CSI: Safwan - Fall Nussbaumer

Entführungen. Alle Versuche, den im Irak gekidnappten Bert Nussbaumer zu befreien, blieben erfolglos. Aber nicht nur die Retter, auch die Kidnapper sind letztlich gescheitert. profil rekonstruiert anhand bisher unveröffentlichter Informationen den Ablauf der rätselhaften Geiselnahme.

Als Bert Nussbaumer den Funkspruch entgegennahm, konnte er nicht ahnen, dass er gerade sein eigenes Todesurteil gehört hatte: Donnerstag, 16. November 2006, Highway 80 nahe der irakischen Stadt Safwan an der Grenze zu Kuwait. Nussbaumer, 25 Jahre alt, österreichischer Staatsbürger, ehemaliger Bundesheersoldat, sitzt am Steuer eines gepanzerten Chevrolet Avalanche. Er arbeitet seit ein paar Wochen für das US-Sicherheitsunternehmen Crescent Security und gehört an diesem Tag zum Geleitschutz eines Konvois aus 37 Lastwägen, der das Hauptquartier der italienischen Armee in Nassirijah mit Nachschub versorgen soll. Gegen 12.30 Uhr gerät die Kolonne an einem Autobahnkreuz ins Stocken. Unter einer Brücke haben Uniformierte einen Checkpoint eingerichtet: Ein Wagen steht quer und blockiert die Fahrbahn. Nussbaumer hört die Stimme seines Teamführers John Young aus dem Empfänger krächzen: „Bert, get your arse up here with John Belushi as fast as you can“ („Bert, beweg deinen Arsch hierher, so schnell du kannst, und nimm John Belushi mit“). „John Belushi“ ist der Spitzname des irakischen Dolmetschers Wissam Hisham, des zweiten Mannes im Chevrolet. Und „up here“ bedeutet: zur Spitze des Konvois. Irgendwas stimmt da vorne nicht. „Bin gleich da“, antwortet Nussbaumer und steigt aufs Gaspedal. Dann: Funkstille. Dieser Tage wird Bert Nussbaumer in seinem oberösterreichischen Heimatort Neu­kirchen bei Altmünster begraben – eineinhalb Jahre nachdem er gemeinsam mit vier US-Sicherheitsleuten im Südirak gekidnappt wurde. Einer der Entführten ist immer noch verschwunden. Die Leichen der anderen, darunter auch jene von Nussbaumer, haben die Amerikaner Ende März in der Wüste verscharrt aufgefunden. Seit klar ist, dass die Männer ermordet wurden, sorgt ihr Schicksal für Aufregung.

In Österreich wollen Grüne und Freiheitliche mit parlamentarischen Anfragen herausfinden, ob bei der Suche nach Nussbaumer geschlampt wurde. Immerhin ist in den USA der Vorwurf aufgetaucht, das FBI habe den Freikauf der Geiseln be- oder gar verhindert. Erhoben wird er von Mark Koscielski: Der Waffenhändler aus dem Bundesstaat Minnesota ist mit einem der Opfer befreundet, hat auf eigene Faust Ermittlungen im Irak angestellt und dabei eine Reihe von Verdachtsmomenten gesammelt. Koscielski wiederum wird von Crescent Security beschuldigt, unseriös zu agieren. Vertreter der Sicherheitsfirma beteuern, alles in ihrer Macht Stehende getan zu haben, um den Fall ohne Blutvergießen zu lösen – genau wie das Außenministerium in Wien, wo sich die ganze Zeit über ein eigener Krisenstab mit der Entführung beschäftigte.

profil zeichnet anhand detaillierter Recherchen und bislang nicht zugänglicher Quellen nach, wie das US-Bundeskriminalamt FBI, die österreichische Regierung und Spezialeinheiten des Bundesheers, Crescent Security und Privat­ermittler Koscielski verzweifelt versuchten, Nussbaumer und seine vier Kollegen zu befreien. Und wie die Retter und die Kidnapper dabei aneinander scheiterten, ohne es zu wollen. Highway 80, nur ein paar Minuten nach dem Funkspruch: Als Nussbaumer und der Dolmetscher die Spitze des Konvois
erreichen, fahren sie direkt in die Falle. Die Kollegen, von denen sie zu Hilfe gerufen wurden, sind bereits entwaffnet und knien am Boden – umringt von Männern in Polizeiuniformen und Milizionären mit schwarzen Sturmhauben oder roten Baretten. Auch einige Anzugträger sind dabei.

