Chip, Chip, hu- ... tja

Krankhafter, darum verwirrter Bericht aus Gesundistan.

Es war einmal gegen Ende Juni vor nunmehr sechs Sommern, da wurde im Land Gesundistan ruchbar, dass die Kranken von den Gesunden fortan nicht mehr zu unterscheiden sein sollten. Die Heiler mochten an den Sinn der Neuigkeit nicht so recht glauben, aber ihre sie wie immer forcierenden Helfer, die Kassen, Beamten und Referenten, beharrten auf dem Nutzen. Es ginge ihnen, da sei Gott vor, keineswegs um ein Abschieben der verantwortlichen Verwaltung, sondern um die Volksgesundheit.

Denn die technisch begabten Helfer schlugen vor, ein Instrument zu schaffen, das Gesunde wie Kranke bei sich zu tragen hätten; damit wären alle Bürger Gesundistans krankenrechtlich erfasst; und zudem seien die Kosten ihrer Heilung wesentlich leichter zu errechnen und weiterzuverrechnen als mit dem lästigen Papierkram. Der Gesundheitsgrad jedes Einwohners sei auf diesem Ding zu vermerken, das sie „Chip“ nannten.

Anfangs glaubten manche, bei diesem Begriff handle es sich um die etwas hastige Aussprache eines besonders geländegängigen Fahrzeugs, doch so robust diese Autos auch sind, mit der Gesunden- und Krankenuntersuchung hatten sie nichts zu tun. Auch nicht mit der englischen Version des Jetons, denn zwar sollten die Ärzte alles gesundheitlich Wissenswerte auf eine Chipkarte (ein)setzen, aber eben deshalb, damit keines ihrer Schäfchen sein Leben verspielte.

Nach wenigen amtlichen Bulletins wurde schon am 6. Juli 1998 vom Nationalrat „der erste Schritt zur Einführung der Chipkarte gesetzt, die künftig den Krankenschein ersetzen soll“. Insgesamt sollte die Wirtschaft zur Umstellung etwa 300 Millionen Schilling beisteuern. Es war ein bewegender Tag im hohen Haus, denn gleichzeitig wurde auch das „Bauarbeiter-Schlechtwetterentschädigungs-Gesetz“ novelliert. Der Eintritt in ein neues, Gebrechen durchleuchtendes Zeitalter stand bevor.

Sechs Monde später schien es in Gesundistan noch ein sinisteres Phantom namens Frankenstein oder Krankenschein zu geben, das nicht unentgeltlich fortgeisterte, denn die FPÖ schlug im Nationalrat vor, die Gebühr hierfür ersatzlos zu streichen.
Von einer Chipkarte war nur durch jene undeutlichen Geräusche zu hören, die entstanden, als der Hauptverband der Helfer mit der Kammer der Heiler hinter verschlossenen Türen unter anderem heftig darum stritt, wer denn nun diese kostbare Karte dem Gesunden/Kranken aushändigen müsse und wer die Anzahl und Art dieser Karten in Evidenz zu halten habe und wenn überhaupt, dann um welchen Lohn, wenn nicht nur um Gottes.

Da um dessen mit Sicherheit niemand einen Finger krümmen mochte, brachten sich noch rasch – nur einen Winter später – die alles durchschauenden Psychotherapeuten in den Austausch-Deal ein, indem sie „Psychotherapie auf Krankenschein“ einforderten: Mens sana etc. Der Antrag war insofern schizophren, als eine Gruppe sagte, es gebe genug Seelenforscher, die andere argwöhnte, der Kosten wegen ginge nur ein Drittel aller potenziellen Patienten zu ihnen. Kurz darauf ereilte die Kassen der Helfer ein Trauma: Sie waren (nicht zum ersten Mal) pleite.
Dem trug die Kammer der Heiler schon sieben Monde später, am 7. August 2000, mit einem atemberaubenden Statement entlastend Rechnung: Für sie „ist eine Umstellung von der Pflichtversicherung auf die Versicherungspflicht unter bestimmten Bedingungen vorstellbar“; wenn die Gesunden dadurch nicht kranker würden, sei eine „soziale Staffelung des Krankenscheinsystems“ denkbar. Dankbar für das Schlupfloch „sozial“, das im ersten Ansatz nur allein erziehende Krüppel von der Gebühr befreite, erholten sich die Kassen bis zum 3. Oktober 2001: Da diagnostizierten die Heiler, Gesundistan stünde vor einem Kollaps, schlugen als Therapie fünf Milliarden Schilling vor, die es mittels Selbstbehalten und neuer Steuern einzunehmen gälte.

Die Kassen, die eben pausbäckig an einem zusätzlichen Schilling Rezeptgebühr lutschten, fielen ins Koma. Wenige Monate danach kam der Euro als Herzschrittmacher, denn in seinem bunten Schlauchgewirr an neu zu berechnenden Krankenschein-, Rezept-, Spitals-, Ambulanz-, Krankenbett- und „Leistungspaket“-Kosten wurde neu strukturiert, kanalisiert, dezentralisiert, dann wieder zentralisiert, erfasst, erhöht, ermäßigt, genehmigt, verworfen, dass die Kassen schon aus innerer Unruhe ein kräftiges Lebenszeichen gaben.

Es war nicht der gesunde Appetit auf Chips, sondern die Vonsichgabe zweier Kommuniqués: Einerseits sollte die Chef-Heiler-Genehmigung für besondere Arzneien und Heilmethoden ganz anders genauso werden, wie sie war, anderseits gliedere sich die Kasse der Wiener Helfer in eine vegetierfähige Organisation und eine zahlungsfähige Patientenschaft. Nach allgemeinem Aufheulen beließ Gesundistan aber fürs Erste das morbide System und frohlockte fürs Zweite am 2. Juni 2004: Die „digitale EU-Krankenversicherungskarte kommt!“ In Gesundistan freilich erst, „sobald der Krankenschein durch die Chipkarte ersetzt ist“.
Na dann: Ad multos annos!