Im Schmelzkessel: Wüstenmusiker Calexico live in Wien

Neue Leichtigkeit in New Orleans: Die amerikanische Post-Country-Band Calexico erfindet sich mit ihrem jüngsten Album neu.

Von Philip Dulle

Es fällt schwer, die US-Band Calexico einzugrenzen, auf einen Stil festzulegen. Trotzdem scheint die internationale Popkritik um Etikettierungen seit jeher nicht verlegen: Border-Music nennen das die einen, Tex-Mex, Americana oder Desert-Rock die anderen.

So vielfältig das Stilgemisch, so kompliziert erscheint die Namensgebung: Calexico haben ihr jüngstes Album "Algiers“ nicht, wie man meinen könnte, dem arabischen Frühling gewidmet, sondern jenem Stadtteil von New Orleans, in dem es aufgenommen wurde. Aber weil Pop auch kompliziert sein darf, "lassen sich der Titel, das Artwork, die Songs auf unterschiedlichste Ereignisse projizieren“, gibt Sänger, Songtexter und Gitarrist Joey Burns im Gespräch mit profil zu verstehen. "Das ist das Schöne an der Musik“, erklärt er. "Es gibt da viele Grenzen, die es zu überwinden gilt.“ Mit weltpolitischen Erklärungen hält sich der charismatische Burns, Mastermind der 1996 gegründeten Band, ohnehin nicht lange auf. Was er mitzuteilen habe, stecke in seiner Musik.

Bei aller Weltoffenheit ist Calexico zutiefst amerikanisch: Joey Burns und Schlagzeuger John Convertino, die damals gemeinsam bei den Country-Modernisten Giant Sand spielten, trafen einander 1990 just an dem Ort, an dem ein Gutteil aller amerikanischen Träume beginnt - in der Stadt der Engel, Los Angeles. Ihre eigentliche Heimat aber blieb stets eine verschlafene Stadt namens Tucson in Arizona - die über eine ungleich reichere Musikszene verfügt. Den Bandnamen hat man sich dann von einem Kaff an der amerikanisch-mexikanischen Grenze geliehen, der nicht nur die latente Eigenbrötelei der beiden Musiker, sondern auch die Einsamkeit der Grenzlandschaft widerspiegeln sollte.

Musikalisch haben sich Burns und Convertino schon seit ihrem Low-Budget-Debüt "Spoke“ (1997) dem Erbe der amerikanischen Countrymusik und des lateinamerikanischen Mariachi-Sounds verschrieben. Ihr 2003er-Kleinod "Feast of Wire“ definierte einen ganz eigenen Stil, der sich genreübergreifend zwischen aktuellen Indierock-Tragöden, Jazz- und Surfmusik, Spaghetti-Western-Kompositionen und portugiesischem Fado eine Nische suchte: canyontiefen Alternative-Country, voller bunter und dunkler Geschichten, der von einer ganzen Riege junger Bands und Künstler kopiert und in den letzten Jahren auch unter europäischen Kopfweltenbummlern zum Inbegriff einer neuen amerikanischen Freiheit auserkoren wurde.

Stillstand wollte sich das Duo, das mit ständig wechselnden Begleitmusikern arbeitet, nie leisten. Burns und Convertino sind Getriebene, für die es nur eine Richtung geben kann: immer vorwärts. Kein Album durfte bei ihnen wie das andere klingen - so kamen immer neue Einflüsse zum Tragen, so ergaben sich Kollaborationen mit Victoria Williams, Iron & Wine, Willie Nelson und Nancy Sinatra, so entstanden Soundtracks für Kinofilme und Remixes für Indie-Liebkinder wie Arcade Fire. Die enorme Vielfalt im Grenzland zwischen traditioneller amerikanischer Musik und Pop lässt sich eben nur mit dem Versuch des Alles-erfassen-Wollens erklären. Nach dem erratischen Album "Garden Ruin“ (2006) und dem grandiosen, aber überbordenden Konzeptwerk "Carried to Dust“ (2008) stellten sich Calexico aber die Frage, was nach Kritiker- und Publikumserfolg eigentlich noch kommen sollte.

"Wir mussten die Eintönigkeit überwinden“
, sagt Burns. Also verließen sie das angestammte Studio in Tucson - die Vorteile, den Arbeitsalltag in eine umgebaute Baptistenkirche in New Orleans zu verlegen, erschienen so banal wie nachvollziehbar: "Es gibt dort wunderbares Essen. Jambalaya, Shrimps und Flusskrebse - und diese wunderbaren Desserts“, erzählt Joey Burns mit breitem Grinsen, "aber es ist vor allem eine wunderbare Stadt, um sich auf die Musik zu konzentrieren - ein Schmelztiegel der karibischen, kubanischen und afrikanischen Klänge.“

Unter Federführung ihres langjährigen Freunds und Produzenten Craig Schumacher hat die Band diese Musik nun auf das Wesentliche reduziert und eines der besten Alben ihrer Karriere eingespielt - ein Werk voll berauschender Schönheit und ruhiger Finesse. "Wir wollten Teil einer Stadt sein, die sich nach der Hurrikan-Katastrophe von 2005 neu definiert“, berichtet Burns. "Und ein wenig haben wir uns dabei auch selbst gefunden.“