Conan, der Zerstörte: Arnold Schwarzenegger ist als Gouverneur endgültig gescheitert

Seine Zigarren, lang und dick wie die Geschosse einer Flugabwehrkanone, pafft er weiterhin mit Lust und Hingabe. Und wenn er seinen Mund öffnet und dabei „Ca-li-foh-nia“ herauspurzelt, lebt das Märchen von einem, der Österreich verließ, um Amerika zu erobern, wieder beglückend auf. Im Allgemeinen aber hat sich die wundersame Story des Arnold Schwarzenegger erledigt, ohne dass dies wirklich Arnolds Schuld wäre.

Von Martin Kilian, Washington

„Einen Job wie diesen machst du nur, wenn du berufen bist zu führen“, lobt er sich für seine inzwischen über sechsjährige Tätigkeit als ­Gouverneur Kaliforniens. Am pazifischen Ende des amerikanischen Kontinents, wo sich unzählige Amerikaner neu erfanden, tat er es ihnen gleich – und ritt den kalifornischen Tiger. Nun aber, da Schwarzenegger nicht einmal mehr ein Jahr im Amt verbleiben wird, ist sein Mythos verblüht wie eine Aster im November.
„Sogar ein Celebrity-Gouverneur wie ich kann gewisse Dinge nicht durchdringen“, spricht er sich Trost zu – während sein Gemeinwesen am Rande des ­Zusammenbruchs steht, vital wie immer, jedoch pleite wie niemals zuvor. Außer Spesen nichts gewesen, könnte man hämisch sagen, ohne Schwarzenegger damit allerdings gerecht zu werden. Nicht nur verzichtete der betuchte Gouverneur auf sein Staatssalär von jährlich 175.000 Dollar; brav und zuweilen tapsig versuchte er sich an dieser und jener Reform, der Tiger freilich entledigte sich des Dompteurs.
Dennoch ist sein Selbstvertrauen intakt ­geblieben. „Ein anderer würde vielleicht jeden Tag deprimiert hier herausmarschieren, ich aber marschiere hier nicht deprimiert heraus“, sagt er trotzig, wenngleich er Anfang Jänner in der Staatshauptstadt Sacramento die alljährliche Rede zur Lage Kaliforniens hohlwangig und mit regierungsmüden Augen hielt. Dass ihm der Job noch Spaß macht, darf bezweifelt werden. Seine Umfragewerte stürzten in den Keller, auch glaubt die Mehrheit der Kalifornier, Schwarzenegger werde den Staat, bei seinem Amtsantritt 2003 bereits marod, noch maroder zurück­lassen.

