Chronik eines angekündigten Abschieds
Die Ära von Kurt Krenn ist abgelaufen

In der Sexaffäre häufen sich Berichte über geheime Liebesbeziehungen.

Es sieht so aus, als sei die Welt des Kurt Krenn über Nacht zusammengebrochen. Kirchenintern gilt der St. Pöltener Bischof bereits als so gut wie abgesetzt. Der Vatikan werde dies allerdings erst nach Vorlage des Visitationsberichts bestätigen. Aus Gründen der Fairness. So sagt man.

Kurt Krenn dürfte nicht im Traum geahnt haben, wie schnell das Ende der Karriere kommen kann. Sein vorläufig letztes Interview illustriert recht gut den Seelenzustand des Gefallenen. Noch am Sonntag vorvergangener Woche sprach Krenn in der „Oberösterreichischen Rundschau“ von der „Selbstüberschätzung“ gewisser Leute. In Rom hätten die Vorfälle in St. Pölten eine „andere Gewichtigkeit als für uns“. Soll heißen, der Vatikan messe den Vorfällen wohl keine große Bedeutung bei. Recht seltsam fiel auch Krenns Antwort auf die Frage aus, was er eigentlich tue, wenn ihm eine schöne Frau gefalle? – Nur das Begehren sei Sünde, dozierte Krenn. Und: „Sie muss sich eh anstrengen, dass sie in Schuss bleibt.“ Ab und zu denke er sich auch: „Die ist schiach.“

Mit dem Gerede auf Stammtischniveau dürfte es vorerst vorbei sein. Am Donnerstag vergangener Woche fand man Kurt Krenn einsam betend vor dem Altar der Gnadenmutter in Mariazell. Die österreichischen Bischöfe hatten sich dort zu einer Krisensitzung versammelt und beschlossen, das St. Pöltener Priesterseminar aufzulösen. Alle Alumnen, die weitermachen wollen, müssen sich neu bewerben. „Die Zeit des Kämpfens ist vorbei. Krenn ist nur noch ein Schatten seiner selbst“, berichtet ein Teilnehmer der Sitzung.

Dass man sich bloß nicht täusche. Wenige Stunden bevor der vom Papst eingesetzte Visitator, der Feldkircher Bischof Klaus Küng, in St. Pölten eintraf, erließ Krenn noch schnell ein Dekret, wonach sämtliche zivil- und strafrechtlichen Prozesskosten von Wolfgang Rothe, dem zurückgetretenen Subregens des St. Pöltener Priesterseminars, aus dem Budget der Diözese – aus der Kirchensteuer also – zu bezahlen seien. Selbst Krenns letzte Getreue im Domkapitel fanden das unstatthaft. Es ist anzunehmen, dass Küng diese Weisung mittlerweile rückgängig gemacht hat.

Den ehrgeizigen Wolfgang Rothe, der in St. Pölten eine Blitzkarriere machen durfte, hat Krenn von Anfang an wie ein Löwe verteidigt. „Mein Gott, Sie müssen sich vorstellen, es gab Brötchen und Plätzchen, und da wurden eben Weihnachtsküsse ausgetauscht“, sagte Krenn über jene Bilder, die Rothe in inniglicher Umarmung mit einem Seminaristen zeigen. Für Regens Ulrich Küchl, der dabei abgelichtet wurde, wie er einem Seminaristen ans Gemächt greift, hatte Krenn deutlich weniger Verständnis. „Da muss ich mich entschuldigen“, sagte der Bischof knapp.

Möglicherweise hat die unterschiedliche Wertung damit zu tun, dass auf Krenns Homepage in den vergangenen Tagen angeblich zehn E-Mails mit – freilich unüberprüften – Details zu Küchls Lebenswandel eingetroffen sein sollen. Krenn höchstpersönlich ließ am Montag vergangener Woche bei der Staatsanwaltschaft anfragen, ob es möglich wäre, in den Akt über das Priesterseminar Einsicht zu nehmen.

Küchl selbst scheint sich seiner Sache ebenfalls nicht mehr ganz sicher zu sein. Einmal spricht er von einem „Gschnas“, bei dem „rein gar nichts war“, ein andermal von einer „Geburtstagsfeier“. Zuletzt wähnte er eine „von langer Hand vorbereitete Verschwörung“, in die „auch kirchliche Kreise verwickelt sind“.

Für die Entlastung Rothes treten mittlerweile Alumnen an, anonym natürlich, die in servilem Ton beteuern, dass es ihnen „Leid tue, dass die Fotos ein schlechtes Bild machen“, und die es sich „verbieten, dies einen Zungenkuss zu nennen“. Rothe höchstpersönlich war vor der Veröffentlichung der Fotos durch profil in der Polizeidirektion in St. Pölten vorstellig geworden und hatte herumgedruckst, dass verhängnisvolle Fotos vorlägen, die ihm schaden könnten. Die Beamten ließen sich davon nicht beeindrucken.

