China Christ Superstar

Mao war gestern, Jesus ist heute. Mit dem radikalen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel des Landes suchen immer mehr Chinesen Rückhalt im Christentum – sehr zum Ärger der KP-Führung.

Es weihnachtet in Chinas Millionenmetropole Shanghai. Wer in der Adventzeit durch die berühmte Einkaufsstraße Nanjing Lu schlendert, der sieht rote Girlanden an den Fassaden der Häuser hängen. In den Schaufenstern der Geschäfte prangen Plastiktannenbäume und Puppen in Weihnachtsmannkostümen. Für die meisten Chinesen ist Weihnachten ein Fest, das sie mit Hollywoodfilmen kennen und schätzen gelernt haben. Aus reiner Neugierde strömen am Heiligen Abend tausende Bewohner Shanghais in die Xujiahui-Kathedrale, um einmal bei einer katholischen Messe dabei zu sein.

Für die Priesterin Wu Meihua, eine Frau Mitte 50, die ihre grauen Haare streng nach hinten gebunden hat, ist der 24. Dezember hingegen eine ernste Angelegenheit. In der ärmlichen 3000-Seelen-Gemeinde Bukou in der Provinz Shandong hält sie nahezu täglich eine Messe ab. Meihua leitet einen von vielen illegalen protestantischen Hauskreisen: kleine christliche Gruppierungen, die in Privatwohnungen zusammenkommen und dort gemeinsam beten, singen und die Bibel lesen.

„Gott sei mit euch“, begrüßt Wu ihre rund 20 Mitglieder, die alle in dicke Jacken gehüllt sind, weil es in dem kleinen Raum keine Heizung gibt. In dem dunklen Zimmer stehen ein hellbraunes Lehrerpult, dahinter eine weiße Tafel und eine rote Spendenbox. Die Menschen sitzen auf gelben Schaumstoffplatten. „Gelobt sei Gott der Herr, der Gott Israels, der allein Wunder tut …“, fangen die Anwesenden an zu singen. Die meisten falten dabei die Hände, schließen ihre Augen und blicken andächtig an die Decke.

Christen sind in China zwar nach wie vor eine Minderheit. Von den 300 Millionen Gläubigen sind die meisten Buddhisten. Doch das Reich der Mitte erlebt derzeit einen Run auf die christlichen Gotteshäuser. Rund fünf Prozent der 1,3 Milliarden Chinesen bekennen sich bereits zum Christentum, täglich werden es mehr. Die amerikanische Wochenzeitung „National Catholic Reporter“ hat ausgerechnet, dass täglich 10.000 Menschen zum Christentum konvertieren und bereits Mitte die-ses Jahrhunderts China zum Land mit der größten Christengemeinschaft von 200.000.000 Gläubigen weltweit werden könnte.

Missionseifer. Während der Kulturrevolution unter Mao Tse-tung wurden Kirchen wie auch buddhistische Tempel geschlossen. Religion konnte nur noch im Geheimen praktiziert werden. Als die offiziellen Kirchen nach Maos Tod 1979 wieder geöffnet wurden, hatten sich tausende illegale Hauskreise gebildet. Die Mehrheit der chinesischen Christen blieb dann auch weiterhin im Untergrund, weil sie sich nicht der staatlichen Kontrolle aussetzen wollten. Die illegalen Gebetskreise sind vor allem im ländlichen Raum stark verbreitet.

Die meisten Christen in China sind wie Wu Meihua Evangelikale. Soziologen der pädagogischen Universität Shanghai haben in einer neuen Studie festgestellt, dass der Protestantismus „aufgrund seines enormen Missionseifers“ am schnellsten wachse. 20 Millionen Protestanten besuchen die offiziell registrierten und damit staatlich anerkannten Gemeinden. Laut Schätzungen von chinesischen Religionswissenschaftern treffen wöchentlich zwischen 40 und 60 Millionen evangelische Christen in Hauskreisen zusammen.

