SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrücks Tour der Leiden

Bundestagswahl - SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrücks Tour der Leiden

Der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück überzeugt nicht, sein Team ist farblos, die Partei uneins. Drei Monate vor der Bundestagswahl in Deutschland liegt die SPD in Umfragen nur noch bei 22 Prozent.

Von Christine Zeiner

Weniger als drei Monate vor der Bundestagswahl liegt die SPD in Umfragen mit 22 Prozent sogar noch hinter ihrem historisch schlechtesten Ergebnis aus dem Jahr 2009. Damals landeten die Sozialdemokraten mit ihrem Spitzenkandidaten Frank-Walter Steinmeier bei 23 Prozent. Peer Steinbrück, seit vergangenem Dezember offiziell Kandidat der SPD, sollte es besser machen, und er hatte den Segen des sozialdemokratischen Säulenheiligen Helmut Schmidt: „Er kann es“, hatte dieser in einem „Spiegel“-Interview im Oktober 2011 konstatiert. Zuletzt begann selbst der frühere Kanzler ein wenig an den Fähigkeiten seines Schützlings zu zweifeln. In einem Interview mit dem „Handelsblatt“ antwortete Schmidt auf die Frage, ob Steinbrück „Kanzler kann“, aber vielleicht nur ein schlechter Wahlkämpfer sei, mit den Worten: „Könnte sein.“

Steinbrück, dessen Kompetenzen als Ex-Finanzminister weitgehend außer Streit stehen, ist permanent mit der nachträglichen Entschärfung seiner eigenen Schnoddrigkeiten beschäftigt und wirkt deshalb seltsam unfokussiert. Er ist nicht trittsicher, er gibt sich Blößen, er hadert mit seinem Image als Tollpatsch.

Ob ein anderer Spitzenkandidat Kanzlerin Angela Merkel gefährlich werden hätte können, ist ohnehin fraglich. Es herrscht in Deutschland keine Wendestimmung: 57 Prozent wollen Merkel als Kanzlerin behalten, Steinbrück wünschen sich 20 Prozent.

profil beobachtete Steinbrück in den vergangenen Wochen und erlebte den Wahlkämpfer mal trocken, mal weinerlich.

1. Im Willy-Brandt-Haus

Alles ist noch gut, und Günter Grass ist auch da.
Schräg rechts hinter Peer Steinbrück ragt eine überlebensgroße Willy-Brandt-Bronzeskulptur empor, links über dem SPD-Kanzlerkandidaten haben die Genossen extra für diesen Abend noch ein weiteres Bild des großen Sozialdemokraten aufgehängt, Brandt spaziert darauf neben Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass – der jetzt neben Steinbrück sitzt.

Die Botschaft des Abends ist unschwer zu erkennen: Steinbrück möchte im Herbst gern so wie Brandt Bundeskanzler werden. Leider sind die Umfragewerte denkbar miserabel, also soll Grass helfen. Vor Jahrzehnten unterstützte der heute 85-jährige Literat Brandt: 280 Korrespondenzen, die kürzlich auf 1230 Dünndruckseiten erschienen sind, zeugen davon. Die Präsentation des Buches „Willy Brandt und Günter Grass: der Briefwechsel“ fand zwar bereits Anfang Mai statt, doch Steinbrück hat jede Form von Kampagnenhilfe bitter nötig – und so lud die SPD vergangenen Mittwoch Abend noch einmal zur Lesung, diesmal in die Berliner Parteizentrale und mit anschließender Diskussion zwischen Grass und Steinbrück.

Der Saal ist voll, eine Stunde vor Beginn ist kein Sitzplatz mehr zu bekommen. Die Lesung beginnt launig mit Grass‘scher Kritik an Brandts Redestil. Dann lesen Schauspieler aus einem der Briefe des Großschriftstellers an Brandt aus dem Jahr 1968: „Deine letzten Initiativen und die Art deines Auftretens in der Öffentlichkeit machen deutlich, dass der Abstieg der SPD seinen Tiefpunkt erreicht haben könnte, und dass nach wie vor die Chance besteht, die Partei aus der Talsohle zu führen.“ Und weiter: „Du bist wieder da, sozusagen im Kommen, und wahrscheinlich muss man dich erst an die Wand spielen, damit du zu kämpfen beginnst.“
Tiefpunkt überschritten? Wieder da? Leider kommt weder Grass noch sonst jemand auf die Idee, solche Briefe an Steinbrück zu adressieren.

