Bundesheer: „Schwalbe, Schwalbe, Schwalbe“

Bundesheer: „Schwalbe, Schwalbe, Schwalbe“

Weder NATO noch Warschauer Pakt hielten das Bundesheer für einen ernst zu nehmenden Faktor: In den Aufmarschplänen der großen Blöcke galt Österreich als leichte Beute.

Der Schuss aus dem Sturmgewehr traf den Rotarmisten in den Bauch. Er starb wenig später in dem kleinen Waldstück in der Nähe des burgenländischen Städtchens Rechnitz. Man schrieb freilich nicht April 1945, als die Rote Armee unweit von hier erstmals die Staatsgrenze überschritten hatte, sondern den 21. November 1956 – und die Schützen waren nicht Soldaten der deutschen Wehrmacht, sondern des österreichischen Bundesheers. Der Rotarmist hatte zwei ungarische Flüchtlinge auf österreichisches Staatsgebiet verfolgt, zwei Soldaten hatten ihn zum Stehenbleiben aufgefordert und – als er dem nicht nachkam – auf ihn geschossen.

Das hatte die Heeresführung am 26. Oktober bei Ausbruch des Ungarnaufstands so befohlen – auf den Tag genau ein Jahr nach dem Beschluss der „immerwährenden Neutralität“ im Nationalrat. Der Generalstab hatte mit Zustimmung von Verteidigungsminister Ferdinand Graf (ÖVP) und nach Abklärung mit Innenminister Oskar Helmer (SPÖ) einige tausend Berufssoldaten und Präsenzdiener ins Burgenland beordert.
Die Einheiten hatten Befehl, sich der Grenze auf maximal 500 Meter zu nähern, um nicht in Feuergefechte verwickelt zu werden. Auf Soldaten, die auf österreichisches Gebiet vordrangen, war nach der Aufforderung stehen zu bleiben zu schießen – egal, ob es sich um Ungarn oder Sowjets handelte. Die Obersten und Generäle des jungen Bundesheers hatten praktisch durch die Bank in der deutschen Wehrmacht gedient (maximal bis zum Rang Oberstleutnant – höhere Dienstgrade durften laut Staatsvertrag nicht übernommen werden), was sich in ihrer militärischen Entschlossenheit niederschlug. So befahl etwa Generaltruppeninspektor Erwin Fussenegger die Anbringung von Sprengladungen an den Donaubrücken in Tulln, Krems, Persenbeug, Mauthausen, Steyregg und Linz, die er im Falle eines Einmarschs der Warschauer-Pakt-Truppen hochgehen lassen wollte.

"Optische Wirkung"
Hatte die Heeresleitung überreagiert? Österreichs Botschafter in Washington, Karl Gruber – zwischen 1945 und 1953 Außenminister –, kabelte jedenfalls nach Gesprächen mit hohen US-Politikkreisen Entwarnung nach Wien: „Ich halte Sondervorgehen Sowjetunion gegen Österreich für kaum wahrscheinlich.“
Als sich die Lage wieder beruhigt hatte, schrieb Fussenegger die gemachten Erfahrungen in einem Memorandum nieder: Die Grenze sei im Ernstfall wohl gerade so lange zu halten gewesen, „bis die Regierung in Wien Zeit hat, in die Unterhosen zu kommen“. Die getroffenen Maßnahmen hätten nur „optische Wirkung“ gehabt, „ihr militärischer Wert war sehr beschränkt“.

Aber immerhin: Das neue Heer hatte Flagge gezeigt.

In der Krise nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in der CSSR im August 1968 ließ die Politik den Militärs weit weniger Spielraum. Folge: Die Aktion wurde zum Debakel, das Bundesheer zur Lachnummer. So hatten Ostblockagenten den von der Heeresleitung im Juli ausgearbeiteten Operationsplan „Urgestein“, der den Aufmarsch an Österreichs Nordgrenze abzirkelte, bereits vor den meisten Generalstabsoffizieren in Händen, wie sich bald erwies.
Als der Ernstfall dann eintrat, genügte ein Wink des sowjetischen Botschafters in Wien, Boris Pozderob, um alle Aktionen zu stoppen. Pozderob hatte Bundeskanzler Josef Klaus (ÖVP) bei ­einem Besuch im Kanzleramt zu verstehen gegeben, die Sowjetunion würde jede größere militärische Maßnahme, wie etwa eine Mobilisierung der Reserve, als „unfreundlichen Akt“ werten.

Daraufhin wurde die bereits angelaufene Verlegung von Truppen an die Grenze gestoppt, obwohl es sich ohnehin nur um Kader und Wehrpflichtige handelte. Die Kompanieführer wurden angewiesen, die Linie Zwettl–Horn–­Allentsteig–Hollabrunn–Mistelbach nicht zu überschreiten, also mindestens 30 Kilometer vor der Staatsgrenze haltzumachen. Dumm nur, dass bereits grenznahe Kommandostände errichtet waren, wodurch sich nun die in der Militärgeschichte einmalige Situation ergab, dass die Befehlsstände weit vor den Truppen lagen. Bei den die Lage beobachtenden Ostmilitärs lösten die Aktivitäten in Österreich wohl Lachkrämpfe aus.

