Der Tod und die Insel

Unfähige Führungskräfte, heldenhafte Inselbewohner, verzweifeltes Warten und ein Hauch von Ferienstimmung. Gunther Müller über die sehr italienische Schiffskatastrophe der Costa Concordia.

Natürlich ist das schlimmste Szenario immer noch möglich: Der gestrandete Kreuzer treibt ins Meer hinaus, die Vermissten im Inneren des Wracks werden nie gefunden; der Tank des Schiffs beginnt zu lecken, 2800 Tonnen Treibstoff fließen ins Meer und verpesten einen der schönsten Orte im Tyrrhenischen Meer auf Jahrzehnte.

Ein Wettlauf gegen die Zeit! Eine tickende Bombe! Ein maritimer Albtraum! So und noch viel dramatischer titeln die italienischen Zeitungen dieser Tage.

In den Abendstunden, wenn die Bergungsarbeiten wegen Dunkelheit unterbrochen sind, ist auf Giglio von Dramatik allerdings recht wenig zu spüren. Dann wird nämlich – so viel Zeit muss sein – erst einmal ausgiebig gespeist. Das ­Restaurant „Porta Via“ serviert am Montag Spaghetti alle Vongole, als Hauptgang gibt es frischen Thunfisch, dazu gegrilltes Gemüse und Bratkartoffeln. Als Dessert empfiehlt der schelmisch lächelnde Kellner eine Crema della Casa. „Glauben Sie mir Signore, so etwas haben Sie noch nie gegessen“, schwärmt er und faltet die Finger seiner linken Hand vor dem Mund zusammen.

Ein bizarres Bild: Vor der Küste, zum Greifen nahe, dieses 300 Meter lange und 114.000 Tonnen schwere, gestrandete Ungetüm, das die ganze Woche über Themenschwerpunkt in den internationalen Medien war – hier im Hafen ein Hauch von italienischer Sommerferienstimmung.

Was freilich nicht heißt, dass die italienischen Einsatzkräfte nicht rund um die Uhr ihr Möglichstes tun, um vielleicht doch noch einen Überlebenden im Inneren der Costa Concordia zu finden: Mit jeder Fähre, die vom toskanischen Festland nach Giglio kommt, treffen wieder neue Katastrophenteams und Experten ein. Vertreter der Feuerwehr, der Polizei, der Küstenmarine, der Carabinieri, des Militärs, Taucher, Bergrettung, Sprengkommandos bis hin zur Guardia di Finanza, einer Polizeiabteilung, die eigentlich auf Wirtschaftskriminalität spezialisiert ist – alle sind sie hierhergekommen, um einen Beitrag zu leisten. In militärgrünen Zelten werden im Stundentakt Krisensitzungen abgehalten, die nächsten Manöver erörtert, Baupläne der Costa Concordia inspiziert.

Aber wie verläuft die Koordination der Rettungsaktion tatsächlich? „Vorbildlich, schnell, hochprofessionell“, versichert der Pressesprecher der Feuerwehr. „Typisch italienisch“, mault hingegen ein aus dem Veneto angereister Höhlentaucher, der seit zwei Tagen auf seinen Einsatz wartet. „Sehen Sie, da kommen die unterschiedlichsten Abteilungen zusammen, alle wollen das Kommando übernehmen, zeigen, was sie können. Und am Ende verzögern sich die Aktionen um Stunden und Tage.“

Es ist Dienstag, kurz vor halb acht Uhr morgens, als es plötzlich laut knallt. Eine Explosion reißt die Leute in Giglio aus dem Schlaf: Versuche der Rettungstrupps, mit Sprengstoff noch schneller in den Rumpf der Costa Concordia vorzudringen. Immer mehr Kleinbusse mit Satellitenschüsseln auf dem Dach kommen jetzt über die Fähren in den hoffnungslos verparkten Hafen, Kameramänner balgen sich um die beste Sicht auf den Unglückskreuzer.

Und als ob sie all das nichts anginge, trottet nur eine Querstraße weiter die lokale Blaskapelle entlang der Via Provinciale Richtung Friedhof, etwa 20, vorwiegend betagte Musiker der „Banda Enea Brizzi“: Posaunisten, Trompeter, Klarinettisten und Trommler geben jetzt einen leicht atonalen Trauermarsch im Viervierteltakt zum Besten. Es ist Brauch auf Giglio, den Toten diese letzte Ehre zu erweisen: Pia Schiaffino ist Samstagabend im ehrwürdigen Alter von 95 Jahren gestorben. Am Tag zuvor kam zum Glück keiner der Einheimischen ums Leben. Keiner der 1300 Einwohner von Giglio, die mit ihren 23 Quadratkilometern nicht größer ist als der elfte Wiener Gemeindebezirk Simmering, befand sich auf dem Kreuzer der Costa Concordia.

