Das Auf und Ab der Aktienkurse

Glauben Sie nichts. Wer jetzt sagt, wie Anleger handeln sollen, ist unseriös – noch nie war das Auf und Ab an den Börsen so unberechenbar wie jetzt.

Montag, 21. Jänner 2008. Die Abwärtsspirale beginnt in Asien. Der wichtigste Aktienindex des Landes, Nikkei, schließt mit einem Minus von 3,9 Prozent, in Hong­kong bricht der Leitindex Hang Seng um 5,49 Prozent ein. Wenige Stunden später schließt die russische Börse – der RTX hat 8,23 Prozent verloren. Und dann gibt es kein Halten mehr. Der deutsche DAX folgt mit 7,16 Prozent, Madrid verliert 7,54, Paris 6,83, den österreichischen Leitindex ATX erwischt es mit 4,76 Prozent. Allein in Wien werden an diesem „Schwarzen Montag“ 4,5 Milliarden Euro an Wert vernichtet. Nach einem gnadenlosen Auf und Ab an den Folgetagen und einer gehörigen Zinssenkung der amerikanischen Zentralbank erholen sich die Börsen nur zögerlich. Der ATX schließt zum Wochenende mit 3901 Punkten – und hat damit die spektakuläre Talfahrt binnen einer Woche wiedergutgemacht.

Keine Spur also von der „Jahresanfangsrallye“, die Analysten und Wirtschaftsexperten vorhergesagt hatten. Genau das Gegenteil ist eingetreten. Sämtliche Kursziele, die Aktienanalysten für einzelne Werte vorgegeben haben, sind obsolet. Selten waren die Aussagen der Experten widersprüchlicher als jetzt. Während die einen zum Kauf raten, weil sie denken, dass sich die Risiken der so genannten Subprime-Krise, ausgelöst durch uneinbringlich gewordene US-Hypothekar­darlehen, und der drohenden Rezession in den USA bereits jetzt in den Kursen widerspiegeln, glauben die anderen, dass das Ende der Fahnenstange noch längst nicht erreicht ist. Doch wer jetzt glaubt, sagen zu können, wo das Geld der Anleger am bes­ten angelegt ist, handelt unseriös. Prognosen zu erstellen war nie so schwierig wie heute.

Schon immer war die Börse mit einem Flair von Wahrsagerei umwoben. „Die Alchemie der Finanzen“ betitelte der legendäre US-Investmentbanker George Soros eines seiner Bücher. Nicht zu Unrecht, denn schließlich geht es an der Börse darum, mehr zu erahnen als andere. Wer jedoch tatsächlich mehr weiß, hat entweder Insiderinformationen – oder heißt Frau Schlotterbeck, glaubt der Mannheimer Finanzwissenschafter Martin Weber. Frau Schlotterbeck – eine Figur aus dem Kinderbuch „Räuber Hotzenplotz“ – ist Wahrsagerin. „Ohne Kristallkugel kann niemand die Kurse vorhersagen“, so Weber.

Kaffeesudleserei. Trotzdem versucht eine Heerschar von Analysten zu prognostizieren, wie sich der Aktienkurs des einen oder anderen Unternehmens entwickelt. Sie orientieren sich dabei an den Fundamentaldaten wie Gewinnzahlen oder Auftragslage, um einen fairen Preis für das Unternehmen zu ermitteln. „Was Analysten machen, ist von Kaffeesudleserei nicht weit entfernt“, sagt Manfred Toifelhardt, Leiter des Private Banking der Oberbank. „Ein Analyst weiß nicht mehr als der Markt.“ Und der reagiert, sobald eine Information bekannt wird – wenn beispielsweise ein Großauftrag oder eine Übernahme in Sicht ist. Nicht eine Einzelmeinung, sondern alle Gerüchte und Erwartungen in Summe machen den Kurs. John Maynard Keynes (1883–1946), einer der bekanntes­ten Ökonomen der Welt, verglich den Aktienmarkt seinerzeit mit einem Schönheitswettbewerb in einer Zeitschrift, bei dem derjenige gewinnt, der erraten hat, welche Dame von allen anderen Lesern als Schönste betrachtet wird. Je irrationaler und subjektiver die Entscheidungen für oder gegen eine Schönheit oder eine Aktie getroffen werden, desto schwieriger sind sie zu erahnen. Irrationaler als jetzt waren die Märkte selten. „Im Moment sind die Finanzmärkte eindeutig und ausschließlich panikgetrieben“, sagt Erste-Bank-Analyst Fried­rich Mostböck. Er glaubt, dass die Abwärtsbewegung derzeit überhaupt nichts mit der realen Wirtschaft zu tun hat – und deswegen auch nicht vorhergesehen werden konnte: „Wie die Fundamentaldaten der Unternehmen sind, interessiert überhaupt niemand.“ Die Analysten sind hilflos. Obwohl die österreichischen Unternehmen überwiegend Gewinne machen und volle Auftragsbücher haben, rutschte der ATX ins Minus.