Ein Stück entfernt parkt ein weißer Toyota Land Cruiser mit verspiegelten Scheiben. Ab und zu drückt drinnen jemand auf die Hupe. Dann läuft einer der Uniformierten hin, um sich Anweisungen zu holen. Auch Nussbaumer muss seine Waffen abgeben und die kugelsichere Weste ausziehen. Man nimmt den Geiseln Mobiltelefone, Geldbörsen und Dokumente ab und fesselt sie mit Handschellen und Klebeband. Inzwischen werden die Lastwägen des Konvois in Dreier- und Vierergruppen Richtung Norden dirigiert.
Insgesamt sind an dem Überfall 30 bis 40 Bewaffnete beteiligt. Sie sind sich ihrer Sache sicher, sie lassen sich Zeit, sie bleiben am Tatort, bis sich nach 14 Uhr Fahrzeuge der US-Armee nähern. Zwei Kollegen Nussbaumers lassen sie zurück. Und diese schlagen Alarm. Um 17.40 Uhr mitteleuropäischer Ortszeit tritt im Außenministerium in ­Wien zum ersten Mal der Krisenstab im Fall Nussbaumer zusammen.

Erste Hinweise. Im Nachkriegs-Irak sind Kidnappings nichts außergewöhnliches. Kriminelle Banden und terroristische Gruppierungen entführen immer wieder Bürger westlicher Staaten – um Lösegeld zu bekommen, Komplizen aus der Hand der Besatzer oder der irakischen Behörden freizupressen oder politische Forderungen publik zu machen. In dem Wirrwarr von Verbrechern, Terroristen und Aufständischen gilt es zunächst herauszufinden, wer die Männer der Crescent Security Group in seiner Gewalt hat.

In der Heimat von Nussbaumer sitzt der Schock tief. Noch nie ist ein Österreicher im Irak entführt worden, Österreich unterhält dort keine offizielle Vertretung. Alle Hoffnungen auf eine rasche Lösung des Falls ruhen zunächst auf den Amerikanern und Briten. Ein Team von FBI-Agenten versucht, den Kidnappern auf die Spur zu kommen. Auch Agenten des österreichischen Militärgeheimdienstes werden in die Region geschickt. Erste Hinweise, die auftauchen, erscheinen viel versprechend. Die zwei entkommenen Kollegen Nuss­baumers, ein Brite und ein Chilene, geben an, unter den Entführern ehemalige irakische Mitarbeiter von Crescent Security erkannt zu haben, die entlassen wurden, weil sie Firmeneigentum gestohlen und verkauft hätten – Waffen, die von Crescent Security im Irak gelagert werden, weil deren Besitz in Kuwait verboten ist.

Aus den Angaben der beiden Männer schließen die Ermittler, dass es sich bei den Kidnappern nicht um politisch motivierte Terroristen, sondern um Kriminelle handeln dürfte. Tatsächlich gelingt es bald, vier Ex-Mitarbeiter von Crescent festzunehmen. Doch die Verhöre laufen ins Leere. Die Verdächtigen werden wieder freigelassen. Auch in Wien stellt man sich auf ein langwieriges Unternehmen ein. Nach und nach knüpfen die Beamten des Krisenstabs ein Netzwerk an Kontakten, die allesamt dazu beitragen können, Informationen zu beschaffen und schließlich – im besten Fall – irgendwann Verbindung zu den Entführern herzustellen. Die Liste umfasst bald weit über 100 Anlaufstellen von der US-Botschaft oder dem Büro für Geisel-Angelegenheiten in Bagdad bis zu mehr oder weniger einflussreichen Personen im Irak wie etwa religiösen Würdenträgern, dem Gouverneur, dem Polizeichef und Ärzten. Permanent ist der Krisenstab mit neuen Nachrichten, Hinweisen und Gerüchten konfrontiert. Kurz nach der Entführung heißt es, die Leiche Nussbaumers sei aufgetaucht. Omar Al-Rawi, der SPÖ-Gemeinderat und Integrationsbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, der aus dem Irak stammt, macht einen hohen Polizeioffizier in Basra ausfindig, der sich bereit erklärt, dem Hinweis nachzugehen. Dieser erweist sich jedoch als falsch.

