<small><i>Christian Rainer</i></small>
Weg mit dem Religionsunterricht!

Das Naheliegende wurde bei der Diskussion über die moslemischen Religionslehrer vergessen.

Es hat der öffentlichen Erregung über den islamischen Religionsunterricht bedurft, um offenzulegen, wie Österreich in Glaubensfragen wirklich tickt. Ein Viertel der moslemischen Religionslehrer hat also ein unklares Verhältnis zu Demokratie und Menschenrechten. Das ergab eine Studie, über die das Land nun in Panik gerät. Wenn Sie mich fragen: Weit mehr als ein Viertel jener Religionslehrer hat ein anderes Verständnis von demokratischen und humanen Grundrechten als der Schnitt der österreichischen Bevölkerung, und zwar kein liberaleres, sondern ein dumpferes, ein Verständnis, das den Wert von Diktaturen höher gewichtet, die Toleranz gegenüber anderen Glaubensgemeinschaften und Nationen niedriger, ein Verständnis, das die Gleichberechtigung von Frauen als den Irrtum einer schwächelnden Gesellschaftsordnung deutet. Sie meinen, diese Einschätzung der moslemischen Lehrer und folgerichtig eines guten Teils der islamischen Mitbürger erfordere eine strengere Kontrolle des einschlägigen Religionsunterrichts? Das ist auch die Meinung der österreichischen Politiker, und sie ist skurril.

Warum kam niemand auf die Idee, aus diesem Anlass die Abschaffung des staatlich reglementierten und subventionierten Religionsunterrichts zu fordern, statt umgekehrt aufgrund dieser Bevormundung und Alimentierung einen noch größeren Einfluss des Staates zu erwägen? Ganz offensichtlich, weil Österreich eben so funktioniert: verfangen in obrigkeitlichem Denken; ein Reflex hin zur politischen Kontrolle; der Wunsch nach geregelter Glaubensvermittlung, selbst in einem Land mit einer Million Menschen ohne Bekenntnis. Selbst in Wien, einer Stadt, in der gleich ein Viertel der Bevölkerung nicht offiziell glauben will. Michael Häupl sagte vergangene Woche: „Wenn es den einzelnen Religionsgemeinschaften nicht gelingt, in diesem Bereich für Ordnung zu sorgen, muss das der Staat übernehmen. Die Werte der Aufklärung müssen in allen Wiener Schulen vermittelt werden.“ Aufklärung, Herr Bürgermeister? Darunter versteht man gemeinhin einen geistigen Emanzipationsprozess. Der basiert weniger auf dem Studium von Bibel, Koran oder Talmud als auf der Überzeugung, dass die Vernunft imstande ist, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Die ach so liberalen Grünen haben übrigens ebenso wenig begriffen, was läuft und was laufen könnte. Sie fordern ganz bescheiden, dass „über die Inhalte des Religionsunterrichts diskutiert wird“. Das ist grünes Staatskirchentum.

Der Religionsunterricht in Österreich ist durch das "Religionsunterrichtsgesetz" geregelt. Es stammt aus dem Jahr 1949. Diverse Novellierungen haben das 60 Jahre alte Stück nur mäßig verändert: Religion ist Pflichtgegenstand für alle Schüler, die einer gesetzlich anerkannten Kirche oder Religionsgemeinschaft angehören. Organisiert wird der Unterricht von der jeweiligen Institution. Der Staat refundiert die Kosten. Eine Abmeldung ist möglich. Aber sie ist nicht besonders opportun: Wikipedia vermerkt streng, dass „die Beurteilung (,Note‘) in Zeugnissen an erster Stelle steht“.

So also sieht die Trennung von Staat und Kirche Anno Domini 2009 aus: Die laizistische Republik Österreich stellt ihre Schulhäuser und ihr Geld zur Verfügung, damit dort als Gegenpol zu Vernunft und Wissenschaft Glauben und Ritus vermittelt werden. Wer keine Lust auf die Katechese hat, wird auf den Kreuzweg geschickt. Wer hingegen große Lust hat, darf im Fach Religion sogar maturieren. Wenn aber die Religionslehrer nicht spuren, wie derzeit die moslemischen, dann bestimmt der Staat, wie sie zu unterrichten haben, und damit auch, was sie lehren dürfen – statt dass die Bürgergesellschaft ganz ordinär mit den Mitteln des Rechtsstaates vorliebnähme.

Der Sprecher der Erzdiözese Wien, Erich Leitenberger, befand aus gegebenem Anlass: „Es gibt niemanden, der die Organisation des katholischen Religionsunterrichts in Österreich ernsthaft infrage stellt.“ Damit hat er leider Recht, und der traurige Befund über die weltanschaulichen Dressurakte im Land beschränkt sich nicht nur auf Herrn Leitenbergers Glaubensbekenntnis.

Erfreulicher Nachtrag: Ich habe vor drei Wochen an dieser Stelle volles Verständnis für Kardinal Christoph Schönborns Haltung gegenüber Evolution und gesellschaftspolitischen Fragen gezeigt. In der vergangenen Woche verurteilte Eminenz die Rehabilitierung eines erzkonservativen Bischofs, der den Holocaust leugnet, durch den Vatikan als „Fehler“. Das war die schärfste und somit erfreulichste Kritik eines österreichischen Bischofs an seinem obersten Hirten seit Menschengedenken.

christian.rainer@profil.at