Sackgasse
Denn das Geld ist extrem knapp. Dem Gouverneur fehlen 20 Milliarden Dollar, weshalb sein Haushalt einem blutigen Schlachtfest gleicht. Die Armen und die Alten, die Kranken und die Staatsangestellten: Alle werden zur Kasse gebeten. Aus Verzweiflung geborenes Wahndenken hat sich des Gouverneurs bemächtigt, weshalb er vergangene Woche vorschlug, in Kalifornien in Haft sitzende illegale Mexikaner in die Heimat abzuschieben und dort in eigens für sie gebauten Gefängnissen einzukerkern. Wieder eine Milliarde gespart!
Dass sein Revier über zwölf Prozent Arbeitslosigkeit vorweist und Zwangspfändungen von Häusern so üblich geworden sind wie die Schlaglöcher auf den verlotterten Freeways, mag den Gouverneur ungemein schmerzen. Dagegen ausrichten kann er leider nichts: Die Rezession beutelt seinen Staat, weshalb Schwarzenegger zum Leichengräber des kalifornischen Traums geworden ist. Und seine Gegner dreschen auf ihn ein. „Er möchte der Terminator sein, aber wir müssen aufpassen, dass er Kalifornien nicht terminiert“, höhnt Karen Bass, die Sprecherin der ­Demokraten im Staatsparlament.
Man muss Schwarzenegger in Schutz nehmen gegen derlei Besudelungen. Denn die Kalifornier machten sich das Bett selber, in dem sie nun bang die Nächte verbringen. Und dies geschah, bevor Arnold davon träumte, eines Tages in ­einem Zelt im Hof des kalifornischen Regierungsgebäudes in Sacramento würzige Zigarren zu rauchen.
„Wenn ich in meiner Karriere jedes Mal vor einer wichtigen ­Veränderung gezögert hätte, weil es zu schwierig war, würde ich ­immer noch in Österreich jodeln“, versuchte er sein zerstrittenes Staatsparlament in seiner Rede zur Lage des Staates Anfang Jänner auf Action zu trimmen. Die traurige Wahrheit aber ist, dass Kalifornien sich bereits 1978 selbst in die Sackgasse ­manövrierte. Damals billigten die Wähler nach furiosen Protesten konservativer Steuerzahler die Begrenzung der immens wichtigen Immo­biliensteuer auf ein Prozent des Immobilienwerts.
Dagegen wäre nichts einzuwenden gewesen, wenn sich die Wähler entsprechend beschieden hätten; sie begehrten indes gute Schulen und viele Gefängnisse, Parks und überhaupt alles, was das Leben vermeintlich sicherer und lebenswerter macht. Und sie wollten es zum Dumpingpreis. Dass zusätzliche Steuern oder Steuererhöhungen überdies von einer Zweidrittelmehrheit im Parlament gebilligt werden müssen, machte die Sache nicht einfacher.
Der Staat lebte fortan munter über seine ­Verhältnisse und taumelte bisweilen in profunde ­fiskalische Krisen. Unter anderem deshalb wurde Schwarzenegger 2003 zum Gouverneur ­gewählt. Ein republikanischer Einwanderer ohne präzise ideologische Festlegung mit einer ­demokratischen Promi-Gattin, der John-F.-­Kennedy-Nichte Maria Shriver, und obendrein ein Charismatiker und Hollywood-Idol. Star-Power, Baby!
Der Held war auch nur Republikaner geworden, nachdem er 1968 zufällig Richard Nixon im TV gesehen und gehört hatte. „Welcher Partei gehört der an?“, fragte Arnold einen Freund, während er sich an Nixons Oden an freies ­Unternehmertum und Patriotismus delektierte. Aber Arnold wurde kein republikanischer ­Taliban, der Jesus verklärt und Darwin verteufelt; er gibt sich als aufgeklärter Lebemann der Mitte, der an leidige Phänomene wie die Erderwärmung glaubt, derweil der harte Kern seiner Partei mit derlei Häresien nichts anfangen kann.
Er benötige zweierlei, um erfolgreich zu regieren, hatte ihm sein glückloser Vorgänger Gray Davis bei der Amtseinführung anvertraut: „Regen im Norden und eine florierende Wirtschaft.“ Regen, damit Südkalifornien genug Wasser bekommt; dazu möglichst einen Boom, um die strukturellen Schwächen der Staatsfinanzen zu kaschieren.
Der Regen fiel, die Wirtschaft freilich implodierte im Sog der Wall-Street-Pleite. Doch Schwarzenegger hatte schon zuvor an allen Fronten Lehrgeld bezahlt und sich vertan: Seine Initiativen zur Sanierung des Haushalts verpufften, seine eigene Partei misstraute ihm, die Demokraten gleichfalls, die Gewerkschaften lehnten sich auf, und die Wähler gaben ihm den Rest, indem sie seine Vorschläge frech ablehnten.
„Das System ist so konstruiert, dass es scheitern muss“, lautet sein Befund, womit er sich eine fabelhafte Entschuldigung ausstellt. Hat er nicht redlich versucht, seine politischen Feinde, die einander zudem spinnefeind waren, unterm Zeltdach in Sacramento mit geschenkten Zigarren und Kameraderie für sich und seine Sache zu gewinnen? Und hatten sie ihm nicht boshaft den Stinkefinger gezeigt?

Messerstecherei
Aber das war einmal. Dieser Tage tritt Schwarzenegger vor die Kalifornier und produziert peinliche Sätze. Wie etwa: „Unser Geldbeutel ist leer.“ Oder: „Unsere Bank ist geschlossen.“ Oder auch: „Unsere Kredite sind ausgetrocknet.“ Erlösen von seinen Nöten soll ihn Washington, wo der Gouverneur mit dem Klingelbeutel hausieren geht, um eine milde Gabe von rund sieben Milliarden Dollar einzuheimsen.
Viel Erfolg wird ihm nicht beschieden sein; die Vertreter des Staats im Kongress nervt der Mann aus Sacramento schon seit geraumer Zeit mit seiner Bettelei. Falls er und das renitente Staatsparlament sich nicht bald auf eine Überwindung der finanziellen Kalamitäten einigen, wird der Terminator einen gewaltigen Scherbenhaufen hinterlassen. Die Schuld dafür wird man auch ihm anlasten.
Andererseits darf er sich damit trösten, im August wieder die Kinoleinwände un­sicher zu machen, und sei es auch nur in ­einer Miniszene mit Bruce Willis und Sylvester Stallone im Streifen „The Expend­ables“. Der darin auftretende Star Dolph Lundgren beschreibt diesen als „traditionellen Action-Film“ mit Messerstechereien und blauen Bohnen zuhauf – womit Arnold wieder dort angelangt wäre, wo seine Karriere abzuheben begann.
Seine politische Laufbahn ist jedenfalls vorbei, da Schwarzenegger nicht dumm genug ist, um etwa für einen der beiden kalifornischen Senatssitze in Washington zu kandidieren. Schließlich haben die Jahre in Sacramento eindeutig bewiesen, dass selbst ein Mythos nichts auszurichten vermag gegen den konzertierten Widerstand der Spielverderber.
In Kalifornien stehen die Kandidaten ­unterdessen bereits Schlange, um ihn im Herbst zu beerben. Sogar Prinz Frederic von Anhalt, der umtriebige Ehemann der steinalten Zsa Zsa Gabor, träumt davon, „Governator“ zu werden; er verspricht zu diesem Zweck freie Liebe und auch sonst allerhand Erkleckliches. „Ich bin ja kein großer Politiker, aber ich habe mir gesagt: Wenn Arnold das machen kann, dann kann ich das auch“, dröhnt der Prinz. Arnold Schwarzenegger, der vom Rücken des Tigers gefallen ist, kann darüber gewiss nur lachen.