise zu demonstrieren. Die Militärregierung hatte eine Verdoppelung der Preise für Dieselöl und andere Brennstoffe sowie eine Verfünffachung des Preises für Flüssiggas auf 1,94 Dollar pro Gallone beschlossen. Erst vor zwei Jahren hatten die Machthaber eine Verachtfachung der Brenn- und Treibstoffe angeordnet. Nach dem letzten Beschluss der Militärs konnten sich große Teile der Bevölkerung kaum noch die überteuerten Busfahrten zur Arbeit und eine zweite Mahlzeit am Tag leisten. Innerhalb von fünf Wochen wurde aus dem Konflikt eine landesweite Massenbewegung, bei der es plötzlich nicht mehr ausschließlich um Treibstoffpreise ging. Angeführt von tausenden buddhistischen Mönchen, forderten die Burmesen demokratische Rechte und die Freilassung der seit Jahren unter Hausarrest stehenden Oppositionsführerin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Warum kam es ausgerechnet jetzt dazu? Die Armut ist für die Burmesen jedenfalls nichts Neues. Die Militärregierungen wirtschafteten das einst wohlhabendste Land Südostasiens seit den sechziger Jahren kontinuierlich herunter. Das rohstoffreiche Burma zählt nach Angaben der Vereinten Nationen zu den 20 ärmsten Ländern der Welt. Burmas jährliches Pro-Kopf-Einkommen liegt derzeit bei 200 Dollar pro Jahr. 90 Prozent der rund 55 Millionen Einwohner haben täglich weniger als einen Dollar zur Verfügung.

Warum wurden die Mönche zu Revolutionsführern?
In Burma gibt es rund 400.000 buddhistische Mönche, was auch der Anzahl der Soldaten entspricht. Die Mönche gelten als direkte Gesandte Gottes und Vorbilder der Gesellschaft. Viele Burmesen verbringen einen Lebensabschnitt in klösterlichen Gemeinschaften und kehren nachher wieder ins zivile Leben zurück. Deshalb ist die Bevölkerung mit den Buddhisten auch so eng verwoben. Burmas Mönche leben nicht hinter Klostermauern, sondern pilgern durch die Städte und sammeln Almosen von der Bevölkerung. Im vorkolonialen Burma waren es ausschließlich Mönche, die sich als einzige Macht im Staat dem absolutistischen Anspruch des Königs entziehen konnten. Das oberste Haupt der Mönche fungierte als Lehrer oberster Ratgeber des Königs. Er schuldete dem Herrscher Respekt, hatte aber auch den Freiraum, ihn zu ermahnen und sogar zu tadeln. Wenn ein König schwere Sünden beging, nahm der Buddhist keine Almosen mehr von ihm an, was einer Exkommunikation gleichkam. Während der Kolonialzeit der Briten wurden die buddhistische Gemeinschaft und der Staat streng voneinander getrennt. Die Mönche organisierten sich daraufhin und nahmen aktiv am antikolonialen Befreiungskampf teil. Im Unabhängigkeitskrieg, der 1947 endete, profilierten sich die Mönche als mutige, kompromisslose Kämpfernaturen. Seit der Machtübernahme durch das Militär 1962 haben sie jedoch wieder an Einfluss verloren. Einerseits sollen sie für zeremonielle Zwecke herhalten, um die Religiosität des Regimes zu untermauern. Andererseits werden all jene verfolgt, die öffentlich für Menschenrechte eintreten und demokratischen Bewegungen beitreten. Schon 1988 schlossen sich zahlreiche Mönche der von Studentenverbindungen getragenen Demokratiebewegung an, die letztlich blutig niedergeschlagen wurde. Bei der jetzigen Revolution standen sie an der Spitze der Protestbewegung. „Die Mönche, die heute die Revolution anführen, sind viel disziplinierter als die Studenten von 1988“, sagt der Exil-Burmese Nay Tin Myint von der Nationalen Liga für Demokratie. Der in Köln lebende burmesische Mönch Ashim Sopaka sieht das ähnlich: „Das Militärregime muss verstehen, dass wir Mönche keine Angst vor Folter, Gefängnis oder Tod haben. Wir werden weiterkämpfen.“