Wenn diese Zahlen stimmen, dann hat die protestantische Kirche in China mehr Mitglieder als die kommunistische Partei. Für das KP-Regime, das im Zuge der wirtschaftlichen Öffnung des Landes ohnehin an Gewicht verliert, sind solche Zahlen natürlich eine offene Kriegserklärung. Die gefährliche Wirkung von religiösen Gruppen kennt China aus seiner Geschichte nur zu gut: Immer wieder zogen Sekten wie die „Lehre des Weißen Lotus“ oder die Taiping-Bewegung gegen die Herrschenden zu Felde und stürzten das Land ins Chaos. „Die Geschichte des Landes zeigt, dass alle Rebellionen, die zu einem Wechsel der Dynastie führten, einen religiösen Hintergrund hatten“, sagt auch Jean Paul Wiest, Experte für Christentum in China. „Das bereitet der Staatsspitze natürlich Sorgen. Sie muss etwas gegen die Christen unternehmen.“

Tatsächlich sieht Peking die protestantischen Hauskreise als Keimzellen einer wachsenden Religiosität in der Volksrepublik. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International klagen, dass die Verfolgung von Christen in China in den letzten Jahren massiv zugenommen hat. Vor allem in der bevölkerungsreichsten Provinz Henan im Osten des Landes, wo es die größten christlichen Gemeinden gibt, werden diese systematisch verfolgt. Laut der „China Aid Association“, einer christlichen Hilfsorganisation in den USA, sollen in den vergangenen Monaten 220 Mitglieder von illegalen protestantischen Hauskirchen festgenommen worden sein. Fast wöchentlich tauchen in den Medien neue Fälle von Diskriminierung gegen Christen und willkürliche Verhaftungen durch die Behörden auf.

Auch die Priesterin Wu Meihua hat Erfahrungen mit Chinas Staatspolizei gemacht. Vor eineinhalb Jahren saß sie mit 30 anderen Protestanten beim täglichen Gottesdienst zusammen. Plötzlich ging die Tür auf, Polizisten stürmten herein. Draußen vor der Hofeinfahrt dröhnte es aus einem Lautsprecher: „Polizei, stehen bleiben, alle ab in die Wagen.“ Die Behörden stellten die sieben Räume von Wus Hof auf den Kopf und nahmen sie wegen „Abhaltens einer illegalen Versammlung“ und „illegalen Missionierens“ fest. „Die offiziell registrierte Gemeinde hat uns verraten und die Polizei auf uns angesetzt“, ist sich Wu sicher. „In den offiziellen Gemeinden gibt es viele falsche Christen“, sagt sie energisch und streicht über ihre Bibel. Deshalb wollte sie sich von ihnen abgrenzen und ihren Hauskreis nicht vom Staat registrieren lassen.

Hausarreste. Wus kleine Gemeinde singt an diesem Abend Psalmenverse. Anschließend liest der 26-jährige Sohn Wus mit monotoner Stimme aus dem „Buch der Offenbarung“ vor, das von drei chinesischen Hauskirchenpfarrern geschrieben worden ist. Es folgt eine Predigt von Wu zum Thema Verhältnis von Staat und Kirche, in der sie eine gute Stunde Bibelzitate aneinanderreiht. Keine lebensnahen Beispiele, kein persönliches Wort. Die Gemeinde darf nur mitblättern und Notizen machen. „Ich halte nichts von privaten Gesprächen oder persönlichen Bibelauslegungen“, sagt Wu bestimmt. „In den offiziellen Gemeinden predigen sie das Wort der Menschen, wir hören hier allein auf Gottes Wort.“

Dass die quirlige Priesterin nach ihrer Festnahme wieder auf freiem Fuß ist, hat sie ihrem Anwalt Li Baiguang zu verdanken, der selbst Mitbegründer eines Hauskreises ist. Der schmächtige 39-jährige Li, der vergangenes Jahr von US-Präsident Bush zu einem Gespräch in den USA eingeladen war, sprüht vor Enthusiasmus, wenn er über seinen Glauben spricht. Und man versteht schnell, warum Menschen wie er der KP-Führung ein Dorn im Auge sind. „Es waren die christlichen Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie, die uns zuerst fasziniert haben“, sagt er. „Erst später wurde der Glaube zu einer persönlichen Lebenseinstellung.“ Li verteidigt deshalb viele Fälle, die seinen Kollegen zu heikel sind: Sektenanhänger, von den Behörden betrogene Bauern und vor allem verfolgte Christen wie Wu Meihua.