Die Ostblock-Luftwaffe nahm den Grenzverlauf damals nicht sehr genau: Ihre Patrouillenflüge führten praktisch täglich über österreichisches Staatsgebiet, was der zur Rede gestellte Botschafter Pozderob mit „Navigationsfehlern“ entschuldigte. Verteidigungsminister Georg Prader entschloss sich zur Vogel-Strauß-Methode: Er stellte alle Überwachungsflüge durch österreichische Saab-Düsenjäger ein. Die Sowjets verletzten zwar noch immer den österreichischen Luftraum – aber das sah jetzt niemand mehr.

Ansehen beschädigt
Das Debakel setzte dem Ansehen des Bundesheers schwer zu, überdies waltete der antimilitaristische Zeitgeist der Nach-68er-Jahre. Mit dem Slogan „Sechs Monate sind genug“ holte sich der Sozialdemokrat Bruno Kreisky 1970 die relative, im Oktober 1971 die absolute Mehrheit. Kreisky war alles andere als ein Militärexperte, aber auch ihm war klar, dass Österreich einer Invasion aus dem Osten in offener Feldschlacht keinen Tag standhalten könnte, zumal Wien nicht einmal 50 Kilometer von der Staatsgrenze entfernt in völlig ungeschütztem Gelände liegt.
Wie auf anderen Gebieten griff Kreisky auch in der Verteidigungspolitik auf austromarxistische Lehren der Zwischenkriegszeit zurück. Damals, beim „Sozialistenprozess“ 1936, hatte er als 25-jähriger Angeklagter eine große Verteidigungsrede gehalten, in der er von der Möglichkeit sprach, dass das Land in absehbarer Zeit einem Angriff von außen ausgesetzt sein könnte (Kreisky meinte unzweifelhaft Hitler-Deutschland), wobei das relativ kleine Bundesheer „die Grenzen nur wenige Stunden verteidigen könnte. Ganz anders wäre es, wenn die überwiegende Mehrheit des Volkes das Land verteidigt.“

In dieser Ansicht hatte sich Kreisky bestätigt gesehen, als die österreichischen Kommunisten im Oktober 1950 putschähnlich zum Generalstreik aufriefen und Trupps von Bauarbeitergewerkschaftern den Aufstand niederschlugen. So wollte er die Landesverteidigung insgesamt gestalten: Blockaden der Eisenbahn und wichtiger Straßen, Kappen von Versorgungslinien, Massenstreiks, ziviler Widerstand – das alles schien dem Sozialdemokraten effizienter als ein großes stehendes Heer. ÖVP-nahe Zeitungen beschuldigten Kreisky, er wolle „Arbeitermilizen“ nach jugoslawischem Vorbild aufstellen.

Das militärische Konzept zu Kreiskys etwas romantischen Ideen lieferte Armeekommandant Emil Spannocchi, Spross einer alten Offiziersdynastie. Nach seinem Raumverteidigungskonzept sollten Eindringlinge durch eine guerillaartige Kleinkriegstaktik zermürbt werden. Sprenganlagen, Feldsperren und Anschläge auf Nachschubwege sollten den Eintrittspreis nach Österreich hoch halten und Milizsoldaten dort eingesetzt werden, wo sie sich auskennen – in ihrer eigenen Wohnumgebung.
Wenig Glück hatte Kreisky bei der Auswahl seines Personals. Sein erster Verteidigungsminister, Brigadier Johann Freihsler, brach schon wenige Monate nach Amtsantritt unter der Last des Amts zusammen. Freihslers Nachfolger war ebenfalls im Generalsrang, aber weit zäher: Karl Lütgendorf, Sohn einer adeligen Familie, hatte sich im Weltkrieg als Haudegen erwiesen und in den sechziger Jahren das legendäre Jagdkommando, eine Truppe von Alpen-Rambos, aufgebaut. Als ihn Kreisky im Februar 1971 zum Verteidigungsminister machte, war Lütgendorfs Vater außer sich. „Ich schäme mich. Du dienst keinem Kaiser, sondern einer Republik!“, habe ihn dieser am Telefon angefaucht, erzählte „Lü“ später.

Das Denken der Republik schien Lütgendorf ohnehin etwas fremd gewesen zu sein. Schon im Mai 1971 gab es einen veritablen Skandal, als der Minister vor dem damals noch mit alten Nazis durchsetzten Kameradschaftsbund donnerte: „Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, wie verblendete und von Anarchisten gesteuerte junge Heißsporne versuchen, den inneren Frieden in unserem gottgesegneten Land zu stören.“ Nicht nur Kreiskys Parteijugend, sondern auch besonnene Bürgerliche fanden das empörend. „Welcher Geist, Herr Minister!“, titelte Hugo Portisch seinen Kommentar im „Kurier“. 1976 musste Lütgendorf wegen illegaler Waffengeschäfte mit Syrien zurücktreten. 1981 beging der Ex-Minister unter nie geklärten Umständen Selbstmord. Einen Abschiedsbrief hinterließ er nicht.

