Christian Konrad: „Wer als Erster aufsteht, wird geprügelt"

Christian Konrad: „Wer als Erster aufsteht, wird geprügelt"

Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist Christian Konrad einer der einflussreichsten Vertreter der Raiffeisen-Organisation. Im ­Interview sinniert er über Geld und Moral, Mauscheln beim Sauschädelessen und das Phänomen Frank Stronach.

Interview: Sven Gächter und Michael Nikbakhsh

profil: Sie sagten einmal, dass die Zehn Gebote ein exzellenter Leitfaden für eine redliche Lebensführung seien. Trifft das auch auf die Wirtschaft zu?
Konrad: Nachdem die Wirtschaft mitten im Leben steht, gilt das natürlich auch für diese.

profil: Und in welchem der Zehn Gebote wird redliches Wirtschaften geregelt?
Konrad: Kennen Sie die Zehn Gebote überhaupt?

profil: Wir denken da an „Du sollst nicht stehlen“ und „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut“.
Konrad: Zum Beispiel. Aber Entscheidungen fallen manchmal auch aus anderen Motiven – wenn es etwa um das Gebot „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau“ geht. Viele Kriege wurden bekanntlich um Damen geführt. Und Wirtschaftsentscheidungen werden möglicherweise auch aus diesen Gründen getroffen.

profil: Aber wie fügt sich all das in das Prinzip der Gewinnmaximierung?
Konrad: Das ist eine Frage, mit der ich mich nicht beschäftige. Genossenschaftliches Wirtschaften besteht nicht darin, Gewinne zu maximieren. Es hat den Hauptzweck, Mitglieder zu fördern und Nutzen zu stiften. Das kann ich natürlich nur, wenn ich auf Dauer existiere, was wiederum voraussetzt, marktwirtschaftlich wettbewerbsfähig zu sein. Ich muss also Gewinne machen. Aber es ist ein großer Unterschied, ob ich positiv wirtschafte, um damit Risikovorsorgen und Investitionen in die Zukunft zu sichern, oder ob ich versuche, von Quartal zu Quartal möglichst viel herauszupressen.

profil: Das mag sein.Aber gerade die börsennotierte Raiffeisen Bank International AG wird nach knallharten marktwirtschaftlichen Kriterien geführt.
Konrad: Der Börsengang der Raiffeisen Bank International hat klarerweise gewisse Adaptierungen der Geschäftspolitik erforderlich gemacht. Aber wenn Sie die Eigentümerstruktur der Bank ansehen, dann werden Sie feststellen, dass diese zu 80 Prozent im Eigentum der Raiffeisen Zentralbank steht. Wir haben selbstverständlich auf die 20 Prozent Streubesitz und damit auf den Markt Rücksicht zu nehmen. Der Haupteigentümer ist aber nach wie vor Raiffeisen Österreich.

profil: Dazu gehört auch die Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien, der Sie seit Jahrzehnten eng verbunden sind. In deren Management sitzen jedoch nicht nur Kinder von Traurigkeit.
Konrad: Der Hauptgesellschafter der Bank ist die Holding, die sich den gleichen Werten verpflichtet fühlt.

profil: Verstehen wir Sie richtig: Nichtgenossenschaftliches, aggressives Gewinnstreben ist moralisch bedenklich?
Konrad: Nicht grundsätzlich. Aber es kann bedenklich sein. Ich denke etwa an Aussagen des früheren Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank (Josef Ackermann, Anm.), der einmal sinngemäß meinte, sein Ziel sei ein Return on Investment von 25 Prozent. Um dieses Ziel zu erreichen, mussten mehrere tausend Mitarbeiter gehen, was wiederum bedeutete, dass der Vorstandsvorsitzende eine zweistellige Millionenprämie kassierte. Das kann nicht der Sinn von Wirtschaften sein. Die Krise der Finanzwirtschaft ist eine Krise der verantwortlichen Organe. Da konnten einige nicht Nein sagen und spielten zusammen, um sich mit rücksichtslosem Agieren auf Kosten anderer zu bereichern. Genau hier versuchen wir gegenzusteuern und uns auf dem Markt zu behaupten. Unsere Position in Österreich ist stärker geworden, wir haben zusätzliche Kunden gewonnen.

