Cannes: Sex, Verbrechen und Gewalt

Die Goldene Palme ging an "La vie d'Adèle" von Abdellatif Kechiche (Frankreich)

"La vie d'Adèle", Abdellatif Kechiche (Frankreich)

Drei populäre Leitmotive bestimmten die Filmfestspiele in Cannes 2013: Sex, Verbrechen und Gewalt. Das vollkommenste Werk dieses Jahrgangs hatte dennoch mit keinem dieser Begriffe zu tun.

Die bewegten Bilder wirken an der Bildung mit - und keineswegs nur an jener der Herzen. Es ist erstaunlich, was einen das Kino abseits des blanken Zeitvertreibs alles lehren kann: wie man eine angeschlagene Segelyacht im Indischen Ozean provisorisch repariert (in J. C. Chandors minimalistischem Hochsee-Katastrophenfilm "All is Lost", einem Schwerarbeitssolo für Robert Redford);wie in den Dörfern des Tschad gesungen, gelebt, gearbeitet wird (in Mahamat-Saleh Harouns "Grigris"), welche Detailtücken indianische und psychoanalytische Kulturen bergen können (in Arnaud Desplechins bewusst unspektakulär angelegter Fallstudie "Jimmy P.").

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Aber das 66. Festival de Cannes geriet auch zu einem Crash-Kurs in angewandter Gewaltlust: Nicht nur der Hype um den sich in Blutrot und Trivialmythologie erschöpfenden Film des Dänen Nicolas Winding Refn ("Only God Forgives") erwies sich als letztlich unbegründet; mit einem in Hoffnungslosigkeit, Folter und Mord sich suhlenden Film aus Mexiko. Amat Escalantes "Heli" - hatte Festivaldirektor Thierry Frémaux sein Wettbewerbsprogramm 2013 gleichsam sadistisch gestartet. Differenziertere Nahaufnahmen der sozialen und politischen Misere, die Amokläufer und Rachetäter hervorbringt, bot wenig später Jia Zhangkes "A Touch of Sin", ein an der chinesischen Zensur wundersam vorbei geschmuggelter Film, der in vier Episoden die Brutalität, die Korruption und den Zorn mit den Stilmitteln des traditionellen asiatischen Kampfsportkinos bearbeitet.

Nebenbei schien das bedeutendste Filmfestival der Welt sich im Kino unentwegt selbst zu spiegeln: Die exzessiven Partys, die etwa Baz Luhrmanns "The Great Gatsby" und Paolo Sorrentinos Ennui-Studie "La grande bellezza" (ein Fellini-Missverständnis) dominierten, warfen ein bezeichnendes Licht auf die weniger glamourösen Feiern, die von der ökonomisch versehrten Filmbranche hier veranstaltet wurden. Sofia Coppola substanzloses Teenager-Lustspiel "The Bling Ring" wurde von zwei realen Millionen-Coups, die in Cannes verübt wurden, in den Schatten gestellt, und schließlich konnte man sogar meinen, dass der in Cannes tagelang strömende Regen auf die Leinwände gesickert war: In jedem dritten Film schüttete es, als hätte ein übelgelaunter Kinogott das Jahr des klimatischen Tiefdrucks ausgerufen.

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Die bizarren Slapstickeinlagen zweier Virtuosinnen des Gegenwartskinos sorgten immerhin zwischendurch für kurze Ablenkung vom nagenden Gefühl der Depression, das über vielen Filmen dieses Jahrgangs lag: Isabelle Huppert machte sich als sadomasochistische Ermittlerin in Serge Bozons exzentrischer Policier-Persiflage "Tip Top" über ihre eigene Kunst lustig, und Valeria Bruni Tedeschi, die im diesjährigen Wettbewerb um die Palme d'or als einzige Regisseurin auftrat, verblüffte in "Un chateau en Italie" mit einem weiteren autobiografischen Neurosenstrauß, der glänzende komische Momente barg.

Aber nur ein einziges ungetrübtes Meisterwerk fand sich, trotz überdurchschnittlicher Gesamtqualität, im Wettbewerbsprogramm 2013: Mit "Inside Llewyn Davis" legte das US-Brüderpaar Ethan und Joel Coen eine Loser-Tragikomödie vor dem liebevoll ausgeleuchteten Hintergrund der Folk-Music-Szene des Jahres 1961 vor. Oscar Isaac tritt darin als kongenialer Titelheld in Szene, als ein von den Widrigkeiten des Alltags und der Erfolglosigkeit gepeinigter Songwriter. Kein Film hatte heuer mehr zu bieten als dieser, keiner blendete derart unangestrengt Tristesse und character comedy, Zeitkolorit und Krisenaktualität, Bitterkeit und Dialogwitz ineinander -die Coen-Brothers haben mit dieser lakonischen Musikfabel endgültig das Stadium der Meisterschaft erreicht.