Planung und Praxis: zwei Welten
Wie weit Planung und Praxis im österreichischen Bundesheer auseinanderklafften, zeigte sich drastisch Ende Juni 1991. Damals war es nahe der österreichischen Grenze zu Kämpfen zwischen der jugo­slawischen Bundesarmee und slowenischen Truppen gekommen. Bundesheer­einheiten sollten ein Übergreifen der Schießereien auf österreichisches Staatsgebiet verhindern. Unverständlicherweise schickte die Militärführung 600 eben in dieser Region auf Truppenübung befindliche Landwehrsoldaten nach Hause und beorderte erst zwei Monate zuvor eingerückte Präsenzdiener an die Grenze. „Die Jugoslawienkrise hat gezeigt, dass der politische Wille für den Einsatz einer Miliz nie vorhanden war“, resümierte der frühere Militärkommandant des Burgenlands, General Siegbert Kreuter, bitter.
Für das trotz allem große Sicherheitsgefühl der Bevölkerung war weniger das Bundesheer als eine andere Lebenslüge der Nation verantwortlich: die Neutralität. Selbst während der Jugoslawienkrise 1991 meinten laut einer Studie des Verteidigungsministeriums 40 Prozent der Österreicher, das Land werde aufgrund seiner Neutralität ohnehin nie angegriffen werden, weitere 40 Prozent glaubten, im Falle eines Angriffs werde einem Neutralen sofort von anderen Staaten geholfen.

Beides Humbug, wie sich nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und der Öffnung der dortigen Militärarchive zeigte: Der Warschauer Pakt wäre beim ersten Anlass über Österreich hinweggerollt, und die NATO hätte keinen Finger gerührt, solange die Nachschubachse zwischen den NATO-Staaten Deutschland und Italien gesichert geblieben wäre.

Von welchen militärischen Annahmen man im Osten ausging, erfuhr die österreichische Öffentlichkeit erstmals 1974 durch ein Interview des abgesprungenen tschechischen Politoffiziers Jan Sejna über die 1962 entworfene Aktion „Polarka“ in profil. Sie ging davon aus, dass über Österreich „Faschisten und antisozialistische Kräfte“ in Jugoslawien einsickern und das Land destabilisieren. In diesem Fall wären von tschechoslowakischem Gebiet aus insgesamt 30.000 Mann in Richtung Linz und Wien marschiert. Weitere 20.000 Soldaten hätten über Ungarn Österreichs Süden genommen. Codewort der Aktion: „Schwalbe, Schwalbe, Schwalbe.“ Von nennenswertem Widerstand des Bundesheers ging „Polarka“ nicht aus.

Etwas ernster nahm man General Spannocchis Raumverteidigungskonzept. In diesem Fall wären 15 Panzer und 50 bis 70 Geschütze pro Kilometer notwendig, errechneten die Planer des Warschauer Pakts. Das Tempo des Vormarschs wurde mit rund drei Kilometern pro Stunde veranschlagt.
Erst 2001 wurde bekannt, dass es auch eine Maximalplanung gab. Für den Fall, dass die NATO ernsthafte Angriffsvorbereitungen traf, wollten die Planer des Ostens laut einem Sandkastenspiel aus dem Jahr 1965 der Attacke mit einem Atomschlag und anschließendem Vorstoß durch Österreich begegnen. Wien wäre mit zwei Atomsprengköpfe tragenden Raketen ausgelöscht worden. Deren Sprengkraft hätte je 500 Kilotonnen betragen – 66-mal Hiroshima. Auch Linz, Graz und Klagenfurt waren als atomare Ziele vorgesehen.

Anschließend sollten die Ostheere bis zur Linie Stuttgart–Bologna vorstoßen. Die Gefahr, die den eigenen Truppen durch Verstrahlung drohte, wurde gering eingeschätzt: Mitte der sechziger Jahre glaubte man noch, in gepanzerten Fahrzeugen munter durch atomare Wüsten rollen zu können …

Die Zeittafel
Wehrdienst vs. Zivildienst
1955–1971
9 Monate Präsenzdienst.
1971–2006
8 Monate Präsenzdienst für „Durchdiener“;
6 Monate plus 60 Tage Truppenübungen für
die übrigen Soldaten.
1975
Einführung des Zivildiensts; Dauer: 8 Monate.
1992
Gewissensprüfung wird abgeschafft, aber
Zivildienst dauert jetzt 10 Monate.
1994
Verlängerung des Zivildiensts auf elf Monate.
1997
Zivildienst dauert zwölf Monate (inklusive
zwei Wochen Urlaub).
2006
Verkürzung des Wehrdiensts auf 6 Monate.
Der Zivildienst dauert nun neun Monate

+++ Teil 1 der Serie: Lebenslüge einer Armee +++