Campino: Merkel wird Wahl gewinnen

Campino: Merkel wird Wahl gewinnen

Frequency-Festival als Headliner und boten einen fulminanten Hit-Marathon, der keine Wünsche offen ließ. Sänger Campino stand vor dem Konzert profil-Autorin Tina Goebel (Foto) Rede und Antwort und erklärt, warum das Alter auch seine guten Seiten hat, er 20-jährigen nicht mehr den Revolutionär vorspielen will, wie denn nun wirklich das Verhältnis mit den Ärzten ist – und warum die deutsche Politik unbedingt wieder mehr Persönlichkeiten braucht.

Interview: Tina Goebel

profil: Die Toten Hosen gibt es nun seit 30 Jahren, nur noch Bands wie die Stones schaffen mehr. Glauben Sie, dass Sie auch noch in zwanzig Jahren Stadien füllen können?
Campino: Es ist nicht unser Ziel, irgendwelche Zeitrekorde aufzustellen. Es war immer unserer Bestreben und Glück, unsere Leidenschaft zu unserem Beruf machen zu können. Und so lange es sich machen lässt, werden wir weiter auf der Bühne stehen.

profil: Worin liegt euer Geheimnis, auch heute noch die jungen Generationen anzusprechen?
Campino: Für uns ist die Jugend der rettende Strohhalm. Jedoch sind auch unsere alten Fans wichtig, sie erteilen uns quasi die Absolution und zeigen uns, dass unser Weg in Ordnung ist und wir in den Achtzigern nicht stehen geblieben sind. Aber Authentizität ist das Wichtigste, natürlich können wir nicht mehr 20-jährigen die Revolutionäre vorspielen.

profil: Habt ihr noch große Projekte und Ideen, die ihr unbedingt verwirklichen wollt?
Campino: Das wird sich zeigen. Wir haben gelernt, dass lange im Voraus planen nichts bringt, das Leben hat oft anderes vor. Es war jedoch schön, bei unserem neuen Album „Ballast der Republik“ ein Zusatzalbum zu produzieren, bei dem wir uns quasi ausgetobt haben und uns vor Textern und Musikern verbeugten konnten, die wir bewundern. Das war wie ein Sommerurlaub.

profil: Gibt es noch persönliche Ziele? Vielleicht auch ein Buch zu schreiben?
Campino: Sollte ich mich einmal auf der Bühne nicht mehr wohl fühlen, dann könnte ich mir das durchaus vorstellen. Text und Musik ist ja sehr ähnlich, wir bewohnen dasselbe Haus, nur in anderen Stockwerken. Ich bin zwar gewohnt, kurze Texte zu schreiben, aber einmal eine lange Geschichte mit Spannungsbogen zu erzählen, über hunderte Seiten, das würde mich reizen. Auch wenn ich es nur für mich selbst tue.

profil: Wie ist eigentlich heute euer Verhältnis zu den Ärzten? In Österreich sind zahlreiche Plakate des Veranstaltungsortes Wiesen zu sehen, wo die Ärzte auftreten werden. Dieses wird mit „Tage wie Wiesen“ beworben. Versteht ihr das als eine Verbeugung oder ist das ein Seitenhieb?
Campino: Das ist wohl Ärzte-Humor, über den ich aber nicht unbedingt sofort loslache. Natürlich sind die Ärzte nicht nur irgendwelche Kollegen von uns, wir arbeiten schon auch zusammen, haben uns beispielsweise erst in Berlin bei einem Konzert die Kosten für die Bühne geteilt.

profil: Ihr wirkt ein bisschen wie ein Fels in der Brandung um den sich herum die Musikindustrie völlig gewandelt hat. Wie schwer haben es heute junge Bands?
Campino: Natürlich ist es für sie viel härter, als es für uns damals war. Wir sind noch Kinder der Wirtschaftswunder-Generation und haben den Aufschwung miterlebt, sowie die Umstellung von Vinyl auf CD und dann die Internet-Revolution erlebt. Ich weiß, was es heißt, nur ein paar tausend oder zehntausende Platten verkaufen zu müssen. Das ist heute härter, aber daran misst sich nun mal der Erfolg oder Misserfolg.

Viel wichtiger ist jedoch das große Ganze zu sehen. Denn nicht nur die Musikindustrie, in der wir zum Glück in einer unberührten Seifenblase sitzen, hat sich geändert. Die gesamte Gesellschaft ist im Umbruch, hier findet eine Umwälzung statt, deren Ende wir uns noch gar nicht vorstellen können. Und natürlich sehen das alle mit Besorgnis.

profil: Welche Aspekte sind es abseits der Musikindustrie?
Campino: Der Journalismus zum Beispiel. Es ist schockierend, wie schnell sich Falschmeldungen um den ganzen Erdball verbreiten. Hoffentlich wird dadurch nicht einmal ein wirkliches Unglück passieren. Qualitativer Journalismus sollte mehr selektieren, die Menschen sind ja heute mit dieser Fülle völlig orientierungslos. Und die Medien wissen offensichtlich selbst nicht, wie es weiter gehen soll, denn schließlich versucht jeder im Internet andere Wege zu gehen. Aber das finde ich sehr spannend.

profil: Von wegen Gesellschaftsveränderung: Nunmehr schreien immer mehr Menschen in Deutschland, wie Soziologen aber auch Manager auf, dass die Jugend viel zu angepasst ist und es wieder mehr Rebellen braucht. Sind die Deutschen wirklich so bequem geworden?
Campino: Völliger Quatsch. Das ist ein klassisches Sommerlochthema. Die Jugend hat heute nur andere Kommunikationsmittel, sie sind sehr wohl politisch engagiert. Und diejenigen, die mehr Aufbegehren fordern, die sollten sich selbst einmal an der Nase nehmen. Die Politiker sind heute selbst so glatt und angepasst, an ihnen kann sich die Jugend ja nicht einmal mehr abreiben.

profil: Sie sind ja bei den letzten Wahlen in Deutschland aus Protest nicht Wählen gegangen. Wird es bei diesen auch so sein?
Campino: Ich werde wohl die Grünen wählen, aber nur, weil ich sie für das geringste Übel halte. Ich interessiere mich sehr für Politik und versuche bei jeder großen Wahl meinen Zettel abzugeben, auch wenn ich bei Bekanntgabe der Wahlergebnisse bestimmt nicht so gespannt vor dem Fernseher sitze wie bei einem wichtigen Fußballturnier.

profil: Wie müsste sich die Politik verändern?
Campino: Es ist nur die Enttäuschung, dass spannende Regierungskoalitionen wie CDU und Grüne quasi verhindert werden. Und alles andere sich nicht mehr voneinander abhebt. Ich vermisse zum Beispiel die Persönlichkeiten, die es früher in der SPD gegeben hat. Sie wären für eine Ausgewogenheit wichtig.

In Wahrheit müssen wir endlich akzeptieren, dass die Macht in der Politik heute von Firmen und der Industrie ausgeht. Wir sind längst Teil eines globalen Systems, das wie Domino-Steine aufgebaut ist – wir können hier nicht mehr alleine aussteigen, sonst kippt alles um. Dabei ist Deutschland noch ein Gewinner dieses Systems, obwohl das keiner so darstellen will. Wir schauen nach Griechenland, obwohl das nur ein kleiner und unbedeutender Finanzmarkt ist.

Aber wie auch immer: Merkel wird diese Wahl gewinnen, das ist klar, so wie es klar war, dass der FC Bayern letztes Jahr die Champions-League gewinnt.