Charity: „Ich bin nicht Mutter Teresa“

Life-Ball-Chef Gery Keszler, 43, über Andrea Kdolskys Laufstegauftritt, die Vereinnahmung durch das Establishment und Elton Johns Rosenkrisen.

profil: Am 26. Mai steigt der Life Ball zum 15. Mal. Aus der provokanten Aids-Charity ist inzwischen eine Art zweiter Fasching geworden, mit vielen Gästen aus der Provinz, die an Aids keinen Gedanken verschwenden und ihre selbst gebastelten Kostüme äußerln führen wollen. Hat der Ball seine Brisanz verloren?
Keszler: Nein. Der Life Ball ist in seinem 15. Jahr kontroverser, als er je war. Natürlich war die Provokation beim ersten Life Ball ausgeprägter. Aber genau darum laden wir diesmal auch die New Yorker Drag-Familie rund um „Sex and the City“-Ausstatterin Patricia Field, die schöne Transe Amanda und die New Yorker Partykönigin Susanne Bartsch ein. Diese bunten Vögel haben damals schon die schwule Subkultur belebt und waren auch für mich eine große Inspiration. Gleichzeitig entstand aus dieser Szene eine neue Generation: die Scissor Sisters und natürlich das Kultlabel Heatherette.
profil: Nach etablierten Designern wie Galliano, Gaultier und Westwood ein bewusster Stilwechsel hin zum Trash?
Keszler: Heatherette sind heute eines der heißesten Labels überhaupt und erzeugen bei der New Yorker Fashion Week eine Hysterie sondergleichen. Die Jungs haben drei Etagen im Empire State Building, total irre. Sie sind für mich ideal, um das Gefühl der ersten Life-Bälle zu reanimieren. Bei ihren Shows sitzen die Top-Journalisten der Welt brav in der zweiten Reihe, direkt hinter den Transen. Und draußen prügeln sich die Leute, wie eine komplett zugedröhnte Britney, um die restlichen Plätze.
profil: In seinem 15. Jahr ist der Life Ball längst vom österreichischen Establishment vereinnahmt worden – mit paradoxen Begleiterscheinungen: Man nimmt hier gern ein Gesichtsbad, ist aber strikt gegen die Schwulenehe.
Keszler: Die Provokation, die der erste Life Ball ausstrahlte, ist inzwischen raffinierter geworden. Bei uns stellt sich das traditionelle Benimm-dich-Österreich auch artig hinter den Drag Queens an. Und selbstverständlich wird es auch wieder die nackerten Popscherln geben. Vieles davon gefällt mir nicht, und vieles davon würde ich auch gern verhindern. Aber ich werde sicher niemanden ausgrenzen auf einem Ball, der gegen Ausgrenzung auftritt.
profil: Was irritiert Sie an nackten Popscherln?
Keszler: Es geht vorbei an dem, was wir transportieren wollen. Wir sind keine Regenbogenparade. Nur seinen Arsch zu zeigen, um aufzufallen, ist bei uns zu wenig. Da sind mehr Grips und Fantasie gefragt. Richtig spannend finde ich den Kontrast zwischen Drag-Kultur und offiziellem Österreich. Heuer haben sich mehr Politiker angekündigt als je zuvor. Die Gesundheitsministerin lässt sich übrigens ein irres Kostüm schneidern.
profil: Nabelfrei?
Keszler: Das darf ich leider nicht verraten. Sie wird aber auch auf den Laufsteg gehen. Ich habe gerade mit den Heatherettes ihr Outfit besprochen, das war äußerst inspirierend.
profil: Andrea Kdolsky steht für den Aufbruch innerhalb der ÖVP, behauptet aber von sich, nicht liberal zu sein. Sie trägt die konservative Linie der ÖVP mit, was die Rechte der Homosexuellen betrifft. Ist das nicht schizophren?
Keszler: Ehrlich gesagt verstehe ich einfach nicht, warum man im 21. Jahrhundert noch solche Debatten führen muss. Niemand beißt den anderen, und kein Schwuler will einen Hetero heiraten. Eigentlich will ich auch als Schwuler keinen Schwulen heiraten. Das hatte ich schon, wenn auch nur bei uns in der „Wedding Chapel“, und meine Erfahrungen mit dieser „Ehe“ waren nicht die besten. Aber ich empfinde das, was die Gesundheitsministerin macht, als ein wunderbares Signal, auch wenn sie sicher keine Krypto-Linke ist. Dennoch hoffe ich, dass von der ÖVP wahrgenommen wird, wie gut es ihr tut, eine Andrea Kdolsky zu haben. Ich glaube aber auch nicht, dass die gesamte ÖVP erwacht, weil sie jetzt eine extrem coole Ministerin hat.
profil: Wird Wilhelm Molterer zum Ball kommen?
