Das andere Amerika

Wieder einmal sind die USA in Kriegsverbrechen verstrickt. Doch noch nie wurden sie so schnell aufgedeckt. Der Folterskandal ist kein Argument für die Amerika-Feinde.

Ob in Abu Ghraib systematisch und auf Befehl gefoltert wurde oder die Soldaten, die als Gefängniswärter eingesetzt waren, einfach kollektiv durchgedreht sind; ob die sexuellen Erniedrigungen und Misshandlungen planmäßig vorgenommen wurden oder dem perversen Sadismus von Einzelpersonen in Extremsituationen entsprangen – all das werden die Untersuchungen im Detail zu dokumentieren haben. Eines steht aber jetzt schon fest: Das alte Sprichwort vom Fisch, der vom Kopf stinkt, hat auch hier seine Gültigkeit.

„Nährboden für die Verbrechen im Irak“, schreibt Tony Judd von der New York University, „war die absolute Gleichgültigkeit gegenüber Gesetzen und Vorschriften, Rechten und Regeln, die von Anfang an charakteristisch für die Bush-Administration gewesen ist und die früher oder später bis zu der Ebene jener Sergeants und Söldner durchsickern musste, von denen die Schmutzarbeit geleistet wird.“

In der Tat: Wie soll ein einfacher US-Soldat zivilisiert mit Gefangenen umgehen, wenn die Verantwortlichen in Washington sich ungeniert über internationale Verträge und völkerrechtliche Bestimmungen hinwegsetzen; wenn die auf Guantanamo festgehaltenen mutmaßlichen Taliban-Kämpfer bewusst sämtlicher Menschenrechte beraubt werden; wenn der Krieg mit Wildwest-Slogans wie „Dead or Alive“ geführt wird; wenn Saddams Söhne einfach abgeknallt werden, obwohl man sie hätte gefangen nehmen können; wenn der aus einem Erdloch gezerrte Saddam selbst wie ein Tier der internationalen TV-Öffentlichkeit vorgeführt wird; und wenn eine Regierung, die zwar immer Freiheit und Demokratie beschwört, mit allen Gesten und Worten demonstriert, dass sie sich um Menschenrechte nicht schert? Wie kann dann der einfache Soldat wissen, was Recht und was Unrecht ist?

Kein Zweifel: Der Schock des 11. September sitzt immer noch tief. Und auf der Basis dieses Schocks, der die gesamte amerikanische Gesellschaft erschüttert hat, wurde von George W. Bush und seinen Gesinnungsgenossen ein dämonisches Konstrukt erschaffen: das Konstrukt des „Terroristen“ – so grundböse, dass im Krieg gegen ihn alles erlaubt ist. Da erscheint die Einhaltung von zivilisatorischen Grundregeln als ein von unpatriotischen Defätisten oder internationalen Feinden geforderter Luxus.
Der Krieg gegen den Terrorismus wird als Endkampf „des Guten“ gegen „das Böse“ geführt, wobei die Definition, wer nun ein Terrorist ist und wer nicht, selbstverständlich vor allem den USA zusteht, schon weil der Präsident selbst so viel zu Gott betet. Was kann da noch schief gehen?
Wie wir wissen: alles.

Es ist ein einziges Desaster. Schon schwärmen all jene aus, die immer schon wussten, dass die hässliche Fratze das wahre Gesicht der USA ist, und rufen die Kriminalgeschichte der amerikanischen Politik in Erinnerung: von der Ausrottung der Indianer bis zur Hiroshima-Bombe, von der Sklavenunterdrückung bis zu Vietnam und der neokolonialen Brutalität in Lateinamerika. Und die Fakten stimmen ja. Nur, liegt hier tatsächlich eine Kontinuität vor und wenn ja: Kann sie die Verrücktheit erklären, in die sich die Vereinigten Staaten heute verstrickt zu haben scheinen? Ist ein antiamerikanischer Diskurs eine adäquate Antwort auf die Katastrophe, in die Bush sein Land und die Welt zu führen droht?

Amerika-Lob kommt nun von unerwarteter Seite. Pierre Vidal-Naquet, engagierter Pariser Intellektueller und Doyen der französischen Historiker, findet die Folterfotos auch horribel. Aber er ist zugleich voller Bewunderung für die amerikanischen Medien und vergleicht sie mit der französischen Presse während des Algerienkrieges, in dem auch massenhaft gefoltert und darüber aber zunächst der Schleier des Schweigens gebreitet wurde.

Vidal-Naquet weiß, wovon er spricht: Er war einer der wenigen, die damals versuchten, die Öffentlichkeit über die Ungeheuerlichkeiten zu informieren, die das französische Heer im Kampf gegen die algerische Unabhängigkeitsbewegung beging: „Die französischen Soldaten, die damals redeten, wurden bestraft. Kein Folterverantwortlicher wurde je vor Gericht gestellt. Und Frankreich musste vierzig Jahre, bis 2002, warten, bis eine öffentliche Debatte über das Foltern in Algerien geführt wurde.“

In den USA von heute aber reagierte die Öffentlichkeit so prompt und vehement, freut sich der Franzose, dass sich Bush wohl oder übel für die Verbrechen entschuldigen musste.

Bewundernswert sind aber nicht nur die US-Medien. Es gilt auch veritable Helden zu feiern: Schonungslos hat der US-General Antonio Taguba die Vorfälle im Irak untersucht und dokumentiert. Der Journalist und Pulitzer-Preisträger Seymour Hersh, der 1969 My Lai, das US-Massaker in Vietnam, aufdeckte, hat wieder zugeschlagen und den Taguba-Geheimbericht der Öffentlichkeit bekannt gemacht. Und beeindruckend agieren auch die Senatoren, die beim öffentlichen Hearing scharf mit Pentagon-Chef Donald Rumsfeld und den anderen Verantwortlichen ins Gericht gehen – selbst wenn sie derselben Partei angehören wie die Befragten. Da kann man sehen, was hohe politische Kultur ist.

Bei aller Sorge über die gefährliche Verlotterung der politischen Sitten und die Barbarisierung der amerikanischen Kriegsführung: Das gute, das andere Amerika ist nicht völlig abgetreten. Es ist lebendig und rüstet sich dafür, diese bigotte rechtsradikale Dilettanten-Gang, die in Washington die Macht usurpiert hat, wieder zu vertreiben. Natürlich mit demokratischen Mitteln. Demnächst im November.