'Claudia Schiffer fand ich immer langweilig'

Die belgische Designerin Veronique Branquinho über ihre Arbeit an der Wiener Angewandten, die Härten des Modegeschäfts, die Fehler Helmut Langs und ihre Unerwünschtheit beim Life Ball.

profil: Österreich hat in der Nachkriegszeit genau zwei Modeschöpfer von internationaler Bedeutung hervorgebracht: Rudi Gernreich und Helmut Lang. Sie lehren seit vergangenem Herbst Mode an der Universität für angewandte Kunst. Wie hart ist es, vierzig Studenten zu betreuen und doch zu wissen, dass nur ein Bruchteil von ihnen jemals als Designer reüssieren wird?
Branquinho: Die Studenten, die mehr Feuer haben als andere, erkennt man sofort. Vom ersten Moment an kann man die paar herauspicken, die das Zeug dazu haben, etwas aus sich zu machen.
profil: Woran scheitert es oft?
Branquinho: An der Angst, aus sich herauszugehen, Dinge zu riskieren. Vielleicht ist das eine Eigenart dieser Generation. Junge Menschen wollen heute Garantien und Sicherheiten, eine Familie gründen, ein Haus bauen und all das. Ich habe den Eindruck, sie scheuen das Risiko.
profil: Das mag daran liegen, dass es in Österreich eben keine Modetradition gibt, an der man sich orientieren könnte.
Branquinho: Meine Studenten kommen nicht nur aus Österreich. Sie kommen auch aus Deutschland, der Ukraine, aus Georgien. Es klingt vielleicht seltsam, aber manchmal habe ich den Eindruck, dass sie Mode an sich gar nicht sonderlich interessiert. Es geht ihnen mehr ums Konzept. Vielleicht hat das auch mit diesem System zu tun.
profil: Was sind Ihre Kritikpunkte an dem System?
Branquinho: Ganz einfach: In Antwerpen müssen sich die Studenten jedes Jahr einer Auslese stellen. Das erzeugt Druck, aber auch Leidenschaft. Hat man hier die Aufnahmsprüfung einmal geschafft, bleibt man automatisch bis zum Diplom dabei. Kein Wunder, wenn da mancher das Feuer verliert.
profil: Und wenn sie dann ins Geschäftsleben entlassen werden, sind sie wahrscheinlich überfordert.
Branquinho: Genau. Plötzlich müssen sie ins Haifischbecken springen. Das Modebusiness ist eines der härtesten überhaupt. Man muss sich ständig beweisen, und es wird verlangt, ein Image zu verkörpern.
profil: Das Modegeschäft mutierte in den letzten Jahren immer mehr zum Showgeschäft. Die Selbstinszenierung der Designer wird Teil der Marketingstrategie, wie Tom Ford das bei Gucci praktiziert hat.
Branquinho: Das stimmt sicher. Nur bin ich dafür überhaupt nicht geeignet. Es fühlen sich ja auch immer mehr Schauspieler bemüßigt, als Modeschöpfer aufzutreten. Erst vor Kurzem habe ich bei einer Pariser Stoffmesse John Malkovich getroffen, der dort nach Stoffen für eine Kollektion gesucht hat. Sehr eigenartig. Auch Kate Moss wird ja ihr eigenes Label starten.
profil: Wie empfanden Sie das Moss-Bashing nach der Kokain-Affäre?
Branquinho: Schrecklich. Ein Beweis für die Scheinheiligkeit dieser Welt. Fast jeder im Modebusiness kokst, und jeder weiß es. Ich mag Kate Moss, weil sie etwas ausstrahlt, Leben vermittelt. Ganz im Gegensatz zu Claudia Schiffer zum Beispiel. Die fand ich immer langweilig.
profil: Hatten Sie selber hart zu kämpfen, um vom Radarsystem der öffentlichen Wahrnehmung erfasst zu werden?
