Bush unter Buch-Druck

Jede Woche erscheint in den USA ein weiteres Buch, das die Anti-Terror-Strategie des Präsidenten in der Luft zerreißt.

Eine handfeste Grippe hat mir Gelegenheit gegeben, in den wichtigsten Büchern zu blättern, die sich derzeit mit George Bush, dem 11. September und dem Irak-Krieg befassen. Ich könnte mir vorstellen, dass ihr Inhalt auch Sie interessiert. Ich beginne mit dem relativ ältesten Buch, das bereits in deutscher Übersetzung vorliegt: In „Die Terroristen- Jägerin“ beschreibt Rita Katz, Direktorin eines in den USA tätigen Terrorforschungsinstituts mit engen Beziehungen zu Israel, „wie ich das Netzwerk des islamistischen Terrors aufdeckte“. Im Wesentlichen sah Katz sich an, welche Personen und Organisationen sich in den USA besonders intensiv palästinensischer Anliegen annehmen. Sie stieß auf eine Vielzahl eingebürgerter oder eingereister muslimischer Intellektueller, die – unter der Garantie der Redefreiheit – in Moscheen Predigten beispielsweise des folgenden Inhalts hielten: „Was bedeutet euch ,die Sache‘? Und was bedeutet sie euren Kindern? Haben wir ihnen erzählt, dass die Kinder Zions dort drüben die Schöße von Müttern aufschneiden? Ein israelischer Soldat öffnete den Schoß einer palästinensischen Mutter, nahm den Embryo heraus, schnitt ihm den Kopf ab und gab ihn ihm (dem israelischen Premierminister Yitzhak Shamir) als Geschenk. Das ist die Methode der Juden. ... Ich möchte, dass sich jedes Kind die Wunden Palästinas und die Taten der Märtyrer immer wieder vor Augen hält.“
Danach wurde – steuerbegünstigt nach den US-Gesetzen für religiöse Institutionen – für die „Märtyrer“ (= Selbstmordattentäter) gesammelt.

Indem Katz ihr Wissen über derartige Prediger mit ihrem Wissen über beteiligte Organisationen vernetzte, stieß sie letztlich auf eine Organisation namens SAAR Foundation mit Sitz an der Adresse 555 Grove Street, Herndon im US-Bundesstaat Virginia, die mittlerweile als wichtigste Finanzquelle terroristischer Vereinigungen, von der Hamas bis zur al-Qa’ida, enttarnt ist. Finanziers der SAAR Foundation: einige der vermögendsten saudischen Geschäftsleute.

Das alles ist im Detail spannend zu lesen, aber im Kern nicht neu: Schon sehr bald nach dem 11. September war klar, dass Saudis die wichtigsten Finanziers des Terrors sind. Für George Bushs Zukunft relevanter ist, wie Katz die Reaktionen des FBI auf ihre Recherchen beschreibt: Staunend habe sie festgestellt, dass dem FBI vieles von dem, was sie mühsam herausgefunden hatte, längst bekannt gewesen war. Dennoch sei nichts gegen das Netzwerk des Terrors unternommen worden. Im Gegenteil: Der kenntnisreichste Ermittler des FBI gegen Osama Bin Laden sei abgesägt, sie selbst unter Überwachung gestellt worden. Ebenso eine Einheit der Finanz, welche die SAAR Foundation überprüfte: „Es hat ganz den Anschein gehabt, als hätte irgendeinem hohen Tier in den Geheimdiensten der Gedanke nicht gefallen, dass Saudi-Arabien Schaden nehmen könnte. Die Razzien in 555 Grove Street hatten zwar bereits stattgefunden, das konnte die CIA nicht ändern, aber gegen die Leute hinter den Razzien zu ermitteln war eine äußerst effektive Methode, den Beteiligten zu signalisieren, dass die Ermittlung gegen die SAAR an diesem Punkt gestoppt werden müsse.“

An diesem Punkt setzt das jüngste der Bush-Bücher ein. „House of Bush, House of Saud“ von Craig Usher beginnt mit der Frage, warum zwei Tage nach dem 11.9., als der US-Luftraum für jeglichen Luftverkehr gesperrt war, dennoch eine Maschine mit zweihundert Saudis, darunter mehrere enge Verwandte Bin Ladens, das Land verlassen durfte, ohne dass sie wenigstens einvernommen worden wären. Als Antwort beschreibt Usher die massiven geschäftlichen Verbindungen der Dynastien Saud und Bush, die in der gemeinsamen Beteiligung an der Investmentgesellschaft The Carlyle Group ihren Höhepunkt fand.

Diese geschäftliche Beziehung zu Verbündeten wäre nicht so irritierend, vermittelten nicht gleich mehrere Veröffentlichungen den Eindruck, dass George W. Bush Saudi-Arabien unbedingt schonen und dafür den Irak unbedingt angreifen wollte: So behauptet der abgesägte FBI-Ermittler John O’Neill: „Das größte Hindernis bei den Ermittlungen gegen islamische Terroristen waren die Interessen der US-Ölkonzerne und die Rolle Saudi-Arabiens“, während umgekehrt Bushs gefeuerter Finanzminister Paul O’Neill in seinem Buch „The Price of Loyalty“ zu wissen meint, „dass der Präsident den Irak-Krieg schon lange vor dem 11. September geplant hat“.

Den schwersten Schlag führt zweifellos Richard Clark in seinem Buch „Against all Enemies“. Clark, Sicherheitsberater unter Ronald Reagan, George Bush senior, Bill Clinton und bis Frühjahr 2003 auch in Diensten von George W. Bush, liefert in seinem Buch folgende Beschreibung des 12. September 2001: „... am Abend nahm der Präsident einige von uns mit und schloss die Tür zum Konferenzraum. ‚Schaut‘, sagte er, ,ich weiß, ihr habt alle viel zu tun, aber ich möchte, dass ihr, sobald ihr könnt, alles, wirklich alles, noch einmal durchschaut. Seht nach, ob Saddam das getan hat, schaut, ob er irgendwie damit verbunden ist.‘ Ich war einmal mehr sprachlos und konnte es nicht fassen: ‚Aber Mr. President, das war al-Qa’ida!‘ ‚Ich weiß, ich weiß – aber seht nach, ob Saddam dahinter steckt. Sucht einfach danach ...‘“

Vor dem Untersuchungsausschuss des US-Senats zum 11. September fasste Clark sein Urteil bekanntlich folgendermaßen zusammen: Durch seine öltriefende Obsession Irak – bei gleichzeitig schonungsvollstem Umgang mit den Saudis – hat George W. Bush den Kampf gegen den Terror unterminiert. Ein vernichtendes Zeugnis für einen Präsidenten, der seine Leistung im Kampf gegen den Terror zum wichtigsten Argument für seine Wiederwahl gemacht hat.