Fehlende Beweise. Drei Tage nach der Entführung, am 19. November 2006, wird eine erste Kontaktaufnahme durch die Entführer bekannt. Der vom Iran betriebene arabische Satellitensender Al-Alam strahlt ein Video aus, in welchem ein Vermummter behauptet, die Geiseln seien in der Gewalt der Gruppe Islamisches Mudschaheddin-Bataillon. Er fordert den Abzug der US-Truppen aus dem Irak. Das Video liefert keinen Beweis. Schlimmer noch: Die Gruppe meldet sich nie wieder. So stecken die Bemühungen des österreichischen Krisenstabs, aber auch des FBI-Teams fest. Es gelingt weder direkt noch indirekt, einen Kommunikations­kanal zu den Entführern zu etablieren. Jüngst aufgetauchte Meldungen, wonach die Entführer schon bald nach der Geiselnahme Geldforderungen in Höhe von 150.000 Dollar an Crescent Security, die USA oder Österreich gerichtet hätten, werden von allen genannten Stellen zurückgewiesen. Im Gegenteil: Paul Chapman, der Sprecher von Crescent Security, erklärt gegenüber profil, sein Unternehmen habe hohe Belohnungen für Hinweise, die zur Lokalisierung der fünf Männer führen, ausgesetzt und hätte auch anstandslos Lösegeld bezahlt.

Mehrere Quellen aus dem Umfeld des Krisenstabs bestätigen gegenüber profil, dass die kolportierte Lösegeldforderung selbstverständlich erfüllt worden wäre. „Wir hätten gejubelt“, sagt ein Insider. Stattdessen ist auch nach Monaten intensiver Recherche nicht einmal gewiss, ob die fünf überhaupt noch am Leben sind. Bis plötzlich Ende Dezember 2006 die Journalistin Hannah Allam, die für das US-Verlagshaus McClatchy in Bagdad stationiert ist, einen ihrer Informanten trifft – einen Schiiten. Im Lauf des Gesprächs macht sie eine scherzhafte Bemerkung: „Ihr beginnt ja jetzt auch mit dem Entführungsbusiness.“ Der Mann entgegnet: „Ja, aber wir bringen unsere Geiseln wenigstens nicht um.“

Allam fordert ihn heraus: „Es gibt kein Lebenszeichen der Geiseln, sie könnten tot sein.“ – „Wollen wir wetten?“, erwidert der Schiite, klappt seinen Laptop auf und spielt ein Video ab, auf dem die fünf Entführten erstmals seit dem 16. November zu sehen sind. Allam darf jedoch nur die Tonspur des Videos aufnehmen. Später taucht das gesamte Video im Internet auf. Allam ruft das FBI an und wird auch vom österreichischen Krisenstab kontaktiert. Doch sie kann keine weitere Hilfe bieten. Gegenüber profil sagt die Journa­lis­tin, es wäre einfach gewesen, an das ­Video zu gelangen. Vielleicht sind die ­Ermittler zu wenig einfallsreich gewesen. Allam: „Es mangelt den Amerikanern im Irak an Human Intelligence“ – also an Informanten in der Bevölkerung.