Auch Rothe vermutet mittlerweile Verschwörer, die „ihre Abneigung gegen den hochwürdigsten Herrn Diözesanbischof schon wiederholt unter Beweis gestellt haben“. Wie auch immer: Die anonyme Anzeige gegen Seminarleiter Küchl, die vorvergangene Woche in St. Pölten einlangte, ist äußerst vage. Ein Wort des Bedauerns oder gar Erschreckens, dass ihre Schutzbefohlenen sich offensichtlich an Pornos mit kleinen Kindern ergötzten, hat man bisher aber weder von Küchl noch von Rothe gehört.

Besonders die polnischen Seminaristen, so hört man, sind tief verstört. In ihren Heimatstädten wird eifrig recherchiert. In einem Fall stellt sich nun heraus, dass ein Priesteranwärter in Kielce aus disziplinären Gründen aus dem Priesterseminar entlassen worden war und über einen polnischen Priester und Krenn-Vertrauten nach St. Pölten geholt wurde. Ein anderer soll sogar viermal abgewiesen worden sein. Ein Dritter soll aus einem Seminar in Rom geflogen sein.

Ein Zustandsbild, das dem Vatikan in groben Zügen schon längere Zeit bekannt war. Die erste Überprüfung durch einen Gesandten aus Rom fand im November des Vorjahres statt – nach dem Tod eines Seminaristen und Gerüchten über homosexuelle Beziehungen und Kinderpornos. Der Abschlussbericht fiel vernichtend aus. Die Auslese der Kandidaten ließe zu wünschen übrig, die Leitung des Seminars ebenfalls, hieß es darin. Anton Schachner, der ehemalige Spiritual (eine Art geistlicher Begleiter) des Seminars, legte wegen der Zustände im Dezember sein Amt zurück. Küchl und Rothe würden versuchen, die „bitteren Vorkommnisse zu überspielen“, schrieb er an Krenn, Kardinal Schönborn und den vatikanischen Nuntius in Wien. Er warne davor, die Vorgänge zu bagatellisieren, „da Stimmen nicht verstummen wollen, die unserem Haus Homosexualität anlasten“. Der St. Pöltner Weihbischof Heinrich Fasching forderte Konsequenzen. Um die Jahreswende tauchten erste Zeitungsberichte auf, wonach Krenn vom Vatikan demnächst abgelöst werden soll.

Krenn wollte die Zeichen nicht sehen. „Er hat zu lange auf seine Seilschaften im Vatikan gesetzt“, mutmaßt man im Kreise der Bischofskonferenz. Der ruppige Bischof habe anscheinend auf Freunde vertraut, „die gar nicht so mächtig sind, wie alle immer dachten“, konstatiert der frühere Abt von Stift Geras, Joachim Angerer.

Dass die Ära Krenn zu Ende ist und etwas Neues beginnt, konnte man zuletzt beim Gottesdienst für den verstorbenen Bundespräsidenten Thomas Klestil beobachten. Vor dem Stephansdom empfing Kardinal Schönborn Staatsmänner aus der ganzen Welt, und in seiner Predigt zog er selbstkritisch den Umgang der Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen in Zweifel. Ein Standpunkt, für den Krenn in seiner Diözese etliche Priester verjagt hatte.

Der Fall Krenn ist die Chronik eines lange angekündigten Abschieds, in dem sich die obersten Kirchenherren in Österreich keines besonderen Rückgrats rühmen dürfen. Begonnen hatte Krenns Karriere, als er 1987 unter massivem Polizeischutz, über die Körper des protestierenden Kirchenvolks hinwegsteigend, den Wiener Stephansdom betrat. Der heilige Vater der Katholiken machte sich daraufhin kundig, „was da gewesen ist“, und zitierte den Wiener Weihbischof Florian Kuntner nach Rom.

Doch Krenn passte einfach zu gut in die Kirchenpolitik von Johannes Paul II. Eine seelsorgerische Tätigkeit hatte Krenn nie ausgeübt, aber ideologisch war er sattelfest, und die österreichische Bischofskonferenz war dem Vatikan wegen ihrer relativ liberalen Haltung in Abtreibungs- und Sakramentenfragen schon lange ein Dorn im Auge. Nach mehreren Bischofsernennungen, gegen die das Kirchenvolk teils heftig protestierte – so auch gegen die seinerzeitige Ernennung des jetzigen Visitators Klaus Küng zum Bischof von Feldkirchen –, wurde Krenn 1991 als Bischof der Diözese St. Pölten eingesetzt. Der Widerstand hörte nicht auf.