profil: Nun wenden Vertreter des österreichischen Geldgewerbes immer wieder ein, dass auch unsere Banken ordentliche Boni auszahlen müssten, weil nur so die besten Köpfe zu bekommen seien. Konsequenterweise gewährt Raiffeisen International den leitenden Angestellten ebenso Gratifikationen wie die Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien. Wo ziehen Sie die Grenze? Was ist noch vertretbar? Und was unanständig?
Konrad: Das hängt davon ab. Wenn ein Bonus das Dreifache eines an sich schon ordentlichen Grundgehalts ausmacht, ist das Schwachsinn. Ich bin dafür, einen anständigen Grundbetrag zu zahlen und dazu einen Bonus von 30 bis maximal 50 Prozent. Beim Grundbezug orientieren wir uns im Mittelfeld des Marktes und haben es deshalb geschafft, gute Leute zu bekommen. Wir haben ganz wenige Spitzenverdiener. Eines der Probleme, die wir bei der Raiffeisen Bank International hatten und haben, war es, Führungskräfte für die wachsenden Märkte in Zentral- und Osteuropa zu bekommen. Einige waren relativ teuer, was dazu führte, dass manche Vorstände im Inland nicht verstehen wollten, warum der Chef einer Tochterbank etwa in Moskau ein signifikant höheres Einkommen haben sollte als der verantwortliche Konzernvorstand in Österreich. Meine Antwort darauf war immer: Wenn du das Gehalt willst, musst du nach Moskau gehen. Daneben stehen wir auch immer vor der Herausforderung, dass die guten Leute schnell wieder abgeworben werden.

profil: Wie gut kann ein Manager sein, der ähnlich einem Legionär alle paar Jahre den Arbeitgeber wechselt, je nachdem, wer am meisten zahlt?
Konrad: Eine der wichtigsten Führungsaufgaben besteht darin, für geeigneten Nachwuchs und Kontinuität im Haus zu sorgen. Mir sind Eigenbaumanager lieber als Legionäre. Das sind übrigens Fragen, denen man sich rechtzeitig stellen muss und nicht etwa erst, wenn ein altersbedingter Wechsel ansteht. Das kann und sollte man planen. Es ist einerseits ein Glück, mehrere Kandidaten zu haben, andererseits auch ein Problem, wenn sich mehrere Alphatiere um einen Job bemühen. Da fängt dann bald einmal die Rivalität an.

profil: Das kann schnell sehr gefährlich werden.
Konrad: Man muss sorgfältig planen. Daher bin ich auch mit gutem Beispiel vorangegangen und habe die Nachfolge in einigen Feldern vorgeschlagen, übrigens vor der Zeit und ohne gesetzlichen Zwang. Ich bin froh, dass das im Sektor akzeptiert wurde. Es gibt schließlich Gremien, die mit diesen Themen befasst werden müssen. Wir sind ja nicht die Habsburger.

profil: Ein interessanter Vergleich. Gerade in Fragen der Erbfolge ist Raiffeisen doch ziemlich nahe an den Habsburgern.
Konrad: Überhaupt nicht. Ich habe zwei Töchter, die beide nicht bei Raiffeisen sind. Aber ganz im Ernst: Es ist eine wichtige Führungsaufgabe, rechtzeitig für eine geordnete Nachfolge zu sorgen. Das ist in diesem Fall gelungen. Meine Nachfolger kommen alle aus dem Sektor, ich musste mir keinen von außen holen. Das ist nicht selbstverständlich.

profil: Kommt Josef Pröll auch aus dem Sektor?
Konrad: Josef Pröll kommt nicht aus dem Sektor, er kommt aus der Politik.

profil: Daher unsere Frage.
Konrad: Er kommt aus einem landwirtschaftlichen Umfeld, und die Führung einer Holding (Leipnik Lundenburger Invest, Anm.), die in diesem Bereich tätig ist, ist geradezu maßgeschneidert für ihn. Und er macht einen sehr, sehr guten Job.

profil: Wir gehen davon aus, dass Ihnen Josef Pröll in seiner früheren Funktion als Politiker Vertrauen einflößte. Welchen Politikern vertraut Christian Konrad heute?
Konrad: Ich kenne Josef Pröll sehr lange und bin der Ältere. Wenn, dann bin ich es, der ihm Vertrauen eingeflößt hat. Ich vertraue Erwin Pröll, den kenne ich noch länger. Und ich vertraue dem Michl Häupl. Auf der Bundesebene habe ich viel zu wenige Kontakte.