Steinbrück lauscht Grass’ Worten interessiert und aufmerksam, mit zusammengepresstem Mund, die Beine übereinandergeschlagen. Da ist mal einer auf seiner Augenhöhe – endlich. Man debattiert über die abgeschaffte Wehrpflicht, über Angela Merkel, Europa und Politikverdrossenheit. „Ich glaube, dass der Wahlkampf maßgeblich über soziale Gerechtigkeit entschieden wird“, sagt Steinbrück. Armut in einem reichen Land sei eine Schande ohnegleichen, pflichtet Grass bei, und dann verkündet er endlich die erlösende Prophezeiung: „Eigentlich ist die Stunde der Sozialdemokratie gekommen. Ich weiß nicht, ob das die Partei bemerkt hat.“ Man müsse die Nichtwähler ansprechen, so die ein wenig simple Idee des sozialdemokratischen Gesinnungsgenossen.
„Sie“, erwidert Steinbrück, „habe ich doch heute Abend dafür gewonnen, Herr Grass?“
„Ja, ja“, antwortet der.

2. In der WG

Steinbrück verstellt sich nicht, besonders wenn er taktlos ist.
Ein Abend im April. Auf einer Veranstaltung in Berlin berichtet ein junger Mann dem Kanzlerkandidaten, dass er sich für ein „Wohnzimmergespräch“ mit ihm angemeldet habe, und zwar schon im November, sofort nachdem er von dieser Möglichkeit in der „Süddeutschen Zeitung“ gelesen habe. Der Spitzenkandidat ganz privat bei einem zuhause, ohne Presse, ohne Aufsehen. Aber, sagt der junge Mann, bis jetzt habe er keine Antwort bekommen, nicht einmal eine Absage. „Ich verspreche Ihnen Bier und Kartoffelsalat, wenn Sie in meine WG kommen!“
Steinbrück fragt: „Wie ist denn das Durchschnittsalter der WG?“
„21, die sind alle so alt wie ich“, antwortet der Mann.
„Dann komm’ ich“, erwidert Steinbrück. Ja, klar, denkt man, gleich wird er beteuern, wie sehr er an den Vorstellungen und Ideen junger Leute interessiert ist. Doch Steinbrück sagt etwas ganz anderes: „Viele der Wohnzimmergespräche finden mit Leuten meines Alters statt, die es mit den Neuen Medien nicht immer so haben. Dabei haben doch gerade die anschließenden Meldungen auf Facebook und Twitter einen Multiplikatoreffekt.“

Mit anderen Worten: Das Interesse des Kandidaten gilt seinem eigenen Wahlkampf, nicht den jeweiligen Gastgebern.

Soll man diese Ehrlichkeit gut finden – oder taktlos? „Das ist doch lustig“, sagt eine Hamburgerin über ihren Landsmann. „Steinbrück ist eben sehr norddeutsch, trocken, ironisch, ohne dabei deutlich zu machen, dass Ironie dabei ist. Süddeutsche verstehen das nicht so gut.“

3. Unter Beschuss

Erst weinen, dann in den Hintern treten.
Angefangen hat alles mit der höchst unwirschen Art des frisch gekürten SPD-Kanzlerkandidaten, über die Frage seiner Nebeneinkünfte zu sprechen: Steinbrück, hochbezahlter Redner, führt die Liste der Parlamentarier mit den höchsten Zuverdiensten an. Details dazu ließ er sich nur nach hartnäckigem Nachfragen der Medien entlocken.

Anfang Dezember des vergangenen Jahres äußerte sich Steinbrück zur Höhe des Kindergeldes, suchte einen griffigen Vergleich – und landete beim Wein: Eine Flasche Pinot Grigio, die nur fünf Euro koste, würde er nicht kaufen. Ein gefundenes Fressen, nicht nur für die „Bild“. Ein paar Tage später fragt ihn die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ in einem Interview, ob die Kanzlerin zu wenig verdiene. Steinbrück antwortete, ein Bundeskanzler verdiene in Deutschland zu wenig, gemessen an der Leistung, die er erbringen müsse, und im Verhältnis zu anderen Tätigkeiten mit weit weniger Verantwortung. Die „FAS“ titelte: „Bundeskanzler verdient zu wenig.“ Alles stürzte sich erneut auf den „Nimmersatt“.

Von Pannenserie, Pechsträhne, Problem-Peer sprechen die deutschen Medien und liefern immer neues Anschauungsmaterial für Steinbrücks Unzulänglichkeit.

Bis schließlich der schnoddrige Kandidat öffentlich Wirkung zeigt. Bei einem gemeinsamen Auftritt mit Ehefrau Gertrud Mitte Juni ist es so weit: Er werde immer „nur verhauen für das, was er vorher gemacht hat“, klagt Frau Steinbrück, und als ihr Mann danach das Mikrofon ergreift, verschlägt es ihm die Stimme. Er schluckt. Seine Hände zittern. Er weint.
Eine Woche später geht er in der TV-Sendung „Eins gegen Eins“ zum Gegenangriff über: Denen, die behaupteten, seine Tränen seien inszeniert gewesen, „trete ich in den Hintern“.