Wie stabil ist das Regime?
Seit der Machtübernahme von General Ne Win 1962 regiert das Militär den Vielvölkerstaat Burma mit eiserner Hand. Obwohl es immer wieder zu Aufständen und Protesten kam, konnte die Militärregierung ihre Macht erhalten und ausbauen. Zwar fanden 1990 die ersten freien Wahlen seit der Machtübernahme der Militärs statt. Den Sieg der Nationalen Liga für Demokratie von Aung San Suu Kyi, die 1991 den Friedensnobelpreis erhielt, erkannten sie jedoch nie an. Seitdem wurde jegliche Opposition von der Militärregierung brutal unterdrückt und der Hausarrest von Aung San Suu Kyi immer wieder erneuert. International ist Burmas Militärregime nahezu isoliert, aufgrund anhaltender Menschenrechtsverletzungen haben die EU und die USA umfangreiche Wirtschaftssanktionen gegen das Land verhängt. Auch im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen wurden immer wieder Resolutionen gegen Burma beantragt. Diese scheiterten aber im Jänner wie auch vergangene Woche am Veto Chinas. China ist der engste Verbündete des Militärregimes. Das an Öl- und Gasvorkommen reiche Burma unterhält daneben bedeutende wirtschaftliche Beziehungen zum nördlichen Nachbarn Indien. Während der Demonstrationen der letzten beiden Wochen wollte sich die Regierung in Peking zunächst aus dem Konflikt heraushalten. Erst verspätet und sehr vorsichtig schloss sich Peking dem internationalen Appell an, die Obrigkeit in Burma möge sich in Zurückhaltung üben. Aufgrund der guten wirtschaftlichen Beziehungen mit ASEAN-Ländern (Association of Southeast Asian Nations) bezweifeln Experten die Wirksamkeit von Wirtschaftssanktionen der USA und Europas als geeignetes Druckmittel gegen die Generäle. An der Spitze des Regimes steht derzeit der 74-jährige General Than Shwe. Selten zeigt sich der Juntachef in der Öffentlichkeit, und doch hatte er sein Regime bisher völlig unter Kontrolle. Der Generalissimus sieht sich selbst als königliche Reinkarnation, der seine Herrschaft am liebsten im Verborgenen ausübt. „Eine seiner größten Strategien ist, alles geheim zu halten, sodass er jeden überraschen kann“, sagt der in Thailand lebende Oppositionelle Win Min.
Während die Bevölkerung ein Leben in Armut fristet, baden die Generäle sprichwörtlich in Gold. Ein auf der Internetplattform youtube.com veröffentlichtes Video von der Hochzeit seiner Tochter zeigt ein dickes Mädchen mit kostbarem Diamantenschmuck. Insgesamt soll sie Geschenke im Wert von 50 Millionen Dollar für ihre Trauung bekommen haben. Zum Vergleich: Für das Krankenversicherungssystem hat das Regime vergangenes Jahr nicht einmal 20 Millionen Dollar ausgegeben. Burma unter Than Shwe ist ein verarmter Unrechtsstaat, berüchtigt für Folter, Zwangsarbeit, Hinrichtungen, politische Haft, Drogenhandel, Geldwäsche und Unterdrückung ethnischer Minderheiten. Die Hoffnungen der Opposition beruhen auf den internen Machtkämpfen, die unter den Generälen toben sollen. Vor drei Jahren stellte Than Shwe den Chef des militärischen Geheimdienstes kalt – angeblich, weil der in seinem Bemühen, ein politisches Arrangement mit Aung San Suu Kyi zu finden, zu weit gegangen war. Aber es rumort noch immer in der Generalsclique. Um Than Shwes Gesundheit steht es angeblich nicht gut.

Wie stark ist die Opposition?
Burma hat ein straff organisiertes Netz von Exilanten, die vom Ausland aus Druck auf das Regime ausüben. Ihr Lobbying hat dazu geführt, dass die Europäische Union Burma schon seit 1996 weitgehend boykottiert. Seit der Machtübernahme des Militärs hatten Oppositionsparteien kaum Spielraum. Als das Bündnis der Oppositionsparteien, die Nationale Liga für Demokratie (NLD), die ersten freien Wahlen im Jahr 1990 klar gewann, hatten viele Burmesen Hoffnung auf einen Wandel zur Demokratie. Vor allem die Oppositionsführerin, Aung San Suu Kyi, Tochter des Freiheitskämpfers Aung San, erfreut sich großer Beliebtheit und gilt als Symbol der burmesischen Demokratie. Doch das Militärregime erkannte die Wahlen nicht an und stellte sie unter Hausarrest. Aung San Suu Kyi ist eine Symbolfigur für die Burmesen. Doch sie ist seit mittlerweile 19 Jahren von jeglichem politischen Geschehen abgeschottet. Und genau das ist ihr Problem. „Zu viele Hoffnungen beruhen auf ihr, aber sie hat eigentlich gar keine politische Erfahrung“, sagt Burma-Experte Gerhard Will vom Institut der Wissenschaften in Berlin. „Käme die Opposition an die Macht, hätte sie große Schwierigkeiten, eine Regierung aufzubauen.“ Doch selbst wenn das Regime zusammenbricht, bleiben viele Probleme ungelöst. Viele ethnische Minderheiten wie die seit Jahrzehnten verfolgten Karen im Osten des Landes misstrauen den Burmesen. Auch den oppositionellen Demokraten.

Wie wird der Konflikt enden?
Demokratische Strömungen wurden von der Militärjunta seit 1962 stets unterdrückt. Bei den Protesten im Jahr 2007 schienen die Demonstranten im Gegensatz zu 1988 zunächst ungewöhnlich viel Freiraum zu genießen. Man ließ die Mönche sogar vor dem ansonsten streng bewachten Haus von Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi beten. Anders als bei der Demokratiebewegung von 1988 ist diesmal die Welt bestens über die Ereignisse in Burma informiert. Über Internet und Satellitenradios dringen stündlich die Meldungen über die Lage ins Ausland. Hinzu kommen Videos, die Burmesen heimlich mit ihren Digitalkameras oder Mobiltelefonen aufgenommen haben. Auch Blogger, die ihre Internetseiten kurzerhand in Nachrichtenkanäle umgewandelt haben, trugen zur Verbreitung von Informationen bei. Das ist wohl ein Grund dafür, warum die Junta bisher nicht noch gewaltsamer gegen die friedlichen Proteste vorgegangen ist.
„Die Mönche sind jetzt unter Kontrolle“, verkündete die Regierung in der Nacht auf vergangenen Freitag. Doch sind sie das wirklich? Am Freitag blieb es relativ ruhig in Burma. Das wird aber nicht lange anhalten. Wie bereits 1988 haben die Burmesen gezeigt, dass sie ein demokratisches System anstreben. Anders als vor 19 Jahren haben sie 2007 die weltweite Aufmerksamkeit und fast einhellige Sympathien hinter sich. Die Burmesen dürften nicht noch einmal 19 Jahre bis zum nächsten Aufstand warten.

Von Gunther Müller