profil: Sie sind doch auch Bürger und Wähler. Man muss ja nicht jeden Politiker persönlich kennen, um den Anspruch an eine vertrauenswürdige Politik zu stellen.
Konrad: Das Problem ist, dass die Politik zu wenig entscheidet, zu viel Parteipolitik und einseitige Interessenwahrung betreibt. Daher geht substanziell zu wenig weiter. Österreich hat in vielen Bereichen zwar einen Spitzenplatz, der kommt nicht von ungefähr. Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen: Entweder sind wir besser geworden oder die anderen schlechter. Das sollte uns aber nicht nur stolz machen, sondern vielmehr darüber nachdenken lassen, wie wir diese Position halten können. Die Bildungspolitik ist ein Beispiel, das Gesundheitswesen ein weiteres. Auch im Verwaltungswesen ist einiges zu tun.

profil: Sie vergessen die politische Korruption. Auch in diesem Bereich ist Österreich auf dem Weg zu internationaler Größe. Und auch hier wäre wohl einiges zu tun.
Konrad: Ich habe da weniger Sorge, als Sie vorgeben zu haben. Die Herrschaften, die da betroffen sind, sind Einzelfälle. Das muss mit aller Härte und Konsequenz verfolgt werden. Aber Angst, dass Österreich ein Korruptionssumpf wäre, habe ich nicht.

profil: Wie erklären Sie sich die abenteuerliche Häufung von Korruptionsfällen in der Ära Schwarz-Blau?
Konrad: Ich wehre mich dagegen zu sagen, das war alles Wolfgang Schüssel.

profil: Diesen Namen haben Sie jetzt ins Spiel gebracht, nicht wir.
Konrad: Es wird wohl niemand ernsthaft behaupten, Wolfgang Schüssel sei als Person nicht sauber.

profil: Man muss ihn aber auch an seiner Personalpolitik messen. Karl-Heinz Grasser, Ernst Strasser, Hubert Gorbach, Herbert Scheibner waren allesamt Minister unter Schüssel, und für alle gilt heute die Unschuldsvermutung.
Konrad: Möglicherweise hatte Schüssel bei der Personalauswahl keine glückliche Hand. Aber es steht außer Zweifel, dass er sich selbst nichts zuschulden kommen hat lassen.

profil: Was also bleibt von Wolfgang Schüssel?
Konrad: Eine Menge. Er hat viel verändert und einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, die jüngere Geschichte des Landes aufzuarbeiten.

profil: Dennoch: Sie hätten wahrscheinlich auch keine Freude, würde in der Raiffeisenorganisation die Unschuldsvermutung für so viele ehemalige Spitzenrepräsentanten gelten.
Konrad: Nein, mit Sicherheit nicht. Dann hätte ich gefragt, ob etwas faul ist.

profil: In der Ära Schwarz-Blau war vieles faul. Die Korruption trug geradezu systemische Züge.
Konrad: Dagegen wehre ich mich. Ich glaube nicht, dass es Zirkel gab, in denen die Korruption institutionalisiert wurde.

profil: Und doch haben diese Fälle einen Untersuchungsausschuss beschäftigt und zu neuen Antikorruptionsbestimmungen geführt.
Konrad: Diese Bestimmungen sind schon jetzt renovierungsbedürftig. Nehmen wir das berühmte Sauschädelessen. Ich musste im Vorfeld der kommenden Veranstaltung (im Jänner 2013, Anm.) vier Anwälte damit befassen: Ich will meine Gäste ja nicht in Gefahr bringen. Daher dient das Sauschädelessen jetzt einem guten Zweck. Wir bitten die Teilnehmer, die Vorteilsnahme auszuschließen, indem sie 30 Euro für das Buffet inklusive Getränk bezahlen. Ich rechne da mit 9000 Euro, die werden wir auf 10.000 bis 15.000 Euro aufstocken und den Organisationen Gruft, Caritas und Concordia von Pater Georg Sporschill spenden. Damit gibt es für die Gäste keinen Vorteil mehr. Er besteht allenfalls darin, dass man andere Leute sieht und trifft. Die Unterstellung, dass beim Sauschädelessen nur gemauschelt werde, ist völliger Schwachsinn.

profil: Der Begriff Anfüttern bekommt in Bezug auf das Sauschädelessen eine interessante Konnotation. Warum veranstalten Sie es überhaupt?
Konrad: Ich bin ein geselliger Mensch.

profil: Zweifellos.
Konrad: Ich wurde 1990 Obmann der Landesbank Niederösterreich-Wien. Ich wusste, dass der langjährige Kammerpräsident Rudi Sallinger nach den Feiertagen immer ein Sauschädelessen für etwa 30 Leute organisierte. Ich dachte mir, das mache ich auch, am ersten Arbeitstag nach dem 6. Jänner. 1991 fand das erste Sauschädelessen statt, mit 60 Gästen.