Branquinho: Ich bin 1995 von der Akademie abgegangen, zwei Jahre später hatte ich mein eigenes Label. Dazwischen habe ich im Designteam von Miu Miu in Mailand gearbeitet. Schrecklich. Man wird dort behandelt wie eine Designmaschine in einem riesigen Labor. Danach war mir klar, dass ich niemals im rein kommerziellen Bereich arbeiten kann. Es hätte mich krank gemacht. Ich ging nach Paris und stellte meine Kollektion vor, ohne Modenschau, bloß in einem Showroom mit Bildern von Mädchen, die durch einen Wald laufen. In der ersten Woche hatte ich 25 Abnehmer, darunter so branchenwichtige Kaufhäuser wie Barney’s in New York.
profil: Ein regelrechter Traumstart also?
Branquinho: Nicht ganz. Ich war allein und mit all den ökonomischen Dingen völlig überfordert. Ich arbeitete rund um die Uhr, zu Hause, im Schlafzimmer, schließlich wurde meine Küche zum Büro.
profil: Das klingt nicht so, als würden Sie das branchentypische Aftershow-Brimborium mit all dem „Darling, you are wonderful!“-Gekreische sehr schätzen.
Branquinho: Darin bin ich wirklich nicht sehr gut. Natürlich gehört es zum Geschäft, aber ich kann es nicht leiden. Außerdem gibt es dabei Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Designern. Als Frau kannst du nicht einfach zu jemandem hingehen und sagen: „Ich liebe dich, Darling, du bist meine Muse.“ Irgendwann merkt man, dass man auch ohne diesen Zirkus seinen Markt findet – auch wenn er vielleicht ein wenig kleiner ist.
profil: Sie verzichten bewusst auf das große Business?
Branquinho: Ja, weil es die einzige Möglichkeit ist, in diesem Geschäft seine Seele zu behalten. Man kann mit den großen Häusern ohnehin nicht mithalten. Das geht aus rein ökonomischen Gründen nicht. Trotzdem wird man in den Medien ständig mit diesen Labels verglichen. Das ist doch surreal: Wir haben nicht einmal eine Marketingabteilung, wir schalten keine Inserate, ganz bewusst nicht. Wir haben unser Unternehmen sogar verkleinert und kleinere Kollektionen gemacht.
profil: Sie kommen aus Antwerpen, der Modemetropole der Avantgarde, die Designer wie Dries Van Noten, Martin Margiela und Ann Demeulemeester hervorgebracht hat. Tauschen Sie sich mit diesen Vorbildern auch aus?
Branquinho: Nein, jeder ist eine Insel für sich. Man kennt sich natürlich, ist höflich zueinander, es gibt einen gewissen Respekt. Das Wichtigste ist, dass diese Designer uns, der folgenden Generation, den Weg geebnet haben.
profil: Was ist das Erfolgsgeheimnis der belgischen Mode?
Branquinho: Sie ist sehr individuell. Die Designer gehen keine Kompromisse ein, folgen keinen Trends. Martin Margiela oder Ann Demeulemeester folgen allein ihrer Vision. Es geht ihnen nicht um Marketingstrategien, sondern darum, sich selbst treu zu bleiben.
profil: Kann man mit diesem Konzept in einer Branche überleben, die von Konzernen wie LVMH oder PPR gesteuert wird, die nach Belieben Labels aufkaufen und Designer wie Schachfiguren hin und her schieben?
Branquinho: Darum geht es mir ja: ein Gegengewicht zu diesem Konzernbusiness zu bilden. Natürlich wird man nie deren Einfluss und ihren kommerziellen Erfolg haben. Aber damit kann ich leben.
profil: Haben Sie selbst schon Angebote von größeren Labels bekommen, als Chefdesignerin zu wirken?
Branquinho: Schon mehrfach, aber ich war nie interessiert. Auch deshalb, weil diese Angebote sehr früh in meiner Karriere kamen – zu einem Zeitpunkt, als ich noch sehr damit beschäftigt war, zu mir selbst zu finden. Mir war immer klar, dass man auf diese Weise seine Eigenständigkeit verliert.
profil: Als Tom Ford Gucci verließ, meinten die Firmenvorstände, dass ein Designer ohnehin nicht so viel zähle wie die Marke selbst.
Branquinho: Das mag für ein Label wie Gucci stimmen. Dort ging es immer schon weniger um Design als um Lifestyle.
profil: Was halten Sie vom Abgang Helmut Langs? War es die richtige Entscheidung, einfach alles hinzuschmeißen?
