Damenwahl

Der feministische Diskurs um Benita Ferrero-Waldner ist verlogen. Die Sache der Frau interessiert die Kandidatin überhaupt nicht.

Ich persönlich bin zwar ein Mensch, aber vor allem leider auch ein Mann und damit naturgemäß schon heillos befangen. Kann ich, beispielsweise, über die Präsidentschaftskandidatin Benita Ferrero-Waldner nachdenken, noch dazu womöglich kritisch, ohne mich unweigerlich dem Generalverdacht auszusetzen, nur tief verwurzelte chauvinistische Ressentiments aufzukochen und diese in ebenso chauvinistischer Manier mit pseudorationalen Argumenten zu verbrämen? Kann ich nicht einfach, ohne Ansehen des Geschlechts, die Qualitäten und Kompetenzen eines Menschen abwägen dürfen, der sich um das nominell höchste Amt im Staat bewirbt?

Nein, kann ich nicht, denn Benita Ferrero-Waldner lässt mir keine Wahl: Sie nutzt jede Gelegenheit, nachdrücklich klarzustellen, dass sie persönlich nicht nur ein Mensch ist, sondern vor allem: eine Frau. Und ist es nicht, bitte schön, höchste Zeit, dass endlich auch eine Frau ein politisches Amt ganz on top bekleidet? Ja, ist es, aber ist es deshalb unzulässig oder gar diskriminierend, die Frage aufzuwerfen, ob Ferrero-Waldner die richtige Frau für dieses Amt sei, und kann eine negative Antwort darauf naturgemäß wirklich nichts anderes sein als ein antifeministischer Reflex?

Der Wiener Philosoph Alfred Pfabigan schwang sich kürzlich in einem „Standard“-Kommentar zum Gralshüter feministischer Korrektheit auf. Er ortet in der laufenden Ferrero-Diskussion eine „Lust an der Pflege patriarchaler Stereotype“ und legt die gegen Ferrero kursierenden Vorbehalte der Einfachheit halber pauschal in der Rubrik „Herrenwitze“ ab. Er argumentiert damit ganz im Sinne der Kandidatin, die in ihrem Weblog festhielt, „dass die jetzt verbreiteten Klischees und Vorurteile gegen eine weibliche Bundespräsidentin (sic!) jeder Grundlage entbehren“.

Die Klischees sind rasch rekapituliert; sie betreffen Ferreros eigenwillige Mimik, ihren Hang zu betont damenhafter Kleidung und ihre Affinität für politische Fettnäpfchen. Auf diese Umstände hinzuweisen muss noch nicht per se antifeministisch sein. Jeder (männliche) Spitzenpolitiker, der das „Kampflächeln“ (Ferrero-Waldner lächelnd in eigener Sache) als Waffe einsetzt, muss gewärtigen, sich routinemäßig als „Kampflächler“ titulieren zu lassen. Jeder Spitzenpolitiker mit einer ausgewiesenen Schwäche für exaltierte Garderobe wird entsprechende Aufmerksamkeit auf sich ziehen (Jörg Haiders modische Ausschweifungen wurden ausgiebig rezipiert), und die Medien greifen auch die Peinlichkeiten männlicher Politiker gnadenlos dankbar auf (Herbert Haupt wurde keineswegs immer so ernst genommen, wie es wohl seinem Amtsverständnis entspricht).

Der feministische Diskurs, der um Ferrero-Waldner entfacht wird, ist verlogen, und er wirkt dann am verlogensten, wenn sie selbst ihn aktiv mitgestaltet. Ferrero-Waldner hat keinerlei feministische Legitimation; das Frauenbild, das sie – ganz offensiv – verkörpert, ist durch und durch konventionell und akzentuiert jene Qualitäten, die seit jeher gemeinhin als „typisch weiblich“ gelten. Sie sei „eine Dame, eine Frau mit Herz und Engagement für viele Dinge“, streute der Wiener VP-Chef Alfred Finz vergangene Woche in Wien der Kandidatin Rosen. Stimmt schon, Alfred Finz ist ein Kavalier alter Schule, doch was die Sicht der Frau betrifft, so entstammt Ferrero-Waldner haargenau derselben Schule.

Strategisch bewusst (und wohl auch ihrem Selbstverständnis entsprechend) meidet sie echte feministische Lippenbekenntnisse. Sie betreibt in ihrer Funktion als Präsidentschaftskandidatin keineswegs die Sache der Frauen, sie betreibt in erster Linie ihre eigene Sache, was ihr gutes Recht ist, ihr jedoch keinesfalls das Recht gibt, sich durch den gebetsmühlenhaften Hinweis auf ihren Status als Frau gleichsam gegen jeden Vorbehalt zu immunisieren. Man kann durchaus Probleme mit Ferrero haben, ohne deswegen gleich den Feminismus zu verraten.

Sollte die Kandidatin am Ende das Rennen nicht machen, dann jedenfalls nicht, weil sie eine Frau ist und der Zeitgeist in Österreich noch nicht reif für eine solche historische Herausforderung. In Salzburg etwa hat Gabi Burgstaller die besten Aussichten, demnächst zur Landeshauptfrau gewählt zu werden – und zwar deshalb, weil hinreichend viele Menschen (auch Männer!) ihr die nötige Kompetenz zugestehen. Die „Frauenkarte“ muss Burgstaller dabei nicht ausspielen – sie ist als aufgeklärte Feministin selbstbewusst genug, um auf ihre Qualifikation zu vertrauen. Lustig macht sich jedenfalls niemand über Burgstaller, was nicht nur daran liegen kann, dass die „Lust an der Pflege patriarchaler Stereotype“ in Salzburg naturgemäß weniger ausgeprägt wäre als anderswo in Österreich.

Benita Ferrero-Waldner hat es zweifellos nicht verdient, sich als Frau den plumpen Anzüglichkeiten vernagelter Chauvinisten aussetzen zu müssen, aber ebenso wenig steht es ihr zu, ihr Hofburg-Kalkül vor allem darauf zu gründen, dass sie ganz ungeniert das Frauenticket ins Spiel bringt.
Ich als Mann kann da natürlich nicht mitreden, aber ich als Frau hätte jedenfalls ein Problem, Benita Ferrero-Waldner vor allem aus einem Grund wählen zu müssen: weil sie eine Frau ist.