Der neue Roman des Österreichers Clemens J. Setz

Der Grazer Clemens J. Setz zählt zu Österreichs bekanntesten Jungautoren. In seinem jüngsten Roman, der Spukgeschichte "Indigo“, bleibt der Horror leider auf der Strecke.

Ein Mann gibt Rätsel auf: Ist Clemens J. Setz ein Gesetzesbrecher, der nur mit Glück seiner gerechten Strafe entkommen konnte? Ist er jener "Freak“, den Robert, ein ehemaliger Bekannter des Autors, in diesem zu erkennen glaubt? "Ach, was weiß ich, der war so ein komisches Viech“, erinnert sich der Zeitgenosse an den Schriftsteller. Gesichert scheint indes zu sein, stellt Robert vertrauensvoll fest, dass Setz häufig fettiges Haar, eine Brille mit dünnem Rand und schiefe Schneidezähne im Gesicht trage.

Den Grazer Romancier Clemens J. Setz gibt es neuerdings gleichsam in doppelter Ausführung. Da wäre der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller, Jahrgang 1982, der im Zweijahrestakt voluminöse Bücher veröffentlicht: literarische Streiche wie das Erzähldebüt "Söhne und Planeten“ (2007), in dem Setz extravagante Erzählkonstellationen und Figurenpanoramen entwarf, die selbst renommierten Autoren nicht so leicht von der Hand gegangen wären. 2009 folgte der 700-Seiter "Die Frequenzen“, der klug konstruierte, in ungewohnten narrativen Echoräumen angesiedelte Roman einer diffizilen Freundschaft, mit einem Protagonisten, der unterschiedliche Sinneseindrücke zu koppeln und so neue Sprachbilder zu generieren wusste. Setz sei, so lobte das deutsche Feuilleton, die "jüngste Hoffnung der deutschen Gegenwartsliteratur“.

Anderseits treibt eine fiktive Figur namens Clemens Johann Setz in der jüngsten Arbeit des Autors, dem Rätselroman "Indigo“, ihr Unwesen. Als gelernter Mathematiker entfaltet der Autor darin ein lustvolles Spiel mit Wahrscheinlichkeiten: Beide, der fiktive wie der reale Setz, sind Anhänger der Zahlenwissenschaft, beide veröffentlichten ihre Erzählerstlinge im Residenz Verlag, beide leben und arbeiten als Schriftsteller in Graz - und gleichen sich in Aussehen und Verhalten. "Ein Gesicht, das ohne die Augenbrauen nichts gewesen wäre“, ironisiert Setz in "Indigo“ sein Alter Ego. "Müde Augen. Ein seltsam vorstehender Adamsapfel. Geheimratsecken. Kugelrunder Welpenbauch.“ Der literarisierte Setz sei ein Mann, der "sehr nervös“ wirke und nie bei einem Thema bleibe: "Hat oft nur herumgequatscht, stundenlang.“ Einzig die von Setz formidabel beherrschte Kunst des Obertongesangs gesteht der Autor seinem literarischen Doppelgänger nicht zu.

In wesentlichen Details ist freilich ein Auseinanderdriften der Ähnlichkeiten feststellbar: So gerät der fiktive Setz, ein Nervenbündel par excellence, in "Indigo“ bald unter Verdacht, den Tod eines Tierquälers verschuldet zu haben. Roman-Setz wird der Prozess gemacht, er soll einen Mann aus Rumänien, der Hunde im Verlies hielt, durch das langsame Abziehen der Haut zu Tode gebracht haben - wovon der Angeklagte schließlich freigesprochen wird.

Setz, der mit "Indigo“ erneut (nach der Nominierung für "Die Frequenzen“) den Sprung auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft hat, ist ein Autor, der Selbstpersiflage und absurde Eigenperspektive als literarische Mittel zu schätzen weiß. Bereits in "Die Frequenzen“ tauchte am Rande ein "junger ernster Mann mit Brille“ auf: "Er fühlt sich auf Hochzeiten nie wohl, da sie ihn an Kinderkriegen und das uralte Problem von Vater und Sohn erinnerten, über das er so lange nachgedacht hatte, bis er schließlich einen quirlig-verzweifelten Roman darüber geschrieben hatte.“

Auch Setz’ neuer Roman "Indigo“ ist offenkundig Ergebnis intensiven Reflektierens. "Indigo“ ist von Witz und Ironie durchzogen, gekonnt jongliert der Literat mit Bildern und Begriffen, streckenweise wirkt das Buch wie ein grell schillerndes Kaleidoskop des Überschwangs. Der Schriftsteller beschreibt unter anderem jenen gespenstischen Parallelkosmos, in dem all jene Männer landen, die vorgeben, nur kurz Zigaretten holen zu gehen: "Es muss sie doch geben, irgendwo auf der Welt laufen sie alle herum, diese Horden Zigaretten-Flüchtlinge, sie sitzen in kalten Hotelzimmern, ohne Reisepass, ohne Kreditkarte, ohne viel Bargeld, und warten. Worauf?“ Vereinsamte Schirmakazien, verwaiste Telefonzellen und ein eifersüchtiger Liebhaber, der in die Wohnung des vermeintlichen Nebenbuhlers eindringt und dort in homöopathischen Dosen Hundekot auf Zahnbürste und Computermaus verteilt, spielen da Rollen. Einiges an dem Roman scheint gleichwohl nicht konsequent zu Ende gedacht.