Keszler: Das glaube ich nicht. Aber Sharon Stone wird wieder da sein, in Haute Couture, dem Anlass entsprechend. Catherine Deneuve wirkte ja im vergangenen Jahr in ihrem knielangen Prada-Kostüm zwischen den bunten Paradiesvögeln und der Haute Couture fast ein wenig underdressed.
profil: Der schwarze Bezirksrat Walter Schlager hat sich im letzten Jahr öffentlich darüber empört, dass Sie das Goldene Ehrenzeichen der Stadt Wien bekommen …
Keszler: Deswegen ist er eben auch nur Bezirksrat.
profil: Immer wieder echauffiert sich der Volksmund auch über die Tatsache, dass am Life Ball wegen seiner Hemmungslosigkeit auch Infektionsgefahr besteht.
Keszler: Das ist ein völliger Blödsinn. Außerdem würde ich eher anraten, sich vorher oder nachher zu betätigen, damit man sich auf das Fest konzentrieren kann.
profil: Im Arrangement mit Stars inbegriffen sind oft Zicken und Allüren, die bei einer Charity-Veranstaltung noch unpassender als das von Ihnen erwähnte Deneuve-Kostüm erscheinen. Man erzählt sich von einem hysterischen Elton John, den die Farbe seiner Rosen im Hotel Intercontinental in eine mentale Krise stürzte.
Keszler: Elton John hat keine Blumen bestellt. Wo Sie aber Recht haben: Wenn es nur noch darum gehen würde, wie viele Rosen und in welcher Farbschattierung Elton John auf sein Zimmer bekommt, wäre ich enttäuscht.
profil: Elton John hat sich beim Life Ball 2005 generell benommen wie eine gekränkte Diva. Seitdem kooperieren Sie nicht mehr mit seiner Aids Foundation. Steht das in einem Zusammenhang?
Keszler: Nein. Elton John ist ja nur das Sprachrohr seiner Foundation. Die eigentliche Arbeit bei EJAF wird von einem Team gemacht, mit dem wir wunderbar kooperiert haben. Wenn dann ein Paradiesvogel wie Elton John über allem flattert, hat das keine Auswirkungen auf die tägliche Arbeit des Projekts. Man kann aber Elton John jederzeit mitten in der Nacht aufwecken, und er wird einem überzeugend darlegen, warum er sich derart engagiert. Gleichzeitig ist er aber auch verrückt. Genau deswegen ist er ein Star.
profil: Warum haben Sie die Kooperation mit Elton John dann beendet?
Keszler: Das hat einen einfachen Grund: Wir haben gemeinsam mit der Elton John Aids Foundation eine Reihe von Projekten im südlichen Afrika aufgegriffen. Diese Projekte haben wir bis zur Selbstständigkeit begleitet und nehmen nun neue Projekte in Angriff, für die wir mit der von Elizabeth Taylor gegründeten amfAR kooperieren. Derzeit arbeiten wir an einem großen Projekt in Asien, wo der Wissensstand über das Thema zum Teil noch niedriger ist als in Afrika. Es geht dabei vor allem um Logistik im Zusammenhang mit den neuen Medikamenten. Deshalb wäre es auch ein großer Durchbruch, wenn es gelänge, die Therapie so umzustellen, dass man nicht mehrere Tabletten am Tag nehmen muss, sondern halbjährlich eine Spritze bekommt.
profil: In Österreich ist Aids in den letzten Jahren – abgesehen vom Life Ball – weitgehend unsichtbar geworden: sowohl als mediales Thema als auch in der alltäglichen Wahrnehmung.
Keszler: Einerseits kann man für den Fortschritt in der Medizin nicht dankbar genug sein, andererseits hat er auch eine Verharmlosung ausgelöst. Dabei gibt es gar keinen Grund zur Entspannung. Vor allem auf dem Land ist Aids nach wie vor ein Tabu. Viel zu häufig kommt es vor, dass Menschen aus Angst vor der Stigmatisierung erst einen Aids-Test machen, nachdem sie schon viele Jahre HIV-positiv sind. Was die Therapiemöglichkeiten deutlich beeinträchtigen kann.
profil: Aber ist es in Wien so viel anders?
Keszler: Ehrlich gesagt: nein. Das Stigma besteht weiterhin.
profil: Gesetzt den Fall, Sie wären positiv: Würden Sie damit an die Öffentlichkeit gehen?
Keszler: Auf „Was wäre wenn“-Fragen möchte ich grundsätzlich keine Antworten geben. Darüber hinaus – was auch immer ich dazu sage, wird die eine oder andere Seite gegen mich auslegen. Deshalb möchte ich auf derartige auch sehr ins Persönliche gehende Fragen überhaupt nicht eingehen.
profil: Das ist unverständlich. Die Botschaft des Life Balls geht doch auch in Richtung Enttabuisierung und Transparenz.
