„Dann gehe ich“

Tenor Roberto Alagna über die Faszination des hohen C, seine Klage gegen die Mailänder Scala und die bevorstehende „Manon“-Premiere an der Wiener Staatsoper.

profil: Staatsoperndirektor Ioan Holender gab vergangene Woche bekannt, seinen Vertrag nicht über 2010 hinaus zu verlängern. Einer Ihrer Kollegen will sein Nachfolger werden: Tenor Neil Shicoff. Trauen Sie ihm den Job zu?
Alagna: Warum nicht? Sogar die New Yorker Met wurde bereits von Sängern geführt. Auch mir hat man gerade das Angebot gemacht, in Italien ein Opernhaus zu übernehmen, und ich denke ernsthaft darüber nach. Wenn Shicoff Holenders Nachfolger wird, würde ich ihm gratulieren.
profil: Ab Samstag singen Sie in Massenets Oper „Manon“ die Rolle des Liebhabers Des Grieux, die Sie bereits auf CD eingespielt haben. Fordert Sie die Rolle sängerisch noch heraus?
Alagna: Auf der Bühne habe ich die Partie erst einmal gesungen, aber selbst wenn ich die Rolle jährlich singen würde, wäre sie eine Herausforderung, weil für einen Tenor jede Partie eine Herausforderung ist. Unsere Stimmlage ist unkomfortabel, weil sie nicht natürlich ist. Mädchen rufen einander auf der Straße etwas zu und produzieren hohe Töne am laufenden Band. Ein Tenor wacht jeden Morgen mit einer tiefen Bariton-Stimme auf und muss aus ihr jedes Mal aufs Neue eine hohe Stimme bauen. Dazu gehört Technik, aber letztendlich ist es ein magischer Vorgang.
profil: Warum sind Opernfans süchtig nach dem hohen C?
Alagna: Wenn man hohe Töne singt, ist es so, als würde man die Schwerkraft hinter sich lassen. Das ist schwierig, und das hohe C kann jederzeit schiefgehen. Wenn nur ein kleines Staubkorn zwischen die beiden Stimmbänder gerät, ist es vorbei – ohne dass der Sänger etwas dafürkann. Zehn Topnoten in der Garderobe garantieren nicht, dass es auch auf der Bühne klappt.
profil: Zurzeit werden Rolando Villazón und Anna Netrebko als neues Dreamteam vermarktet: Warum ist der Auftritt im Doppelpack gut fürs Geschäft?
Alagna: Weil Menschen gerne träumen. Jeder möchte seine Liebe fürs Leben finden, und Bühnenpaare geben dieser Sehnsucht Nahrung. Meine Frau Angela Gheorgiu und ich waren als „Golden Couple“ sehr erfolgreich und haben viele CDs verkauft. Wir haben dasselbe Verständnis von Oper und dieselbe Phrasierung. Das ist wie mit einem Spiegel: Wenn ich Angela anschaue, sehe ich mich. Wir waren zehn Jahre lang praktisch 24 Stunden am Tag zusammen. Das war fantastisch.
profil: Warum stehen Sie heute viel seltener mit ihr auf der Bühne?
Alagna: Nach zehn Jahren dachten wir, dass wir vielleicht mehr mit anderen Sängern zusammenarbeiten sollten. Vor allem unsere Plattenfirma und unsere Manager waren dieser Meinung. Aber das war eine falsche Entscheidung. Die Leute wollen uns gemeinsam auf der Bühne sehen, und wir werden wieder mehr gemeinsam singen. Außerdem ist unser Privatleben zu schwierig geworden. Wir sind nie zu Hause. Wenn einer frei hat, singt der andere.
profil: „Manon“ ist Ihre erste Premiere nach dem Skandal an der Mailänder Scala, wo Sie nach Buhrufen die Bühne verlassen haben. Sind Sie vor der Wiener Premiere nervöser als sonst?
Alagna: Ich bin nicht nervös, weil ich es gar nicht sein darf. Wenn ich nervös bin, sinkt mein Zuckerspiegel, und ich brauche Insulin. Als ich die Buhs in Mailand gehört habe, wollte ich von der Bühne gehen, um ein Glas mit Zuckerwasser zu trinken. Das hatte ich der Opernleitung sogar gesagt: Wenn irgendwas passiert, muss ich kurz von der Bühne runter. Doch bevor ich wusste, was geschieht, hatten sie schon einen anderen Tenor auf die Bühne geschubst.
profil: Wie haben Sie diesen Moment in Erinnerung?
Alagna: Dass Sänger manchmal Buhs erhalten, gehört zu unserem Beruf. Aber an diesem Abend wurde ich ausgebuht, bevor ich überhaupt einen Ton gesungen hatte. Trotzdem habe ich meine Arie gesungen. Als ich fertig war, dachte ich, die Vorstellung werde unterbrochen, wie das in solchen Fällen üblich ist. Als Placido Domingo Probleme mit „Othello“ hatte, wurde die Vorstellung für eine Stunde unterbrochen, bis sich Domingos Stimme erholt hatte. Ich wollte fünf Minuten später zurückkommen.
profil: Sie haben gegen die Scala Klage eingereicht. Wie ist der Stand der Dinge?
Alagna: Ich habe Recht und werde gewinnen. Die Scala hat sämtliche Auftritte von mir gestrichen und sogar meinen Vertrag für die kommende Saison aufgelöst. Sie wird nicht nur meine Gagen zahlen müssen, sondern auch für den Schaden aufkommen, den sie meinem Image zugefügt hat.
profil: Wie hoch ist die Klagesumme?
Alagna: Das kann ich nicht sagen, denn im Grunde verdiene ich an Opernauftritten nicht viel. Ich wohne immer in den besten Hotels, die ich mir auch selber zahlen muss. Die Suite in Mailand hat 1000 Euro am Tag gekostet, und ich war 59 Tage dort. An der Scala waren sieben Vorstellungen der „Aida“ geplant. Meine Hotelrechnung allein macht schon sechs Vorstellungen aus, der Rest geht an meinen Manager. Wenn Sänger meiner Kategorie Oper singen, verlieren wir jedes Mal Geld. Geld verdiene ich mit Crossover-Projekten, CDs und Konzerten.
profil: Während der Proben hat Ihnen die Opernleitung Komplimente gemacht, nach dem Eklat hat sich die Haltung geändert. Wie böse ist die Opernwelt?
Alagna: In dem Moment war ich der Teufel, aber niemand spricht über die Leute im Publikum. Die sind wie Hooligans! Ich war dort, um zu singen, und nicht, um jemanden umzubringen. Ich habe eine schwierige Arie gesungen, und man sollte mir dazu gratulieren.
profil: Wie gehen Sie heute mit dem Skandal um? Vergessen Sie ihn einfach?
Alagna: Das ist schwer. Vielleicht kommen die Leute aus Mailand auch zu den Vorstellungen in Wien, das ist möglich.
profil: Wie würden Sie reagieren?
Alagna: Genau gleich. Wenn ich nicht gut singe, können mich die Menschen ausbuhen. Doch wenn man mich wieder ausbuht, bevor ich eine Note gesungen habe, werde ich abgehen und fünf Minuten später das Publikum fragen, ob es will, dass ich weitermache. Wenn die Leute Ja sagen, mache ich weiter, wenn sie Nein sagen, gehe ich. Ich zwinge niemanden.

Interview: Peter Schneeberger