Branquinho: Ich frage mich, ob er eine Wahl hatte. Schließlich hat er sein Label zuvor ja auch an Prada verkauft. Er hätte wissen müssen, was das bedeutet. Ich habe seine Entwürfe immer geliebt. Als ich hörte, dass er aufhören würde, war ich schockiert.
profil: Ist es nicht seltsam, dass Marken wie Jil Sander, Joop, Helmut Lang ohne die Designer auskommen, die ihnen ursprünglich den Namen gegeben haben?
Branquinho: Sie haben Recht, das ist seltsam. Aber so ist das Geschäft. Auch Martin Margiela muss, seit er an Diesel verkauft hat, mit einem Marketingteam zusammenarbeiten. Jetzt gibt es eben auch eine Accessoires-Linie, Schuhe, all diese Dinge.
profil: Diesel-Chef Renzo Rosso war kürzlich Stargast beim Life Ball.
Branquinho: Ich weiß, zufällig war ich gerade in der Stadt. Leider habe ich keine Einladung bekommen. Mir wurde mitgeteilt, dass sich alles auf Diesel konzentrieren soll und andere Designer dazu nicht recht passen würden.
profil: Verändert der Wirtschaftsboom in Asien das Modebusiness?
Branquinho: Nur für die großen Marken. In Schanghai und Hongkong schießen die großen Boutiquen nur so aus dem Boden. Dabei lässt sich gut beobachten, dass es den Kunden dort noch an Fachwissen mangelt. Da steht ein Armani-Store neben einem Esprit-Laden, und sie erkennen den Unterschied nicht. Sie haben keine Lifestyle-Kultur und müssen noch sehr viel aufholen. Das ist ein Problem für die großen Marken.
profil: Was halten Sie von der H&M-ifizierung der Modewelt?
Branquinho: H&M macht mich krank. Ich weiß, was es kostet, ein T-Shirt herzustellen. Ich weiß, was es kostet, Näherinnen zu bezahlen. Klar, H&M kauft Stoffe in großen Mengen ein. Das macht es billiger. Für mich kostet derselbe Stoff um ein Drittel mehr. Damit kann man nicht konkurrieren. Eine Hose um 20 Euro, das ist unmöglich.
profil: Sie kaufen selbst nie bei H&M?
Branquinho: Niemals.
profil: Sind Sie schon einmal kopiert worden?
Branquinho: Natürlich. Schon öfter.
profil: Und Sie wehren sich nicht?
Branquinho: Nein, ich habe eine kleine Firma. Gegen H&M habe ich keine Chance. Es kommt vor, dass Dinge gleich nach den Schauen kopiert werden und schneller im Handel sind als die Originale. Das Geschäft ist eben hart.
profil: Wie viele Mitarbeiter hat Ihre Firma?
Branquinho: Siebzehn.
profil: Nicht mehr?
Branquinho: Nein, das ist ja das große Missverständnis. In der Presse komme ich fast gleichberechtigt neben Dries Van Noten oder ähnlichen Designern vor, aber in Wirklichkeit bin ich im Vergleich zu denen nur Peanuts.
profil: Sie haben schon sehr früh begonnen, professionell zu designen. Hilft Ihnen dieser Vorsprung an Erfahrung heute?
Branquinho: Natürlich. Das ist es auch, was mich in Wien so wundert. Ich bin mit 22 von der Akademie abgegangen, manche meiner Studenten sind schon 30.
profil: Bereiten Sie Ihre Studenten auf die pragmatischen Seiten des Geschäfts vor?
Branquinho: Nein. Darauf kann man gar nicht vorbereitet sein. Ich denke, es ist besser, damit noch nicht zu früh konfrontiert zu werden. Jemand, der voller Leidenschaft ist, wird es auch schaffen. Aber er muss selber lernen, sich auf andere Leute zu verlassen.
profil: Für Ihre Shows buchen Sie niemals berühmte Models. Warum nicht?
