Burgschauspieler Ignaz Kirchner: „Was für einen Hass es damals gab!”

Burgtheater-Charakterdarsteller Ignaz Kirchner über fehlende Vergangenheitsaufarbeitung in Österreich, Schauspielerqual und über seine aktuellen Proben mit René Pollesch.

Interview: Karin Cerny

profil: Wir sitzen im Wiener Café Hummel - ich dachte, das Café Eiles sei Ihr Stammlokal?
Kirchner: Dort darf man nicht mehr rauchen, deshalb habe ich gewechselt.

profil: Was sagt Ihr Arzt dazu?
Kirchner: Ich habe eine sehr gute Lungenfachärztin, zu der ich jedes zweite Jahr zur Untersuchung gehe. Alles in Ordnung. Ich würde aber auch nicht aufhören zu rauchen, wenn ich Krebs hätte. Chemotherapie käme nicht in Frage. Ich hatte Freunde, die trotzdem gestorben sind. Das war nicht schön.

profil: Sie halten es also mit dem Philosophen Robert Pfaller, der das Rauchverbot geißelt?
Kirchner: Ich denke, die Leute sollten sich über Wichtigeres erregen. Man verbeißt sich halt lieber in Kleinigkeiten.

profil: Sie arbeiten gerade mit Regisseur René Pollesch an "Cavalcade or Being a holy motor“, einem Stück, das erst im Lauf der Proben entsteht. Dabei gelten Sie eigentlich als Identitätsschauspieler, als jemand, der sich in Rollen hineinschraubt. Wie geht das zusammen?
Kirchner: Der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer meinte einmal: "Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“ Ich wollte einfach gern Polleschs Arbeitsweise kennenlernen, die übrigens angenehm locker ist. Und Schauspieler, das wissen wir doch alle von Thomas Bernhard, sind ohnehin ziemlich blöd.

profil: Das würde aber kaum einer Ihrer Kollegen zugeben.
Kirchner: Wäre ich intellektueller, so wäre ich doch kein Schauspieler geworden! Man besteht da doch nur durch Texte anderer. Ich spreche Worte von Grillparzer, Goethe und Beckett. Es wäre doch pubertär, zu glauben, man habe das selbst geschrieben.

profil: Muss man sich als Schauspieler an Regisseure anpassen?
Kirchner: Als Schauspieler hat man viel Freiheit, unangepasst zu bleiben. Man sollte generell kein Angsthase sein.

profil: Claus Peymann, der Sie 1987 ans Burgtheater holte, gilt als cholerisch.
Kirchner: Peymann ist kein Schwergewicht. Wer Schauspieler wirklich quälen konnte, das war Peter Zadek. Peymann konnte herumbrüllen. Aber Zadek hatte eine unglaubliche Menschenkenntnis. Der erkannte blitzschnell deine Schwächen. Wer nicht stark genug war, in dem bohrte er gnadenlos.

profil: Hat Zadek das auch bei Ihnen probiert?
Kirchner: Ich habe mich früh gewehrt. Man durfte keine Angst zeigen, sonst war man verloren. Aber einmal hat er mich kalt erwischt. Ich sprang also zu ihm in den Zuschauerraum. Er trug immer eine Sonnenbrille, damit man seine Augen nicht sehen konnte. Ich sagte: "Ich bin so froh, dass du Regisseur bist.“ Er fragte verblüfft: "Wieso?“ Ich erwiderte: "Wärst du Psychiater, bekäme ich jeden Tag einen Elektroschock.“ Er nahm die Brille ab, sah mich amüsiert an und meinte: "Ist gut, Ignaz, probieren wir weiter.“

profil: Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Peymann?
Kirchner: Das war in den 1970er-Jahren in Stuttgart. Peymann war halt für Österreich sehr wichtig. Aber doch auch nur, weil er einen tollen Autor an seiner Seite hatte. Ohne Thomas Bernhard wäre Peymann schnell uninteressant geworden. Beide waren gute Provokateure, sie liebten es, Finger in Wunden zu legen. Genau das brauchte dieses Land.

profil: Weil die NS-Vergangenheit hierzulande schlechter aufgearbeitet war als in Deutschland?
Kirchner: Als Peymann nach Wien kam, fing das gerade erst an. Da haben wir als Deutsche gestaunt, dass man noch immer behaupten konnte, Österreich sei von den Nazis besetzt worden. Alle hatten weiße Westen.

profil: Haben Sie die Stimmung damals als bedrückend empfunden?
Kirchner: Es war furchtbar. Und ich bekam es hautnah mit. Als ich mit George Tabori gerade "Mein Kampf“ probte, wurde das Schild an der Pension, in der ich wohnte, mit Judensternen beschmiert. Gert Voss und ich bekamen zur Silvesterfeier ein wunderschönes Paket von der Konditorei Demel geschenkt. Leider war Scheiße drin: "Für Ihre Leistungen in Wien“, stand im Begleitschreiben. Was für einen Hass es da gab!

profil:
Peymann bezog seine Energie doch gerade aus dieser Gegnerschaft.
Kirchner: Peymann war immer stark, wenn er gegen etwas sein konnte. Aber das war auch das Großartige: Man konnte richtig gut mit ihm streiten. Auch ziemlich hart, aber er war nie nachtragend. Das ist eine ganz seltene Eigenschaft, die ich sehr schätze. Mit Menschen, die nachtragend sind, redet man nie offen.