Der von Li gegründete „Arche-Hauskreis“ befindet sich in einem angemieteten Apartment im zwölften Stock einer Wohnanlage in einem Künstlerviertel namens 798 Dashanzi östlich von Chinas Hauptstadt Peking. An den weiß gestrichenen Wänden kleben Fotos von gemeinsamen Aktivitäten, Blumen- und Kreuzornamente. Immer wieder wurden Mitglieder des Arche-Hauskreises verhaftet. „Wenn einer längere Zeit nicht kam“, erinnert sich Li Baiguang, „dann wussten wir, dass er wieder unter Hausarrest stand. Irgendwann haben wir das hingenommen.“ Der Arche-Hauskreis ist trotz anhaltender Überwachung weiterhin aktiv. Es ist Sonntagvormittag. Der Prediger und Schriftsteller Wu Xinghua trägt ein schwarzes Hemd und eine schwarze Hose. Er hält gerade eine Predigt über Vertrauen in Gott mit vielen Beispielen aus dem Alltagsleben. Am Ende der Messe spricht jeder über seine Gedanken zum Predigtthema. Wu, der Ende 20 ist, erzählt mit Tränen in den Augen von einem Selbstmordfall in einer befreundeten Familie und seinen Versuchen, den Eltern des verstorbenen Sohnes Trost zu spenden. Minutenlang halten die rund 30 Mitglieder inne und murmeln ein Gebet.

Gao Shining, Professorin für Religionssoziologie an der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften, hat sich als erste Wissenschafterin intensiv mit dem heiklen Thema der Hauskreise beschäftigt. Ein Jahr lang hat sie in Peking sowohl offiziell anerkannte als auch nicht registrierte Gemeinden untersucht. „Aus Sicht der Regierung ist zunächst jede Gruppe außerhalb ihrer Kontrolle verdächtig“, sagt sie. „Einige Hauskreismitglieder lehnen in der Tat das kommunistische Regime und seine staatlichen Gemeinden ab“, resümiert Gao, „viele besuchen Hauskreise allerdings eher, weil keine offizielle Gemeinde in der Nähe ist oder sie den intensiveren Gemeinschaftsgeist schätzen.“

Radikaler Wandel. Die christliche Mission in China wird traditionell von Evangelikalen aus den USA getragen. Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Protestanten im asiatischen Raum erfolgreich. Mehrere tausend evangelikale US-Missionare leben heute als Geschäftsleute und Lehrer getarnt in der Volksrepublik. Für China steckte hinter dem Missionseifer Washingtons schon immer eine gezielte Unterwanderung des kommunistischen Regimes, um es im Sinne der USA zu demokratisieren.

Doch die Missionsarbeit allein ist nicht der einzige Grund für den Christen-Boom in China. Seit knapp zwei Jahrzehnten erlebt das Reich der Mitte einen radikalen sozioökonomischen Wandel. Die Wirtschaft wächst rasant, Städte werden völlig umgebaut, traditionelle Werte gehen verloren. Viele Chinesen, die jahrhundertelang von der Außenwelt abgeschottet waren, verlieren in der Schnelllebigkeit einer globalisierten Welt die Orientierung und suchen Rückhalt in den Religionen: Buddhismus, Konfuzianismus und Christentum. „China hat in seiner Geschichte so oft gehungert, jetzt fühlt es einen spirituellen Hunger unter der neonfarbenen Oberfläche seiner neuen Umgebung“, beschreibt ein Kommentator in der „Asia Times Online“ das Phänomen.

„Die protestantischen Chinesen glauben, dass einzig die christliche Ethik auf einer starken Hoffnung und einem profunden Glauben in die Zukunft beruht. Deshalb ist ihrer Meinung nach die westliche Zivilisation bis heute so stark geblieben“, sagt David Aikman, Journalist und Autor des Buches „Jesus in Peking. Wie das Christentum China beeinflusst und das globale Kräfteverhältnis verändert“. Auch Aikman ist überzeugt, dass die Christen langfristig einen starken Einfluss auf die Demokratisierung Chinas ausüben werden.

Von dieser Politisierung des Glaubens hat sich der Hauskreisgründer und Anwalt Li Baiguang aber mittlerweile distanziert. Für ihn ist das Missionieren stärker in den Vordergrund gerückt. „Im Vergleich zu früher bin ich viel ruhiger geworden“, sagt Li, „früher habe ich Polizisten und Richter angeschrien. Jetzt lese ich ihnen aus der Bibel vor.“

Von Kristin Kupfer (Peking) und Gunther Müller