profil: Und wie viele Gäste hatten Sie 2012?
Konrad: Ungefähr 350.

profil: Das waren aber wohl kaum Ihre 350 besten Freunde.
Konrad: Natürlich nicht. Die Entscheidung darüber, wer eingeladen wird und wer nicht, behalte ich mir vor.

profil: Sie werden aber verstehen, dass man das Sauschädelessen durchaus auch als Sinnbild für das fröhliche Gemauschel zwischen Politik und Wirtschaft verstehen könnte.
Konrad: Wenn man das unterstellt, müssen wir alle Einsiedler werden. Dagegen wehre ich mich, weil ich an das Gute im Menschen glaube. Dass bei 350 Gästen nicht alle reinen Herzens hingehen, mag sein. Auch bei den Wanderungen für Führungskräfte nach Mariazell waren bis zu 350 Leute dabei, und ich wurde immer wieder gefragt: „Wollen Sie die missionieren?“ Das wollte ich nicht. Mir war völlig egal, mit welchen inneren Schuldgefühlen manche teilgenommen haben. Hauptsache, sie gingen mit und spendeten für Mariazell. Es muss möglich sein, gesellschaftliche Anlässe auszurichten.

profil: Fallen Jagdgesellschaften auch darunter?
Konrad: Die Frage ist, was Sie unter „Jagdgesellschaften“ verstehen. Wenn Sie eine Hauptjagd in Neuruppersdorf oder in Wildendürnbach meinen: Da kommen 80 bis 90 Schützen zusammen, die einander kennen oder auch nicht. Abends sitzen sie beim so genannten Schüsseltrieb nach der Streckenlegung im Wirtshaus beisammen, mit dem Bürgermeister, einem Vertreter der Bezirkshauptmannschaft und dem Landesjägermeister. Was Sie wahrscheinlich meinen, sind Jagdgesellschaften, die aus rein geschäftlichen Gründen organisiert werden.

profil: Zum Beispiel die Jagdgesellschaften von Alfons Mensdorff-Pouilly?
Konrad: Das haben jetzt Sie gesagt.

profil: Wie viel Geld hat die Raiffeisenorganisation in den vergangenen Jahren in die diversen Kassen der ÖVP eingezahlt?
Konrad: Das sage ich nicht.

profil: Warum?
Konrad: Ich hätte keinen Schmerz, es zu sagen. Aber wenn ich es tue, schreien alle auf, der Konrad kauft sich die ÖVP. Wir haben noch keine Kultur der Transparenz. Der Erste, der aufsteht, wird geprügelt.

profil: Es ist ja kein Geheimnis, dass Raiffeisen und die Industriellenvereinigung traditionell die größten Geldgeber der ÖVP sind …
Konrad: … waren. Jetzt geht das nicht mehr. Es fließt kein Geld mehr. Die Parteien haben eine ordentliche Förderung beschlossen und müssen jetzt damit auskommen. Und das werden sie auch.

profil: Wie beurteilen Sie das Phänomen Frank Stronach?
Konrad: Er hat hoffentlich keine politische Zukunft.

profil: Die Umfragen sagen etwas anderes.
Konrad: Worüber ich mich sehr wundere. Er hat kein Programm und schimpft nur, dass alles schlecht ist. Er lebt nun einmal davon, dass die Regierung so viel Partei- und so wenig Sachpolitik betreibt.

profil: Seiner Auffassung nach sind Sie ja so etwas wie die Inkarnation des Klassenfeinds, ein Systemerhalter.
Konrad: Stronach weiß doch überhaupt nicht, was Raiffeisen eigentlich ist. Da reden ihm seine Leute jede Menge Unfug ein. Allein die Behauptung, Raiffeisen zahle keine Steuern, war in jeder Hinsicht Schwachsinn. Wir kennen Stronach gut, wir hatten ja viele Jahre eine sehr angenehme Geschäftsverbindung mit ihm. Ich habe ihm übrigens einmal empfohlen, keine Interviews zu geben. Er kann das nicht.

profil: So oder so: Sie gelten seit Jahrzehnten als einer der mächtigsten Männer der Republik.
Konrad: Von Ihnen habe ich intelligentere Fragen erwartet.

profil: Die Frage kommt erst: Schmeichelt Ihnen dieser Ruf?
Konrad: Auch ich bin nicht frei von Eitelkeit. Aber ich bin auch genug Realist zu wissen, was ich kann – und was nicht. Ich habe ein funktionierendes Gewissen.