Das Chamäleon schlägt zurück

Südafrika. Der umstrittene Jacob Zuma, Chef des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC), greift nach dem Präsidentenamt. Der Vorzeigestaat Afrikas droht zur Bananenrepublik zu verkommen.

Von Johannes Dieterich

Es ist heiß, die Sonne sticht. Träge döst die Menge der Besinnungslosigkeit entgegen, während der Redner gestanzte Wahlkampfsätze von einem besseren Leben, Wohlstand für alle und gut bezahlten Jobs vom Blatt abliest. Erst als der Parteichef das letzte Wort genuschelt hat, geht ein Ruck durchs Stadion: Der Mann mit dem merkwürdig geformten Sattelkopf breitet die Arme aus und beginnt zu tanzen. Die Menge tobt, der uninspirierte Redner springt wie ein Derwisch in die Luft und singt sein Lieblingslied: „Umschini Wami“ – „Gib mir mein Maschinengewehr“.
Jacob Zuma, Chef des Afrikanischen ­Nationalkongresses (ANC), steht nichts mehr im Weg: Die Präsidentschaftswahlen am 22. April wird er aller Voraussicht nach für sich entscheiden. Daran zweifelt im Grunde niemand mehr in Südafrika.
Irgendwo in der Menge wird ein Plakat geschwenkt, auf dem geschrieben steht: ­„Jacob Zuma, the black Jesus“. „Tanzen kann er ja“, sagt ein Journalist, dessen Magazin jüngst das Bild des Parteichefs neben eine markige Schlagzeile auf das Titelblatt gesetzt hat: „Fürchtet euch!“

Beschämt. Tiefer hat seit den Tagen der Apartheid keiner mehr Südafrika gespalten, auch wenn Jacob Zuma keineswegs als polarisierender Feuerbrand in Erscheinung tritt. Als die Justiz vergangene Woche ihre Anklage gegen den 66-Jährigen fallen ließ, gingen tausende jubelnd auf die Straße, viele andere ließen indigniert die Köpfe hängen. Zahllose Mitglieder des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) haben inzwischen die Partei verlassen: Die fast hundertjährige Organisation Nelson Mandelas, sagen sie, sei unter Zumas Regiment nicht wiederzuerkennen. Erzbischof Desmond Tutu „beschämt“ die Vorstellung, dass der umstrittene Politiker bald Präsident werden wird. Während hunderttausende vor allem mittellose Kapländer der Machtergreifung ihres Msholozi (Clanname) wie der Wiederkehr des Messias entgegenfiebern.
Vor wenigen Jahren war der schwarze Jesus noch das schwarze Schaf. Im Juni 2005 wurde Jacob Zuma seines Amts als Vizepräsident enthoben, nachdem ein Richter seinen Finanzberater Schabir Shaik wegen Korruption zu 15 Jahren Haft verurteilt hatte. Shaik soll seinem unter ständigen Geldnöten leidenden Freund in 783 Zahlungen umgerechnet fast 500.000 Euro zukommen haben lassen – als Gegenleistung habe ihm der Politiker lukrative Aufträge verschafft, hieß es. Obwohl die Ermittler zunächst davor zurückschreckten, auch Zuma anzuklagen, entschlossen sie sich schließlich doch zu diesem Schritt – was schon damals den Verdacht laut werden ließ, Präsident Thabo Mbeki habe seine Finger im Spiel. Ein Motiv hätte der langjährige Freund und Kampfgenosse Jacob Zumas gehabt: Ihm wurde sein ehrgeiziger Vize zu gefährlich.
Kurz danach tappte der virile Zuma auch noch in eine Falle, als er mit einer 30 Jahre jüngeren Freundin der Familie schlief. Sie bezichtigte Onkel Jacob anschließend der Vergewaltigung: ein Vorwurf, von dem Zuma vor Gericht freigesprochen wurde. Doch während des Verfahrens blamierte sich der Angeklagte vor aller Welt, als er auf die Frage des Richters, wie er sich denn beim Beischlaf mit der bekanntermaßen HIV-infizierten Frau vor einer Ansteckung geschützt habe, antwortete, er habe anschließend heiß geduscht. Ein Karikaturist zeichnet den ANC-Politiker seitdem nur noch mit einem auf dem hinteren Teil seines Sattelkopfes angebrachten Duschkopf: Auf Zumas politische Zukunft hätte zu ­diesem Zeitpunkt keiner mehr einen Cent gegeben.
Seine Gegner stellen den traditionellen Zulu, der nach eigenen Worten Gott fürchtet, Homosexuelle verachtet und mit drei Frauen gleichzeitig verheiratet ist, als einen zwar nett lächelnden, intellektuell aber wenig bedarften Provinzler dar. Die Herkunft des „Zuluboys“ legt diese Charakterisierung nahe: Als sein Vater, ein Polizist, in Jacobs jungen Jahren starb, musste dieser schon nach drei Schuljahren die Ausbildung abbrechen, um mit seiner Mutter, einer Haushaltsgehilfin, in die Stadt Durban zu ziehen. Dort wachste Zuma die Holzböden weißer Herrenfamilien und putzte ihre Fenster – suchte allerdings nach Sonnenuntergang politische Veranstaltungen auf und schloss sich bereits als 16-Jähriger dem Afrikanischen Nationalkongress an.
In der Befreiungsbewegung kam bald die praktische Intelligenz des Vollblutpolitikers zum Vorschein. Zuma beteiligte sich am Aufbau des bewaffneten Flügels des ANC und organisierte die Befreiungsbewegung in Mosambik und Swasiland. Zuma stieg zum Mitglied sämtlicher Führungsgremien des ANC auf und wurde schließlich mit der Leitung der „inneren Sicherheit“, also der Enttarnung von Spionen, betraut. Noch heute muss sich Zuma fragen lassen, in welcher Weise er an der Ermordung von Dissidenten der Befreiungsbewegung beteiligt war – Antworten gab es bisher keine.