St. Pöltens Dompfarrer Johannes Oppolzer legte im Jahr 1993 sein Amt zurück, weil es „psychisch einfach nicht mehr auszuhalten war“. Krenn hatte ihm streng verboten, Mädchen als Ministrantinnen einzusetzen und geschiedenen Wiederverheirateten die Kommunion zu reichen. „Krenn ist intelligent, aber machtbesessen. Er hat angeschafft“, sagt Oppolzer. Der Bischof erwartete, „dass man in blindem Gehorsam folgt. Priester, die nicht untertänig waren, wurden ausgetauscht.“ Es wird berichtet, dass Krenn einmal sogar vorschlug, die stets gut besuchten Messen Oppolzers, zu denen viele Gläubige von außerhalb kamen, nur noch für St. Pöltener zuzulassen. Das scheiterte an der praktischen Durchführbarkeit. In dieser Zeit ließ sich Krenn öffentlich zu der Aussage hinreißen, bevor er selbst über die Richtigkeit seines Weges nachdenke, „müsste eher der liebe Gott abdanken“.

Im Jahr 1998, nachdem der Papst dem St. Pöltener Bischof eine besondere Wertschätzung erwies, indem er dessen niederösterreichischen Amtssitz besuchte, begann Krenn seine Kampfzone auszuweiten. Er legte sich mit der gesamten Bischofskonferenz an. Ein Anlass war die Affäre Groer. Nach ersten Berichten über die sexuelle Verführung von Hollabrunner Internatsschülern (von profil im Jahr 1995 aufgedeckt) wandten sich drei Jahre danach weitere Missbrauchsopfer an die Öffentlichkeit. Die Bischofskonferenz gestand „menschliche Schwächen und Defizite“ im Umgang mit den Vorfällen ein. Schönborn entschuldigte sich bei den Opfern. Beim so genannten Ad-limina-Besuch der österreichischen Bischöfe in Rom, eine Routineveranstaltung, die alle fünf Jahre stattfindet, behauptete Krenn, das vorbereitete Dokument der Bischofskonferenz nie zuvor gesehen zu haben, und beschimpfte seine Kollegen als „Lügner, die das Maul halten sollen“. Bis heute bezichtigt er die anderen Bischöfe – und besonders Kardinal Schönborn – gern der „Feigheit“.

Im Jahr 2001 fühlte sich Krenn am Höhepunkt seiner Kräfte. Er kündigte den als liberal geltenden Leiter des Priesterseminars, Franz Schrittwieser, und setzte den von Anfang an umstrittenen Ulrich Küchl ein. „Nun kann Krenn seine Jünglinge unterbringen“, hieß es damals. „Junge Männer, deren Frömmigkeit“, wie Oppolzer sich milde ausdrückte, „vorkonziliär“ sei.

In der Diözese St. Pölten hat sich mittlerweile eine ganze Reihe von Ordens- und anderen Gemeinschaften festgesetzt, welche die Messe am liebsten auf Lateinisch, mit dem Rücken zum Volk und auch sonst nach strengen liturgischen Vorschriften abhalten würden. Im Religionsunterricht im Raum St. Pölten und Kleinhain, wo Krenn die so genannte Josefsgemeinschaft etabliert hat, kommt es auch immer wieder zu Konflikten mit den Elternverbänden, weil Krenns Schützlinge eine wenig aufgeklärte theologische Lehre praktizieren. Auch jene Schwestern, die in der Oberpfalz aus Religionsbüchern die Aufklärungsseiten herausgerissen hatten, wurden in St. Pölten willkommen geheißen. Einen Priester des fragwürdigen sektenähnlichen Engelwerks machte Krenn zu seinem theologischen Berater.

Man kann vermuten, dass der Bischof vor allem den Geist der Unterordnung, der in solchen Gemeinschaften gepflogen wird, besonders schätzt.

Krenn hat sich bis zuletzt sehr mächtig gefühlt. Er hielt sich nicht an die Richtlinien der Bischofskonferenz zur Priesterausbildung. Diesbezügliche Kritik, die bei nahezu jeder Bischofskonferenz auf der Tagesordnung stand, wischte er kühl vom Tisch. Diejenigen, die seine Priesterkandidaten kritisierten, seien doch nur gegen konservative Strömungen in der Kirche, sagte er bei seinen Priesterweihen.

Mit den Früchten dieser Jahre muss sich nun Klaus Küng auseinander setzen. Sein Prüfungsauftrag erstreckt sich nicht nur auf den Sexskandal im Priesterseminar, sondern auf die gesamte Diözese. Die von Krenn an den Rand Gedrängten, die Resignierenden und wohl auch diejenigen, die immer mit der Zeit gehen, stehen Schlange. Sie alle wollen mit Küng reden. Und Krenn, so scheint es, hat seine Kräfte verbraucht.