Zwei letzte Preziosen dieses Festivals demonstrierten, wie viel an Philosophie und Spannung sich im Kino aus ganz gewöhnlichen Lebensumständen und Patchwork-Familiengeschichten schlagen lässt: Der Iraner Asghar Farhadi konstruiert in "Le passé" aus der schwierigen Beziehungssituation zweier Männer um eine Frau (Bérénice Bejo) einen kleinen Thriller um Schuld und Verantwortung; und der Japaner Hirokazu Kore-eda lotet in "Like Father, Like Son" kühl die Implikationen der Frage aus, wie zwei Elternpaare auf die Enthüllung reagieren, dass ihre beiden Söhne in der Geburtsklinik vor sechs Jahren vertauscht wurden. Beide Filme gehörten bis zuletzt zu den Favoriten der in Cannes versammelten internationalen Filmkritik. Aber die innere Zerrissenheit des berühmtesten Filmfestivals der Welt ist längst evident -und dazu musste man gar nicht erst in das überbordende Marktprogramm blicken, in dem Billig-Schocker und Erotik-Trash gegen übergangene Autorenfilme und oft tragikomisch anmutende Special-Interest-Produktionen antraten, die allesamt verzweifelt aus den tristen Zonen unterhalb der Radarerfassung des internationalen Bewegtbild-Business zu kommen versuchten; sogar eine eilig zusammengestellte Filmhommage an Papst Franziskus ("Gottes demütigster Diener") konnte man hier bereits erwerben. Aber schon eine etwas genauere Prüfung der sélection officielle, des Festival-Herzstücks , machte deutlich, wie sehr man in Cannes, um für alle Fälle und Positionen gerüstet zu sein, zwischen tödlichem Ernst und frivolstem Entertainment, zwischen Sammlung und Zerstreuung changiert. Cannes will und muss die Elfenbeintürme der Weltfilmkunst ebenso besetzen wie die Zirkuszelte der Spektakelkinos.

Man konnte daher von Glück sagen, dass es Claude Lanzmann gelungen war, Festspieldirektor Thierry Frémaux von dem Entschluss abzubringen, das jüngste (und mutmaßlich finale) Lanzmann-Œuvre in den Wettbewerb um die Goldene Palme zu setzen. Unpassender hätte man "Der Letzte der Ungerechten", koproduziert in Österreich, nämlich nicht präsentieren können: Wie sollte man einen fast vierstündigen Dokumentarfilm über die Geschichte des NS-Konzentrationslagers Theresienstadt und die Weltsichten des einstigen "Judenältesten" Benjamin Murmelstein (profil berichtete mehrmals über den Fall) mit einem formelhaften Action-Knaller aus Japan (Takashi Miikes "Shield of Straw"), einer wuchtigen Kleist-Adaption aus Frankreich (Arnaud des Pallières' "Michael Kohlhaas", mit dem charismatischen Mads Mikkelsen in der Titelrolle) und beispielsweise Steven Soderberghs konventionellem Liberace-Biopic "Behind the Candelabra" sinnvoll vergleichen?

Außer Konkurrenz war Lanzmanns spröder, aus langen Interviewpassagen und Originalschauplatz-Erkundungen klug gebauter Theresienstadt-Film entschieden besser aufgehoben -auch wenn sein von Eitelkeit nicht ganz freier Schöpfer im profil-Gespräch betonte, dass er - hätte er am Wettbewerb teilgenommen - definitiv die Goldene Palme 2013 gewonnen hätte. So wurde die Weltpremiere am Sonntagabend vorvergangener Woche, in Anwesenheit des 87-jährigen Regisseurs, zu einem von Kunstrivalitäten unbelasteten Triumph: Strahlend empfing Claude Lanzmann im Festivalpalast Standing Ovations für ein Werk, das fast vier Jahrzehnte lang in ihm geschwelt hatte, unerledigt geblieben war - seit jenem Interview, das er mit Murmelstein 1975, eine ganze Woche lang, in Rom geführt und anschließend nicht verwendet hatte. "Der Letzte der Ungerechten" ist nun weit mehr als eine Fußnote zu Lanzmanns Opus Magnum "Shoah" geworden, in das es eigentlich hätte einfließen sollen: eine hochreflexive, dabei sehr persönliche Arbeit, die historische Präzision bequemer Anschaulichkeit und schneller Schuldzuweisung vorzieht - und in der Figur des rhetorisch brillanten, im Exil gestrandeten Wieners Benjamin Murmelstein Anpassung und Heroismus, Emotion und Intellekt, Erinnerung und Analyse überraschend (und in aller gebotenen Ambivalenz) neu zu beleuchten versteht.