Bachmannpreis: Die Frühstücksjuroren

Die Steirerin „Ostrov Mogila“ die Jury nicht überzeugen konnte, habe vielleicht auch mit dem Frühstück der Kritiker zu tun gehabt, erzählt die in Odessa lebende Schriftstellerin im Gespräch über Entscheidungen als Geschmackssache, übermächtige Frauenfiguren und ihr Interesse an der Apokalypse.

Interview: Stephan Wabl

profil online: Frau Simon, Sie sind beim Bachmannpreis leer ausgegangen, meinten aber, dass Sie gerne wiederkommen möchten. Ist einmal scheitern nicht genug?
Cordula Simon: Ich würde nicht sagen, dass ich gescheitert bin. Okay, ich habe keinen Preis gewonnen. Das liegt vielleicht auch daran, dass mein Text kein gemütliches Thema behandelt. Ich schreibe eben keine Kuschelliteratur. Dafür werde ich mich aber nicht entschuldigen. Wenn hochintelligente Menschen, die in der Jury sitzen, sagen, ich habe keinen Zugang zu dem Text gefunden, dann heißt das für mich: 'Ich hatte keine Lust mich damit zu befassen.' Mein Text baut mit Absicht eine unangenehme Atmosphäre auf. Und damit wollten sich manche wohl nicht beschäftigen. Aber ich betrachte mein Antreten beim Bachmannpreis sicher nicht als Scheitern.

profil online: Eine der Jurorinnen, Hildegard Keller, meinte bei der Diskussion, Ihr Text habe sie aus emotionaler Sicht nicht angesprochen. Das klingt ein wenig nach „Jeder nach seinem Geschmack“. Daraus könnte man schließen, dass die Entscheidungen im Endeffekt beliebig sind.
Simon: Zu weiten Teilen stimmt das sicher. Natürlich geht es nicht nur um das Handwerk, die Frage, ob der Text gut gebaut ist oder nicht. Da spielt sich auch sehr viel auf einer intuitiven Ebene ab: Mag ich den Text oder mag ich ihn nicht? Literaturkritik ist immer auch von persönlichem Empfinden geprägt. Das ist ganz normal. Was man auch merkt, ist, dass wenn in einer Runde von sieben Juroren gleich zu Beginn negative Kritik kommt, sich diese oft weiterzieht und dann nur mehr selten in eine andere Richtung geht. Vielleicht hängt es auch davon ab, wie gut oder schlecht die Juroren gefrühstückt haben. Eine gewisse Beliebigkeit ist daher sicherlich vorhanden.

profil online: Warum ist dann ein Format wie der Bachmannpreis, bei dem Autoren und Autorinnen gegeneinander antreten und beinahe wie im Sport gerankt werden, für Sie als Literatin überhaupt interessant?
Simon: Den meisten Autoren ist bewusst, dass der Preis auch eine Glücksache ist. Daher gibt es auch keine Konkurrenz oder Seilschaften. Der Preis ist eine gute Gelegenheit, spannende Menschen aus dem Literaturbetrieb, Verlage und andere Autoren und Autorinnen kennenzulernen. Zudem wird man verhätschelt, bekommt zu trinken, zu essen und ein Lesehonorar. Mit ein bisschen Glück, fährt man sogar mit einem Preis nachhause. Es zahlt sich also in jedem Fall aus, beim Bachmannpreis dabei zu sein.

profil online: Mit leeren Händen will man aber auch nicht abziehen. Sind sie eigentlich der Meinung, dass Ihr Text der beste war?
Simon: (lacht) Das kann ich selbst nicht sagen. Das Problem ist: Man hat den Text vor Monaten geschrieben, und jedes Mal, wenn man ihn wieder liest, denkt man sich, dass er jetzt sicher noch besser werden würde. So ganz zufrieden war ich daher natürlich nicht, denn man entwickelt sich ja weiter. Es gab schon Texte, bei denen ich mir allerdings gedacht habe, sollte der jetzt besser abschneiden als meiner, dann gehe ich nachhause. Aber auch das ist – wie die Meinung der Juroren – recht subjektiv.

profil online: Haben Sie die Lesungen der anderen Teilnehmer verfolgt? Liest man da mit und denkt sich eventuell sogar: 'Oh Gott, mit meinem Text kann ich einpacken?'
Simon: Die meisten Lesungen habe ich verfolgt und den Text dazu gelesen. Manche mochte ich sehr und habe ihnen auch einen Preis gewünscht. Das Gefühl, im Vergleich dazu kann ich mit meinem Text einpacken, hatte ich aber nicht. Jubelt die Jury allerdings einen Text in den Himmel, und der eigene Text ist weniger in den Himmel gejubelt worden, dann schleicht sich schon eher das Gefühl ein, dass man einpacken kann. Generell würde ich aber sagen, dass Texte nur schwer miteinander vergleichbar sind.

