Ciao Zhao

Der Tod des ehemaligen Parteiführers Zhao Ziyang macht die Pekinger Führung nervös.

Dieser Tage fürchtet die Führung in Peking ein altes chinesisches Sprichwort: Wenn man über einen Toten redet, wird er wieder lebendig. Das Ableben des 85-jährigen Zhao Ziyang, des ehemaligen Chefs der Kommunistischen Partei, vermeldeten die offiziellen Medien in China nur ganz lakonisch. Sofort wurden die tausenden Internet-Sites, die Zhao würdigten, geschlossen, und CNN und BBC, die über dessen Ableben ausführlich berichteten, abgeschaltet. Das Gebäude im Zentrum Pekings, in dem der in Ungnade gefallene Zhao in den vergangenen 15 Jahren unter Hausarrest gestanden war, wurde blockiert. Jede größere Trauerkundgebung soll offenbar verhindert werden. Und wie Zhao begraben werden soll, war fünf Tage nach seinem Sterben immer noch nicht klar. Die Pekinger Führung fürchtet das Reden und die Trauer. Und sie weiß, warum.

Als 1976 der äußerst beliebte Ministerpräsident Zhou Enlai starb, eskalierte die offizielle Trauerfeierlichkeit auf dem Tienanmen-Platz, dem Platz des Himmlischen Friedens, zu einem Massenprotest. Offen wie nie zuvor wurde die Willkürherrschaft Maos und die von ihm in Gang gesetzte desaströse Kulturrevolution kritisiert.
Als dann 13 Jahre später, im Frühjahr 1989, der reformerische Parteichef Hu Yaobang starb – er war vom starken Mann Chinas, Deng Xiaoping, persönlich ins Amt gehievt, dann aber wegen seiner liberalen Tendenzen wieder geschasst worden –, blieb es auch nicht bei der Trauer. Die wandelte sich in Zorn über Korruption, Preistreiberei und Ämterschacher, eine gewaltige Demokratiebewegung entfaltete sich. Wieder war der Ort des dramatischen Geschehens der Platz des Himmlischen Friedens.

Legendär wurde das Bild von Parteiführer Zhao, wie er spätabends am 19. Mai 1989 zu den demonstrierenden Studenten auf den Platz vor der Verbotenen Stadt kommt und mit Tränen in den Augen sagt: „Es tut mir leid. Ich bin zu spät gekommen.“

Zhao, der eigentliche Architekt jener Anfang der achtziger Jahre begonnenen Wirtschaftsreform, die Grundlage für die so spektakulär boomende Ökonomie Chinas werden sollte, hatte erkannt, dass ohne politische Reformen, ohne Demokratisierung auf lange Sicht wirkliche Modernisierung der Wirtschaft nicht machbar ist. Die alte Garde der chinesischen KP wollte davon aber partout nichts wissen.

Der populäre Zhao hatte den Machtkampf in der Partei verloren. Überliefert ist jene Debatte über die Unruhen am Tienanmen-Platz, in der der greise Deng Xiaoping sagte: „Hinter mir steht die Armee.“ Zhao replizierte: „Und hinter mir das Volk.“ Worauf Deng bemerkte: „Also hast du nichts.“

Als Zhao zu den Demonstranten sprach, wusste er bereits, was die alten Männer, gegen die er sich nicht hatte durchsetzen können, planten. Und er beschwor die Studenten, den Platz doch zu räumen. Vergeblich. Am 4. Juni wurde der „Pekinger Frühling“ von Panzern niedergewalzt, die Demokratiebewegung in Blut ertränkt. Dem Massaker am Tienanmen-Platz fielen bis zu 3000 Menschen zum Opfer.

Die Staatsführung steht noch immer dazu: „Die vergangenen 15 Jahre haben gezeigt, dass Chinas Entscheidung richtig war“, verkündete Außenminister Kong Quan kurz nach Zhaos Tod: „Chinas Stabilität und Entwicklung sind im Interesse unseres Landes und der gesamten Welt.“

Diese Einschätzung wird vielfach im Westen geteilt: Für den spektakulären wirtschaftlichen Aufschwung, den China erlebte, hätte es eben einer harten Hand im Politischen bedurft. Was wäre aber passiert, wenn Zhao im Fraktionskampf den Sieg davongetragen und es eine politische Öffnung gegeben hätte? Wäre China im Chaos versunken, wie die Herrschenden in Peking apologetisch behaupten?
Solche hypothetischen Fragen sind natürlich schwer zu beantworten. Aber eine behutsame Demokratisierungspolitik, ein Mindestmaß an Pluralismus hätten, so analysieren viele China-Experten, wahrscheinlich nicht zu Anarchie geführt, sondern vielmehr verhindert, dass sich die Schere zwischen Reich und Arm, zwischen Stadt und Land so dramatisch öffnet, wie sie das im großen Wirtschaftsboom der vergangenen Jahre getan hat. Korruption, Nepotismus und Machtmissbrauch hätten sich nicht so schamlos ausbreiten können, hätte es auch nur eine rudimentäre demokratische Kontrolle von unten gegeben. Eine samtene Revolution à la chinoise wäre durchaus gangbar gewesen.

Wird die, eineinhalb Jahrzehnte später, anlässlich des Todes von Zhao, dem „Gorbatschow Chinas“, nun nachgeholt? Soziale Unruhen breiten sich in den vergangenen Monaten mehr und mehr aus: In Guangdong, Shanxi, Shandong und anderen Provinzen gehen Bauern und Arbeiter auf die Straße. Das trägt offensichtlich auch zur Nervosität der Pekinger Führung bei. Dass sich diese lokalen Protestbewegungen aber jetzt zu einer allgemeinen Rebellion gegen die Diktatur der Kommunisten verdichten, glauben nur wenige. Vor allem wird darauf hingewiesen, dass die städtische Jugend, die damals Motor der Bewegung war, heute weniger an Politik und mehr ans Geldverdienen denkt.

Ganz sicher fühlen sich die Kommunisten an der Macht freilich nicht. Das zeigt die Verlegenheit, mit der sie mit dem Tod von Zhao, einem ihrer historischen Führer, jetzt umgehen. Und sie dürften Recht haben, vorsichtig zu sein. Man weiß ja nie. Wer hätte noch vor zwei Monaten gedacht, dass eine demokratische Revolution in der Ukraine bevorsteht? Dass sich ganz Osteuropa 1989 vom kommunistischen Joch befreien würde, hat absolut niemand vorausgesehen. Und knapp vor Beginn der Jugendrevolte 1968 häuften sich die sozialwissenschaftlichen Studien, welche die allgemeine Politikverdrossenheit der Jugend analysierten.