Beim traditionellen Hoffest der SPD vergangene Woche kriegt dann die gesamte Medienszene ihr Fett ab: „Die mediale Berliner Käseglocke und ihre Kommentatoren“ würden seine Partei gewiss nicht unterstützen. Steinbrück ruft seinen SPD-Mitstreitern zu: „Lasst euch nicht kirre machen von Umfragen und tiefenpsychologischen Betrachtungen über uns.“
Doch eine gegen Medien und Umfragen gerichtete Schelte ist wohl das untrüglichste Zeichen für Nervosität.

4. Im Bällebad

Dem teuren Rotwein entkommt er jetzt nicht mehr.
Eine Wanne voll mit Plexiglaskugeln und mittendrin Peer Steinbrück. Sein Gesicht ist vergrößert und kopfüber auf einen Plastikvorhang projiziert – so sieht ihn das Publikum. An diesem Vormittag besucht Steinbrück das Junge Deutsche Theater in Berlin. Das Ensemble probt für eine Premiere und hat ihn auf die Bühne in das Bällebad geholt. Viel Platz ist nicht. Neben ihm liegt eine der Schauspielerinnen. Keck und selbstsicher plappert sie auf Steinbrück ein, singt ein Lied, stellt ihm Fragen. Welche drei Dinge er auf eine Insel mitnehmen würde? „Taschenmesser, Tolstois ,Krieg und Frieden‘, eine Flasche Rotwein.“

Bestimmt würde Steinbrück jetzt gern nach Tolstoi gefragt werden. Aber die Schauspielerin liest offenbar Zeitung und kennt daher Steinbrücks Aussage in einem Interview, eine Flasche Pinot Grigio für fünf Euro würde er nicht kaufen.
„Welchen Rotwein?“, fragt sie: „Auch einen von Aldi?“
Steinbrück lächelt tapfer.
„Über Preise red’ ich schon gar nicht mehr.“

5. Im Problembezirk

Und jetzt klaut ihm Angela Merkel auch noch die Themen.
Das Berliner Hotel Estrel liegt im tiefsten Neukölln. Der frühere Arbeiterbezirk ist heute ein Arbeitslosenbezirk, das Viertel hat wegen der vielen Hartz-IV-Empfänger, Migranten, zugezogenen kulturaffinen Studenten und Lifestyle-Kids einen zweifelhaften Ruf. Steinbrück ist an einem Samstag Ende Mai hier. Es schüttet, Neukölln wirkt noch trister als sonst.

Steinbrück spricht im Estrel zu den Berliner Sozialdemokraten, es ist Landesparteitag. Die Berliner SPD hat schon bessere Zeiten gesehen. Die CDU hat sie in den Umfragen überholt: Die hochverschuldete Stadt hat mit dem Chaos um den Bau des neuen Flughafens zu kämpfen, der langjährige Bürgermeister Klaus Wowereit ist unpopulär geworden. Steinbrück muss die Genossen motivieren, er muss zeigen, dass er der richtige Kandidat ist und vor allem auch, dass er links und sozial genug denkt.
Nicht alle sind von ihm überzeugt. Steinbrück erzählt also vom 43-jährigen Michael Konrad, Stapelfahrer, Leiharbeiter, unterbezahlt, von der 49-jährigen Birgit Reichmann, die in der Frühschicht in der Bäckerei sechs Euro in der Stunde verdient, von der 39-jährigen Sabine Decker, die im Callcenter 40 Cent pro Anruf erhält, und vom 27-jährigen Martin S., Student, der sich die Wohnung im Bezirk Kreuzberg nicht leisten kann.
„Mit der Merkel-Regierung ändert sich nichts!“, ruft Steinbrück und gestikuliert dabei heftig. Leider glauben ihm das außerhalb der sozialdemokratischen Kernwählerschaft nur allzu wenige. Die Unionsparteien haben in ihrem Wahlprogramm listig einen tariflichen Mindestlohn gefordert. Das ist zwar nicht dasselbe wie der gesetzliche Mindestlohn, den SPD und Grüne wollen, aber die Umfragewerte der Union scheinen Kanzlerin Angela Merkel ohnehin in allem Recht zu geben.
Steinbrück weiß das natürlich. Er fleht die Genossen an: „Ich bitte euch, Mundwerk und Laufwerk in Gang zu setzen, die Nichtwähler zu mobilisieren – davon wird es abhängen, ob wir gewinnen!“