Gut möglich allerdings, dass ein anderer Inselbrauch das Desaster vom 13. Jänner verursacht hat. Hinter dem Hafen führt eine schmale Straße auf einen Hügel, von dem man eine prachtvolle Sicht auf das Meer und die Nachbarinsel ­Giannuzi hat. Von hier oben sieht man auch zwei große und weiter vorne einen kleinen Felsen aus dem Meer ragen: „Scole“ nennen die Einheimischen diese Steingruppe. Den kleinsten Felsen hat die Costa Concordia am vergangenen Freitag gerammt.

Auf dem Hügel steht ein in antikem Rosa bemaltes, zweistöckiges Haus. Es gehört Giuseppe Tievoli, 82, elegant gekleidet, pensionierter Barbiere auf Giglio. Sein Sohn Antonello arbeitete als Restaurantangestellter auf der verunglückten Costa Concordia. „Am Tag des Unfalls hat Antonello angerufen und gesagt, dass ich um halb zehn aus dem Fenster schauen soll, weil das Schiff nahe an Giglio herankommen wird, und ich ihn grüßen soll. Aber warum fragen Sie mich das, das ist doch ein alter Brauch? Für das Unglück kann er doch nichts“, sagt er, wundert sich über die Fragen des Besuchers und geht weiter.

Tievoli hat Recht.
Für das Unglück kann Antonello, der als Restaurantchef auf der Costa Concordia beschäftigt ist, nichts. Verantwortlich ist der Kapitän des Schiffs. Er heißt Francesco Schettino und ist in den vergangenen Tagen zur Hassfigur einer ganzen Nation geworden, weil er offensichtlich unfähig, nachlässig und schlampig war. Und weil er sich drückte, als es darum ging, während der Massenpanik an Bord Verantwortung zu übernehmen. Zunächst konnte Schettino lediglich vorgeworfen werden, dass er das Kreuzfahrtschiff viel zu nah an Giglio heranmanövriert hatte.

Doch mittlerweile ist klar, dass der gebürtige Neapolitaner mit den streng zurückgegelten schwarzen Locken so ziemlich alles falsch gemacht hat, was man in seiner Position nur falsch machen kann. Offenbar war Schettino gerade damit beschäftigt, mit einer jungen Moldawierin zu flirten, als sich das Kreuzfahrtschiff Giglio näherte. Dann ist da die nicht widerlegbare Tatsache, dass er viel zu spät Alarm schlug und das Unglück bis zuletzt als einen vernachlässigbaren Zwischenfall herunterspielte. Im Verhör sagte er, er habe die Costa Concordia nur deshalb vorzeitig verlassen, weil er, als das Schiff kippte, „von Bord geschleudert wurde“ – und dabei in einem Rettungsboot landete.

Und schließlich, als Draufgabe, seine Konversation mit Gregorio De Falco, dem Fregattenkapitän im Hafen von Livorno. De Falco hatte gerade Dienst, als der Unfall der Costa Concordia passierte. De Falco war es, der den offensichtlich völlig überforderten Schettino vom Festland aus dazu zu bringen versuchte, seine Verantwortung wahrzunehmen. „Geh zurück an Bord, verdammte Scheiße!“, brüllte er den ans sichere Land geflüchteten Kapitän über Funk an – während dieser nur noch vor sich hinstotterte, es sei doch dunkel und er könne nichts sehen.

Das Unvermögen Schettinos auf höchstem Niveau ist nicht von der Hand zu weisen. Den Kapitän nun aber als einzigen Sündenbock des Desasters darzustellen wäre zu banal. Auf einem Luxuskreuzer mit 4000 Passagieren gibt es jede Menge Stellvertreter und auch einen Katastrophenbeauftragten. Wo waren sie, und warum übernahm niemand von ihnen das Kommando, nachdem sich Schettino als überfordert erwiesen hatte? Warum etwa befand sich auch der zweite Offizier Dimitri Christidis auf einem Rettungsboot, als Hunderte Passagiere noch an Bord der Costa Concordia ausharrten? All diese Fragen dürften in den kommenden Wochen und Monaten geklärt werden.

