Das ABC des AWD: Das Immofinaz-Debakel
bringt Strukturvertrieb AWD in Bedrängnis

Um eine Kaisersemmel mundgerecht zu produzieren, Haupthaar typgerecht zu coiffieren oder einen Kachelofen fachgerecht zu chamottieren, bedarf es jeweils einer Lehrlingsausbildung – dazu noch Geschick, Genügsamkeit und Geduld. Unter zwei Jahren sind ehrbare Lehrberufe kaum zu erlernen.

Um als Mitarbeiter eines Strukturvertriebs hochkomplexe Finanzprodukte zu verticken, die Anleger binnen kürzester Zeit sehr reich oder bettelarm machen können, braucht es kaum mehr als ein paar gruppendynamische Verkaufsseminare, ein loses Mundwerk, ein wenig Empathie und die bedingungslose Verinnerlichung einer international gültigen Branchenregel: „ABC – Always Be Closing“, oder sehr frei übersetzt: „Abschluss bedeutet Cash“.

Was die Melange aus oberflächlicher Sachkenntnis und ehrgeizigen Provisionszielen in Zeiten der Finanzkrise so alles auslösen kann, manifestiert sich dieser Tage am Beispiel des von Wien aus operierenden Finanzvertriebs AWD, Österreich-Ableger des deutschen Branchenprimus.
Der Zusammenbruch der Finanz-, Aktien- und Anleihenmärkte hat das Geldgewerbe hart getroffen. Börsen, Kreditinstitute, Versicherungen, Pensionskassen, Kapitalanlagegesellschaften – und eben auch jene Gruppe von Vertriebsorganisationen, die seit Jahren über Berater Anlageprodukte gegen fette Bonifikationen unters Volk bringen: Lebensversicherungen, Investmentfonds, Aktien.

AWD , 1988 im deutschen Hannover vom früheren Finanzkeiler Carsten Masch­meyer gegründet und seit 1991 in Österreich vertreten, hat es über die Jahre zu einem der größten Finanzvertriebe Mitteleuropas gebracht. Allein hierzulande waren zuletzt 1000 fliegende Händler im Auftrag des nach Eigendefinition „unabhängigen Finanzoptimierers“ unterwegs und versorgten rund 100.000 Kunden – vornehmlich Kleinanleger aus dem familiären und privaten Umfeld – mit vermeintlich „todsicheren“ Tipps. Einer davon bringt das Management von AWD Österreich nun in ziemliche Verlegenheit: Immofinanz. Die Aktien der Wiener Immobiliengesellschaft, respektive deren 55-prozentiger Beteiligung Immoeast, zählten über Jahre zu den heißesten AWD-Empfehlungen. Auch deshalb, weil die früheren Chefs von Immofinanz und AWD, Karl Petrikovics beziehungsweise Wolfgang Prasser, sehr früh den gegenseitigen Nutzen einer Partnerschaft erkannt hatten. Die Immofinanz verfügte zwar über enge Bindungen an die Constantia Privatbank, diese hatte aber keinen eigenen Vertrieb. Der AWD wiederum konnte selbst den vorsichtigsten Kunden vermeintlich grundsolide Immobilientitel andienen.

Alles Geschichte: Allein in den vergangenen fünf Monaten haben Immofinanz-Aktien 94 Prozent ihres Wertes verloren. Eine Folge der Finanzkrise sowie mutmaßlicher Unregelmäßigkeiten in den Büchern. Karl Petrikovics musste zurücktreten, die Staatsanwaltschaft Wien ermittelt wegen mutmaßlicher Untreue und Bilanzfälschung (profil berichtete ausführlich). Petrikovics bestreitet die Vorwürfe, es gilt die Unschuldsvermutung. Auch Wolfgang Prasser führt nicht länger die AWD-Geschäfte. Er sagt zu all dem nichts. Leidtragende sind hauptsächlich kleine Anleger, die im blinden Vertrauen auf die Sicherheit von Immobilien, geschürt durch Verheißungen und „Garantien“, um ihr Erspartes gebracht wurden. profil gab Betroffenen Gelegenheit, ihre teils abenteuerlichen Erfahrungen mit AWD-Beratern zu erzählen.

