„Contergan der Bildungsforschung“

Schon zwei Wochen vor der Veröffentlichung liegt das Land im PISA-Fieber. Auch heuer wird die Studie als Propagandamittel im schrillen Parteienstreit missbraucht. Dabei ist die Aussagekraft von PISA begrenzt.

Die Räumlichkeiten des Projektzentrums für Vergleichende Bildungsforschung (ZVB) in der Akademiestraße in Salzburg sind dieser Tage Hochsicherheitszone. Besucher werden nicht mehr empfangen. Auf den Schreibtischen der Mitarbeiter stapeln sich Ausdrucke mit Zahlenkolonnen, Analysen und Grafiken. Es ist heißes Material: die Ergebnisse des 2006 durchgeführten internationalen Schülervergleichstests PISA (Programme for International Student Assessment) der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Der Leiter des ZVB, Günter Haider, hat sich ein Schweigegelübde auferlegt. Zwei Wochen vor der Veröffentlichung der Studie am 4. Dezember wäre jede öffentliche Stellungnahme kontraproduktiv.

300 Kilometer weiter östlich, in der Bundeshauptstadt, hält man nichts von selbst gewählter Aussageverweigerung. Im Gegenteil: Anhänger und Gegner der PISA-Studie bringen sich schon jetzt in Stellung, um in zwei Wochen auf Knopfdruck reagieren zu können. Wie in den Jahren 2001 und 2004 wird PISA auch heuer als Propagandamittel im rot-schwarzen Parteienstreit um die Schulreform missbraucht. Denn PISA macht es mit seiner Datenfülle den großkoalitionären Bildungspolitikern leicht: Mit Fantasie und Mutwilligkeit kann jeder aus der Studie herauslesen, was er will.

Den Ball ins Spiel brachte Sonntag vorvergangener Woche Unterrichtsministerin Claudia Schmied in der ORF-„Pressestunde“. Sie wisse zwar noch nichts von den Ergebnissen, aber: „Ich erwarte, dass die neue PISA-Studie wahrscheinlich weiteren Handlungsbedarf signalisieren wird.“ Die ÖVP, vom PISA-Fan 2001 zum Skeptiker 2004 gewandelt, startet ihre Gegenattacke diese Woche. Die Abgeordnete Gertrude Brinek, im Zivilberuf Assistenzprofessorin am Institut für Bildungswissenschaften der Uni Wien, präsentiert die knapp 400-seitige Anklageschrift „PISA zufolge PISA“. Die Grundthese der rund ein Dutzend Autoren: PISA hält nicht, was PISA verspricht. Herausgeberin Brinek gegenüber profil: „PISA ist eine chronische Irreführung der Gesellschaft, allenfalls eine interessante Jugendstudie, jedenfalls kein Leistungsvergleich von Bildungssystemen.“ Schriftlich geht es noch deftiger: In einem Beitrag in Brineks Buch, den die ÖVP-Abgeordnete als Co-Autorin mitverfasste, wird die PISA-Studie als „Contergan der Bildungsforschung“ bezeichnet.

Crashlegende. Der rot-schwarze Zwist begann mit dem angeblichen Absturz Österreichs bei PISA 2003 und heftiger Erregung der SPÖ, die tränenreich die „PISA-Blamage“ beweinte. Eine Legende: Den Crash hat es in Wahrheit nie gegeben. Aufgrund einer falschen Gewichtung der Berufsschüler waren die guten Ergebnisse von PISA 2000, die von der ÖVP noch bejubelt worden waren, schlicht unrepräsentativ. Die unangenehme Wahrheit: Die Leistungen der getesteten österreichischen Schüler in Lesen und Mathematik war bei PISA 2000 und PISA 2003 im Vergleich zu den anderen 30 Teilnehmerländern jeweils durchschnittlich, in Naturwissenschaften sogar unterdurchschnittlich. Trends, also Verbesserungen oder Verschlechterungen der Ergebnisse, sind seriöserweise schon allein aufgrund der Testmethodik kaum abzulesen. Darüber hinaus können im Ablauf von drei Jahren zwischen den PISA-Studien „keine weltbewegenden Änderungen“ (PISA-Österreich-Chef Günter Haider) in der Leistungsfähigkeit eines Schulsystems eintreten.

Schon gar nicht kann die PISA-Studie die Glaubensfrage der heimischen Bildungspolitik klären: Gesamtschule der Zehn- bis 14-Jährigen oder weiterhin differenziertes Schulsystem ab dem zehnten Lebensjahr? Rote Bildungsideologen preisen mit Hinweis auf PISA-Sieger Finnland das Gesamtschulmodell als optimale Schulform. ÖVP-Kampfpädagogen verweisen mit Genuss auf Bayern, das mit einem „österreichisch“ differenzierten Schulsystem alle deutschen Gesamtschul-Bundesländer deutlich abhängt. Rot und Schwarz irren. In Finnland ist nur die Hülle ein Gesamtschulmodell. Nach innen ist die Schulwelt bunter als die österreichischen Schultypen zusammen. Auch der Vergleich mit Deutschland zählt wenig. Denn in den deutschen Bundesländern gibt es de facto kein Gesamtschulmodell. Stattdessen existieren drei Schultypen – Gymnasium, Haupt- und Gesamtschule – nebeneinander. Der Wiener Philosophie-Professor Konrad Paul Liessmann, Autor des Buches „Theorie der Unbildung“, eines Pamphlets gegen das heimische Bildungswesen: „Es ist fahrlässig, von diesem Test auf ein Schulsystem positiv oder negativ rückzuschließen. Es kann sich jeder rausholen, was er will, und das macht die bildungspolitische Dimension dieses Tests noch fragwürdiger.“