Doch schon jetzt scheint der Imageschaden für die italienische Schifffahrt gewaltig. Einige Medien fürchten sogar, dass der Ruf Italiens als eine Nation von „unzuverlässigen, durchtriebenen Chaoten und Schürzenjägern“ (die Tageszeitung „Il Libero“) einmal mehr bestätigt werde. „Hier haben wir also einen Schettino, der die von Berlusconi hinterlassene Lücke auf dem Feld der Blamagen und Lügen füllt und das Entsetzen der Welt auf sich vereint“, schreibt die Turiner Zeitung „La Stampa“ in einem Leitartikel. „Es scheint, als habe Italien die Gabe, sich in spektakulären Schwierigkeiten zu verfangen“, meint auch der prominente Publizist und Schriftsteller Beppe Severgnini.

Solche Schlussfolgerungen mögen berechtigt sein, doch sie greifen zu kurz. Die Katastrophe vor Giglio hat nämlich gleichzeitig auch ein ganz anderes Italien gezeigt.

Es ist ein nebeliger nasskalter, verregneter Montagmorgen auf Giglio. Mit Tränen in den Augen streift eine ältere Dame mit rotem Kopftuch die Hafenpromenade entlang und montiert an Strommasten und Häuserwänden Zettel, auf denen ein junger Mann mit langen dunkelbraunen Locken zu sehen ist. „Wir sind die Familie von Giuseppe Girolamo. Wer immer ihn gesehen hat, möge bitte eine der drei Nummern anrufen“, steht dar­auf. Es folgen drei private Rufnummern, die Kurzwahlen der Küstenwache, der Feuerwehr und der Polizei. Girolamo, Anfang 30, Gitarrist und auf der Costa Concordia für Unterhaltungsmusik verantwortlich, ist einer der Vermissten, die noch immer im Bauch des Luxuskreuzers vermutet werden. „Er hat seinen Platz im Rettungsboot einem Kind überlassen und vielen anderen geholfen. Irgendwann fehlte plötzlich jede

Spur von ihm. Er ist ein Held“, versichern Girolamos Freunde. Und Helden hat die Kreuzfahrtkatastrophe viele hervorgebracht: Es sind die Einwohner von Giglio. Giaccomo Arienti zum Beispiel, ein pensionierter Eisdielenbesitzer, der sich gerade eine alte Komödie aus den 1960er-Jahren im Fernsehen ansah, als es passierte. Der Alte und seine Ehefrau liefen hinaus, geleiteten die Passagiere in ihr Haus, boten heißen Tee und Decken an: Deutsche, Österreicher, Holländer, alle seien ihnen schweigend gefolgt. Geschlafen hat Arienti diese ganze Nacht nicht.

Oder Paolo Fanciulli, der Besitzer des Hotel Bahamas, das auf einem kleinen Hügel keine 30 Meter vom Hafen entfernt liegt, der nach der Katastrophe mehr als 800 Passagiere in den Zimmern, der Lobby und im Frühstückssaal unterbrachte. „Wir haben kaum noch Decken, weil die meisten sie im Schock einfach mitgenommen haben“, sagt Fanciulli und schmunzelt dabei.

Oder Emma, die Bäckerin, die um Mitternacht in ihre Backstube auf den Hügeln der Insel eilte und stundenlang Brot sowie Pizza mit Olivenöl und Rosmarin buk. Bei Tagesanbruch verteilte sie ihr Gebäck im Hafen an die Menschen, die auf die Fähre zum Festland warteten.
Oder die betagte Signora Pini, die Tee, heiße Milch und Kaffee in die überfüllten Schulen brachte. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Auch in dieser Hinsicht steht die Katastrophe der Costa Concordia symptomatisch für das Land, in dem es historisch betrachtet immer die kleinen Gemeinden waren, die gerade in Ausnahmesituationen erstaunlich gut funktionierten und diese Nation über Wasser hielten. Italien hat als Staat noch nie wirklich funktioniert. Und gerade in diesem ständigen Chaos, das von Terrorismus, politischer Stagnation, von Mafia- und Korruptionsskandalen begleitet war, etablierte sich parallel dazu ein dichtes Netz von Klein- und Mittelbetrieben, die allein mit Einfallsreichtum und Fleiß Weltmarken wie Benetton und Versace hervorbrachten.

Im vergangenen Jahr feierte Italien sein 150. Bestehen. Wobei feiern das falsche Wort ist. Hinter sich bringen trifft es wohl eher. Die meisten Italiener ließ der Geburtstag ziemlich kalt, von den Separatisten der Lega Nord wurde der 17. März 2011 sogar demonstrativ boykottiert. „Die großen Tragödien und die großen Hoffnungen einen ein Volk. In Italien haben in den letzten Jahren beide gefehlt“, schrieb der Schriftsteller Roberto Saviano damals in einem Essay – und wenn es die Hoffnung schon nicht geben mag, dann haben die Italiener jetzt zumindest eine Tragödie.


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