„Da kann immer etwas konstruiert werden“

FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache über die Zukunft der Regierung Schüssel, seine Nähe zu Deutschnationalen und Neonazis und wie er sich den „echten“ Wiener vorstellt.

profil: Freuen Sie sich über den Rückzug Jörg Haiders?
Strache: Mir ist das völlig gleichgültig. Haider hat für mich keine Bedeutung mehr. Die Wähler sehen das auch so. Seit dem 23. Oktober ist das BZÖ Geschichte, auch wenn Bundeskanzler Wolfgang Schüssel eine künstliche Regierung fortsetzt. Wir sind dagegen wiedergeboren und werden versuchen, das auf die Bundesebene umzulegen. Ich rechne mit mehr als zehn Prozent.
profil: Im bekannten Stil? Fällt Ihnen so etwas wie Ihr Spruch „Maul- und Klauenseuche ist, wenn osteuropäische Arbeiter im Westen arbeiten müssen, dann maulen sie, und wenn sie nicht arbeiten, dann klauen sie“ eigentlich selbst ein, oder lassen Sie texten?
Strache: Das war vielleicht etwas überzogen dargestellt. Aber das Problem, dass Osteuropäer zu uns kommen, die der organisierten Kriminalität angehören, das existiert.
profil: Das war eine hetzerische Aussage.
Strache: Wenn einer anspricht, was die schweigende Mehrheit denkt, wird er sofort diffamiert und als Hetzer ins Eck gestellt. Die Menschen haben das satt. Genauso ist es mit dem Integrationsversagen der SPÖ in Wien, wo Kinder in den Klassen sitzen, die kein Wort Deutsch können.
profil: Die Presseaussendungen Ihrer Partei strotzen selbst vor Rechtschreibfehlern.
Strache: So wie die Aussendungen aller Parteien. Das ist ein schnelles Geschäft. Darum geht es nicht. Wir verlangen nicht, dass ein Zuwanderer jeden Aufsatz fehlerfrei schreiben können muss, aber er soll sich artikulieren können.
profil: Ihre Strategie ist die des Angriffs, als Koalitionspartner werden Sie vermutlich von niemandem in Betracht gezogen. Wie wollen Sie politisch etwas erreichen?
Strache: Das ist wieder typisch. Das kennen wir schon: die Rede von der Ausgrenzung, die Jagdgesellschaft ist wieder da. Warum soll es nicht über die Parteigrenzen hinaus möglich sein zu kooperieren? Bei einer Rekordarbeitslosigkeit macht es keinen Sinn, jedes Jahr 60.000 billige ausländische Arbeitskräfte ins Land zu lassen. Das sieht doch jeder.
profil: Wie viele FPÖ-Abgeordnete werden Sie zusammenbringen, die in den nächsten Wochen gegen das von der Regierung ausverhandelte Ausländerpaket stimmen?
Strache: Wir haben nur eine Abgeordnete: Barbara Rosenkranz. Alle anderen machen leider keine FPÖ-Politik. Diese Charakterlosigkeit wird aber ohnehin bald der Wähler abstrafen.
profil: Wenn Sie eine Hand voll Abgeordneter überzeugen könnten, gäbe es im Frühjahr Neuwahlen. Wollen Sie das überhaupt?
Strache: Ich schließe nichts aus. Aber garantieren kann ich nur, dass nach der nächsten Wahl echte Freiheitliche im Parlament sitzen und dass sich unsere Abgeordneten von niemandem kaufen lassen.
profil: Wird Volksanwalt Ewald Stadler dabei sein?
Strache: Er ist der beste Volksanwalt, den wir haben. Der Bundesvorstand wird das zu gegebener Zeit entscheiden.
profil: Ehemalige Mitstreiter sagen, Sie hätten immer auf den rechten Rand gesetzt. Auch wenn man die Funktionäre um Sie herum ansieht, entsteht dieser Eindruck. Da wimmelt es von schlagenden deutschnationalen Burschenschaftern, Landsmannschaftern und Ähnlichem.
