Daham im Islam: Der Islam auf dem
Vormarsch in Europa

Die Zahl der Moslems in Europa wird in den nächsten Jahrzehnten stark zunehmen. Müssen wir uns an den Anblick von Minaretten gewöhnen? Ja. Müssen wir eine Islamisierung fürchten? Nein.

Eine islamische Republik mitten in Europa: Fast alle Frauen tragen einen Schleier, einige sogar den Niqab, der wie die Burka Gesicht und Körper zur Gänze verhüllt. Während des Fastenmonats Ramadan haben die meisten Fastfood-Restaurants, etwa das „Mk’Halal“ (von arabisch „halal“, deutsch: rein, erlaubt), tagsüber geschlossen. Auf den Standesämtern ringen die Beamten mit den Bräutigamen darum, dass auch die Braut Auskunft über ihren Hochzeitswunsch geben darf. Im Erdgeschoß der Hochhäuser sind zahlreiche Moscheen untergebracht, bevorzugte religiöse Ausrichtung: ein fundamentalistischer Islam salafistischer Prägung.

Diese Enklave heißt Venissieux, zählt 60.000 Einwohner und ist ein Vorort von Lyon, der drittgrößten Stadt der laizistischen Republik Frankreich. Hier hat der Islam längst über die westliche Kultur gesiegt. Französische Medien berichten mit einer Mischung aus Schaudern und Exotismus über diesen Ort, an dem die abendländischen Albträume wahr geworden sind.
Sieht das Europa der nächsten Generation, sagen wir: im Jahr 2050, aus wie Venissieux schon heute?

Glaubt man den Modellen der Demografen, dann ist jetzt schon klar: Die Zahl der Moslems in Europa wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten stark steigen, durch Zuwanderung und eine höhere Geburtenrate.

Für Rechtspopulisten wie Geert Wilders (Niederlande), Filip Dewinter (Belgien) oder Heinz-Christian Strache (Österreich) sind diese Prognosen ein gefundenes Fressen. Mit ihnen lässt sich das Horrorszenario einer durchislamisierten Gesellschaft zeichnen, in der statt einer Rechtsprechung westlich-demokratischen Zuschnitts die Scharia gilt, das Christentum an den Rand gedrängt wird und die abendländische Kultur nur noch im Völkerkundemuseum zu besichtigen ist – und in der Wiens Bürgermeister mit Vornamen ­Ahmed oder Selim heißt, Heurigenwirte ­meidet und stattdessen jeden Freitag in der Moschee betet.

Das Trügerische und Verführerische daran ist die Zwangsläufigkeit, mit der die Entwicklung Europas von einer freien Gesellschaft zur islamischen Theokratie dargestellt wird. Denn im Gegensatz zur Tatsache, dass sich das religiöse Gefüge des Kontinents verschiebt, ist die wesentliche Frage überhaupt nicht geklärt: wie sich diese Veränderung in den kommenden Jahrzehnten tatsächlich auf die Kultur und die Gesellschaft auswirken wird.
Ein genauerer Blick auf die Zahlen, die profil aus zahlreichen Studien und Umfragen zusammengetragen hat, zeigt jedenfalls ein weitaus differenzierteres Bild – und zudem eines mit vielen äußerst überraschenden Aspekten, die Zweifel daran aufkommen lassen, dass es auch nur annähernd so schlimm kommt wie von Wilders, Strache und Co prophezeit.