profil online: Wie haben Sie die Diskussion Ihres Textes erlebt? Haben Sie sich gerecht beurteilt gefühlt?
Simon: Teils, teils. Wenn mein Text als Kitsch oder zu folkloristisch bezeichnet wird, kann ich damit nichts anfangen. Das ist einfach nur Geschmackssache. Wenn jemand aber sagt, meine Sprache sei altmodisch, dann stelle ich mir schon die Frage, woran das festgemacht wird und ob ich mir das nicht noch einmal ansehen könnte. Hubert Winkels meinte zum Beispiel, er möge manche meiner langen Sätze nicht. Interessanterweise sieht das meine Mutter genauso. Aber gut, da ist ein Einwurf, den ich mir durchaus durch den Kopf gehen lassen könnte. Gefallen hat mir, dass mein Text als handwerklich solide empfunden wurde. Ich weiß auch, dass ich das kann. Aber im Großen und Ganzen habe ich mich fair behandelt gefühlt.

profil online: Sie schreiben in Ihrem Blog , dass nach Ihrer Lesung das Gerücht die Runde machte, die männlichen Juroren wären beunruhigt gewesen von den übermächtigen Frauenfiguren in Ihrem Text. Wie kommen solche Gerüchte zustande?
Simon: Ich nehme an, das kam aus einem feministischen Eck – und prompt wurde der Text als feministisch bezeichnet. Dann habe ich noch gelesen, dass mein Text gegen das Matriarchat kämpft. Da musste ich gleich noch mehr lachen. Es ist schon absurd, was da teilweise herauskommt. Ich habe den Text weder feministisch noch antifeministisch angelegt. Aber ja, der Text handelt von starken Frauenfiguren und er spielt am Land. Im Vorfeld hat mir jemand schon mitgeteilt, dass das keine guten Voraussetzungen seien, um zu gewinnen.

profil online: Ihr erstes Buch „Der potemkinsche Hund“ spielt in Odessa. Ihr kommendes, einen Auszug daraus haben Sie beim Bachmannpreis gelesen, spielt in der ländlichen Ukraine. Woher kommt Ihr Interesse für die Ukraine?
Simon: Das kann ich ganz pragmatisch beantworten. Während meiner Studienzeit hatte ich die Wahl, im Winter ein Auslandssemester in Wolgograd oder im Sommer eines in Odessa zu verbringen. Die Wahl fiel mir nicht schwer. Nach Ende des Studiums habe ich mich dann gefragt, wo ich recht günstig leben kann, um mich mit dem wenigen Geld aus Stipendien voll und ganz auf mein erstes Buch zu konzentrieren. Also bin ich nach Odessa zurück. Ganz nüchtern betrachtet, interessiert mich an der Ukraine, dass es nicht Österreich ist. Menschen erzählen dir die absurdesten Geschichten, und am Anfang glaubt man diese noch. Das heißt, es gibt für mich in der Ukraine einfach mehr zu entdecken. Zudem orientiert man sich eher an dem Leitspruch 'Wir schlagen uns schon durch' anstatt der Meinung zu sein, dass es einem gut geht. Das ist mir sympathisch.

profil online: In Ihrer Arbeit geht es häufig um morbide, apokalyptische und rastlose Charaktere. Was fasziniert Sie daran?
Simon: Fasziniert bin ich nicht unbedingt davon. Aber die Welt ist nun einmal morbide und apokalyptisch – und damit möchte ich mich beschäftigen. Man sagt sogar, dass wenn in der Ukraine die Apokalypse eintreten sollte, man es in einigen Dörfern gar nicht merken würde. Daher ist dieses Land für mich und meine Romane derzeit auch der richtige Platz.

Zur Person:
Cordula Simon wurde 1986 in Graz geboren und lebt derzeit in Odessa, Ukraine. Bis 2011 Studium der deutschen und russischen Philologie in Graz und Odessa sowie Koordinatorin der Jugend-Literatur-Werkstatt Graz, zahlreiche Preise und Stipendien. Ihr Debüt „Der potemkinsche Hund“ erschien im Jahr 2012 im Picus Verlag. Der Nachfolgeroman „Ostrov Mogila“ erscheint im August.