profil: Peymann hatte ein ausgeprägtes Machtbewusstsein. Verband ihn das mit Thomas Bernhard?
Kirchner: Natürlich, das waren zwei Alphatierchen. Oft wirkte es sogar, als sei Peymann nur eine Erfindung Bernhards. Inzwischen finde ich allerdings die Prosa Bernhards tiefer und toller als seine Theaterstücke, die heute nur mehr konsumiert werden. Damals wäre es unmöglich gewesen, Bernhard an der Josefstadt zu spielen. Heute ist er Establishment, man amüsiert sich über ihn.

profil: Die Zeit der Skandale scheint vorbei zu sein.
Kirchner: Im Theater, ja. Wir standen einst gegen unsere Väter auf, fragten, was sie im Krieg gemacht hatten. Seltsamerweise fand auch das in Österreich nicht statt. Der Schriftsteller Alfred Polgar meinte einmal: Die Österreicher seien ein Volk, das mit Zuversicht in die Vergangenheit blicke.

profil: Sind die Österreicher konfliktscheu?
Kirchner: Jeder versucht, alles zu relativieren. Das merkt man auch im Wahlkampf. Da wird Herr Stronach stolz "Fränk“ genannt. Wenn er für die Todesstrafe eintritt, wird das hingenommen: Ist halt so. Kärnten ist halt so. Haider war halt so. Hier sitzt man alles aus, statt es zu Ende zu diskutieren. In Deutschland mussten Leute wegen geringerer Verfehlungen zurücktreten. Ich kann mir Herrn Strache nicht im deutschen Parlament vorstellen. Ich verstehe nicht, warum sich in Österreich über die Zustände niemand aufregt. Mir fehlt hierzulande eine gewisse Erregtheit.

profil: Fühlen Sie sich denn nicht selbst längst als Wiener Institution?
Kirchner: Man muss verdammt aufpassen, dass man nicht so millirahmstrudelig wird. In Deutschland werden Schauspieler nicht so wichtig genommen, was ja richtig ist. In Österreich werden Schauspieler und Kabarettisten geliebt. Vor allem die Kabarettisten. Es gibt ja unglaublich viele: An jeder Ecke steht einer. Man kann den Fernseher gar nicht aufdrehen, ohne belästigt zu werden. Jeder erzählt permanent Witze.

profil: Unter Peymann waren Sie gemeinsam mit Gert Voss ein Bühnen-Traumpaar, das aber auch sehr komisch sein konnte. Wie kam das zustande?
Kirchner: Zadek und Tabori hatten uns zusammengebracht. Ich sage ja: gute Menschenkenntnis. Bei Zadek musste man auch nie vorsprechen. Man traf sich mit ihm im Café - und dann besetzte er einen oder eben nicht. Da musste man keine Monologe aufsagen.

profil: Zwischen Voss und Ihnen gab es eine klare Rollenaufteilung. Hat es Sie nie gestört, dass er immer die Siegertypen spielen durfte?
Kirchner: Warum denn? Ich bin doch kein Siegertyp. Als der Musiker Friedrich Gulda noch lebte, meinte er beim Heurigen zu mir: "Ihr könnt beide gleich gut spielen - der einzige Unterschied zwischen Voss und dir ist: Du bist halt schiacher.“ Stimmt doch auch.

profil: Sie hatten dadurch aber oft auch weniger Text.
Kirchner: Das bedeutete doch gerade bei Bernhard nicht automatisch eine schlechtere Rolle. Wer viel redet, hat wenig Geheimnis. Gute Schauspieler können auch ohne Text ausdrücken, was sie denken. Ich wollte ohnehin nie glatte Liebhaber spielen. Viel zu öd. Auf der Schauspielschule war ich relativ dick. Ich fand das toll, so war man etwas Besonderes. Dünne gab es eh so viele.

profil: War der Regisseur Tabori wirklich immer nur sanft?
Kirchner: Der konnte gar keinen Tobsuchtsanfall hinlegen. Das wäre eine viel zu große Entäußerung für ihn gewesen. Aber er konnte eingeschnappt und beleidigt sein. Das war mitunter auch schwierig, dann saß er schmollend in der Ecke. Aber spätestens nach zwei Stunden wurde ihm das zu langweilig.

profil: Ist der Typ des autoritären Regisseurs im Aussterben begriffen?
Kirchner: Es kann kein Mitspracherecht in der Kunst geben. Einer muss entscheiden. Es wäre furchtbar, wenn jeder mitreden könnte. Da käme nichts zustande.

profil: Ist Theater kein Gemeinschaftsprozess?
Kirchner: Im Theater herrscht, wie überall sonst auch, eine gute Konkurrenz. Man fordert sich gegenseitig. Alles andere wäre sentimental. Ich glaube nicht, dass sich ein Dirigent sagen ließe, wie er dirigieren soll.

profil: Es ist also in Ordnung, gequält zu werden?
Kirchner: Man muss sich selbst quälen, es ist entsetzlich, wenn man mit allem zufrieden ist. Daran erkennt man auch unbegabte Regisseure, denen gefällt alles. Aber unter schlechten Regisseuren sind auch gute Schauspieler schlecht. Es braucht eine gewisse Spannung, das kennt man doch aus der Sexualität. Ohne Spannung kein Vergnügen. Wenn man die nicht mehr hat, sollte man lieber gärtnern.

profil: Sie wollten einst Buchhändler werden. Das ist doch ein eher entspannter Beruf.
Kirchner: Ich bin froh, dass ich kein Buchhändler mehr bin. Sonst stünde ich bei Thalia an der Kassa und in fünf Jahren wäre ich arbeitslos, weil dann alles elektronisch sein wird.

Foto: Sebastian Reich für profil