1. Die Moslems werden mehr – aber auf absehbare Zeit sicher nicht zur Mehrheit

Der Zuwachs der moslemischen Bevölkerung in Europa in den vergangenen Jahrzehnten ist in der Tat beträchtlich: In Österreich lag ihr Anteil im Jahr 1971 noch bei lediglich 0,3 Prozent. Inzwischen sind es 4,2 Prozent. EU-weit liegt er bei 3,5 Prozent. In Deutschland leben mittlerweile mehr Moslems als im Libanon. Was die weitere Entwicklung in Europa betrifft, so eröffnen die Rechnungsmodelle der Demografen ein weites Spektrum – abhängig davon, wie Zuwanderung und Geburtenraten sich entwickeln.
Zahlen der Vereinten Nationen zeigen in diesem Zusammenhang, dass die Fertilität von moslemischen Frauen in Europa deutlich abnimmt. In Deutschland lebende Türkinnen setzten etwa noch Anfang der siebziger Jahre durchschnittlich zwei Kinder mehr in die Welt als einheimische Frauen. Inzwischen liegt ihre Geburtenrate mit 1,8 nur mehr marginal über dem Landesschnitt von 1,3. Ähnliche Daten gibt es auch über marokkanische Immigranten in den Benelux-Ländern.
Das Vienna Institute of Demography
an der Akademie der Wissenschaften hat ­mehrere Szenarien durchgerechnet und gibt als realistische Prognose für das Jahr 2051 ­einen Moslemanteil zwischen 14 und 18 Prozent an.

2. Es deutet nichts auf eine religiöse ­Radikalisierung der in Europa lebenden Moslems hin

Bei der Frage, wie sich die Zahl der Moslems in Europa entwickelt, wird auch der Säkularisierungsprozess eine große Rolle spielen: Studien aus Deutschland kommen zum Ergebnis, dass derzeit lediglich ein Fünftel der Gläubigen „häufig“ eine Moschee besucht. Bei den 18- bis 29-Jährigen liegt der Anteil noch niedriger, nämlich bei 13 Prozent. Von den in Deutschland geborenen Moslems sind nur noch knapp zehn Prozent Mitglieder in einem Moscheeverein, von den durch Familienzusammenführung zugezogenen hingegen 55 Prozent.

Für Österreich gilt: Je länger Moslems hier leben, desto weniger religiös sind sie, desto eher fühlen sie sich ihrer neuen Heimat stärker verbunden als ihrem Herkunftsland und desto ausgeprägter ist die Anpassung an das hiesige Wertegefüge und Gesellschaftssystem.

Allerdings spricht eine im Auftrag des österreichischen Innenministeriums von GfK durchgeführte Integrationsstudie von einem stark überdurchschnittlichen Anteil von unter 30-Jährigen an „religiös-politischen“ Moslems – also jenen, die Gesetze und Vorschriften ihrer Religion über jene des Staats stellen. „Ich sehe immer mehr eine Entwicklung zu einem säkularen Islam“, konstatiert Ednan Aslan, Professor für Islamische Religionspädagogik am Institut für Bildungs­wissenschaft der Uni Wien. Allerdings registriert er ein Gefahrenpotenzial durch die Missionstätigkeit von saudi-arabischen Wahhabiten – extrem fundamentalistischen Moslems – in Europa.

3. Die Mehrheit der Moslems ist weder antidemokratisch, noch will sie einen ­Gottesstaat

92 Prozent der türkischen Moslems in Österreich bekennen sich „uneingeschränkt“ oder „eher“ zu den grundlegenden Werten von Demokratie und Meinungsfreiheit. Das entspricht fast exakt der österreichischen Mehrheitsbevölkerung (93 Prozent Zustimmung).
Zwei Drittel sprechen sich für eine Trennung von Kirche und Staat aus. Bei besonders religiösen Moslems fällt dieser Wert allerdings auf weniger als die Hälfte.

Die wichtigsten Ziele und Wünsche der Moslems in Österreich betreffen eine gute Ausbildung für ihre Kinder, einen sicheren Arbeitsplatz und den Schutz vor Kriminalität. Erst danach kommen Religion und Bewahrung der Identität.

„Europa ist eine Chance für uns, die wir in vielen islamischen Ländern nicht haben: Hier können wir die eigene Geschichte und Theologie in Freiheit reflektieren“, sagt Ednan Aslan. „Wenn uns das hier gelingt, ist es auch eine Chance für die Moslems in aller Welt. Scheitert es, werden dadurch die antidemokratischen Elemente in diesen Ländern gestärkt.“

4. Moslems sind nicht gleich Moslems – und sie schmieden keinen Masterplan, um in Europa die Macht zu übernehmen

Die nach Europa zugewanderten oder hier aufgewachsenen Moslems sind keine homogene Gruppe – weder ihrer Herkunft noch ihren Traditionen nach. In Österreich, Deutschland, den Niederlanden und Dänemark kommen sie vor allem aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien, in Belgien und Spanien aus Marokko, in Frankreich aus Algerien, in Großbritannien aus Pakistan und Bangladesch.