Strache: Ich weise diese Einordnung entschieden zurück. Das ist die Faschismuskeule. Ich habe in meiner Mannschaft lauter anständige Demokraten.
profil: Finden Sie es ehrenrührig, zum rechten Rand zu gehören?
Strache: Es gibt in diesem Land nur linke Parteien. Wir sind die einzige Mitte-rechts-Partei. Und mit Rand hat das nichts zu tun.
profil: Sie selbst wurden Anfang der neunziger Jahre wegen Rechtslastigkeit nicht in den RFJ aufgenommen.
Strache: Das ist absoluter Unsinn. Der damalige Obmann Peter Westenthaler wollte sich einen Konkurrenten vom Hals schaffen.
profil: Wie erklären Sie es sich, dass Ihre Telefonnummer im Adressbuch eines Neonazis aufgetaucht ist?
Strache: Diese Geschichterln. Ich gebe meine Nummer 200 Leuten am Tag, ich lasse mich mit jedem fotografieren. Da kann immer etwas konstruiert werden. Wie bei meiner angeblichen Scheidung, die durch die Zeitungen geisterte.
profil: Laut Gerichtsurteil darf man über Sie sagen, Sie hätten eine „Nähe zu nationalsozialistischem Gedankengut“ beziehungsweise grenzten sich nicht ausreichend davon ab.
Strache: Ja, weil ich einmal familiäre Verbindungen zu diesem Lager hatte, das ist doch abstrus.
profil: In einem Interview mit dem „Falter“ sagen Sie, Sie glauben, Sie haben die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem besucht. Wissen Sie das wirklich nicht mehr?
Strache: Ich habe es anders gesagt: Ich war mir nicht sicher, ob ich auch wirklich in Auschwitz gewesen bin, weil ich die zahlreichen Lager nicht mehr auseinander halten konnte. In Yad Vashem war ich sicher, im Jahr 2002.
profil: Sie haben für 2009 eine Liste der europäischen Rechtsparteien angekündigt, ursprünglich eine Haider-Idee. Wer soll da mit von der Partie sein?
Strache: Im Gegensatz zu Haider werde ich diese Idee verwirklichen. Die EU ist ein Frankenstein’sches Monster und geht völlig in die falsche Richtung. Wir werden mit Parteien reden, die das ähnlich sehen und die genauso diffamiert werden wie wir. Mit der dänischen Volkspartei zum Beispiel, in Polen gibt es interessante Entwicklungen. Mit der Lega Nord habe ich schon Gespräche geführt, mit dem Vlaams Blok in Belgien werde ich das noch tun.
profil: Was ist eigentlich ein „echter“ Wiener?
Strache: Einer, der die Leitkultur, die es bei uns gibt, zum Ausdruck bringt. Unser Land ist geprägt vom Christentum und von der Aufklärung.
profil: Muss ein „echter“ Wiener hier geboren sein?
Strache: Natürlich ist der echte Wiener einer, dessen Familie hier über zwei Generationen gelebt hat, der den Wiener Dialekt beherrscht, die Wiener Lebensart schätzt und genießt.
profil: Haben Sie eigentlich in ORF-Chefredakteur Walter Seledec, der am Wahlsonntag bei Ihnen feierte, einen neuen Freund gefunden?
Strache: Herr Seledec hat sich bei uns ein Bild gemacht. Er ist bei vielen Parteien zu Gast. Ich schätze ihn als fähigen Journalisten. Was mich wirklich entsetzt, ist die Menschenhatz, die gegen ihn in Gang gesetzt wurde, weil er die Parte des verstorbenen Friedrich Peter unterschrieben hat. Wie im ORF parteipolitisch agiert wird, das ist schon demokratiepolitisch bedenklich. Wir werden uns das nicht mehr lange anschauen. Einmal hat es schon einen Schulterschluss gegeben zwischen Grün, Rot und FPÖ. Jetzt ist das ein reiner Schwarzfunk.

Interview: Christa Zöchling