Das bleibt

Thomas Klestil gab Österreich eine Lektion über das Verhältnis von Politik und Moral. Freiwillig und unfreiwillig – und bis nach seinem Tod.

Die Präsidentschaft Kurt Waldheims hatte Österreich eine sehr verspätete Auseinandersetzung mit der Geschiche beschert. Die Frage, ob ein österreichisches Staatsoberhaupt vier Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg seine eigene Rolle in der Wehrmacht einfach ausblenden darf – und ob die Republik als solche diese Periode negieren kann –, verhinderte immerhin eine zweite Amtszeit Waldheims.

Die Präsidentschaft Thomas Klestils brachte Österreich eine ebenso durchgängig erkennbare Auseinandersetzung: Die beiden Amtsperioden waren beständig geprägt vom Verhältnis zwischen Politik auf der einen Seite und dem Begriff Moral in seinen verschiedensten Ausformungen auf der anderen Seite. Dieses Spannungsfeld hatte sich schon während Klestils Wahlkampf 1992 aufgetan, es fand seine stärkste Entladung im Februar 2000, und es wirkt heftig bis in die Tage nach dem Tod des Präsidenten.

Moral als Kategorie der Politik. Besser gesagt Scheinmoral. Am Anfang wie am Ende des öffentlichen Wirkens von Thomas Klestil und erst recht in der Mitte hat sich diese Moral in Bildern verfangen, wie sie in wortreichen Erklärungen niemals so hätte ausgedrückt werden können.

Am Ende steht eines der verlogensten Bilder, das die Zweite Republik je hervorgebracht hat: Außenministerin Benita Ferrero-Waldner kondoliert Klestils Witwe neben dem Sarg des verstorbenen Bundespräsidenten. Sie beschränkt sich nicht darauf, Frau Klestil-Löffler einfach die Hand zu drücken und einen belanglosen Satz abzuspulen. Stattdessen umarmt und herzt und flüstert sie vor den direkt übertragenden ORF-Fernsehkameras.

Das hat Margot Klestil-Löffler sich nicht verdient: Es ist schlicht unerträglich, wenn eine der wichtigsten Repräsentantinnen jenes Lagers, das über Jahre nichts als Bösartiges über das Präsidentenpaar verbreitet hat, nun ein derartiges Schauspiel bietet. Wir Journalisten und mit uns ein guter Teil der bürgerlichen Eliten wissen einfach zu genau, wer das unsägliche Hofbauer-Buch über den Präsidenten mit Material gefüttert hat, wer der Ehe der Klestils buchstäblich jede erdenkliche Schweinerei andichten wollte, wer die beiden täglich verspottete.

Angesichts dieser und ähnlicher Bilder von nun kondolierenden, beweihräuchernden und trauerredenden Mitgliedern des konservativen Establishments ist einigen Repräsentanten ebendieses Establishments mit Recht der Kragen geplatzt: Gerd Bacher im ORF („Hinterfotzigkeit im eigenen Verein“), Erhard Busek in der „Kleinen Zeitung“ („barocke Verlogenheit“), Herbert Krejci in diesem profil, Kardinal Christoph Schönborn vor der Bundesversammlung („Braucht es immer Krankheit und Tod, damit wir …“).

Bei der Überlegung, welches Maß an Ehrlichkeit angesichts der vorangegangenen Auseinandersetzungen nun angemessen wäre, spielt keine Rolle, ob die Klestils diese Auseinandersetzungen vielleicht selbst provoziert haben. Das haben sie natürlich.

Ein zweites Bild von Thomas Klestil, das in Erinnerung geblieben ist, stammt aus dem Wahlkampf. Thomas Klestil an der Seite von Edith Klestil, an der Hüfte die Hand von Margot Löffler.

Klestil trennte sich von seiner Ehefrau und heiratete die um 20 Jahre jüngere Mitarbeiterin aus dem Außenamt. Damit stellte er die Moral der Republik gleich zweimal auf die Probe. Erstens: In genau jenem Netzwerk, das ihn zum Bundespräsidenten gemacht hatte, ist sehr vieles an privaten Zuständen erlaubt, aber der öffentliche Blick auf diese Zustände ist zutiefst verpönt. Zweitens: Klestil hatte mit dem Schein einer funktionierenden Ehe im Wahlkampf geworben.

Bezeichnend für die Wertekategorien des Landes: Die ÖVP, der CV, katholische Würdenträger machten die Scheidung und die Wiederverheiratung zum wunden Punkt in Klestils Leben, nicht aber die Täuschung von Wählern über die wahren Verhältnisse.

Als drittes Bild aus Klestils Leben hat sich der Februar des Jahres 2000 eingeprägt: der Bundespräsident mit steinerner Miene bei der Angelobung der schwarz-blauen Regierung. Dies war die Gelegenheit, als Klestil dem Land aus eigenem Antrieb eine Lektion über das Verhältnis von Politik und Moral geben durfte. Er hatte es für unerhört gehalten, dass die Volkspartei eine Regierungskoalition mit Politikern eingehen wollte, die eben noch Mitgliedern der Waffen-SS zu ihrer besonderen Charakterstärke gratuliert hatten (siehe Lingens-Kommentar). Er war der Meinung, dass gerade in diesem Fall und in diesem Land die politische Moral über das politische Kalkül zu stellen wäre.

Den Sieg der Anständigkeit über die Taktik durchzusetzen ist ihm damals zwar nicht gelungen. Anders als heute durfte er aber immerhin vor aller Welt deutlich machen, was er über seine Kontrahenten dachte.