Christoph Schönborn: „So undenkbar war es gar nicht“

Christoph Schönborn: „So undenkbar war es gar nicht“

Kardinal Christoph Schönborn über die Gefahr, dass auf künftige Päpste Druck ausgeübt werden könnte, und die Fantasielosigkeit, dass er immer als möglicher Nachfolger genannt wird.

profil: War es von früheren Päpsten, die in einem viel schlechteren gesundheitlichen Zustand waren als Benedikt XVI. , unklug, nicht zurückzutreten?
Schönborn: Nein. Eine höchstpersönliche Gewissensentscheidung disqualifiziert nicht diejenigen, die gewissenhaft anders gehandelt haben. Zum Beispiel hat Johannes Paul II. mit dem Ausharren auf seinem Posten der Welt ein immens wertvolles Zeugnis der Würde des schwer kranken Menschen gegeben. Das war auch eine richtige und gute Entscheidung.

profil: Weshalb schien dieser Schritt so lange undenkbar?
Schönborn: So undenkbar war es gar nicht. Die erste Kodifikation des Kirchenrechts, im Jahr 1917, behandelt die Rücktrittsmöglichkeit schon in einer ganz selbstverständlichen Weise: Der Kanon 221 stellt simpel fest, dass ein Rücktritt des Papstes nicht der Zustimmung der Kardinäle bedarf. Die Möglichkeit eines Rücktritts an sich war also sonnenklar. Es lag vielleicht mehr an der monarchischen Tradition des Papsttums, dass Rücktritte in der Praxis so gut wie nicht vorgekommen sind.

profil: Ist der Präzedenzfall des Papst-Rücktritts ein Zeichen dafür, dass auch in der katholischen Kirche jahrhundertealte Traditionen mit einem Mal – und unter großem Applaus – fallen gelassen werden können?
Schönborn: Bei Traditionen im Sinn von Althergebrachtem ist das ja immer wieder der Fall. Denken Sie nur an den viele Jahrhunderte lang zwingenden Gebrauch von Latein in der Liturgie. Anders ist es dort, wo unter Tradition die Glaubensüberlieferung verstanden wird, die in der Kirche seit ihrem Anfang vorhanden ist und auf die Weisungen Jesu zurückgeführt wird. Dazu zählt nach katholischem Verständnis beispielsweise die Unauflöslichkeit der Ehe. Man muss also unterscheiden zwischen zeitbedingten Gewohnheiten und dem Glaubensgut, das die Kirche verkünden muss, wenn sie ihr Selbstverständnis nicht aufgeben will. Dort sind keine Überraschungen zu erwarten.

profil: Befürchten Sie, dass auf kommende Päpste Druck ausgeübt wird, um sie zum Rücktritt zu bewegen?
Schönborn: Das kann natürlich passieren. Aber das Kirchenrecht verlangt, dass der Rücktritt aus freien Stücken erfolgt.

profil: Hat das Papstamt durch den Rücktritt Benedikts an Prestige verloren? Werden Ortskirchen künftig mehr Spielraum haben?
Schönborn: Für Papst Benedikt ist zweierlei kennzeichnend: die Bescheidenheit, was seine eigene Person betrifft, und der unermüdliche Versuch, in Glauben und Kirche den Blick auf das Wesentliche freizulegen. Wenn wir Katholiken das Bibelwort ernst nehmen, dass Petrus, der Papst, der Fels ist, auf dem Christus seine Kirche gründet, dann hat Benedikt mit seinem Rücktritt uns daran erinnert, dass dieser Fels weniger die Person des jeweiligen Papstes ist als das Papstamt selbst. Benedikt sagt durch sein Handeln ziemlich klar: Das Wesentliche am Papst ist nicht sein Nimbus – sondern was Gott mit dem Papst und durch ihn wirkt.

profil: Sollte die Verantwortung, die bisher allein auf dem Papst lastet, auf mehrere Personen – eine Art Regierungskollegium – verteilt werden?
Schönborn: Auch hier muss man wieder unterscheiden: Die Verwaltung des Vatikans kann frei gestaltet werden, da mag es durchaus Verbesserungspotenzial geben, etwa im Zusammenwirken der Kurienchefs. Etwas anderes ist es mit der Leitung der Weltkirche, also dem obersten Hirten-, Lehr- und Richteramt des Papstes. Das ist eine unteilbare Verantwortung der Person des Papstes, so wie sie auch jeder Bischof in seiner Diözese hat. Das ist auch in den Festlegungen des Zweiten Vatikanums ganz klar. Eine wichtige Frage ist freilich, wer konkret was zu entscheiden hat – der einzelne Bischof, die Gemeinschaft aller Bischöfe oder der Papst? Da muss man immer wieder nachjustieren. Und eine zweite Frage ist: Wie muss die päpstliche Bürokratie im Vatikan angelegt sein, damit sie dem Primat des Papstes auf vernünftige Weise dient und ihn nicht ersetzt?

profil: Inwieweit sind die Anforderungen an den nächsten Papst anders als zu Amtsantritt von Benedikt XVI.?
Schönborn: Ich denke, die wesentlichen Anforderungen sind dieselben. Der Papst ist einerseits der oberste Hirte. Er muss also einerseits die Festigkeit des Glaubens haben, die ihn befähigt, die tragenden Pfeiler der katholischen Lehre vom bloßen Zierrat zu unterscheiden und diese Pfeiler zu hüten, damit der Glauben der katholischen Lehre authentisch bleibt. Wenn uns von Christus eine Lehre vermittelt worden ist, die – wie wir glauben – wahr ist und den Menschen Heil bringt, hat niemand etwas davon, wenn die Lehre verfälscht wird, auch wenn sie dadurch populärer würde. Andererseits ist der Papst in der heutigen Medienwelt der sichtbarste Verkünder des Glaubens. Er hat eine Schlüsselrolle dabei, ob sich Menschen von unserem Angebot eines Freundschaftswegs mit Gott begeistern lassen. Er muss daher auch die Gabe haben, dass durch sein Wirken die Menschen Hoffnung gewinnen und vor allem die Liebe Gottes zu den Menschen fühlbar wird.

profil: Sie werden in so gut wie jeder internationalen Liste der Papstkandidaten genannt. Wie erklären Sie sich das?
Schönborn: Mit der Fantasielosigkeit der Papstberichterstattung.

profil: Viele Themen kommen auf den nächsten Papst zu: von Priestermangel und Zölibat über Sexualmoral bis zu Ökologie, Armutsbekämpfung und Ökumene. Was sind die vordringlichsten Aufgaben?

Schönborn: Den Menschen den Weg zu Gott aufzuschließen, ihnen beizustehen und ihre Würde zu verteidigen. Und das in einer Welt, in der sich praktisch überall die Stellung der Kirche dramatisch verändert, ob durch den Verlust einstmaliger gesellschaftlicher Vorrangstellungen im Norden oder durch das Anwachsen zu einer gesellschaftlich immer bedeutenderen Größe in vielen Ländern der Dritten Welt. Es geht um die schwierige Aufgabe, in einer Welt, die von so vielen Seiten bedroht wird – Wirtschaftskrise, Kriegsgefahr im Mittleren und Fernen Osten, Christenverfolgung und Fundamentalismus, auch der fundamentalistische Individualismus im Westen –, Gutes zu tun und die Stimme der Liebe zu erheben, die – sofern sie eine unverwechselbar katholische Stimme sein will – vielerorts wieder und neu das Vertrauen der Menschen gewinnen muss.