Türkische Moslems unterscheiden sich von kurdischen, Aleviten aus der Levante von Berbern aus dem Maghreb, die dem Sufismus anhängen, Punjab-Pakistanis von ihren Landsleuten aus Kaschmir. Dort gibt es liberale Strömungen, die leicht zu integrieren sind, ebenso wie konservative und isolationistische.

Die in Österreich ansässigen Bosnier mit islamischem Religionsbekenntnis sind beispielsweise überwiegend säkular eingestellt – bei den Moslems mit türkischem Migrationshintergrund gilt das nur für ein Drittel. Oder: Während sich 78 Prozent aller Moslems dafür aussprechen, dass Lehrerinnen und anderen öffentlich Bediensteten das Tragen des Kopftuchs erlaubt sein sollte, sind bei den Aleviten 56 Prozent dagegen.

5. Viele Moslems stellen Religion über staatliche Gesetze – aber sie sind (noch) eine verschwindende Minderheit der Bevölkerung

45 Prozent der Moslems in Österreich werden als „religiös-politisch“ eingestuft – das heißt, sie betrachten die Gesetze und Vorschriften ihrer Religion als vordringlich. Gemessen an der Gesamtbevölkerung, sind das rund 1,9 Prozent oder 153.000 Menschen. Besonders hoch ist ihr Anteil mit zwei Dritteln bei den moslemischen Türken.

Allerdings will nur ein weitaus geringerer Teil (etwa 21 Prozent der Türken, das entspricht rund 0,6 Prozent der Bevölkerung) diese Vorschriften auch in der staatlichen Gesetzgebung angewandt wissen. Christlichen Politikern dürfte dieser Zugang nicht ganz fremd sein, spielt doch auch ihr Glaube in rechtlichen Fragen wie der Fristenlösung oder der Stammzellenforschung eine große Rolle.

80 Prozent der religiös-politischen Moslems empfinden die Bewahrung ihrer Identität als vordringlich. Jeweils rund 40 Prozent sprechen sich für eine moralisch-kulturelle Abgrenzung gegenüber der österreichischen Gesellschaft aus und haben nur wenig Kontakt mit Österreichern. Das gilt vor allem für Hausfrauen mit wenig Schulbildung und geringen Sprachkenntnissen. Allerdings fühlen sich gleichzeitig 78 ­Prozent von ihnen „völlig“ oder „eher“ integriert.

Nein, Europa wird nicht Venissieux werden. Problemfälle wie Fundamentalistenghettos werden dem Kontinent zwar nicht gänzlich erspart bleiben, allerdings in überschaubaren Dimensionen. Die Zahl der burkatragenden Frauen wird in ganz Frankreich auf 2000 geschätzt, das sind etwa 0,006 Prozent der weiblichen Bevölkerung. Zudem bilden die Vertreter des extrem rigiden Islam keineswegs die Speerspitze der europäischen Moslems, sondern eine abgeschottete Splittergruppe.
Der Kampf um Symbole wird zwischen der traditionell ansässigen Bevölkerung und den Moslems zuweilen heftig geführt. Doch meist endet er überraschend abrupt. Die Moslems akzeptierten das Schleierverbot an Schulen und öffentlichen Ämtern in Frankreich, sobald es Gesetz geworden war. Die Nichtmoslems wiederum können mit dem Bau der Kölner Großmoschee offenbar gut leben, seit der Grundstein gelegt wurde. Und eines Tages wird vielleicht tatsächlich ein Moslem Wiener Bürgermeister werden, ohne dass irgendjemand befürchtet, er werde als erste Amtshandlung das Kalifat ­Mariahilf ausrufen.