Grund für die Panik ist der Vertrauensverlust im Zuge der Subprime-Krise. Seit Monaten werden häppchenweise Milliardenverluste von Banken bekannt, die im US-amerikanischen Hypothekenmarkt ihre Hände im Spiel hatten. „Offenbar wollte niemand die Verluste dem Markt auf einmal zumuten“, sagt Stephan Schulmeister, Finanzmarktexperte am Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). Doch das ist Gift für das Vertrauen. „Wenn eine Bank wie die Hypo Real Estate zunächst schwört, nicht beteiligt zu sein, und dann doch mit 390 Millionen Euro Verlusten dabei ist, macht das die Anleger logischerweise nervös“, so Finanzwissenschafter Weber. Im Jänner gaben Großbanken wie Citigroup oder die Bank of America erneut Milliardenverluste bekannt – im Februar werden noch weitere dazukommen. Deutsche-Bank-Analyst Michael Mayo rechnet damit, dass sich die gesamten Abschreibungen bis zum Quartalsende auf bis zu 130 Milliarden Dollar belaufen.

Unberechenbarkeit. Doch die Vertrauenskrise ist nicht der einzige Faktor, der den Analysten Probleme schafft. „Das Ausmaß der Nicht-Prognostizierbarkeit hat sich im Vergleich zu früher verstärkt“, sagt Wifo-Experte Schulmeister. Während früher Aktien in den Händen einiger weniger Großinvestoren waren, hat heute jeder mithilfe des Internets Zugang zur Börse. Nicht nur in Europa hat sich die Zahl der Akteure vervielfacht, sondern auch in Asien. Dadurch sind die Akteure schwieriger einzuschätzen. „Es dauert länger, bis sich Stimmungen am Markt durchsetzen“, so Schulmeister. Doch wenn die Stimmung einmal dreht, so ist der Ausschlag enorm. Das hat mitunter eine technische Erklärung. Mithilfe verschiedener Finanz­instrumente setzen professionelle Anleger nicht nur auf steigende, sondern auch auf fallende Kurse – und verstärken damit eine sich abzeichnende Talfahrt. Auch die Vorsicht vieler Anleger verstärkte vergangene Woche den allgemeinen Trend. „Pensionsfonds können die Vorgabe haben, bei einem bestimmten Kursniveau automatisch auszusteigen. Das führt zu einer enormen Eigendynamik“, sagt Weber.

Von der Talfahrt der Börsen ist der typische österreichische Anleger kaum betroffen. Im Gegensatz zu den USA haben Aktien als Anlageform hierzulande keine Tradition. Laut einer aktuellen Studie des Marktforschungsinstituts GfK Austria haben im Vorjahr gerade einmal sechs Prozent der Österreicher direkt Aktien gehalten. Im Jahr 2000, kurz vor dem Platzen der New-Economy-Blase, waren es sieben Prozent gewesen – der bisherige Höchststand. Die turbulente Marktentwicklung des Vorjahrs hat ein Übriges getan. Es scheint, als wäre der Kapitalmarkt den Österreichern ziemlich suspekt.

Offenbar zu Recht. „Sparbücher haben derzeit ihr All-­time High“, sagt Peter Bosek, Privatkundenchef der Erste Bank. Auch abseits von Sparbuch und Bausparvertrag ist das Sparverhalten auf Sicherheit ausgelegt. Birgit Kuras, Chefanalystin der Raiffeisen Centro Bank: „Mehr als die Hälfte des Wertpapiervermögens in Österreich ist in Investmentfonds angelegt.“ Davon wiederum der überwiegende Teil in Anleihenfonds mit langer Laufzeit und fixer Verzinsung. Doch auch wer derzeit in einem Mischfonds investiert ist, muss kaum Verluste fürchten. Die meisten Banken haben den Aktienanteil im Fondsportfolio längst gesenkt. „Bei unserem gängigsten Mischfonds haben wir einen Aktienanteil von maximal 50 Prozent, seit November sind wir auf zehn Prozent“, erklärt Harald Egger, Bereichsleiter für Aktienfonds bei der Erste Sparinvest. Wie die meisten der großen Kapitalanlagegesellschaften hat auch die Erste Sparinvest Ende der vergangenen Woche den Aktienanteil in Erwartung steigender Kurse schon wieder vorsichtig aufgestockt. Den Blick auf den Kurs gerichtet, den Finger dabei immer auf dem „Sell“-Knopf. Man weiß ja nie.