Branquinho: Daran war ich nie interessiert. Ich will meine Arbeit zeigen, keine berühmten Gesichter. Ich schicke auch keine Gratisproben an Madonna. Eine meiner Geschäftsmaximen lautet: keine Promotion, keine Werbung. Wenn ich all diese Dinge tun wollte, könnte ich niemals unabhängig bleiben – dafür braucht man Investoren oder Lizenznehmer.
profil: Was hat den Ausschlag dafür gegeben, dass Sie Modeschöpferin geworden sind?
Branquinho: Ich wurde in einer grauen, langweiligen Vorstadt von Brüssel geboren. Seit ich mich erinnern kann, wollte ich da nur raus.
profil: Was sind Ihre Eltern von Beruf?
Branquinho: Meine Mutter ist Krankenschwester, mein Vater Arbeiter. Ich ging schon früh in Zeichen- und Ballettkurse, um diesem Milieu zu entkommen. Ich wollte unbedingt in die Kunstschule. Natürlich war das schwierig für meine Eltern, die nie etwas mit Kunst zu tun hatten.
profil: Wie sieht die Frau aus, für die Sie designen?
Branquinho: Ich denke dabei nicht an das Alter oder die Figur einer Frau. Es geht mir um eine bestimmte Mentalität. Aber Isabelle Huppert hat in einem Film etwas von mir getragen, und das fand ich doch sehr passend.
profil: Wie kam das zustande?
Branquinho: Keine Ahnung. Wir haben jedenfalls nicht dafür gezahlt. Aber ich hätte nichts dagegen, Dinge für den Film zu entwerfen. Hie und da arbeite ich auch fürs Theater. Man arbeitet in einer Gruppe, diskutiert. Mode ist im Grunde eine sehr einsame Tätigkeit. Am Theater bist du ständig in einer Gruppe und im Gespräch.
profil: Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Branquinho: Ich arbeite am liebsten nachts, in meinem Büro. Früher bin ich, wie alle anderen auch, gleich am Morgen ins Büro gegangen – ich hätte sonst ein schlechtes Gewissen gehabt. Daraufhin habe ich stundenlang stumpfsinnige Telefonanrufe beantwortet und erst dann wirklich zu arbeiten begonnen, als meine Mitarbeiter zu Hause waren. Das hat sich aber zum Glück gebessert.
profil: Haben Sie je daran gedacht, das Genre zu wechseln und vielleicht als Malerin zu arbeiten?
Branquinho: Ich bin zwar noch keineswegs fertig mit Mode, aber ich beneide tatsächlich alle Künstler. Sie schaffen ein Werk, fertig. Ich muss alle paar Monate eine Kollektion entwerfen, die völlig neu aussehen soll, weil es das Business eben so verlangt. Dabei gibt es in meinen Kollektionen genug Dinge, die schon perfekt sind. Wenn man um jeden Millimeter gekämpft hat, bis man die perfekte Form gefunden hat, ändert man diese doch nicht, nur weil sie sechs Monate alt ist. Ich will Dinge schaffen, die mehr Bestand haben. Dafür gibt es auch meine Complice-Linie.
profil: Was ist das für eine Linie?
Branquinho: Sie versammelt die Klassiker meiner Frauen- und Männerkollektionen, die Dinge, die sich eben nicht ändern. Letztlich ergibt das eine Art Partnerlook. Das ist vielleicht ein bisschen romantisch gedacht, aber im Grunde geht es darum, die Essenz meiner Arbeit zu bewahren.
profil: Wer sind Ihre Vorbilder als Designer?
Branquinho: Ich bewundere Martin Margiela. Er hält sich völlig aus dem Modezirkus heraus, ohne dass es ihm übel genommen wird. Was keineswegs einfach ist. Coco Chanel war einzigartig. Was sie damals geschaffen hat, ist moderner als irgendwelche Stücke von vor fünf Jahren. Es ist perfekt, ruhig und pur.
profil: Wie gefällt Ihnen Wien? Waren Sie früher schon da?
Branquinho: Nein, erst als ich hier zu arbeiten begann. Zunächst war ich verwundert, wie unglaublich sauber und perfekt, fast schon steril alles aussieht und wie glücklich und zufrieden die Menschen trotzdem wirken. Das kann doch nicht sein! Erst langsam komme ich drauf, dass unter der Oberfläche doch noch mehr Leben steckt.

Interview: Angelika Hager und Sebastian Hofer