Sohn des Volkes. Sein konspiratives Talent kam Zuma bei seinem atemberaubenden politischen Comeback gewiss zugute: Die Art und Weise, wie er seinen Freund, Kontrahenten und Vorgänger Thabo Mbeki ausschaltete, könnte in politische Lehrbücher eingehen. Die Verantwortung dafür trägt allerdings der Unterlegene auch selbst: Mbeki wusste nicht nur weite Teile seiner Partei – vor allem ihren linken Flügel – versöhnungslos gegen sich aufzubringen; er manipulierte die staatlichen Institutionen auch auf derart schamlose Weise, dass es dem politischen Gegner schließlich leichtfiel, den Spieß umzudrehen und sich als Opfer einer Vendetta darzustellen. Dass die Staatsanwälte Anfang vergangener Woche die über Jahre aufgebaute Anklage gegen Zuma fallen ließen, lag lediglich an den bekannt gewordenen Manipulationsversuchen der Mbeki-Männer in der Justiz, die es der Anklagebehörde unmöglich gemacht haben, mit „sauberen Händen“ in ein Verfahren zu gehen.
Zuma verstand es, sich den anderen Mbeki-Opfern als Alternative zu präsentieren – der vernachlässigten Linken und den Millionen von Kapländern, die von den Errungenschaften des neuen Südafrikas bisher nichts abbekommen haben. Dem „Sohn des Volkes“ kam in diesem Fall jedoch seine einfache Herkunft zugute: Im Gegensatz zu seinem arrogant auftretenden Vorgänger, dessen Regierungszeit von einsam getroffenen und schlecht kommunizierten Entscheidungen geprägt war, wusste sich Zuma als freundlicher, zuhörender und integrativer Führer darzustellen.
Die Wendigkeit des politischen Chamäleons geht sogar so weit, dass keiner so recht weiß, wofür er eigentlich steht: Auf Massenveranstaltungen kündigt er eine neue Wirtschaftspolitik mit einem „Vorurteil für Arme“ an, ausländischen Investoren garantiert er, dass sich gar nichts ändert, schwarzen Geschäftsleuten sichert er die Fortsetzung der Black-Empowerment-Programme zu, die er im Gespräch mit weißen Arbeitern überprüft sehen will.
Statt von einem Möchtegernintellektuellen im tadellosen Nadelstreif wird das Kap der Guten Hoffnung bald von einem Staatschef geführt, der am liebsten von Maschinengewehren singt. Ein Land, in dem der Chef der ANC-Jugendliga öffentlich erklären darf, seine Organisation sei auch bereit, „für Zuma zu töten“, ohne dass er dafür zur Verantwortung gezogen wird. Der einst in aller Welt gepriesene Wunderstaat Nelson Mandelas droht zu einer afrikanischen Bananenrepublik zu werden – mit einem Mann an der Spitze, dessen Eltern ihm in prophetisch anmutender Voraussicht einst den Zweitnamen Gedleyihlekisa gaben. Das ist Zulu und heißt so viel wie: derjenige, der großen Schaden anrichtet, während er so tut, als ob er ein Freund sei.