Chirurgie: Das Mund-Werk

Nach der weltweit ersten Zungentransplantation in Wien müssen die Mediziner auf den Erfolg des Eingriffs warten: Erst in Monaten wird klar sein, ob die verpflanzte Zunge funktionstüchtig ist. In jedem Fall vollbringen Operateure im Transplantationsbereich wahre Kunststücke - und forschen nun an neuen Methoden der Nachbehandlung.

"Die beiden Stars haben eine Weltsensation geschafft", schwärmt Rolf Ewers, Leiter der Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Wiener AKH, über seine Kollegen Christian Kermer und Franz Watzinger. Was den beiden Chirurgen am 19. Juli gelang, ging binnen weniger Stunden durch die Weltpresse: Die Wiener Ärzte führten die erste Zungentransplantation der Welt durch. 14 Stunden lang waren die Mediziner, gemeinsam mit vier weiteren Operateuren und drei Narkoseärzten, im Einsatz.

"Eigentlich habe ich vorher gewusst, dass es funktioniert", sagt Kermer. "Die Operationstechnik habe ich ausführlich an Leichen simuliert." Auch Watzinger gibt sich bescheiden: "Die Rekonstruktion ähnelt eigentlich einem Routineeingriff."
Die Geschichte begann vor etwa zehn Wochen, als ein 42-jähriger Patient die Ambulanz der Kieferchirurgie aufsuchte. "Er konnte seinen Mund kaum öffnen", berichtet Ewers. Die Diagnose lautete Plattenepithel-Karzinom, die häufigste Tumorform im Mund. Der Tumor hatte sich von der rechten Zungenseite ausgebreitet und in der Folge auch die linke Zungenhälfte, den Mundboden, den rechten Kiefer und die Mandeln erfasst. "So ausgeprägte Tumoren finden wir höchstens einmal im Jahr", sagt Kermer.

Radikaler Eingriff. Für gewöhnlich sind die Möglichkeiten der Medizin in solchen Fällen ziemlich beschränkt. Mit Strahlenund Chemotherapie wird das Volumen des Tumors verkleinert, dann muss die Zunge entfernt werden - in einem Zentimeter Abstand vom Tumor, im gesunden Gewebe also, setzt das Skalpell dabei an. Metallimplantate oder Knochen von anderen Stellen des Skeletts ersetzen die entfernten Kieferteile oder den Gaumen. Wo vorher die Zunge war, bleibt ein großes Loch zurück, in das ein Stück Dünndarm des Patienten eingenäht wird, um die Wunde mit Schleimhaut zu bedecken. Die Operierten können nie wieder schlucken, denn das Dünndarm-Implantat kann ohne entsprechende Muskulatur die Funktion der Zunge nicht übernehmen. Speichel und das Sekret des Dünndarmgewebes müssen die Patienten permanent ausspucken. Sie ernähren sich durch eine Sonde, die durch die Bauchdecke in den Magen führt. Unmöglich, ohne Zunge artikuliert zu sprechen. Oft lernen nur nahe Angehörige, die veränderte Aussprache richtig zu deuten.

Zungenkrebs tritt meist erst im Alter zwischen 50 und 70 Jahren auf. Hauptursache: Rauchen. Auch Kermers Patient war starker Raucher. Zurzeit halten die Ärzte persönliche Daten sowie die Operationsbilder geheim, bis der Patient selbst einer Veröffentlichung zustimmen kann.

Anders als in konventionellen Fällen entschieden Patient und Ärzte nach der Diagnose, eine Transplantation zu wagen. Nach Bestrahlung und Chemotherapie blieben vier bis sechs Wochen Zeit bis zur Operation. Jetzt hieß es: auf einen Spender hoffen. Vor zwei Jahren, so Kermer, sei die geplante Verpflanzung einer Zunge gescheitert, weil kein geeignetes Spenderorgan zur Verfügung gestanden sei.

Diesmal klappte es: Ein passender, hirntoter Spender wurde gefunden, und die Arbeit konnte beginnen. Zunächst entfernte Kermer den Tumor samt Zunge aus dem Mund des Patienten. Um das Risiko eines neuerlich auftretenden Krebsgeschwürs zu vermeiden, musste der Chirurg auch einen Teil des rechten Unterkiefers entnehmen und durch eine Metallplatte ersetzen. Zurück blieben Gefäß- und Nervenstümpfe: zwei Venen-, zwei Arterienund vier Nervenenden - zwei davon waren für die Bewegung der Zunge zuständig, zwei für die mechanische Sensibilität und Geschmacksempfindungen.

Den vollständigen Artikel lesen Sie im neuen profil