Aus rein wissenschaftlicher Betrachtung könnte man aus PISA allerdings noch viel mehr rausholen als bisher. Die Studie liefert mehr interessante Fragen als Antworten. Denn die Fülle der vorhandenen Daten wurde bisher gar nicht zur Gänze analysiert. Neben den Tests in den Fächern Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften müssen die Schüler auch einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen, der Analysen zum sozioökonomischen Hintergrund der Testteilnehmer ermöglicht. Die Verknüpfungen ergaben für Österreich etwa, dass Kinder aus ärmeren Haushalten tendenziell schlechtere Ergebnisse bei PISA liefern – ein Indiz, dass Bildungserfolg hierzulande vom sozialen Status abhängt.

Kein Bildungsatlas. Im Gegensatz zu den Politikern halten sich die PISA-Verantwortlichen zurück. Dass die Studie eine Analyse des gesamten Schulsystems oder gar Handlungsanleitungen für die Bildungspolitik liefern könnte, behauptet kein involvierter Experte. PISA ist eine Standortbestimmung, kein Bildungsatlas. Im Gegensatz zu Naturwissenschaften können sozialwissenschaftliche Studien nie exakt sein. PISA misst nicht Bildung, sondern nur einen kleinen Ausschnitt davon. Dass die OECD Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften als Testgebiete auswählte, brachte ihr – gerade von links – den Vorwurf ein, Bildung aus rein ökonomischer Sicht und ausschließlich an den Anforderungen des Arbeitsmarkts zu messen. Schließlich laute das Motto der Organisation: „For a better world economy.“ Allerdings entwickelte die Organisation den Test nicht autonom nach ihren Vorstellungen, sondern in enger Abstimmung mit den Teilnehmerländern, die ihn ja auch finanzieren. Österreich steuert der OECD rund 60.000 Euro bei. Die hierzulande anfallenden Kosten für die Abwicklung machen pro PISA-Durchgang rund zwei Millionen Euro aus.

An der Verbesserung der statistischen Methoden und der Fragetechniken des Tests wird laufend gearbeitet. Doch Missgeschicke passieren. So war aufgrund eines Übersetzungsfehlers bei PISA 2003 eine Aufgabe in der deutschen Version nicht zu lösen. Aus pädagogischer Sicht krankt PISA am Teststress, dem es die Schüler aussetzt. Die Ergebnisse spiegeln nicht nur die tatsächlichen Fähigkeiten, sondern vor allem auch die Leistungsfähigkeit in Prüfungssituationen wider. Manche Experten führen die hervorragenden Ergebnisse der Finnen unter anderem darauf zurück, dass an deren Schulen traditionell Evaluierungen à la PISA durchgeführt werden. Im Vergleich zu anderen Teilnehmerländern hat Österreich ein strukturelles Problem. PISA testet 15- und 16-Jährige, hierzulande die klassische Übergangsphase (mit Ausnahme der Gym-nasien) von einem Schultypus zum anderen, etwa von der Hauptschule in eine HTL. Die Ergebnisse sagen damit maximal etwas über jene Schule aus, die zuvor besucht wurde, nichts über die aktuelle.

Die Österreicher sehen PISA mit Skepsis. Laut einer aktuellen profil-Umfrage glauben 50 Prozent, die Studie liefere keine korrekten Ergebnisse des Leistungsniveaus heimischer Schüler (siehe Seite 21). Öffentlicher Wirbel in zwei Wochen ist damit absehbar. Denn auch die kommende PISA-Studie wird die gleiche Grundaussage liefern wie die letzte: Österreichs Schulsystem produziert durchschnittliche Leistungen in Kernkompetenzen wie Lesen und Rechnen. Und wie vor drei Jahren werden mit Leidenschaft Ranglisten, Sieger und Verlierer, Auf- und Absteiger erörtert werden. PISA verkommt zum internationalen Schülerwettbewerb. Die norwegische Unterrichtsministerin Kristin Clement kommentierte im Jahr 2001 das schlechte Abschneiden ihres Landes mit einer Sportmetapher: „Eines ist klar, in der Schule ist Norwegen ein Verlierer, so als ob man von Olympischen Winterspielen ohne Goldmedaille heimkommt.“ Zusatz: „Und diesmal können wir nicht einmal behaupten, dass die Finnen gedopt waren.“

Von Gernot Bauer
Mitarbeit: Martina Lettner