In der literarisierten Provinz, zumal der österreichischen, nistet traditionell das Grauen: Autorinnen wie Marlen Haushofer und Olga Flor, Schriftsteller wie Thomas Bernhard und O. P. Zier haben Karl Marx und Friedrich Engels gemäß die "Idiotie des Landlebens“ in zahllosen Werken ausbuchstabiert. "Indigo“ fügt dem Topos eine weitere Variante hinzu.

Ausgangspunkt des verschachtelten Geschehens ist das "Helianau“-Institut am Semmering, in dem Kinder und Jugendliche mit diffusem Krankheitsbild untergebracht sind; die Diagnose lautet wahlweise "Beringer-Krankheit“, "Rochester-Syndrom“ oder schlicht, nach dem Titel des Romans, "Indigo“. Vage lassen sich die Symptome des ansteckenden Leidens beschreiben: erhöhte Temperatur, Hautausschläge, kalte Hände, Kopfschmerz, Durchfall, motorische Störungen, erhöhte Reizbarkeit. Bisweilen erbrechen neu infizierte Mütter sich in die Wiegen ihrer Kinder, verstorbene Indigo-Patienten dürfen auf öffentlichen Friedhöfen nur in Urnen, als Asche begraben werden.

In "Indigo“ - einem Bastard aus Agenten-, Science-Fiction- und Politthriller, Schauer- und Liebesgeschichte, untermischt mit Amoklauffantasien und Schockbildern - macht sich der fiktive Autor Setz auf die Erkundung des Undurchschaubaren und wird dabei von seinem Schöpfer und realem Double den ganzen Roman hindurch daran gehindert, zu irgendeiner Form der gesicherten Erkenntnis zu gelangen. Das Buch ist ausschließlich um Brennpunkte herum konstruiert, die wie hinter einer Nebelwand verborgen bleiben: Der I-Forscher im Roman tappt im Dunkeln, dazu ist das Gekicher des eigentlichen Urhebers der Misere förmlich zwischen den Zeilen zu hören. "Indigo“ wäre kein Setz-Roman, wenn sich Plot und Personal des Buchs nicht andernorts gespiegelt und gebrochen fänden: In Internet-Lexika kursieren tatsächlich zahlreiche Einträge zu den so genannten "Indigo-Kindern“, denen laut esoterischer Lehrmeinung besondere spirituelle Eigenschaften und Fähigkeiten zuzuschreiben sind. Eine amerikanische New-Age-Anhängerin will bereits in den 1970er-Jahren eine deutliche Zunahme der Zahl von Neugeborenen mit - so die von allen wohlmeinenden Geistern wohl verlassene Jüngerin der Geheimlehre - "indigofarbener Aura“ festgestellt haben.

Das Kunststück, einen Gruselroman im Gewande einer autobiografisch angehauchten, esoterisch verbrämten Burleske zu fertigen, stellt selbst einen so souveränen Schreiber wie Clemens J. Setz vor Schwierigkeiten: Statt für den buchstäblich unfassbaren Schrecken ein korrespondierendes, durchaus bizarres Bildprogramm auszuarbeiten, ergeht sich der Autor in Abschweifungen und Abwegen und setzt die intendierte Rätselhaftigkeit des Geschehens mit narrativer Materialfülle gleich, folgt dabei offenbar einem Plan der vielen roten Fäden, die in einem netzartigen Ganzen nur lose verklammert sind. Die Großmetapher des, wie es an einer Stelle des Romans heißt, "Haarscharf-Daneben“, von der "Indigo“ erzählen will, läuft so immer wieder ins Leere.

Die Namen von Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, Angus Young, Gitarrist der Altrocker AC/DC, oder US-Präsident Kennedy geistern ebenso durch den Roman wie die Gesetzgebung der Europäischen Union, Tschernobyl, Hiroshima, "Musikantenstadl“ und "Kronen Zeitung“. Bibi Blocksberg bekommt ein Hitler-Bärtchen verpasst, selbst der Mann im Mond hat seinen Auftritt. Bisweilen scheint der Roman selbst vom I-Syndrom infiziert: "Wie das Schattenprofil von Alfred Hitchcock“, glaubt darin eine der Figuren das weibliche Geschlecht beschreiben zu müssen. "Weiche, herabhängende Hautlappen mit etwas Nasenartigem in der Mitte. Und das sollte das Mysterium des Lebens sein?“ Haarscharf daneben.