Fatale Zurufe. Die Organisation selbst will von Verfehlungen der Mitarbeiter nichts wissen. In einer profil übermittelten Stellungnahme von Geschäftsführer Kurt Rauscher heißt es: „Seit Ende der neunziger Jahre hat nur ein Teil unserer Stammkunden von AWD-Beratern Immofinanz und Immoeast vermittelt bekommen. Zahlreiche Kunden haben diese im Zuge von Kapitalerhöhungen – ohne aktives Zutun von AWD – direkt über die Depotbanken erworben. Eine Vielzahl der Anleger hat diese Aktien mit persönlichem Gewinn in der Folge wieder veräußert.“

Das bestreitet auch niemand. Schwerer wiegt, dass eine Vielzahl von Kunden den Verein für Konsumenteninformation (VKI) eingeschaltet hat. „Es liegen uns bereits 1800 Beschwerdefälle zum Immofinanz-Komplex vor, und täglich kommen neue rein“, so VKI-Chef Peter Kolba. Die Vorwürfe lauten in so gut wie allen Fällen gleich: Die Berater hätten die Immofinanz-Papiere „solide wie ein Sparbuch“ angepriesen, die Aktien wahlweise auch als „Investmentfonds“ tituliert und die tatsächlichen Ausfallsrisiken nur vage umrissen. Schlimmer noch: Zur Jahresmitte – da war Immofinanz bereits im freien Fall – wurden Kunden mit Zurufen à la „die ist im Kommen“ auf Zukäufe eingeschworen. Nicht wenige verloren ihr kleines Vermögen und sitzen noch auf Schuldenbergen. Es heißt auch, ausgewählte AWD-Berater seien am Höhepunkt der Krise telefonisch nicht erreichbar gewesen. „Immobilienaktien und -fonds wurden bis ins Jahr 2007 hinein von Medien und Konsumentenschützern als sichere Volksaktien propagiert“, betont AWD-Chef Rauscher. „Dies führte dazu, dass diese Produkte von Kunden aktiv nachgefragt wurden und Kunden aufgrund des medialen Drucks auch darauf bestanden, diese Produkte in ihre Portfolios aufzunehmen.“ Ansichtssache.

Erstes Urteil. Tatsächlich wurde bereits ein Fall vor dem Bezirksgericht für Handelssachen Wien in erster Instanz zugunsten eines geschädigten Anlegers entschieden. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Anleger von seinem AWD-Berater nur rudimentär über die Risiken einer Immofinanz-Veranlagung orientiert wurde. Der Verkauf von Finanzprodukten, insbesondere Immofinanz, war für AWD ein Bombengeschäft. Der Strukturvertrieb kassiert „Innenprovisionen“ von Vertragspartnern, deren Produkte er vertreibt, „Abschlussprovisionen“ von Kunden, welche diese Produkte kaufen, und obendrein jährliche „Bestandsprovisionen“, ähnlich einer Kontoführungsgebühr. Im Jahresabschluss 2007 weist AWD Österreich Provision­s­erträge von 137 Millionen Euro aus. Wie viel davon aus Geschäften mit Immo­finanz-Titeln stammen, wird verschwiegen.

Auch als AWD-Berater ließ es sich ganz gut leben. Jeder „Kundenkontakt“ wird mit „Einheiten“ bewertet, die anfangs fünf Euro entsprechen. Ein Kontakt bringt zunächst 60 Einheiten oder 350 Euro. Unabhängig davon, ob ein Geschäft zustande kommt oder nicht. Schon Anfänger kommen so auf monatliche Einkommen von bis zu 2000 Euro brutto. Der Wert der „Einheiten“ steigt mit der Dauer der Zugehörigkeit, erfahrene Keiler sollen auf Monatsgagen über 10.000 Euro kommen. ABC – Abschluss bedeutet Cash.

Man kann der AWD-Organisation den Beinahe-Kollaps der Immofinanz-Gruppe nicht vorwerfen, umso mehr, als mutmaßlich kriminelle Handlungen gesetzt wurden. Sehr wohl aber steht der Verdacht im Raum, die überforderten, weil schlecht ausgebildeten Berater hätten mit Duldung der Geschäftsleitung irreführende Anlageempfehlungen gegeben. Kurt Rauscher bestreitet das entschieden. profil liegt freilich das Schreiben eines AWD-Beraters vom 19. September vor. Da heißt es unter anderem radebrechend: „Weiters möchte ich Ihnen mitteilen, dass das, was hier am Markt passiert ist, nicht voraussehbar war … Wie lange es dauern wird, bis diese schwierige Zeit vorüber ist, kann heute keiner genau sagen, doch eines kennt man aus der Vergangenheit: Panik erzeugt Panik, und aus der Panik heraus entsteht wieder die Gier! Und genau diese Gier wird wieder in den Markt zurückkommen. Und zwar dann, wenn die negativen Meldung weniger werden.“ Die Immofinanz-Papiere standen damals noch bei sechs Euro. Freitag vergangener Woche schlossen die Titel bei gerade noch 0,42 Euro. ABC – Abschluss bedeutet Crash.

Von Michael Nikbakhsh, Ulla Schmid und Josef Redl