Keszler: Natürlich! Nur hat das eine nichts mit dem anderen zu tun.
profil: Aber gerade die Courage und das Selbstwertgefühl von prominenten Galionsfiguren kann doch Betroffenen bei der Bewältigung ihres Schicksals helfen.
Keszler: Uns geht es in erster Linie um einen Event, um Fundraising und PR zu machen und somit möglichst viel Geld für Betroffene von HIV und Aids auf der ganzen Welt zu lukrieren. Das hat mit Professionalität zu tun, auch wenn das Wort in dem Zusammenhang schrecklich klingt. Als Organisation, die das Ziel hat, Gelder aufzustellen, ist die Transparenz von unseren persönlichen Befindlichkeiten nicht unsere Pflicht. Für Aids-Organisationen hingegen halte ich sie für enorm wichtig.
profil: Aber ist das eine vom anderen zu trennen?
Keszler: Definitiv. Wenn ich zur HIV-Situation gefragt werde, gebe ich natürlich meinen Kommentar ab. Aber ich bin nicht Obmann der Aids-Hilfe. Ich bin Life-Ball-Veranstalter.
profil: Torgom Petrosian, der Arzt und Ihr Mitveranstalter beim ersten Life Ball, ist an Aids gestorben. Gab dieser emotionale Bezugspunkt die Initialzündung für das Event?
Keszler: Seine Erkrankung war der Anlass, dass es den Life Ball überhaupt gibt. Torgom war ein enger Freund von mir. Er hat lange nicht über seine Krankheit gesprochen. Und dann kam es zu diesem besonderen Abend, an dem die Idee entstand.
profil: Wo fand dieser Abend statt?
Keszler: In einer Wohnung in der Josefstädter Straße. Das Gespräch wurde sehr intensiv, auch über die Erkrankung von Torgom. An diesem Abend entstand eine Vision. Und dann hieß es, dass ich in Paris schon bei vielen Aids-Charities dabei war und deshalb wohl Bescheid wissen müsste, wie man so etwas aufzieht. Ich hatte überhaupt keine Ahnung. Ich bin dann einfach zum Niedermayer gegangen, habe mir um 900 Schilling ein Fax gekauft und erstmals einen Computer berührt. Mein erstes Büro hatte genau sechs Quadratmeter.
profil: Wer besaß damals den Pioniergeist, das Event zu unterstützen?
Keszler: Wir haben damals die 500 größten österreichischen Unternehmen angeschrieben, und zwei, nämlich Palmers und die ÖMV, haben je 5000 Schilling geschickt. Das war das Marketingbudget des ersten Life Ball. Aber ich habe während meiner Zeit in Paris viel Geld verdient und 300.000 Schilling von meinem eigenen Konto investiert.
profil: Hatte Aids in Paris ähnlich verheerende Auswirkungen wie in New York? Keszler: Ich habe genug sterben gesehen. Das waren ungemein traurige Erfahrungen, die gereicht haben, um nach Österreich zurückzukehren und meinen gut bezahlten Job in Paris aufzugeben. Ich habe dort in zwei Tagen mehr verdient als heute in einem ganzen Monat.
profil: Wie viel zahlen Sie sich selbst aus?
Keszler: Nicht viel, aber darum geht es auch gar nicht. Mir geht es gut, ich habe eine Eigentumswohnung und mache meinen Job wirklich gerne. War ein tragisches Ereignis Auslöser für den ersten Life Ball, so gibt es heute neue Motivationen. Ich mache diesen Job sehr gerne. Aber ich bin nicht Mutter Teresa. Und ich habe mich nicht erst einmal gefragt, warum ich mir das alles überhaupt noch antue.
profil: Was waren das für Momente?
Keszler: Zwischen den ersten Szenefesten und der heute wirklich großen und internationalen Gala so zwischen 1998 und 1999 gab es schon Momente, wo ich mir die Frage gestellt habe, wie der Life Ball sich zukünftig positionieren soll. Nie hatte ich jedoch das Gefühl, dass der Spirit des Fests verloren gehen könnte. Wenn es jemals dazu kommen sollte, würde ich sofort aufhören.
profil: Wie lange werden Sie in Wien noch die Life-Ball-Mutter geben?
Keszler: Irgendwann wird man die Verantwortung der neuen Generation übertragen müssen. Ich möchte eigentlich nicht, dass diese Party mit mir älter wird. Vielleicht werde ich später wieder einen besser bezahlten Job annehmen. Das wäre wohl kein Fehler, schließlich bin ich völlig untalentiert, was meine Altersvorsorge betrifft. Im Moment hoffe ich noch naiv darauf, dass mir mit 70 ein junger Sixpack-Erbe über den Weg läuft, der mich in meinem Rollstuhl spazieren kutschiert.

Interview: Angelika Hager und
Sebastian Hofer