Die Österreicher arbeiten weiter. Die Agenten des Heeresnachrichtenamtes gehen gemeinsam mit Crescent Security allen möglichen Hinweisen nach. Außenministerin Ursula Plassnik steht in der Causa Nussbaumer in direktem Kontakt mit ihrer US-Amtskollegin Condoleezza Rice. Als die Idee auftaucht, Aufrufe zu starten, die sich nur auf Nussbaumer beziehen, da Österreicher im arabischen Raum ein besseres Image genießen als US-Amerikaner, bekommt Wien dafür grünes Licht aus Washington. Daraufhin werden Flugblätter, Poster und Inserate gefertigt und Spots in lokalen Radios ausgestrahlt. Die Botschaft: Österreich sei seit Jahren karitativ im Raum Basra tätig, die Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen etwa unterstütze ein Krankenhaus in Basra. Daneben ein Foto von Bert Nussbaumer. Der Krisenstab sitzt bald auf einem Aktenberg. Die Mitschrift einer einzigen der fast täglichen Sitzungen – in diesem Fall vom 23. August 2007 – liest sich so: Ex-Außenminister Alois Mock hat einen Brief an den früheren iranischen Außenminis­ter Ali Akbar Velajati geschrieben und darin um Hilfe gebeten. Der irakische Premier Nuri Al-Maliki ist im Iran und spricht die Frage der Geiseln gegenüber der dortigen Regierung an. Ein interessanter Hinweis ist aufgetaucht – ein Kontaktmann wird mittels eines Informanten nach Basra geschickt, um die Information zu überprüfen. Der Polizeichef von Basra ist ermordet ­worden. Der Bürgermeister von Altmünster gibt ein Interview in einem US-Medium. Immer wieder gibt es aber auch Momente der Hoffnung. „Ein halbes Dutzend Mal hatten wir das Gefühl, wir sind ganz knapp dran“, sagt ein österreichischer Diplomat. In diesen Situationen formulieren die Beamten gemeinsam mit der Hilfe der Familie Nussbaumer Fragen, die nur Bert selbst beantworten kann – so genannte „Proof of life“-Fragen. Diese beziehen sich meist auf Ereignisse oder Daten aus der Jugend der Geisel, etwa: Was geschah am 18. Geburtstag von Bert Nussbaumer? – Antwort: Es gab einen Todesfall in der Familie.

Seltsamerweise waren die Antworten, die zurück an die Ermittler geleitet wurden, oft nahe an der Wahrheit, aber nie völlig korrekt. „Manchmal vermuteten wir, der Fehler könnte in der doppelten Übersetzung begründet sein“, erzählt ein Außenamtsmitarbeiter. Alle Versuche scheitern. Eigens für die Geiselnehmer eingerichtete E-Mail-Adressen bleiben ungenutzt, vermeintliche Sichtungen der Männer erweisen sich als falsch.

12. März 2008: Fast eineinhalb Jahre nach der Entführung erhält das Außenministerium von den US-Behörden DNA-Spuren, die von den Fingern der Entführungsopfer stammen. Zwei Wochen später werden Leichen, die nahe dem Tatort der Entführung bei Safwan gefunden wurden, identifiziert. Nussbaumer und dessen Kollegen Jo­shua Munns, Paul Reuben und John Ray Young sowie Ronald Withrow, ein 2007 verschleppter US-Bürger, sind tot. Jona­than Cote, der fünfte Crescent-Security-Mann, wird weiter vermisst. Damit sind der österreichische Krisenstab, das FBI und alle anderen involvierten Stellen gescheitert. Doch eine Begebenheit lässt erahnen, dass auch aufseiten der Geiselnehmer vieles schiefgegangen ist: Die Journalistin Hannah Allam trifft Mitte März 2008 erneut den Informanten, der ihr einst das Video der Geiseln gezeigt hat. Sie erzählt ihm, dass abgeschnittene Finger der Geiseln aufgetaucht seien. Daraufhin habe der Mann sehr aufgebracht reagiert, berichtet Allam: „Er rief: ,Das war absolut nicht notwendig! Wenn die Entführer schon ein Video anfertigen, dann doch nur deshalb, weil sie verhandeln ­wollen!‘“

Niemand kann sagen, weshalb der Kontakt zwischen den Entführern und den Behörden nie zustande gekommen ist. Aber zweifellos sind auch die Geiselnehmer dabei gescheitert. In dem Video nannten sie sich die Mudschaheddin der Jerusalem Company, eine kaum bekannte schiitische Gruppierung. Vielleicht haben sie die Geiseln von den ursprünglichen Entführern gekauft, vielleicht haben sie Geld dafür kassiert, das Versteck preiszugeben, wo die Leichen zu finden waren. Aber bestimmt hätten sie für die Freilassung der fünf Männer einen höheren – finanziellen oder politischen – Preis erzielen können. So aber bleibt der Entführungsfall letztlich ein unlösbares Rätsel. Fünf Männer wurden ein Jahr lang als Geiseln gehalten, vier davon schließlich laut Obduktionsbericht erschlagen. Vielleicht waren Missverständnisse schuld, vielleicht Dummheit, Zufall und die unübersichtliche Lage in dem besetzten Bürgerkriegsland Irak. Vielleicht aber, sagt Hannah Allam, „war da etwas noch viel Bizarreres, als wir uns ausmalen können“.

Von Martin Staudinger und Robert Treichler